Cap Sciences - das Kap der Wissenschaften

Eine Frage der Kultur

Bordeaux. An der Gironde liegt inmitten alter Hafenanlagen, die in den Stadtraum eingegliedert wurden, ein neueres Gebäude aus Beton, das sich in die Umgebung der „Industriebrache“ problemlos einfügt. Das ist Cap Sciences – das Kap der Wissenschaften. Anschrift: Hangar 20. Es ist ein vielfältig ausgerichteter und ansprechender Ort, der ganz unter dem Zeichen der Erforschung steht.

Entdecken, anfassen, spielen... Aktionen für Grundschulen. Entdecken, anfassen, spielen... Aktionen für Grundschulen.
© Cap Sciences

Im Hangar 20 gibt es verschiedene Ausstellungsräume, ein „Café“ mit Blick auf den Fluss, hell erleuchtete Büros, eine riesige Werkstatt, in der Sachen für „Bastler“ wie Tische und Vitrinen angefertigt werden und wo Kunstschlosser und Kostümbildner ab und zu mal mit anpacken. Eindrucksvolle schwarze Kisten mit Ausstellungsets warten auf ihren Versand – nach Griechenland und in die Türkei.

In der Cafeteria packt eine Schulklasse gerade ihre Pausenbrote aus. In der Mediathek sind ein paar Jugendliche in Dokumente vertieft. Im ersten Stock plant das Team von Bernard Favre die nächste Ausstellung, die sich an Drei- bis Sechsjährige richten wird. „Thema ist das Maß und das Messen. Das ist besonders für junge Kinder kein leichtes Thema.“ (1) Es wird um eine Reise gehen, die wir auf den Geschichten aus Tausend und einer Nacht aufbauen, und über den Umweg der islamischen Kunst entdecken die Kinder dann die Geometrie. „Bei unseren Konzepten, selbst für die Jüngsten, platzieren wir die Wissenschaft in die Geschichte der Zivilisationen.“ Bei diesem multidisziplinären Ansatz arbeiten Mathematiker, Logopäden („sie kennen die Schwierigkeiten, die Kinder bei der Unterscheidung von Zahlen haben“) und Psychologen („seine eigene Größe oder seinen Schatten zu messen, heißt auch sich mit dem Anderen zu messen, zu verstehen, was es heißt, größer oder kleiner zu sein“) zusammen.

Junge Forsche als Cicerone

Im Erdgeschoss drängen sich Schulkinder in die Ausstellung L’eau à la bouche, was soviel heißt wie „Das Wasser im Mund“. Die Ausstellung hat ein konkretes Thema ist aber auch spielerisch aufgebaut. „Der Begriff des Experimentierens ist nicht nur der Schule vorbehalten. Wir verknüpfen ihn mit dem Wort entdecken.“ Viele Dinge erregen unsere Neugier undWissenschaft muss entdeckt werden. „Wenn die Kinder aus der Ausstellung kommen, haben sie ein paar neue Vorstellungen über den Grundwasserspiegel erhalten, über die kilometerweiten Entfernungen, die einige afrikanische Frauen jeden Tag für Wasser zurücklegen müssen, über die Wasserverschwendung und -verschmutzung, davon, wie viel Wasser in eine Badewanne passt, über die Möglichkeit, Meerwasser zu entsalzen, über Konflikte und Kriege, die mit dem Besitz dieser Lebensquelle zusammenhängen. Die Schulklassen bleiben einen halben oder ganzen Tag bei uns.“ Schüler und Lehrer werden von sogenannten Animateuren betreut, die ihnen verschiedene Sequenzen von jeweils ungefähr zwanzig Minuten Länge vorschlagen. Rund vierzig Studenten und junge Forscher werden je nach Spezialisierung und Verfügbarkeit als Führer eingesetzt. „Die Schüler treffen so auf Leute, die nur knapp zehn Jahre älter sind als sie selbst. Der Doktorand ist ein wenig wie ein großer Bruder oder eine große Schwester. Er rückt Wissenschaft in ein anderes Licht.“

Ein Stückchen weiter entdeckt man eine neue „Spitzenleistung“: eine Operation in Schwerelosigkeit (siehe „Weltraumchirurgie“). Die Europäische Weltraumorganisation und Airbus liegen in Luftlinie nicht weit entfernt. Manche Initiativen werden mithilfe von Unternehmen durchgeführt. Nestlé ist an der Ausstellung über das Wasser beteiligt. Andere Industriepartner haben Veranstaltungen zur Digitaltechnik oder zu neuen Werkstoffen unterstützt. „Unabhängig davon, ob es um öffentliche oder private Förderung geht, die Regeln sind immer die gleichen. Perspektive und Präsentation sind unsere Sache.“

Der Austausch und die Sprachen

In wenigen Tagen wird die Ausstellung Faszination Licht eröffnet, eine deutsche Produktion, die zuerst in Brüssel zu sehen war. Wie in vielen anderen Wissenschaftszentren werden auch in Bordeaux eigene Veranstaltungen geschaffen und „exportiert“. Andere werden „importiert“ und andere wiederum angepasst. Mit diesem System ist es möglich, Vorschläge zu variieren und von einer Forschungsarbeit, einem Konzept und einer Umsetzung ohne räumliche und zeitliche Begrenzung zu profitieren. Denn anders wäre es eigentlich zu schade. Das Ganze funktioniert dank professioneller Absprachen, die über das Netzwerk Ecsite (2) verbreitet werden. „Ein Netzwerk ist sehr wichtig. Dank solcher Verknüpfungen und gemeinsamer Produktionsund Verbreitungsmethoden kann das europäische Kino überleben. Der Austausch zwischen den Menschen ist sehr positiv. Dagegen gibt es beim Austausch der ‚Produkte‘ manchmal Schwierigkeiten. Das erste Problem ist die Sprache. Alles muss übersetzt werden, der gesamte Multimediainhalt ist neu zu erstellen. Dabei gibt es nur wenig Unterstützung von der Europäischen Kommission, obwohl ein Beitrag ihrerseits sehr willkommen wäre. Dass wir Faszination Licht überhaupt zeigen können, ist den Belgiern zu verdanken, die bereits die französische Fassung erstellt hatten.“

Indirektes Lob

In einem Gang hängen Porträts: auf Schwarz-Weiß-Fotos sind Forscher zu sehen. Am Tresen liegen Lesezeichen aus, auf denen ebenfalls die Gesichter junger Forscher abgebildet sind, die kurz ihre Arbeit und ihre Beweggründe erläutern. Bernard Favre glaubt nicht, dass junge Menschen kein Interesse für die Wissenschaft haben. Auch die meisten Umfragen zeigen, dass Wissenschaftler in Europa ein großes Vertrauen genießen. „Aber zwischen dem Gefühl für die Wissenschaft und dem Wunsch, daraus einen Beruf zu machen, besteht dennoch eine Kluft. Das Studium ist nicht einfach und die Gehälter weit niedriger als in den Wirtschafts- und Finanzsektoren. Das lässt das Gefühl der Berufung doch etwas abkühlen.“

Aber Cap Sciences ist kein Ort ausschließlich für junge Leute. Unter den Besuchern sind Kinder und Erwachsene gleichermaßen vertreten. Einige Abende sind der Tradition der „Wissenschaftscafés“ verschrieben. Bernard Favre bedauert es dennoch, dass diese nicht den philosophischen Cafés ähneln, wo es keinen Sondergast gibt, sondern immer einen Philosophen, der zur Diskussion anregt. „Wir laden Wissenschaftler ein, aber wir konzentrieren unsere Kulturpolitik nicht auf die Debatte. Wir möchten Neugier und Interesse anregen, den Austausch fördern. Es geht zum Beispiel nicht darum, ob man jetzt für oder gegen genetisch veränderte Organismen ist und nach der Diskussion darüber abstimmt. Es geht darum, besser über die Risiken, Methoden und andere Dinge informiert zu sein. Wenn man in den Menschen das Bedürfnis weckt, ein Thema weiter zu vertiefen, dann haben wir bereits gewonnen. Egal ob es dabei um Treffen oder Ausstellungen geht. Menschen, die sich eher von den Geisteswissenschaften angesprochen fühlen, die Mathematik über den Umweg der Musik oder der Bildhauerei näher zu bringen, erscheint uns eine hervorragende Methode zu sein.“

  1. Alle Zitate von Bernard Favre.
  2. Siehe Seite 18.
Top

Mehr Einzelheiten

Wandelnde Geisteswissenschaften

Jedes Jahr führt Cap Sciences eine Aktion mit dem Titel Théâtre de la science (Theater der Wissenschaften) durch, bei der die „humanistischen“ Disziplinen im Vordergrund stehen. Das Jahr 2007 ist der Sprache gewidmet. Ein Zitat von Victor Segalen stellt das Motto dieser Veranstaltungen: „Begibt man sich in Abenteuer, sollte man die Worte nicht vergessen.“ Konferenzen, Debatten, ein Kolloquium und Filmvorführungen mit anschließenden Diskussionen werden in der ganzen Region Aquitanien veranstaltet. An diesem Abenteuer nehmen Neurolinguisten, Psychoanalytiker, Anthropologen, Soziologen, Logopäden und Kommunikationsspezialisten sowie Theater - schauspieler teil. Aus ihrer Sicht beleuchten sie die verschiedenen Facetten des gesprochenen Wortes: Sprache – menschliche und tierische –, Sprachenvielfalt (heute werden noch über 6 000 Sprachen weltweit gesprochen), Dialekte und Jargons, die Beziehungen zwischen Sprache und kultureller Identität, „sprechende“ Roboter, Palaver, Unausgesprochenes, das bei Therapien an die Oberfläche tritt. Patrick Baudry, Soziologe an der Universität Montaigne in Bordeaux wird über das Schweigen sprechen, während mit den Vorstellungen des französischen Films L’Esquive (etwa: Ausweichen) von Abdellatif Kechiche, Diskussionen über die Sprache der Jugend und der Stadtrand - gebiete eingeleitet werden sollen.

Weltraumchirurgie

Im September 2006 operierte ein Chirurgenteam eine Person an einem fetthaltigen Tumor am Vorderarm. Das ist nichts Weltbewegendes. Nur dass der Patient sich freiwillig diesem Eingriff an Bord eines Airbus A 300 Zero G unterzieht. Dieses fliegende Labor, das in Bordeaux stationiert ist, gehört zu einem der beiden einzigen Flugzeuge auf der Welt, die Parabolflüge (Flüge auf einer parabolischen Bahn im freien Fall abwärts und dann steil aufwärts) durchführen. Bei diesen Flügen herrscht vierzig Sekunden lang Schwerelosigkeit. In drei Stunden befand sich das Flugzeug 32-mal in diesem Zustand. Damit gelang es den Ärzten, insgesamt zehn Minuten lang zu operieren. Die Operation glückte. In Cap Sciences ist ein Modell des Flugzeugs, des Operationstischs und der medizinischen Ausrüstung an Bord des Flugzeugs zu sehen. Anhand unterschiedlicher Anwendungen (vor allem im Flug) ist es möglich, mehr über diese besondere Erfahrung zu lernen. Das ist besonders für die Sicherheit der Astronauten entscheidend, die Monate lang in den Weltraumstationen leben.

Top