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Unverzichtbar, aber mit hartnäckigen Schwächen

Der Bericht „A more research intensive and integrated European Research Area” der Europäischen Kommission ist eine Momentaufnahme der Rolle, die der Europäische Forschungsraum (EFR) weltweit spielt. 169 Seiten, gespickt mit Grafiken und Zahlen, ermöglichen einen Vergleich der Leistungen des EFR mit denen seiner größten Konkurrenten. Sie geben aber auch Gelegenheit, über offenkundige Schwächen nachzudenken und wie sich diese beseitigen lassen.


Zunächst eine Momentaufnahme. Die letzten Statistiken von 2006 weisen der EU eine herausragende Stellung zu, mit der größten Anzahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen und dem zweiten Rang (hinter den USA) bei der Anzahl angemeldeter Patente und den für Forschung und Entwicklung investierten Mitteln. Kann man sich darüber freuen? Mitnichten. Die europäischen Veröffentlichungen mögen sehr zahlreich sein, aber sie werden nicht am häufigsten zitiert. Und das ist das traditionelle Maß für die Bedeutung einer wissenschaftlichen Arbeit. Betrachtet man die 10 % der meist zitierten Veröffentlichungen, liegen die USA weit vorne. Der Grund dafür ist die fehlende thematische Spezialisierung der europäischen Forschung: Die EU ist in allen Bereichen auf einem guten Niveau aktiv, dominiert aber keinen der Bereiche mit der größten Dynamik. Die USA stehen an erster Stelle in der Biomedizin, Japan liegt bei den Materialwissenschaften unangefochten an der Spitze und die Europäische Union macht von allem etwas.

Aber gerade in den NBIC (Nanotechnologien, Biotechnologien und Informations und Kommunikationstechnologien sowie kognitive Wissenschaften) liegt die Zukunft der wissensbasierten Wirtschaft. Die Anwendungen in diesem Bereich sind eng – oft sogar untrennbar – mit der Erzeugung neuen Wissens verbunden. Und trotzdem investiert der Privatsektor in Europa weit weniger in FuE als in Asien oder Nordamerika. In den USA, mehr noch in Japan, China oder Südkorea, wird der Forschungsaufwand zu über 64 % vom privaten Sektor getragen, gegenüber 55 % in der EU.

Der Aufstieg Asiens

Betrachten wir nun die Entwicklung der Ereignisse des vergangenen Jahrzehnts. Eines steht fest: Die Stellung der Europäer verschlechtert sich kontinuierlich, ob man nun die Anzahl der Veröffentlichungen, der Patente oder die Forschungsintensität betrachtet – also die Mittel, die ein Land im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt investiert. Dieser Quotient gilt als repräsentativstes Maß für die Dynamik eines Forschungs systems.

Ein magerer Trost ist, dass dies auch in geringerem Maß für die USA gilt. Alte und Neue Welt erhalten in der Tat immer mehr Konkurrenz aus Asien. Seit 2000 stieg die Forschungsintensität in China um fast 60 % und die Anzahl der jährlichen Veröffentlichungen im Reich der Mitte übersteigt heute diejenigen des Landes der aufgehenden Sonne. Sicher, diese Steigerungen betreffen bis dato noch begrenzte Volumen. China investiert, in Kaufkraft ausgedrückt, dreimal weniger in die Forschung als die EU und seine Veröffentlichungen werden wenig zitiert. Aber der Trend ist deutlich: Im Bereich Wissenschaften, ebenso wie wirtschaftlich, politisch und militärisch holt das sich rasch entwickelnde Asien mit spektakulärer Geschwindigkeit auf.

Ein homogenerer EFR, aber mit wenig Dynamik

Fassen wir nun den Blick etwas enger und betrachten wir die einzelnen Facetten des EFR. Auf den ersten Blick scheint alles bestens zu sein: 20 der 27 Mitgliedstaaten haben den Anteil des FuE-Budgets an den staatlichen Ausgaben insgesamt seit 2000 erhöht. Und in 17 Ländern ergibt sich dadurch eine manchmal sogar spektakuläre Verstärkung der Bemühungen: von über 10 % in 12 Ländern, mit Spitzen von über 50 % in Estland und Lettland. Trotzdem bleibt die Kurve der Forschungsintensität des EFR mit etwa 1,85 % des BIP seit 2000 entmutigend flach.

Wie lässt sich dieses Paradox erklären? Die 12 Länder, die ihre Bemühungen am meisten verstärkt haben, bringen zusammen nur 17 % des BIP der EU auf. Mehr als die Hälfte des BIP stellen die demografischen und ökonomischen Schwergewichte Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien. Und in diesen vier Ländern stagniert der Forschungsaufwand oder ist gar rückläufig. Ist das Glas nun halb leer oder halb voll? Optimisten unterstreichen, wie stark mehrere Länder, die 2004 zur EU stießen, unterstützt durch Rahmenprogramm und Strukturfonds, aufholen konnten. Pessimisten weisen darauf hin, dass die wichtigsten europäischen Mächte ihre Rolle als treibende Kraft nicht spielen.

Immer noch kein europäisches Patent

Fassen wir zusammen: Europa ist nach wie vor eine Forschungsmacht erster Ordnung. In den Bereichen mit der größten Dynamik liegen jedoch die USA und Japan vorne, und die Schwellenländer – vor allem in Asien – holen stark auf. Der europäische Forschungsaufwand stagniert, selbst wenn sich die internen Differenzen ausgleichen. Wie lassen sich die anhaltenden Schwierigkeiten beim Aufbau einer echten wissensbasierten Wirtschaft erklären?

Wirtschaftswissenschaftler unterstreichen, dass eine der offensichtlichen Ursachen für die Schwierigkeiten Europas bei der Umwandlung der wissenschaftlichen Leistung in wirtschaftliches Wachstum in einem ungeeigneten System zum Schutz des geistigen Eigentums liegt. Die Anmeldung eines Patents ist in Europa nach wie vor teurer als im Rest der Welt. Viel teurer. Ein Industriebetrieb gibt bis zu zehn Mal mehr aus, um seine Erfindung in 12 Ländern der EU zu schützen als in den USA und 13 Mal mehr als in Japan. Und die Kosten für den Unterhalt eines Patents sind noch höher und für kleinere Unternehmen häufig so abschreckend, dass sie gezwungen sind, ihre technologischen Innovationen zu veräußern.

Grund hierfür ist die Komplexität der Verfahren des Europäischen Patentamts (EPA) in München (DE). Das EPA stellt keineswegs ein europäisches Patent aus. Es übernimmt nur die Rolle einer zentralen Stelle, die Anträge zentral entgegennimmt, sie untersucht und gegebenenfalls eine Bestätigung ausstellt, die sich dann in die jeweiligen nationalen Patente umwandeln lässt. Dabei fallen beachtliche Kosten für die Übersetzung an, ganz zu schweigen von den juristischen Problemen, die bei einer Anfechtung der Patente vor nationalen Gerichten entstehen, da sich in vielen Fällen die Rechtsprechungen widersprechen.

Hightech: eine zentrale Herausforderung

Die Trägheit des Systems zum Schutz geistigen Eigentums ist allerdings nicht neu, und die europäische Führung hat in den vergangenen Jahren mehrere Initiativen ergriffen, um Abhilfe zu schaffen. Die Verpflichtung, die Erfindung in die drei offiziellen Sprachen zu übersetzen, wurde abgeschafft und das Europäische Übereinkommen über Patentstreitigkeiten (EPL) erwägt die rechtlichen Grundlagen für ein künftiges Europäisches Patentgericht. Langsam bessert sich die Lage also und die Frage der Patente kann das Nachlassen der Wettbewerbsfähigkeit des EFR und die Schwierigkeiten, eine auf Wissen basierende Wirtschaft zu schaffen, nicht ausreichend erklären.

Wer wissensbasierte Wirtschaft sagt, meint auch Hightech-Unternehmen. Diese bringen den größten Teil der privaten Investitionen hervor, die dem EFR so dringend fehlen. Nun ändert sich jedoch die Struktur der europäischen Wirtschaft mit einem relativen Rückgang der Industrialisierung und einem Kurswechsel in Richtung Dienstleistungssektor, der allerdings nur wenig Forschungsarbeit schafft. Wesentlich weniger jedenfalls als die Luftfahrt, der Automobil- oder Energiesektor, Bereiche, in denen die EU noch immer einen erstrangigen Platz belegt, und vor allem weniger als die Biotechnologie und die Informations- und Kommunikationstechnologie. Gerade in diesen letzten drei Bereichen lässt sich die EU abdrängen, vor allem von den USA, wo sich Startups im Bereich Biotechnologie zu großen Pharmaunternehmen entwickeln, während sie in der EU kleine Unternehmen bleiben. Dasselbe gilt für das Internet. Die EU wartet immer noch auf ihr Genentech oder ihr Google.

Zeit für eine Neubelebung

Das Bild ist allerdings nicht nur düster, denn seit einigen Jahren macht sich in Europa eine Zunahme der Forschungsaktivitäten in der Fertigungsindustrie und bei den Dienstleistungen bemerkbar. Aber die entscheidende Schlacht wird in der Hightech-Industrie geschlagen. Die Experten der Europäischen Kommission haben es ausgerechnet: Der Forschungsaufwand der europäischen Hightech-Unternehmen müsste nur dem der amerikanischen Konkurrenz gleichkommen, damit die Forschungsintensität mit einem Mal um 0,1 Prozentpunkte zunähme. In den vergangenen 15 Jahren stieg sie aber nur um 0,06 % an. Und um diesen Anstieg zu verzehnfachen, benötigen diese Unternehmen die notwendigen Mittel, um zu wachsen und sich zu vermehren. Eine stärkere Unterstützung der Hightech-Sektoren wäre also der Schlüssel zu einer besseren internationalen Wettbewerbsfähigkeit des EFR und zweifellos auch zur Belebung der Wirtschaft.

Mikhaïl Stein

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