INTERVIEW

Die europäische Forschung von morgen gestalten

Am 2. Juni veranstaltete die Europäische Kommission ein Seminar über Foresight-Aktivitäten, die die Grundlage der künftigen europäischen Forschungspolitik bilden sollen. Damit will die Kommission den Mitgliedstaaten zu einer besseren Zusammenarbeit im Bereich der Forschung verhelfen. Experten, Entscheidungsträger und Direktoren der Generaldirektion Forschung versuchten, den Bedarf in diesem Bereich zu ermitteln. Anneli Pauli ist stellvertretende Generaldirektorin der Generaldirektion Forschung. Wir sprachen mit ihr über das Seminar und die Zukunftsaussichten.

Anneli Pauli, stellvertretende Generaldirektorin der GD Forschung, erklärt die großen Prinzipen, die die Grundlage für die von Europa angeregten Foresight- Aktvitäten bilden.© Europäische Kommission
Anneli Pauli, stellvertretende Generaldirektorin der GD Forschung, erklärt die großen Prinzipen, die die Grundlage für die von Europa angeregten Foresight- Aktvitäten bilden.
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Warum ist die Zukunftsforschung Ihrer Meinung nach für die Entwicklung des Europäischen Forschungsraums (EFR) so wichtig?

Die Finanzkrise und ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen, sich ankündigende Umweltauswirkungen und demografische Probleme stellen unsere Produktions-, Konsum- und Lebensgewohnheiten, unsere Mobilität und auch die Gesundheitspolitik infrage. Wir benötigen eine langfristige Perspektive, die unseren derzeitigen Gedankenrahmen hinterfragt und neue Ansätze entwickelt. Wir müssen eine nachhaltigere Zukunft aufbauen. Die Gestaltung des EFR ist Teil der Antwort auf diese Herausforderung. Was gut für Europa im Ganzen ist, wird sich früher oder später auch für die einzelnen Mitgliedstaaten als gut erweisen. Für diese Form des Denkens sind sowohl ein Paradigmen- als auch ein Mentalitätswechsel bei uns allen erforderlich.

Zukunftsforschung gibt es bereits seit langer Zeit, doch jetzt gibt es eine neue Woge von Aktivitäten, die drei Dimensionen miteinander verflechten: eine von Experten produzierte Informationsflut, die Einbeziehung von Interessengruppen (Forscher, Unternehmen, NRO, öffentliche Einrichtungen) und das Engagement der politischen Entscheidungsträger, die diese Ergebnisse für die Ausarbeitung ihrer Strategien verwenden sollen.

Für den Aufbau des EFR zusammen mit den Mitgliedstaaten, den assoziierten Ländern und den europäischen Institutionen ist es notwendig, dass wir unsere Visionen von den künftigen Herausforderungen der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Umwelt miteinander teilen. Denn viele dieser Visionen – etwa der Übergang zu einer emissionsarmen Gesellschaft, Migration oder auch Armut – machen vor den Grenzen nicht halt, sie sind global und betreffen uns alle.

Wie sind die Fähigkeiten Europas in diesem Bereich zu bewerten?

In vielen europäischen Ländern werden Foresight- Aktivitäten durchgeführt. Das Vereinigte Königreich hat darin wahrscheinlich die größte Erfahrung. Die britische Regierung hat diese in allen Ministerien eingeführt. So ist etwa der „Chief Scientist“ des Premierministers für ein quer verlaufendes Foresight-Programm zuständig, das sich auf eine beschränkte Zahl von Themen konzentriert. Das finnische Innovations- und Technologieinstitut Tekes hat seinerseits einen kontinuierlichen partizipativen Foresight-Prozess eingerichtet, der an einen strategischen Reflexionsprozess gekoppelt ist. Hierbei erstellen die Interessengruppen (Unternehmen, Forschungseinrichtungen und andere öffentliche Organisationen) gemeinsam eine Vorausschau über die strategischen Möglichkeiten des Landes.

Es gibt auch noch andere vorbildliche europäische Beispiele: das Foresight-Programm in Schweden, Futuris, AGORA 2020 und France 2025 in Frankreich, Research 2015 in Dänemark und den Foresight-Prozess, der vom deutschen Forschungsministerium initiiert wurde.

Diese Initiativen umspannen weite Bereiche, angefangen bei Aktivitäten zur Technologie, die von Experten durchgeführt werden, bis hin zu Aktivitäten mit gesellschaftlichen Schwerpunkten, an denen Interessengruppen stärker beteiligt sind. Sie verfolgen auch unterschiedliche Ziele: von der Ermittlung von Technologien mit einer strategischen Bedeutung für Unternehmen bis hin zu allgemeineren Fragen zur Rolle der Regierungen und zu institutionellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen einer sozio-ökonomischen Veränderung.

Welche Formen von Aktivitäten sind auf europäischer Ebene erforderlich, um die einzelstaatlichen Maßnahmen zu ergänzen?

Auf europäischer Ebene haben wir länderübergreifende Netze zwischen denjenigen, die Foresight finanzieren, und denen, die diese praktizieren, gebildet. Wir haben einen gegenseitigen Lernprozess zwischen Mitgliedstaaten und Regionen in die Wege geleitet und Foresight-Visionen für die europäische Forschungspolitik erarbeitet – etwa zum Konvergenzprozess „Nano-Bio-Info- Cogno“. Wir haben ebenfalls die Entwicklung von Werkzeugen und die Einrichtung eines Systems zur Überwachung von Foresight-Aktivitäten (European Foresight Monitoring Network) unterstützt. Daneben unterstützen bestimmte Themenbereiche der Forschungsrahmenprogramme entsprechende Foresight-Projekte. Und obwohl die Kommission dieses Jahr den Bericht „The world in 2025“ veröffentlichte, gibt es heute immer noch keinen systematischen und partizipativen Ansatz für Foresight-Aktivitäten. Doch der Konsens rund um die Vorstellung, dass die Erarbeitung kohärenter europäischer Forschungs- und Innovationsstrategien auch so schnell wie möglich eine systematischere, effizientere und kontinuierlichere Kooperation implizieren müsste, wächst. Wir benötigen dringend eine gemeinsame vorausschauende Wissensbasis, mit der es möglich sein wird, proaktive Forschungsstrategien auf europäischer, nationaler und regionaler Ebene ins Leben zu rufen.

Gemeinsam erarbeitete Szenarios und Visionen werden es ermöglichen, Probleme und Herausforderungen auszuwählen, die im Rahmen von gemeinsamen Programmen und Initiativen effizient bewältigt werden können. Kurz gesagt, die europäische Forschungspolitik muss sich auf systematischere und durchgehendere europaweite Foresight-Aktivitäten stützen. Dies wird umso dringender, da die Mitgliedstaaten und assoziierten Länder nunmehr ihre Forschungsanstrengungen dank der gemeinsamen Programmplanung bündeln können. Solche Aktivitäten im Voraus gemeinsam zu unternehmen, könnte künftig zur Ermittlung neuer Bedürfnisse und schwacher Signale herangezogen werden. Durch die erzielte Verständigung könnten die Prioritäten dieser Programmplanung festgelegt und eine Einigung schneller erzielt werden.

Auch die internationale Dimension darf in unseren Zukunftsszenarios nicht fehlen. Zunächst muss man wissen, wie die Hauptpartner und Konkurrenten Europas die Zukunft sehen und wie dieser Ausblick ihre Forschungs- und Innovationsstrategien beherrscht. Die europaweite Vision muss sich folglich in den globalen Kontext einfügen.

Welche Form des Foresight-Prozesses bevorzugen Sie?

Viele befürchten, dass die Europäische Union dazu neigt, nur eine einzige Form der Zukunftsplanung und der Entscheidungsfindung voranzutreiben und zu unterstützen. Meiner Ansicht nach ist unter Kohärenz keine von oben diktierte Harmonisierung zu verstehen, sondern der Zugang des Einzelnen zum Wissen des Anderen sowie Ansichten zu teilen und sie zu verbreiten. Ein europaweiter Prozess müsste diese verschiedenen nationalen Foresight-Aktivitäten in einen Zusammenhang bringen. Er wäre flexibel, warum nicht auch modular und gegen Bürokratie gefeit. Ein solcher Prozess und die nationalen Systeme müssten interoperabel sein, um gemeinsames Arbeiten zu erlauben. Allerdings müsste er zu Visionen mit europaweiter Relevanz und einem Mehrwert führen und nicht eine Zusammenfassung aller nationalen Visionen liefern. Es ginge also nicht darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden.

Diversität ist für mich eine Notwendigkeit. Wir brauchen unterschiedliche Perspektiven und multiple Visionen etwa über die Zukunft unserer Gesundheitssysteme und darüber, was dies im Hinblick auf unsere Forschungsprioritäten bedeutet. Wir sollten mit der Verbreitung von Informationen beginnen, sie zusammenführen und sie allen zugänglich machen. Damit wäre bereits der Grundstein für den europäischen Foresight-Prozess gelegt, der auf den Voraussetzungen gründet, die ich bereits genannt habe.

Wie ist die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene zu organisieren?

Im Laufe des Seminars wurden sechs Forschungsvorhaben zu Foresight-Aktivitäten vorgestellt, die über den Themenbereich Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften des 7. Rahmenprogramms (RP7) finanziert wurden. Sie wollen mithilfe der Zukunftsforschung die Forschung an den langfristigen Erfordernissen der Europäischen Kommission ausrichten. Dabei soll Wissen verknüpft werden, um Probleme früher zu erkennen. Aufkommende Innovationsmodelle oder künftige Auswirkungen von Sicherheits- und Verteidigungspolitiken sollen analysiert und Fragen, die sich durch neue Forschungen und Technologien stellen, sowie die Ansichten der Bürger zu Wissenschaft, Technologie und Innovation untersucht werden. Diese Projekte werden so angeordnet, dass sie untereinander Synergien entwickeln können.

Ich möchte an dieser Stelle auch den Ständigen Agrarforschungsausschuss (SCAR) nennen, der eine Foresight-Studie in die Wege geleitet hat, die mögliche Szenarios für die europäische Landwirtschaft in einem globalen Kontext für die kommenden 20 Jahre formulieren soll. Diese Szenarios sollen dann als Grundlage für die Festlegung der mittel- und langfristigen landwirtschaftlichen Forschungsprioritäten in Europa dienen. SCAR hat außerdem einen Überwachungs- und Foresight- Mechanismus eingerichtet, um regelmäßig Warnungen zu aufkommenden Problemen zu veröffentlichen. Die SCAR-Berichte bildeten die Grundlage für die Mitteilung „Entwicklung einer kohärenten Strategie für eine europäische Agrarforschungsagenda“ (2008).

Besteht ein Zusammenhang mit der Erklärung von Lund?

Ja. Es gibt einen Zusammenhang. In der Erklärung von Lund heißt es(1): „An der Ermittlung der großen Herausforderungen müssen die wichtigsten Interessengruppen wie die europäischen Institutionen, Unternehmen, öffentliche Behörden, NRO und die Wissenschaftsgemeinschaft beteiligt sein. Sie muss die Interaktion mit den wichtigsten internationalen Partnern vorsehen.“

Meiner Ansicht nach ist für die Ermittlung der wichtigsten Herausforderungen ein systematischer und kontinuierlicher Foresight-Prozess erforderlich, der auf einer engen Interaktion zwischen den Forschungen und Foresight-Experten einerseits und den Interessengruppen und politischen Entscheidungsträgern andererseits beruht. Das ist der einzige Weg, um sicherzustellen, dass die Foresight- Aktivitäten wirksam eingesetzt werden, um die strategischen Entscheidungen der Forschungspolitik zu leiten (einschließlich der gemeinsamen Programmplanung). In anderen Worten, sie müssen auf einer informierten Entscheidung und auf Beweisen beruhen. Und dabei darf die globale Vision nicht aus den Augen gelassen werden. Das Schlüsselwort ist „Erfordernis“, und dazu müssen die Nutzer bereits vom ersten Augenblick an mit einbezogen werden. Die politisch Verantwortlichen und die Interessengruppen sollten mit den Forschern zusammenarbeiten und umgekehrt, um die Auswirkung ihrer Foresight-Studien zu verbessern. Auch die Bürger sollten die Gelegenheit erhalten, sich daran zu beteiligen. Wir benötigen eine neue Kultur der Zukunftsforschung. Manchmal ist der Prozess genauso wichtig wie das Produkt selbst!

Wir sollten uns auf quer laufende Fragestellungen konzentrieren, wodurch sich dann verschiedene Facetten ergeben würden, die von den Verantwortlichen genutzt werden könnten. Eventuell sollten wir die Gründung einer europäischen Plattform für Foresight-Aktivitäten ins Auge fassen, die die künftigen Herausforderungen – unabhängig davon, ob es sich um technologische oder gesellschaftliche handelt – analysieren würde. An den meisten gesellschaftlichen Herausforderungen sind Elemente aus beiden Bereichen beteiligt.

Politische Entscheidungsträger und Interessengruppen müssen sich dazu verpflichten, gemeinsam an der Gestaltung einer besseren Zukunft zu arbeiten, bei der Europa durch die sich bietenden Gelegenheiten geleitet wird, und nicht erst dann auf Probleme reagiert, wenn diese bereits vor der Tür stehen.

  1. In der Erklärung von Lund (SE), die am 9. Juli 2009 auf der Konferenz „New worlds – new solutions“ angenommen wurde, wird angeführt, dass die EU die großen Herausforderungen festlegen muss, zu deren Lösung die öffentliche und die private Forschung beitragen soll.
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