FORSCHUNGSNETZWERKE

Gemeinsam effizienter

Innovative Spitzenleistung liefern und wettbewerbsfähig sein: Dieses Ziel kann Europa nur dann erreichen, wenn ihm eine effiziente Zusammenarbeit gelingt.


Wenn es ein Gebiet gibt, auf dem ein gemeinsamer Fortschritt wichtig – und glücklicherweise auch möglich – ist, dann ist es die wissenschaftliche Forschung. Damit bietet man nicht nur der Konkurrenz die Stirn, sondern vermeidet auch, dass Forscher Energie und Mittel verschwenden. Unter Konkurrenz sind vor allem die USA oder China zu verstehen. „Heutzutage ermöglichen nur 10 % bis 15 % aller europäischen Programme die Bewerbung von und/ oder die Zusammenarbeit mit Forschern aus verschiedenen Ländern. Die meisten amerikanischen Programme stehen dagegen allen offen. Wenn sich Europa an der Arbeitsweise dieser Nation ein Beispiel nehmen würde, könnte es weltweit in der Forschung den zweiten Platz einnehmen“, sagte ein Mitarbeiter der Generaldirektion Forschung vor nicht allzu langer Zeit begeistert. Dahinter steckt die Idee, solche Projekte zu koordinieren, bei denen Europa mit mehreren Partnern zusammen leistungsfähiger wäre. Die Aufgabe ist bei weitem nicht einfach, doch die Initiativen mehren sich. Rahmenprogramme, ERA-NET-Maßnahmen und Initiativen im Rahmen von Artikel 169 des EG-Vertrags sind Beispiele, die diesen Willen Europas zur Einheit in diesem Bereich widerspiegeln.

Die Rahmenprogramme

Die Rahmenprogramme (RP) für Forschung und Entwicklung sind Finanzierungsinstrumente, mit denen die gemeinschaftliche Politik der Union im Hinblick auf Forschung und Technologie umgesetzt wird. Die finanzierten Forschungsthemen werden von einem Verwaltungsgremium festgelegt, das aus Vertretern der Mitgliedstaaten und assoziierten Staaten besteht. Die Grundlage für die Auswahl bilden die von Forschern aus den jeweiligen Sektoren in Konsultation mit der Kommission vorgelegten Vorschläge. Das spezifische Programm Zusammenarbeit des 7. Rahmenprogramms (RP7) ist in zehn Themenbereiche unterteilt. Dazu gehören auch die Themen Gesundheit, Lebensmittel, Nanowissenschaften und Biotechnologien. Welche Bedingungen müssen nun erfüllt werden, damit ein Projekt von einem unabhängigen Sachverständigenausschuss ausgewählt wird? Die Forscher müssen aus mindestens drei Mitgliedstaaten oder assoziierten Ländern kommen.

ERA-NET-Maßnahmen

Jeder Mitgliedstaat besitzt sein eigenes System zur Finanzierung von Forschungsprojekten. ERA-NET-Maßnahmen sollen die Zusammenarbeit zwischen regionalen und nationalen Programmen anregen, mit denen gemeinsame Ziele verfolgt werden sollen. Hier sind es die Leiter der jeweiligen nationalen Programme, das heißt in erster Linie die Geldgeber, die über die gemeinsam zu unternehmenden Vorhaben und Maßnahmen entscheiden. In der Praxis geht dies vom Informationsaustausch über die jeweiligen Handlungsbereiche, die Bereitstellung von Datenbanken bis hin zu gemeinsamen Aufrufen zur Vorschlagseinreichung. Den Leitern der einzelstaatlichen Programme steht genügend Spielraum zur Verfügung, um über eine Zusammenarbeit zu entscheiden, sobald eine Einigung in Sicht ist. Sie müssen nicht unbedingt auf eine externe Finanzierung warten, um ihre Aktivitäten durchzuführen. Wenn die Länder ihr Projekt selber finanzieren, dann übernimmt die EU ihrerseits die anfallenden Kosten für Koordinierung, Ausbildung und Verwaltung der Aktivitäten des Konsortiums.

Initiativen im Rahmen von Artikel 169

Für alle Maßnahmen der Europäischen Union ist eine rechtliche Grundlage erforderlich. Das Rahmenprogramm wird von den Artikeln 166 und 167 des EG-Vertrags gedeckt. Artikel 169 erlaubt den Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission die Kofinanzierung wissenschaftlicher Großprojekte. Das bedeutet in der Praxis, dass einzelstaatliche Forschungsprogramme im Hinblick auf Verwaltung, Finanzierung und Aufrufe zur Vorschlagseinreichung miteinander vollständig integriert werden müssen. Die einzelnen Forschungsbereiche werden auf Vorschlag der Kommission vom Rat und dem Parlament beschlossen. Eine erste Aktion nach Artikel 169 wurde bereits im RP6 in die Wege geleitet. Sie betraf armutsbedingte Krankheiten in Entwicklungsländern. Vier neue Maßnahmen sind bereits für das RP7 geplant. Dazu gehört auch Ambient Assisted Living (AAL), eine Maßnahme, welche die Lebensqualität älterer Menschen mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien verbessern soll.

Die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit…

Eine wichtige Feststellung ist, dass es funktioniert: Die Kooperation zwischen Forschern aus verschiedenen europäischen Ländern hat sich massiv verstärkt. Das macht sich auch bei den Forschern bemerkbar, die dank europäischer Projekte jetzt Zugang zu mehr Forschungsgeldern haben als in der Vergangenheit. Die Leiter der einzelstaatlichen Programme unterstrichen in einem kürzlich veröffentlichten Bericht, dass sich die ERA-NETs besonders für kleine Länder als interessant erweisen, die stark auf bestimmte Bereiche spezialisiert sind. „Die ERA-NETs eignen sich auch für besonders anspruchsvolle Themen – wie etwa seltene Krankheiten –, die einerseits zu umfangreich sind, um auf einzelstaatlicher Ebene behandelt zu werden, andererseits aber zu eng abgesteckt, um für die gemeinschaftliche Forschung interessant zu sein“, ergänzt Véronique Halloin, Chemieingenieurin und Generalsekretärin des belgischen Forschungsfonds (Fonds Natio nal pour la Recherche Scientifique – FNRS).

Für Véronique de Halleux, Forscherin am Polymerlabor der Freien Universität Brüssel (ULB), die am Projekt One-P (Organic Nanomaterials for Electronics
and Photonics)
beteiligt ist, das 200 Forscher aus zehn Ländern vereint, ist diese Initiative zweifellos ein Erfolg. „Mit Forschern aus verschiedenen europäischen Ländern zu kooperieren ist ein beträchtlicher Vorteil, denn dadurch stehen uns die besten Spezialisten zur Verfügung. Ohne diese Möglichkeit hätten wir das Projekt niemals auf die Beine stellen können“. Auch ihr Kollege Jean-Louis Deneubourg, Forscher und Leiter der Abteilung für Sozialökologie, das am Projekt MADE (Mitigating adverse ecological impacts of open ocean fisheries) beteiligt ist, schließt sich ihrer Meinung an. Er lobt vor allem, dass sich durch europäische Projekte Wissen ergänzen lässt. Doch er geht noch einen Schritt weiter: „Ohne diese europäischen Initiativen müsste ich mein Labor schließen“.

…und ihre Schattenseiten

Obwohl die Rädchen der ERA-NETs bereits gut eingelaufen sind, benötigen sie Unterstützung von politischer Seite. Und um genau diesen Aspekt der europäischen Zusammenarbeit zu verbessern, wurde das Konzept der gemeinsamen Programmplanung entwickelt. Mit diesem neuen Ansatz sollen die europäischen Minister bereits im Vorfeld an der Entscheidungsfindung beteiligt werden und gemeinsam Forschungsvorhaben anpacken, die auf wichtige gesellschaftliche Herausforderungen eingehen, wie die Alterung der europäischen Bevölkerung, den Klimawandel oder auch die Finanzkrise.

Die 32 europäischen Forschungsräte, die in EUROHORCS zusammengeschlossen sind, klagen über fehlende Reisemittel für Forscher. Obwohl sie selbst Stipendien erhalten könnten, gilt dies nicht für ihre Familien. Deshalb sind Forscher oft gezwungen, das Reisen aufzugeben, sobald sie eine Familie gründen.

Die Leiter der nationalen Programme haben sich bereits mit verbesserungswürdigen Fragen befasst und die Behebung der Schwächen der europäischen Initiativen bereits in Angriff genommen. So etwa wird die ERA-Net Learning Platform den Austausch zwischen den Forschungskoordinatoren und die Verbreitung von Informationen für die Forscher auf einem gemeinsamen Portal (NETWATCH) erleichtern. Außerdem will man die besten Verfahren für die Aufforderungen zur Vorschlagseinreichung ermitteln. Und schließlich weist Véronique Halloin auch auf die Frage nach den „gemeinsamen virtuellen Pools“ in den ERA-NETs hin. „Im Augenblick gibt es keinen wirklichen gemeinsamen Pool“, erklärte sie. Jedes Land behält sein Geld und verteilt es wieder an die Forscher aus den eigenen Ländern. Wenn ein Land über wichtige Forscher für drei der besten Projekte verfügt, aber das Geld nur für eines vorhanden sind, laufen die anderen beiden Gefahr, überhaupt nicht durchgeführt zu werden“.

Zusammen mit Forschern aus vielen verschiedenen Ländern zu arbeiten, ist sicherlich keine einfache Aufgabe. Für die Europäische Union bedeutet dies nicht nur, dass sie Initiativen unternehmen muss, mit denen die Zusammenarbeit zwischen diesen Forschungsprogrammen verbessert wird, sondern sie muss diese auch kontinuierlich einer strengen Folgenabschätzung unterziehen. Doch dieser Prozess benötigt viel Zeit, um zu reifen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Élise Dubuisson

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