INTERVIEW

„Angesichts der Ausmaße des Problems haben wir entsetzlich wenig getan.“

Jean-Pascal van Ypersele – „Die Physik des Klimas hat nichts mit der politischen Agenda gemein.“ © Jacky Delorme (UCL)
Jean-Pascal van Ypersele – „Die Physik des Klimas hat nichts mit der politischen Agenda gemein.“
© Jacky Delorme (UCL)
Das Erdklima wird durch Sonneneruptionen – hier bei einer Sonnenfinsternis sehr gut sichtbar – sowie von der Position der Erde zur Sonne beeinflusst. Obwohl diese Parameter in großen Zeitmaßstäben variieren, reichen sie nicht aus, um den starken Temperaturanstieg seit der industriellen Revolution zu erklären.© ESO
Das Erdklima wird durch Sonneneruptionen – hier bei einer Sonnenfinsternis sehr gut sichtbar – sowie von der Position der Erde zur Sonne beeinflusst. Obwohl diese Parameter in großen Zeitmaßstäben variieren, reichen sie nicht aus, um den starken Temperaturanstieg seit der industriellen Revolution zu erklären.
© ESO

Jean-Pascal van Ypersele, Vizepräsident des IPCC(1), erklärt die wissenschaftliche Sachlage zur Klimaer wärmung, ohne die manchmal recht ungewöhnliche politische Interpretation zu vergessen.

Zur Frage der Klimaerwärmung scheint Konsens zu herrschen, doch ist es sicher, dass menschliche Aktivitäten dazu beitragen?

Das Vertrauensniveau hinsichtlich der menschlichen Ursache des Phänomens ist sehr hoch und steigt jedes Jahr. 1995 schrieb der IPCC: „Verschiedene Elemente weisen darauf hin, dass es einen spürbaren Einfluss menschlicher Aktivitäten auf das Klima gibt.“ 2007 wurde festgestellt, dass der größte Anteil der Erwärmung in den letzten 50 Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 % auf Treibhausgasausstöße zurückzuführen ist, die durch den Menschen verursacht werden.

Diese Sicherheit gründet auf zahlreichen Argumenten. Einerseits wurden große Fortschritte bei der Klimamodellierung erzielt. Und andererseits spielt die besondere Form der Erwärmung eine Rolle: Typisch für sie ist eine erkaltende obere Atmosphäre, weil die Treibhausgase einen Teil der Wärme in der unteren Atmosphäre zurückhalten, die sich ihrerseits sehr schnell aufheizt. Wenn die Erwärmung etwa auf eine gesteigerte Sonnenaktivität zurückginge, dann wäre sie gleichmäßig und vor allem stärker in der Stratosphäre zu spüren. Außerdem kann man beobachten, dass sich die Regionen um die Pole stärker erwärmen als an den Wendekreisen, was die Erklärung durch den Treibhauseffekt ebenfalls bestätigt.

Welche Folgen sollten grundsätzlich angezweifelt werden?

Der letzte Klimabericht fasst die Folgen auf mehreren hundert Seiten zusammen, angefangen bei Ernteausfällen in der Landwirtschaft bis hin zur Gesundheit. Ich möchte hier die Bedeutung der hydrologischen Veränderungen hervorheben: Die Modelle sehen die Austrocknung mehrerer stark besiedelter Regionen voraus, darunter auch des Mittelmeerbeckens, wo es bereits große Probleme aufgrund des Wassermangels gibt. Ein weiterer Aspekt ist das Abschmelzen der Gletscher in den Anden und im Himalaja. Diese stellen wichtige Wasserspeicher für Millionen von Menschen dar, für die die Regenzeit nur wenige Wochen bis Monate dauert. In der restlichen Zeit werden die Flüsse durch die Gletscher gespeist. Deshalb ist ihr vorprogrammiertes Verschwinden sehr besorgniserregend.

Dasselbe gilt auch für den Anstieg des Meeresspiegels. Davon sind alle europäischen Küstengebiete betroffen, etwa die Niederlande, Belgien und Deutschland. Die Bodenerosion wird schneller fortschreiten, das Grundwasser wird versalzen, große Sturmschäden sind zu befürchten. Im Nildelta leben etwa zehn Millionen Menschen nur einen Meter über dem Meeresspiegel. Es ist ziemlich sicher, dass im Laufe dieses Jahrhunderts der Meeresspiegel um mindestens einen halben Meter ansteigen wird, vielleicht sogar um einen Meter. Wohin sollen all diese Menschen?

Was soll man von der Risikoschwelle von 2 °C Erwärmung halten?

Der Weltklimarat hat niemals behauptet, dass diese Schwelle von 2 °C nicht überschritten werden darf, noch, dass die CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre auf unter 450 ppm (parts per million) zu stabilisieren seien. Unsere Aufgabe – die Nuance ist hier wichtig – ist es zu sagen, dass man sich für dieses oder jenes Szenario auf diese oder jene Erwärmung einigt, also auf die eine oder andere Folge. Die Politiker müssen dann die akzeptablen Folgen festlegen, weil dazu Werturteile notwendig sind, die nicht in das Ressort der Wissenschaftler fallen. Der 2 °C-Wert kam bei einer Sitzung des EU-Ministerrates auf. Er wurde dann im Klimabericht von 2001 sozusagen validiert, in dem das berühmte Diagramm Burning Embers (glühende Kohlen) veröffentlicht wurde, welches die Schwere der Folgen für verschiedene Temperaturen zusammenfasste. Seine Farben gingen von weiß bis rot bei 2 °C für die meisten Folgen und das hat dazu geführt, dass sich diese Ziffer im Gedächtnis festsetzen konnte, obwohl sie auf mehr als zehn Jahre alten Daten beruht.

Wollen Sie damit sagen, dass die neusten wissenschaftlichen Informationen diesen Schwellenwert entkräften?

Auf Anfrage der Politiker wurden die Folgen im Detail überarbeitet. Für die Autoren des Berichts von 2007, praktisch dieselben, die schon 2001 mitgewirkt hatten, sollten die Grenzwerte um 0,5 °C gesenkt werden. Die neue Grafik [Anm.d. Red.: siehe Artikel „Die Diagnosewerkzeuge“ in dieser Ausgabe] wurde nicht im Bericht veröffentlicht, sondern 2009 in der amerikanischen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Ich sagte bereits, dass es mir als Vizepräsidenten des IPCC nicht zusteht, eine Gefahrengrenze festzulegen. Allerdings kann ich sagen, sollten sich die Minister, die sich vor 13 Jahren auf Grenzwerte von 2 °C und 450 ppm geeinigt haben, heute auf der Grundlage derselben Kriterien Entscheidungen treffen, würden sie sehr wahrscheinlich die Gefahrengrenze auf 1,5 °C und 350 ppm festsetzen.

Welche Wirkungen hätte eine solche Änderung der Gefahrengrenze?

Derzeit gibt der IPCC keine Antwort auf diese Frage, weil das vorbildlichste Szenario, dass er im Hinblick auf die Emissionen bewertet hatte, eine Erwärmung von 2 °C bis 2,4 °C annimmt. Wir haben uns daher auf eine Verallgemeinerung beschränkt, um eine Vorstellung von den Emissionen zu erhalten, die es uns ermöglichen, unter 1,5 °C zu bleiben. Ich denke, dass diese Lücke im kommenden Bericht ausgeglichen wird – sollte dies der Fall sein, müssten die Ziele zur Emissionssenkung noch strenger formuliert werden.

Haben die Politiker auf den IPCC seit seinem letzten Bericht mehr gehört?

Es gab eine größere positive Wendung – und das steht nicht im Widerspruch zu dem, was ich Ihnen sagen möchte –, weil das 2 °C-Ziel vor Kurzem zunächst auf dem G8- und dann auf dem G20-Gipfel übernommen wurde. Das ist sehr wichtig, trotz der Bedenken, die ich zu diesem Wert angemeldet habe, weil man sich bis dahin auf internationaler Ebene noch auf keinen Wert geeinigt hatte. Und das ist das Schlimmste! Das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen, das 1992 kurz vor dem Gipfel in Rio angenommen wurde, beschränkte sich lediglich auf „die Stabilisierung der Konzentrationen von Treibhausgasen in der Atmosphäre auf einem Stand, auf dem eine gefährliche vom Menschen verursachte Störung des Klimasystems verhindert wird.“ Was bedeutet, dass wir seit 17 Jahren ohne quantifiziertes und international anerkanntes Ziel leben. Dass ein Wert angenommen wurde, ist ein riesiger Fortschritt, weil daraus eine ganze Reihe anderer Werte folgen, insbesondere die Emissionsreduktionsziele.

Kann man sagen, dass die Arbeiten des IPCC allmählich in politische Entscheidungen umgesetzt wurden?

Nur dass die Interpretationen unserer Schätzungen oft selektiv sind. So haben wir gesagt, um zwischen 2 °C und 2,4 °C Erwärmung zu liegen – und wohlgemerkt nicht unter 2 °C! –, müsste unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Unsicherheiten der weltweite Ausstoß seinen Höhepunkt „zwischen 2000 und 2015“ erreichen. Manche haben sich bereits auf 2015 festgelegt, und ich bedauere, dass der Europäische Rat vor einigen Wochen diese Frist auf „vor 2020“ erweitert hat! Vielleicht weil das europäische Klimapaket mit dem Horizont von 2020 aufgestellt wurde, doch die Physik des Klimas hat nichts mit der politischen Agenda gemein.

Ein anderes Beispiel: Als kürzlich auf dem G8-Gipfel das 2 °C-Ziel verabschiedet wurde, wurde dies mit einer „Senkung der globalen Emissionen um 50 %“ gleichgesetzt, doch ohne das Referenz-Jahr anzugeben, was bedeuten würde, dass man sich auf aktuelle Emissionen bezieht. In seinem Bericht hatte der IPCC angegeben, dass die weltweiten Emissionen im Vergleich zu den Werten von 1990 um 50 % bis 85 % gesenkt werden müssten. Und seitdem sind die Emissionen um ungefähr 40 % gestiegen! Zusammenfassend bedeutet das, dass unabhängig davon, ob wir die Ziele überhaupt erreichen können, diese auf internationaler Ebene bereits weit über dem liegen, was nötig wäre, um die Menschen und Ökosysteme zu schützen.

Was ist für die Emissionsreduktion noch zu tun?

Es ist bereits viel geleistet worden, aber angesichts der Größe des Problems noch viel zu wenig. Nehmen Sie das Kyoto-Protokoll: Das Ziel ist es, die Emissionen der Industrieländer in 22 Jahren um 5 % zu senken (zwischen 1990 und 2012) und dieses Ziel wird nur knapp erreicht werden. In diesen Ländern müssen jetzt die Emissionen um 80 % bis 95 % in 40 Jahren gesenkt werden, was weltweit einer Gesamtreduktion von 50 % bis 85 % gleichkommt. Und zum Ende des Jahrhunderts sollten diese bei null liegen. Das setzt jedoch voraus, dass wir unser Konsum- und Produktionsverhalten – nicht nur für Energie, sondern für alle Güter – von Grund auf ändern müssen, wie wir uns fortbewegen, wohnen und arbeiten. Das ist eine wahre Revolution!

Das Interview führte Yves Sciama

  1. Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen (International Panel on Climate Change, IPCC), kurz: Weltklimarat. Jean-Pascal van Ypersele ist Physiker, Klimaforscher und Professor am Institut für Astronomie und Geophysik der Katholischen Universität Löwen (BE).

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