Internationale Charta

Planetarischer Notstand

Erdbeben, Erdrutsche, Vulkanausbrüche, aber auch Überschwemmungen, Ölteppiche und Waldbrände – im Falle einer Naturkatastrophe auf der Erde muss man schnell handeln können. Leben sind in Gefahr. Zur Erleichterung der Arbeiten der Rettungsmannschaften setzen die großen Weltraumorganisationen ihre Erdbeobachtungssatelliten ein. Dieser Service hat auch einen Namen: die Internationale Charta für „Weltraum und Naturkatastrophen“.

Stephen Briggs, Koordinator des Programms „Charta“ bei der ESA. Stephen Briggs, Koordinator des Programms „Charta“ bei der ESA.
©CDB

Die Internationale Charta bietet bei Naturkatastrophen und durch den Menschen verursachten Katastrophen ein vereinheitlichtes System zur Erfassung und Bereitstellung von Satellitendaten für befugte vermittelnde Benutzer an. Jedes Mitglied hat sich dazu verpflichtet, der Charta seine eigenen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Damit trägt jeder Partner dazu bei, die Folgen derartiger Katastrophen auf Mensch und Eigentum zu mildern.
Die Internationale Charta ist offiziell am 1. November 2000 in Kraft getreten. Jeder registrierte Benutzer kann sich an die Partner des Programms wenden und sie um die Mobilisierung der Weltraumressourcen und der dazugehörigen terrestrischen Ressourcen (Radarsat, ERS, Envisat, Spot, IRS, SAC-C, NOAA-Satelliten, Landsat, ALOS, DMC-Satelliten und andere) der Chartamitglieder bitten.
„Zu den befugten Benutzern zählen Katastrophenschutzorganisationen, Rettungs-, Verteidigungs- oder auch Sicherheitsorganisationen des Landes des jeweiligen Chartamitglieds, aber auch die Weltraumorganisationen sowie die Betreiber der Weltraumsysteme“, erklärt Stephen Briggs, der bei ESRIN (ESA Italien) das Programm der Charta koordiniert. „Ausnahmsweise kann die Chartaleitung die Lieferung von Weltraumdaten auch an bestimmte Drittorganisationen zulassen.“
In der Praxis ist täglich wechselnd jeweils ein Betreiber in Bereitschaft. Er nimmt die Anfragen der befugten Benutzer der Charta über eine weltweit einheitliche Telefonnummer an. Nachdem die Notsituation und die formulierten Anfragen analysiert wurden, wird ein Plan zur Erfassung von Satellitenbildern und Archivaufnahmen aufgestellt. Die angefragten Daten werden so schnell wie möglich bereitgestellt, im Allgemeinen innerhalb von weniger als 24 Stunden, um die Eingriffsteams vor Ort sofort zu informieren. Durch Vergleiche der neuen Aufnahmen mit den Archivbildern ist eine bessere Schadensbeurteilung möglich.

SOS auf allen Kontinenten

Seit ihrer Einrichtung war die Charta bereits über 130 Mal aktiv. Allein im Jahr 2006 wurden ihre Dienste 25 Mal angefragt, so bei Naturkatastrophen im Sudan, in Pakistan, in Frankreich, auf den Philippinen, in Deutschland und in der Tschechischen Republik, um nur einige Beispiele zu nennen.
Im ersten Drittel dieses Jahres wurde die Charta bereits in verschiedenen Katastrophenfällen um Hilfe gebeten. Ab dem 19. Januar 2007 wurde die Charta wegen Überschwemmungen in Bolivien, Paraguay und Argentinien aktiv. Drei Tage später war sie dann wegen eines Mineralölunfalls im Vereinigten Königreich im Einsatz. Am 9. Februar wurden die Satelliten der Charta mobilisiert, um erneute Überschwemmungen in Mosambik zu beobachten.
Ende Februar waren es Vulkanaktivitäten in Kolumbien, dann Überschwemmungen in Bolivien, mit denen sich die Charta beschäftigte. Im März 2007 wurden die Erdbeobachtungssatelliten drei Mal in Anspruch genommen: wegen eines Erdbebens in Indonesien, eines Wirbelsturms in Madagaskar und Überschwemmungen mit nachfolgenden Erdrutschen in Argentinien.


Top

Mehr Einzelheiten

Kurzer Einblick in die Geschichte

Im Anschluss an die Konferenz Unispace III der Vereinten Nationen im Jahr 1999 haben die europäische (ESA) und die französische Weltraumbehörde (CNES) die Internationale Charta für Weltraum und Naturkatastrophen gegründet. Schon sehr bald schloss sich die Kanadische Weltraumbehörde (ASC) dieser Einrichtung an. Im September 2001 folgten die US-amerikanische Meeresbehörde „National Oceanic and Atmospheric Administration“ (NOAA) und die Indische Weltraumforschungsorganisation (ISRO).

Heute gehören zu den Unterzeichnern der Charta auch die Argentinische Weltraumbehörde (CONAE), die Japanische Weltraumforschungsagentur (JAXA), die USGS (United States Geological Survey) sowie die britischen und multinationalen Partner BNSC/DMC (British National Space Centre und Disaster Management Centre), zu denen drei Drittländer gehören, die über Satellitenmittel verfügen: Algerien, Nigeria und die Türkei. Letztere sind seit November 2005 Chartamitglieder, und erst kürzlich, im Mai 2007, ist auch China mit seiner Weltraumagentur CNSA (China National Space Administration) der Charta beigetreten.


Top