Universität – Schulen

Schweizer Pädagogik

Die Schweizer machen keine halben Sachen. Die Konfrontation der Jugend mit der wahren, fächerübergreifenden Natur der Wissenschaften ist eine ernste Angelegenheit. Die Initiativen der Universität Genf ebnen den Weg für neue interdisziplinäre Unterrichtskonzepte mit Schwerpunkt Umwelt.

Wir schreiben das Jahr 2003. Eine „Expedition“ mit dem Titel Antarctica gibt Schweizer Kindern die Möglichkeit, auf originelle Weise die Polarregionen sowie die astronomischen, physikalischen und biologischen Phänomene, die diese zu bieten haben, zu entdecken. Ausgedacht hat sich das Projekt das Passerelle-Team von der Universität Genf. Dieses Abenteuer richtete sich an Grundschüler und fand seinen krönenden Abschluss in der Reise einer Gymnasiastin, eines Astrophysikers und einer Journalistin an Bord eines Eisbrechers, um eine totale Sonnenfinsternis in der Antarktis zu beobachten. Während dieser Zeit stellten ihnen die an Land gebliebenen Kinder per Telefon Fragen über ihr Leben an Bord und ihre Eindrücke. „Dadurch erhielt das, was sie lernten, eine menschliche Dimension. Und es war wirklich ein magischer Augenblick, der gleichzeitig auch den Aktivitäten in der Klasse einen Sinn gab“, bemerkt Sophie Hulo, Biologin und Mitglied von Passerelle.

Das zweite Projekt namens climaTIC-suisse läuft über zwei Jahre und wird gegenwärtig mit mehr als 40 Grundschulklassen sowie einer Gruppe von Gymnasiasten im Alter von etwa 15 Jahren durchgeführt. Mithilfe des Themas der Umweltveränderungen soll es eine Brücke zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften schlagen.

Für die Jüngsten wurden ein Comic und Unterrichtsmaterial zusammengestellt. Mithilfe dieser Lektüre erhielten sie einen Eindruck über die sie umgebende Welt. Anschließend konnten die Kinder dieses Wissen in konkreten Situationen testen, indem sie an den interaktiven Untersuchungen zum Thema Holz und Wald teilnahmen sowie Befragungen bei der Bevölkerung und bei Spezialisten dieses Ökosystems durchführten.

Transkontinentaler Austausch

Als Höhepunkt dieses Konzepts fand im März eine Umfrage in der Demokratischen Republik Kongo statt, bei der die Schüler das Thema vertiefen konnten. Aus der Ferne „steuerten“ sie zwei Befrager, die sich vor Ort von der komplexen Wirklichkeit überzeugten. Dazu gehörten auch das Entwaldungsproblem und die Kindersoldaten.

Während der Expedition in Bukavu wurden jeden Tag Fotos und Reiseberichte auf der Website des Projektes veröffentlicht. „Dieses Unterrichtsexperiment soll ein Lehrbeispiel darstellen, wie man sich in eine andere Wirklichkeit versetzen und so die Zusammenhänge zwischen dem Norden und dem Süden, zwischen dem Lokalen und dem Globalen, zwischen den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften besser erfassen kann.“(1)

Die Sekundarstufe steht dem in nichts nach. Seit September 2006 bieten fünf Lehrer eines Genfer Gymnasiums einen fächerübergreifenden Kurs zu Umweltthemen, die von kongolesischen Kollegen vorgeschlagen wurden und die Realität widerspiegeln, in der sie leben: Minen, Wasser, Müll, die biologische Vielfalt, Klimawandel, Entwaldung. Die fünf Schweizer Fachlehrer (Geschichte, Erdkunde, Physik, Volkswirtschaftslehre, Recht, Biologie) haben ein Jahr lang an der Vorbereitung dieses Wahlkurses, für den sich elf Schüler eingetragen haben, gearbeitet. Anhand einer umfangreichen Dokumentation, die von den afrikanischen Partnern und dem Passerelle-Team erarbeitet wurde, haben sie ihren eigenen fächerübergreifenden Unterricht aufgebaut.

Nach einigen Monaten Theorie sind die Gymnasiasten im Frühling in die zweite Phase des Projekts eingestiegen. Ausgehend von konkreten Situationen im Osten der Republik Kongo, wie beispielsweise einem Erdrutsch in der Nähe von Bukavu in der Region der großen Seen (Kivu), werden sie versuchen, unter Anwendung der in der ersten Phase gewonnenen Kenntnisse und Hilfsmittel eine „Lösung“ zu finden. Diese Vorschläge werden anschließend von kongolesischen Akademikern im Hinblick auf mögliche örtliche Besonderheiten untersucht und bewertet. „Es ist unser Ziel, die jungen Leute bei diesen Fragen für einen systematischen Ansatz – d. h. sowohl ökologisch als auch menschlich und sozial – zu sensibilisieren. Durch diese Arbeit können sie einen Untersuchungs- und Forschungsansatz – d. h. eine echte wissenschaftliche Vorgehensweise – entwickeln.“

Diese Herangehensweise wird durch die eindrucksvolle Menge an Dokumenten, die Datenbank, die Links zu anderen Websites oder Blogs und das Diskussionsforum, die sich alle auf der Website von climaTIC-suisse befinden, erleichtert. „Wir arbeiten nur mit einer Klasse und wenigen Schülern, was in keinem Verhältnis zu stehen scheint. Aber das erarbeitete Material wird online gestellt und ist damit allen Lehrkräften und der breiten Öffentlichkeit zugänglich.“

  1. Alle Zitate stammen von Sophie Hulo.
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