Fernerkundung

Militärische Überwachung

Es ist eine Tatsache: Der Weltraum ist ein beliebter Ort, um Informationen für militärische Zwecke zu sammeln. Zahlreiche Erdbeobachtungssatelliten verfolgen bereits seit Beginn der Raumfahrt weitaus geheimere Ziele als gewöhnliche andere. Sie unterscheiden sich sowohl durch ihre technischen als auch operationellen Merkmale.

Vorbereitung des  optischen Bauteils der beiden künftigen Satelliten Pléiades im Reinraum von Thales  Alénia Space in Cannes (FR). Vorbereitung des optischen Bauteils der beiden künftigen Satelliten Pléiades im Reinraum von Thales Alénia Space in Cannes (FR).
©Thales-Alenia Space

Was Informationen betrifft, war das Militär immer schon sehr diskret. Aber es ist auch ganz klar, dass die Fernerkundung aus dem Weltraum für dieses ein unverzichtbares Instrument ist. Praktisch seit Beginn des Abenteuers Weltraum vor knapp 50 Jahren haben die damaligen Großmächte (die USA und die UdSSR) Spionagesatelliten entwickelt und ins All geschickt.
Sie wurden entwickelt, um die Aktivitäten anderer Länder mithilfe von Instrumenten mit hoher Raum- und Spektralauflösung zu beobachten. Einige dieser Geräte wurden auch entwickelt, um eventuelle nukleare Explosionen festzustellen oder auch um frühzeitig den Start feindlicher ballistischer Raketen aufzudecken.
Die amerikanische Armee hat bereits 1959 erste experimentelle Erdbeobachtungsgeräte (Discoverer und Samos) in eine Umlaufbahn gebracht. Diese Pioniere haben ihren Platz inzwischen Dutzenden von Spionagesatelliten des Typs Key-Hole (KH) überlassen. Die Sowjetunion ist diesem Beispiel mit ihrem Prototypen Kosmos-4 (1962)und dessen zahlreichen Nachfolgern gefolgt.

Eine Mission, ein Film

Diese ersten militärischen Fernerkundungsgeräte unterscheiden sich von anderen Beobachtungssatelliten durch die sehr niedrige Umlaufbahn, ihre kurze Lebensdauer im Weltraum (wenige Tage bis Wochen) und durch ihre Optik. Aus technischer Sicht waren sie lediglich mit sehr ausgeklügelten Fotoapparaten ausgestattet. Sobald sie sich auf einer zu dem zu untersuchenden Objekt passenden Umlaufbahn befanden, spulten sie ihren Film ab. Ihre Mission endete, sobald der Film vollständig belichtet war. Zurück auf der Erde wurde der Film entwickelt und die einzelnen Aufnahmen analysiert.
Durch die technischen Entwicklungen und Fortschritte der vergangenen 40 Jahre konnte das Militär immer raffiniertere Geräte einsetzen: mit rechnergestützter Bildverarbeitung, Infrarot- und Radargeräten (um rund um die Uhr, unabhängig von der Wolkendecke, beobachten zu können) und, das war entscheidend, mit der Fähigkeit, die Daten aus dem Weltraum zur Erde zu senden. Es war also nicht mehr nötig zu warten, bis die Satelliten wieder auf die Erde zurückgekehrt waren, um die gesammelten Daten auszuwerten.

Was für eine Auflösung haben sie?

Die von Militärsatelliten verwendete Auflösung der Sensoren ist wohlgemerkt geheim. Aber angesichts der Fähigkeiten der leistungsfähigsten zivilen Satelliten kann man diese mehr oder weniger abschätzen. „Hinsichtlich der Raumauflösung liefern manche zivilen Satelliten sehr genaue Daten, im Bereich von 80 cm“, erklärt Volker Liebig, Direktor für Erdbeobachtungsprogramme bei der ESA (Europäische Weltraumorganisation). „Es ist auch klar, dass die Übertragung der Daten und die Fernsteuerungsbefehle an die zivilen Satelliten verschlüsselt erfolgen, genauso wie bei den Militärsatelliten. Es geht hier in gewisser Weise darum, sich gegen Hackerangriffe zu schützen! Dennoch machen sich in bestimmten Bereichen Unterschiede zwischen den zivilen und militärischen Satelliten bemerkbar. Dazu gehören die Abschirmung der Satelliten gegen Strahlung oder auch ihre Fähigkeit (das gilt für Militärsatelliten), je nach Krisensituation ganz schnell die Umlaufbahn zu wechseln. Das setzt also voraus, dass die Militärsatelliten über mehr Treibstoff verfügen müssen, da sie einen höheren Verbrauch haben. Sie müssen aber auch die Fähigkeit besitzen, ein und denselben Punkt auf dem Globus mehrmals überqueren zu können, um die Entwicklung einer Situation zu verfolgen.“
Angesichts der historischen amerikanisch-russischen Vorherrschaft im Bereich der Fernerkundung haben sich auch andere Nationen mit Erdbeobachtungsgeräten ausgestattet.
So hat Israel 1988 seinen ersten Satelliten Offeq ins All geschickt. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich auch China mit Erdbeobachtungssatelliten ausgerüstet, mit rückführbaren FSW-Kapseln und einem System mit doppeltem – zivilem und militärischem – Zweck, dem Zi Yuan, mit dem auch Daten an die Erde gesendet können.

Europa holt auf

In Europa entwickelt Frankreich in Zusammenarbeit mit Italien und Spanien seit 1995 die optischen Satelliten der Reihe Hélios. Das französische Militärprogramm Hélios-2 (ein Satellit, der von der zivilen Plattform Spot abstammt), ebenfalls im optischen Bereich, befindet sich heute im Orbit. Der Satellit Hélios-2A wurde im Dezember 2004 gestartet. Seine Bilder werden von der französischen Armee genutzt, aber es bestehen auch Partnerschaften mit Spanien und Belgien. Der zweite Satellit dieser Baureihe, Hélios-2B, soll 2009 gestartet werden, um den Staffelstab bis 2014 zu übernehmen.
Deutschland setzt seinerseits auf eine Konstellation mit militärischen Radarsatelliten: das Programm SAR-Lupe. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von fünf Geräten, von denen das erste bereits im Dezember 2006 gestartet wurde.
Frankreich entwickelt derzeit zwei Zwillingssatelliten für optische Beobachtungen: Die sogenannten Pléiadesbestehen aus zwei kleinen Satelliten (jeweils eine Tonne schwer) mit einer Raumauflösung von 0,7 m und einem Sichtfeld von 20 km. Die Satellitengruppe Pléiades wird stereoskopische Aufnahmefähigkeiten besitzen, um selbst Bedürfnisse für feine Kartografierungen, besonders im städtischen Raum, abzudecken und zusätzlich zur Luftfotografie eingesetzt werden zu können. Deutschland, Belgien, Italien, Spanien, Schweden und Österreich haben sich diesem „dualen“ (zivilen und militärischen) Programm angeschlossen.
Italien entwickelt eine Gruppe von vier Radarsatelliten, ebenfalls zu militärisch-zivilen Zwecken. Sie tragen den Namen Cosmo SkyMed und sollen gemeinsam arbeiten. Diese Gruppe (Pléiades und Cosmo SkyMed) bildet das Kernstück des Kooperationsprojekts Musis (Multinational Space based Imaging System for surveillance, reconnaissance and observation), das 2005 von Frankreich initiiert wurde. Zu den Partnern gehören Deutschland, Belgien, Italien, Spanien und Griechenland. Dieses Projekt soll bereits den Weg für die Zeit nach Helios ebnen. Das künftige Erdbeobachtungssystem soll sowohl über optische als auch über Radarinstrumente verfügen. Seine operationelle Inbetriebnahme soll noch vor dem Ausscheiden des Satelliten Hélios-2B 2014 erfolgen.
Damit zeichnet sich die Zukunft der militärischen Weltraumaufklärung bereits ab.

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Das EUSC von Torrejon

Um die von den Erdbeobachtungssatelliten gesendeten Daten auch nutzen zu können, hat Europa sein eigenes Expertenzentrum geschaffen. In Torrejon de Ardoz, nicht weit von Madrid (ES) entfernt, wurde 2002 das Satellitenzentrum der Europäischen Union (EUSC) eröffnet. Es handelt sich um eine Organisation, die mit der Produktion und Auswertung von Informationen beauftragt ist, die aus der Analyse von Satellitenaufnahmen von der Erde gewonnen werden.

Das Zentrum unterstützt damit die Entscheidungsfindung der Europäischen Union im Bereich der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP). Seine Beiträge betreffen insbesondere Krisenmanagementeinsätze durch die Union, dazu gehören Informationen aus der Analyse von Satellitenbildern und kollateralen Daten, einschließlich Luftaufnahmen und damit verbundenen Dienstleistungen.

Die Produkte und Dienstleistungen des EUSC können auch den Mitgliedstaaten, der Europäischen Kommission, möglichen Drittstaaten und verschiedenen internationalen Organisationen (Vereinte Nationen, Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Nordatlantikpakt usw.) zur Verfügung gestellt werden.

Das EUSC wird durch die Beitragszahlungen der Mitgliedstaaten und durch Einnahmen aus geleisteten Diensten finanziert. Die Dienste werden im Rahmen genau definierter Initiativen geleistet. Dazu gehören Rettungs- oder humanitäre Missionen, friedenserhaltende Operationen, die Überprüfung der Einhaltung internationaler Abkommen, Krisenmanagement, die Kontrolle der Nichtverbreitung strategischer Massenvernichtungswaffen oder auch gewisse gerichtliche Untersuchungen.



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