Wissenschaftlicher Unterricht neu belebt

Inzwischen haben wir uns zu einer Wissensgesellschaft entwickelt. Immer wieder wird uns vor Augen geführt, dass Wissenschaft und Technologie (WuT) zu unserem täglichen Leben gehören. Kann es sein, dass das Image der Wissenschaft gerade aufgrund dieser Nähe an Glanz verloren hat und ihre Abenteuer nicht mehr von Heldentum umweht sind? Man könnte es jedenfalls in jenen Ländern annehmen, in denen die jüngeren Generationen den Alternativen für eine Ausbildung und erst recht für eine berufliche Laufbahn im Bereich WuT den Rücken zukehren. Freilich muss man diese Feststellungen differenzieren, dennoch zeichnet sich in den Ergebnissen der verschiedenen Untersuchungen (Eurobarometer, Pisa, Rose, TIMSS) derselbe Trend ab. Diese Abwendung bringt die Bildungsverantwortlichen und die Lehrer, die Forschungszentren und die Wissenschaftler, die Akteure der außerschulischen Bildung und die des wirtschaftlichen und industriellen Bereichs ins Grübeln. Was steckt hinter dieser Entwicklung? Wie lässt sie sich umkehren?

Auf europäischer Ebene analysierte beispielsweise das von der Europäischen Kommission unterstützte Referat Eurydice den naturwissenschaftlichen Unterricht in 30 Ländern(1). Die Autoren haben sich dabei vor allem auf die Lehrerausbildung, die Lehrpläne der Schulen und die standardisierte Beurteilung der Schüler konzentriert. Bei ihrer Suche nach vorgelagerten Ursachen stießen sie auf die Frage nach der Ausbildung der Lehrkräfte für naturwissenschaftliche Fächer und unterstrichen hier, dass sich die „zentralen Bestimmungen weit mehr um ihre wissenschaftlichen Qualifikationen als um ihre Erfahrungen in der Bildungsforschung drehen.“ Darüber hinaus stellen sie sich „Fragen wie, inwiefern die künftigen Lehrer gerüstet sind, innovative Ansätze einzubringen,“ und wie es mit der „Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens bei den Lehrkräften selbst steht“.

Die von der Europäischen Kommission eingesetzte „Rocard-Gruppe“ empfiehlt daher eine radikale Änderung des naturwissenschaftlichen Unterrichts (siehe S. 10). Diese Sonderausgabe stellt Projekte vor, die den Lehrern – denen selbstverständlich nicht die Rolle des Sündenbocks zugewiesen werden soll – pädagogische Unterstützung gewähren wollen. Einige Initiativen, die meist von den großen, unter dem Label EIROforum zusammengefassten europaweiten Wissenschaftszentren eingerichtet werden (Seiten 38-43), betreffen die Ausbildung der Lehrkräfte. Andere setzen ihren Schwerpunkt auf die Vernetzung der Ausbildungsinitiativen (Ecsite, Xplora, Pencil, Pollen). Die Museen und Wissenschaftszentren, von denen einige hier vorgestellt werden (Barcelona, London, Bordeaux, Neapel), bevorzugen den außerschulischen Ansatz als Ergänzung zum Lehrplan. Was die Universitäten und die Forscher selbst betrifft, zeigen sich bei der Zusammenarbeit mit den Schulen oder mit einem breiten Publikum oft Fantasie und Ideenreichtum (Mar-Eco, climaTIC-suisse).

Neben diesen vielen Aktionen, welche die Lust an der Wissenschaft wieder wecken sollen, ist es durchaus sinnvoll, sich mit den Ursachen für die herrschende Gleichgültigkeit oder Ernüchterung auseinanderzusetzen. Svein Sjøberg und Camilla Schreiner haben sich mit der umfangreichen Rose-Studie beschäftigt (Seite 7) und die „Jugendkultur“ der Industrienationen, ihre Bilder und Werte intensiv untersucht. Sie weisen aber auch auf das Problem der demokratischen Beteiligung hin und darauf, wie wichtig es ist, dass wir alle die Bedeutung von Wissenschaft und Technologie für unsere Sicht der Welt und unsere Art zu leben verstehen. Diese Dimension liegt auch dem Engagement von Luigi Amodio, dem Direktor der Città della Scienza (Seite 30) zugrunde.

Wenn auch die Haltung der Gesellschaft gegenüber der Wissenschaft hinterfragender und kritischer geworden ist, heißt das glücklicherweise nicht, dass die Diskussion über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten der wissenschaftlichen Forschung niemanden mehr interessiert. Überzeugen kann man sich davon bei einer Abendveranstaltung in Nimwegen (NL), bei der zwei erfahrene Physiker, nämlich Gerard ’t Hooft (Nobelpreisträger 1999) und Robbert Dijkgraaf, das Publikum eines Wissenschaftscafés mit einem so abstrakten Thema wie der Stringtheorie in den Bann ziehen (Seite 32). Oder indem man sich anhört, was andere passionierte Forscher zu sagen haben, wenn sie über ihren Beruf erzählen (Seite 20), oder welche Einstellung sie dazu haben (Seite 6).

  1. L’enseignement des sciences dans les établissements scolaires en Europe – Etat des lieux des politiques et de la recherche, 2006 – ISBN 92-79-01922-8 – Erhältlich in Französisch und Englisch - www.eurydice.org
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