NEUROBIOLOGIE

Das Gehirn, zwischen Wissenschaft und Ideologie

Die Neurobiologin und Forschungsleiterin am Institut Pasteur (FR) Catherine Vidal beschränkt sich nicht nur auf Arbeiten auf dem Gebiet der Grundlagenforschung – insbesondere über den Schmerz, das Gedächtnis oder auch neurodegenerative Krankheiten. Die Hirnspezialistin widmet sich auch der Wissenschaftsverbreitung und den Beziehungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Catherine Vidal – „Im Laufe dieses Entwicklungsprozesses integriert das Gehirn externe Komponenten, die mit der Geschichte eines jeden Einflusses in Zusammenhang stehen.“ © CNRS
Catherine Vidal – „Im Laufe dieses Entwicklungsprozesses integriert das Gehirn externe Komponenten, die mit der Geschichte eines jeden Einflusses in Zusammenhang stehen.“ © CNRS
©Shutterstock
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Beginnen wir mit einer ganz direkten Frage:Gibt es den kleinen Unterschied im Gehirn tatsächlich?

Die Antwort lautet paradoxerweise ja und nein, und beide Antworten sind durchaus wissenschaftlich begründet. Ja, da das Gehirn die Fortpflanzungsfunktionen steuert. Männliche und weibliche Gehirne sind bei weitem nicht identisch und das gilt für alle Arten, auch für uns Menschen. Die Fortpflanzung erfordert Hormonsysteme und verschiedene Arten des Sozialverhaltens, die vom Gehirn gesteuert werden.

Aber die Antwort ist auch nein, denn wenn wir die kognitiven Funktionen betrachten, ist es in erster Linie die individuelle Verschiedenheit des Gehirns, die ganz und gar unabhängig vom Geschlecht herrscht. Das Gehirn muss zur Entstehung des Denkens von der Umgebung stimuliert werden. Bei der Geburt sind nur 10 % unserer 100 Milliarden Nervenzellen miteinander vernetzt. Die übrigen 90 % der Verbindungen werden allmählich, und zwar unter dem Einfluss von Familie, Bildung, Kultur und Gesellschaft, gebildet. Im Laufe dieses Entwicklungsprozesses integriert das Gehirn externe Komponenten, die mit der Geschichte eines jeden Einflusses in Zusammenhang stehen. Das nennt man die Plastizität des Gehirns. Deshalb haben wir alle unterschiedliche Gehirne. Und die Heterogenität zwischen einzelnen Personen vom gleichen Geschlecht ist derart groß, dass sie gegenüber den geschlechtsspezifischen Unterschieden deutlich überwiegt.

Hinter Ihrer Frage zeichnet sich jedoch das grundlegende Problem ab, welche Verhaltensweisen denn nun angeboren und welche erworben sind. Diese zentrale Frage wird nun schon seit Jahrhunderten von Philosophen und Wissenschaftlern diskutiert. Auch heutzutage ist es ein ideologisch durchsetztes Thema, in dem die Medien geradezu schwelgen.

Oft werden Forschungsarbeiten aufgegriffen, in denen behauptet wird, dass sich die zerebrale Spezialisierung bei Männern und Frauen unterscheidet. Die Funktionen der Sprache werden demnach beispielsweise nur bei den Frauen von beiden Hemisphären übernommen. Was halten Sie davon?

Die Theorien zu den hemisphärischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern bei der Sprache sind schon mindestens 30 Jahre alt. Sie haben sich in neueren Studien unter Nutzung bildgebender Verfahren, die uns das lebendige Hirn bei der Arbeit zeigen können, nicht bestätigt. Grundlage dieser Theorien bilden oft Beobachtungen, die an sehr kleinen Teilnehmergruppen durchgeführt wurden – manchmal waren es nur etwa zehn Personen. Diese Studien werden aber weiterhin zitiert, obwohl die gegenwärtige wissenschaftliche Realität inzwischen eine ganz andere ist. Denn die Metaanalyse, die auf den Schlussfolgerungen aller in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlichten Experimente basiert und mehrere hundert Männer und Frauen umfasst, zeigt,dass es „keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern in der hemisphärischen Verteilung der Sprachbereiche gibt“. Tatsache ist: Die Lage der Sprachbereiche variiert von einem Individuum zum anderen beträchtlich. Diese Variabilität überwiegt die mögliche Variabilität zwischen den Geschlechtern erheblich.

Eine weitere überholte Vorstellung ist, dass männliche Gehirne besser zum abstrakten Denken, besonders in der Mathematik, geeignet sind.

Zwei wichtige, letztes Jahr im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Studien untermauern dies. Eine erste Studie, an der zehn Millionen Schüler teilnahmen, fand 1990 in den USA statt. Statistisch gesehen waren die Jungen in Mathematik besser als die Mädchen. Einige haben dieses Ergebnis dahingehend interpretiert, dass das weibliche Gehirn auf diesem Gebiet weniger fähig ist. Bei der Wiederholung der gleichen Umfrage im Jahr 2008(1) jedoch erzielten die Mädchen ebenso gute Ergebnisse wie die Jungen. Es ist schwer vorstellbar, dass innerhalb von weniger als 20 Jahren eine Genmutation stattgefunden hat, die sie zu Assen in der Mathematik werden ließ! Die Ergebnisse sind einfach auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Bildung sowie die wachsende Vielfalt an wissenschaftlichen Bereichen zurückzuführen. Die letztes Jahr mit einer Teilnehmergruppe von 300 000 Jugendlichen in 40 Ländern durchgeführte zweite Studie(2) hat gezeigt: Je günstiger das aktuelle sozio-kulturelle Umfeld für die Gleichstellung der Geschlechter ist, desto bessere Ergebnisse erzielen die Mädchen in Mathematik. In Norwegen und Schweden sind die Ergebnisse vergleichbar. In Island sind die Mädchen den Jungen überlegen, in Korea und in der Türkei sind wiederum die Jungen leistungsstärker.

Zur Erklärung des Ungleichgewichts bei den Leistungen in Mathematik wird oftmals das Argument vorgebracht, dass Männer räumliche Geometrieaufgaben besser lösen können. Worauf beruht diese Idee?

Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der experimentellen Psychologie zeigen tatsächlich, dass sie häufig bessere Leistungen in Tests erzielen, in denen es um die gedankliche Vorstellung dreidimensionaler Gegenstände geht. Dabei wird jedoch der Einfluss vergessen, den der Kontext bei diesen Leistungsunterschieden spielt. Wenn man vor dem Test in der Klasse ankündigt, dass es sich um eine Geometrieaufgabe handelt, werden Jungen im Allgemeinen die besseren Ergebnisse erzielen. Sagt man aber derselben Gruppe, dass es sich um einen Zeichentest handelt, sind die Leistungen der Mädchen denen der Jungen ebenbürtig. Diese Experimente zeigen ganz deutlich, dass in dieser Art von Tests die Selbstachtung und die Verinnerlichung von geschlechterspezifischen Klischees die Ergebnisse entscheidend beeinflussen.

Worum geht es letztlich bei den Forschungsarbeiten über die Gehirnunterschiede zwischen Männern und Frauen?

Es ist sehr spannend, die Ursprünge dieser Unterschiede über die einfache Beschreibung hinaus zu untersuchen. Sie beruhen auf der Biologie, aber vor allem auch auf der Geschichte, Kultur, Gesellschaft usw. Der große Durchbruch in der Forschung auf dem Gebiet der Neurobiologie gelang durch die Erkenntnis der außergewöhnlichen Fähigkeiten der Hirnplastizität. Es ist nicht länger haltbar, immer wieder die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu beschwören, um die unterschiedliche Stellung von Männern und Frauen in der Gesellschaft zu rechtfertigen. Diese „biologisierende“ Vorstellung findet aber immer noch ihre Anhänger, da sie eine Art wissenschaftliche Bürgschaft für die Existenz offensichtlicher Unterschiede darstellt. Daher stützt man sich auf die Evolutionstheorie, um zu erklären, dass sich die Männer besser im Raum orientieren, denn in der Vorgeschichte gingen sie Mammuts jagen, während die Frauen in der Höhle blieben und sich um die Kinder kümmerten.

Dieses Szenario ist jedoch völlig spekulativ, denn niemand von uns hat gesehen, ob es wirklich so war! Und die Spezialisten für Vorgeschichte bestätigen, dass es kein Dokument (weder Fossilien, Felsmalereien noch Grabstätten o. ä.) gibt, von denen sich derartige Informationen über die soziale Organisation und Aufgabenverteilung bei unseren Vorfahren ableiten ließen.

Wie erklären Sie das verstärkte Interesse für diese Fragen in den letzten 20 Jahren?

Erst einmal durch die Tatsache, dass diese Untersuchungen mit großer Wahrscheinlichkeit von den Medien aufgegriffen werden – ein Aspekt, den Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften, auch der renommiertesten, heutzutage leider nicht unberücksichtigt lassen. Als nächster Punkt wäre dann die Entwicklung der Technik auf dem Gebiet der zerebralen Bildgebung zu nennen, die einmal die alten Theorien über die Ungleichheit von Männern und

Frauen wieder aufleben lässt, indem sie diese durch die Unterschiede in ihren Gehirnen erklärt. Je mehr Fortschritte die zerebrale Bildgebung jedoch macht, umso mehr stellt man fest, dass, wie ich bereits sagte, sowohl die Plastizität des Gehirns als auch die Veränderlichkeit seiner Funktionen von einer Person zur anderen eine große Rolle spielen – unabhängig vom Geschlecht.

Ich finde es bedauerlich, dass Studien, deren wissenschaftlicher Wert zweifelhaft ist, trotzdem ein derart großes Echo finden. Aber andere Tatsachen machen mich wieder optimistisch. Dass 2008 der Nobelpreis in Physiologie und Medizin an Luc Montagnier und seine wichtigste Mitarbeiterin, Françoise Barré-Sinoussi, für die Entdeckung des AIDS-Virus vergeben wurde, ist durchaus auf sich verändernde Einstellungen zurückzuführen. Zuvor wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nur der Leiter des Labors ausgezeichnet worden. Erinnern wir uns nur an Rosalind Franklin, eine englische Biophysikerin, die eine entscheidende Rolle bei der Erforschung der Doppelhelix-Struktur der DNA gespielt hat, deren Arbeiten aber von James Watson und Francis Crick, den Nobelpreisträgern in Physiologie und Medizin im Jahre 1962, aufgegriffen wurden. Gegenwärtig wird man sich der Rolle bewusst, die die Frauen in der Forschung spielen. Diese Entwicklung ist jedoch ein sehr langsamer Prozess. Der Glaube an Veränderung ist leider viel größer als die Veränderung selbst.


Das Interview führte Mikhaïl Stein

  1. C.Guiso et al., Culture, Gender and Math, Science (2008), 320: 1164-1165.
  2. J.S. Hude et al., Gender Similarities Characterize Math Performance, Science (2008), 321 : 494-495.

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Mehr Wissen

    Veröffentlichungen
  • Sexe et pouvoir, Dorothée Benoit-Browaeys, Paris, 2005. Dieses Buch wurde ins Italienische, Japanische und Portugiesische übersetzt.

  • Féminin/Masculin: mythes et idéologie, Paris, Belin, 2006.

  • Hommes, femmes: avons-nous le même cerveau?, Paris, Le Pommier, 2007.

  • Cerveau, sexe et liberté, DVD Gallimard/ CNRS, col. «La recherche nous est contée», Paris, 2007.