Editorial

Das fehlende Glied

In dieser Sonderausgabe werden verschiedene europäische Beiträge und originelle Experimente auf dem Gebiet der naturwissenschaftlichen Bildung vorgestellt. Sie sind besonders deshalb interessant, weil sie (in pädagogischer und geografischer Hinsicht) weit von den sogenannten „klassischen“ Methoden entfernt sind und diese ergänzen. Diese Angebote, die parallel zum Schulunterricht bestehen, werden an Orten dargeboten, an denen eine lockere Atmosphäre herrscht, wo jeder zu Wort kommen, experimentieren und „Fehler machen“ kann.

Doch sollte man sich vor jeglicher Schwarz-Weiß-Malerei hüten! Selbst wenn sich diese Ausgabe hauptsächlich neuen Konzepten widmet, sollte das nicht als implizite Kritik am naturwissenschaftlichen Unterricht und seinem strengen, ja nüchternen Ansatz ausgelegt werden. Ebenso wenig soll es vorschnell als Parteinahme für diejenigen Einrichtungen verstanden werden, die das Thema auf attraktivere oder spielerischere Weise angehen. Lassen wir uns nicht zu einer Konfrontation der pädagogischen Ansätze verleiten, von denen einer veraltet und obsolet und der andere als „Königsweg“ erscheinen mag. Wir sollten lieber ihre sinnvolle Ergänzung unterstützen. Denn in der Wissenschaft können – ja müssen – sich Strenge und Leichtigkeit, Berechnung und Emotion, Wissen und Interaktion, tekhnê (altgr. für Geschicklichkeit, Kunst ) und logos (altgr. für Wort, Rede) vertragen. Dies lässt sich durch eine Betonung der Verbindung zwischen den klassischen und den innovativen Ansätzen der Wissenschaft bestätigen. Wie viele Kinder gehen mindestens einmal pro Jahr ins Museum oder in ein Forschungszentrum? Der Anstieg der bei der Eurobarometer-Umfrage 2005 ermittelten Anzahl von Besuchen ist ermutigend.

Vielleicht sollten sich zuerst die Wissenschaftler Gehör verschaffen – und den Weg aufzeigen. Beispielsweise indem sie daran erinnern, dass auch Kommunikation eine Wissenschaft ist und diese Tatsache vorleben. Die Haltung des im Bereich hoher Energien tätigen Physikers Michel Crozon ist in dieser Hinsicht beispielhaft – hat allerdings leider auch Seltenheitswert: „Ich bereite Wissen für Laien auf um selbst besser zu verstehen, was ich tue.“ Wenn die Jugendlichen die wissenschaftlichen und technischen Fächer missachten, hat dies zweifellos weniger mit den schulischen Inhalten, sondern eher mit dem Bild zu tun, das der Wissenschaft meist anhängt: ein mühevolles, mechanisches, ja entmenschlichtes Unterfangen.

Michel Claessens
Michel ClaessensChefredakteur
Top