Das Wissenschaftscafé

Spitzenwissenschaft an der Theke

Ein Café der Wissenschaften im niederländischen Nimwegen. Das Rezept ist erfolgreich. Koryphäen und Nobelpreisträger geben sich hier bei guter Laune die Klinke in die Hand. Das zahlreiche Publikum weiß die zwanglose Atmosphäre dieser Abende sehr zu schätzen. An einem Abend im März war der Zulauf trotz des schwierigen Themas der Stringtheorie besonders groß.

Gerard ‘t Hooft (vorne) und Robbert Dijkgraaf Gerard ‘t Hooft (vorne) und Robbert Dijkgraaf

„Heute Abend wurden alle Besucherrekorde übertroffen!“ Françoise Touahri ist begeistert. Die Französin, die seit einigen Jahren in den Niederlanden lebt, hat die Idee des Wissenschaftscafés aus ihrer Heimatstadt Montpellier übernommen. Eine solche Einrichtung gab es 2004 in Nimwegen nicht, aber einige Freunde und Kollegen begeisterten sich für das Konzept. Das Unternehmen (Philips), bei dem sie damals arbeitete, leistete einen ersten finanziellen Beitrag. „Bereits am ersten Abend im Februar 2005 war der Erfolg sicher.“ Seitdem füllt sich mehrmals im Jahr ein Café im Stadtzentrum mit rund hundert Menschen, die, mit einem Bier in der Hand, Frauen und Männern aus Forschung und Wissenschaft zuhören und mit ihnen diskutieren. Vor und nach den Vorträgen und der Diskussion gibt es in der verrauchten Atmosphäre Livemusik. Kein Podest, keine Inszenierung. Die Wissenschaftler sitzen vor einer weißen Leinwand auf einem Barhocker. Das Publikum verteilt sich im ganzen Café. Manche stehen, andere setzen sich auf den Fußboden oder nehmen einen Klappstuhl aus ihrem Rucksack heraus. „Um die Zuhörer in das Thema einzuführen, bitten wir unsere Redner um eine kurze Einleitung, in der sie ihren Standpunkt darlegen“, erklärt Françoise Touahri. „Wir laden in der Regel mehrere Wissenschaftler ein, damit man sich die verschiedenen Blickwinkel vor Augen führen kann, ohne dabei parteiisch zu sein.“

Auch an diesem Abend gab es erlesene Gäste. Gerard ’t Hoof (1), Nobelpreisträger für Physik 1999 und Professor für theoretische Physik am Spinoza-Institut der Universität Utrecht (NL) sowie Robbert Dijkgraaf, Professor für Physik an der Universität Amsterdam (NL). Sie verhehlen nicht ihre Begeisterung darüber, vor allem Studenten um sich herum zu sehen. „Wir freuen uns besonders über ihre Anwesenheit, denn in unserer Disziplin sind die meisten neuen Ideen in den Gehirnen junger Wissenschaftler entstanden“, kommentiert Gerard ’t Hooft. „Die lockere Diskussion kommt der Mentalität der theoretischen Physiker besonders entgegen. Wir brauchen keine raffinierte Ausrüstung“, bemerkt Robbert Dijkgraaf, der sich an die langen Diskussionen mit seinem Professor (Gérard ’t Hooft selbst) an einem Mittelmeerstrand während eines Symposiums erinnert.

Popularisierung ist gut für die Gesundheit!

Denn es geht eigentlich mehr um die Leidenschaft als um das Wissen. „Alle Wissenschaftler, mit denen wir sprechen, nehmen die Einladung gerne an. Sogar bekannte und stark beschäftigte Persönlichkeiten kommen zu uns. Das freut uns ganz besonders“, bestätigt Françoise Touahri. „Schon von Anfang an merkte man, dass sie nicht einfach nur über ihre Arbeit sprechen, sondern vor allem über die Liebe zu ihrer Disziplin und zu ihrem Forschungsgebiet.“

Gerard ’t Hooft fügt hinzu, was er an diesem Dialog mit der Öffentlichkeit besonders mag, sei, wie in der Lehre, die Distanzierung: „Diese Aktivitäten sind belebend. Einem Ahnungslosen physikalische Konzepte und Theorien erklären zu müssen, heißt, dass man über den Wald sprechen muss und nicht über einzelne Bäume. So wird das Wissen infrage gestellt und man wird dazu gezwungen, das Gedankengebäude und seinen Aufbau Schritt für Schritt zu überdenken.“

Im Saal herrscht angespannte Aufmerksamkeit. Zusammen mit den Rednern entschweben die Zuhörer in die höheren Gefilde der Stringtheorie, in zehn- und elfdimensionale Räume und andere höchst abstrakte Objekte. Es ist ein buntes Gemisch jüngerer und etwas älterer Leute – die wohl von den nah gelegenen Fakultäten kommen – und von ein paar Stammzuhörern. Alle sehen zufrieden aus. Das bestätigt sich auch in der Fragerunde, bei der mal (trügerisch) weltfremde, mal sehr konkrete Fragen gestellt werden. Über die Stringtheorie wird eben nicht nur in Wissenschaftlerkreisen diskutiert.

Und wenn man eine Idee eines solchen Abends aufschreiben wollte, welche wäre das? „Das wäre die Idee, dass die Physik voller großartiger Fragen steckt, auf die wir nur wenige Antworten kennen“, fasst Robbert Dijkgraaf zusammen. Und Gerard ’t Hooft fügt hinzu: „In die Physik einzutauchen bedeutet, sich vom Sinn für das Außergewöhnliche berühren zu lassen“. Zwei Stunden in diesem Bad reichen völlig aus, um sich davon überzeugen zu lassen.

  1. Siehe auch das „Porträt“ im FTE info Nr.°35.
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