PROJEKTE

Gemeinsam sind wir schlauer

Um herausragende Leistungen zu erzielen, setzt die europäische Forschungspolitik auf Zusammenarbeit in den unterschiedlichsten und anspruchsvollsten Bereichen. Diese Strategie bringt die europäischen – und internationalen – Akteure dazu, beim Streben nach Innovation ihre Fähigkeiten zu koordinieren. Einige Beispiele.

© P.Visser/OLLA project
© P.Visser/OLLA project

Das Europa der neuen Lichter

Eine Diode ist eine elektronische Halbleiterkomponente aus zwei Materialschichten, zwischen denen Elektronen in eine Richtung fließen können. Bei diesem Durchfluss wird – unter bestimmten Bedingungen – Energie in Form von Photonen frei. Die Eigenschaften lichtemittierender Dioden, kurz LED (Light-emitting diodes), sind aus technologischen Anwendungen nicht mehr wegzudenken. Mal beleuchten sie Tasten oder Leuchtanzeigen auf einer Vielzahl elektrischer oder elektronischer Geräte, mal dienen sie – dank der Erfindung der Laserdioden – als Leseund Schreibkopf für Brenner von Audio- und Video- oder Daten-CDs.

Diese beiden Funktionen der LED-Technologien – Lichterzeugung und Umwandlung optischer Signale – bilden einen wichtigen Forschungsbereich, der bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. So vereinen zwei europäische Projekte wissenschaftliche Akteure und in diesem Bereich führende Industriebetriebe. Das Konsortium WWW.BRIGHTER.EU will die Stärke und photonische Präzision von Laserdioden besonders bei Anwendungen für die medizinische Bildgebung und in Telekommunikationsnetzen verbessern. Ein weiteres Projekt namens OLED100.eu. eu arbeitet an den neuen organischen LED-Dioden, um eine neue Generation von Fernseh- und Computerbildschirmen mit höherer Energieeffizienz zu entwickeln.

www.ist-brighter.eu
www.oled100.eu

Rechnen im Netz

The Mountain, Choreographie von Jason Garcio Ignacio, basierend auf den Klängen vulkanischer Beben. Die Aufnahme erfolgte mit Verfahren, die von dem im Rahmen des Dante- Projekts beteiligten Künstler und Ingenieur Domenico Vicinanza entwickelt wurden.© P.Visser/OLLA project
The Mountain, Choreographie von Jason Garcio Ignacio, basierend auf den Klängen vulkanischer Beben. Die Aufnahme erfolgte mit Verfahren, die von dem im Rahmen des Dante- Projekts beteiligten Künstler und Ingenieur Domenico Vicinanza entwickelt wurden.
© P.Visser/OLLA project

Die Wissenschaft macht riesige Fortschritte, vorausgesetzt, sie hat die Mittel dazu. Und hierbei kommt den Informatikressourcen eine besonders große Bedeutung zu. Als das Internet vor 20 Jahren von einigen Forschern der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) entwickelt wurde, stand der Informationsund Datenaustausch zwischen den Forschungszentren im Vordergrund.

Wie es weiterging, ist bekannt: Die bemerkenswert offen konzipierte Erfindung breitete sich auf alle Tätigkeitsbereiche der Gesellschaft aus. Aber der Bedarf an Informatik in der Forschung beschränkt sich nicht auf den Austausch von Informationen. Die enorme Menge an Kenntnissen konfrontiert die Forschung mit anderen Zwängen: Rechenleistung und Verarbeitung der Daten. Die Leistung der Rechner in den wissenschaftlichen Einrichtungen steigt kontinuierlich, viele verfügen sogar über „Superrechner“.

Der Bedarf an Rechnerleistung ist jedoch derart hoch, dass bereits in den 1990er Jahren eine neue Frage auftauchte: Wie kann man die Rechner so miteinander verbinden, dass ihre Verarbeitungskapazität gemeinsam genutzt werden kann? So entstand das Konzept des Grids.

Dieser Begriff bezeichnet im Englischen üblicherweise ein Stromnetz, an das man sich anschließt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wo das Kraftwerk steht, das den Strom erzeugt. Durch die Entwicklung einer ganzen Reihe technischer Kompatibilitäts- und Standardisierungslösungen sollen Grids die ungenutzten Arbeitskapazitäten Tausender autonomer Rechner in allen Teilen der Welt ausnutzen.

Die EU hat von vorneherein die Bedeutung einer Entwicklung der verteilten EDV erkannt. Schon 1993 unterstützte sie die Schaffung der Plattform DANTE (Delivery of Advanced Network Technology to Europe) in Cambridge (UK), die sich zunächst mit der Einrichtung des derzeitigen, gemeinsam von den nationalen europäischen Forschungs- und Bildungsnetzen genutzten Systems GÉANT2 befasste. Dieses reicht vom Atlantik bis ans Schwarze Meer. Aber in Zeiten der Globalisierung wollte Europa auch eine Vorreiterrolle bei den interkontinentalen Netzen spielen. TEIN3 (Trans-Eurasia Information Network) sorgt für die Verbindung mit den Forschungsnetzen Chinas, Indiens, Australiens und Südostasiens. EUMEDCONNECT3 versorgt Nordafrika und den Nahen Osten. ALICE (America Latina Interconectada Con Europa) ist die Verbindung zum südamerikanischen Grid CLARA.

www.dante.net

Neues auf dem Teller

© Shutterstock
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Proteine, Lipide, Kohlenhydrate: Die Angabe des Anteils dieser Stoffgruppen auf den Verpackungen aller industriell hergestellten Nahrungsmittelzubereitungen ist den Verbrauchern wohlbekannt. So können sie die verschiedenen Energiequellen, welche die Zellen ihres Organismus verstoffwechseln, zumindest grob dosieren. Seit etwa zehn Jahren erkunden Biochemiker weitere Bereiche der Ernährung. Sie erforschen die Wirkungsweise einer Vielzahl anderer Moleküle, der sekundären Stoffwechselprodukte, welche die Zellen jenseits der globalen Stoffwechselprozesse beeinflussen.

So wie man bei der Erforschung der DNA vom Genom spricht, interessieren sich die Wissenschaftler heute für das Metabolom. Mit dieser Wortschöpfung wird die systematische Einteilung der Stoffwechselzwischenprodukte bezeichnet: Hormone und andere Signalmoleküle sowie sekundäre Stoffwechselprodukte, die sich in einer biologischen Probe finden.

Über seine fundamentalen Aspekte hinaus ist dieser neue Forschungsbereich der Metabolomik von höchstem Interesse für die Identifizierung wichtiger Daten zur Rolle, die diese verschiedenen molekularen Bestandteile im Hinblick auf ihre positiven Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheitsprävention spielen. So möchte das internationale Projekt META-PHOR in nächster Zukunft die ernährungstechnischen Qualitäten der für die Welternährung intensiv kultivierten Pflanzen aufgrund ihres Reichtums an bioaktiven Stoffwechselprodukten nachweisen. Die 22 Partner (Universitäten, landwirtschaftliche Institute, Lebensmittelerzeuger) interessieren sich derzeit für Reis (darunter auch das auf den Philippinen angesiedelte Internationale Reisforschungsinstitut – IRRI), für Brokkoli und Melonen.

www.meta-phor.eu

Einen Riecher für Gefahr

Im mobilen Zeitalter stützen sich Schutzstrategien gegen urbane, industrielle und Umwelt-Katastrophen immer stärker auf das Potenzial präventiver Hilfsmittel, das miteinander vernetzte Sensoren darstellen. Die elf Partner des Projekts Winsoc (Wireless Sensor Networks with Self-Organization Capabilities for Critical and Emergency Applications) entwickeln derzeit ein neues Verfahren in Form von sensorischen Netzen, die sich an der Architektur biologischer Systeme orientieren.

Es werden drei Risikoarten untersucht: die Vorhersage und Prävention von Erdrutschen, Alarm bei Gaslecks aller Art und Temperaturkontrollen zur vorzeitigen Erkennung oder Eindämmung von Bränden. Im Rahmen von Winsoc arbeiten große Unternehmen, akademische und private Forschungszentren, KMU und öffentliche Akteure aus dem Katastrophenschutz zusammen. So vereint dieses Projekt hochkarätiges Know-how (im Bereich Sensortechnologie, Informationsund Kommunikationsnetzverwaltung usw.) und praktische Fachkenntnisse aus dem Sicherheitsbereich.

www.winsoc.org

Auf dem Weg zur Unionsbürgerschaft

Einen Bereich mit echten Herausforderungen für Sozial- und Politikwissenschaften stellt derzeit die „Governance-Krise“ dar. Um dieses Phänomen zu erklären, werden gewöhnlich die Auswirkungen der Globalisierung herangezogen. Aber die Frage der Governance muss auch in engem Zusammenhang mit der steigenden Einflussnahme einer immer komplexeren und offeneren Zivilgesellschaft gesehen werden, die auf ihr Recht auf Beteiligung und Kontrolle pocht. Dieses Doppelthema steht auch im Mittelpunkt der Reflexionen des europäischen Exzellenznetzes CINEFOGO (Civil Society and New Forms of Governance in Europe), einem Beispiel für intensive Zusammenarbeit im Bereich der sozioökonomischen Forschung. Unter der Koordination der Universität von Roskilde (DK) tauschen seit 2004 200 Forscher des CINEFOGO- Netzes, die von 45 Partnereinrichtungen aus ganz Europa stammen, ihre Analysen und Arbeitsdaten aus.

So schafft CINEFOGO ganz konkret eine Grundlage für Reflexionen, Kenntnisse und Praktiken darüber, wie sich der aktive Bürger in die gesellschaftliche und politische Führung einbringt (oder einbringen könnte). Das Forschungsgebiet erstreckt sich auf Fragen, wie die Erneuerung der demokratischen Diskussion und Organisation, den „Wohlfahrtsstaat“ und soziale Absicherungen, Familien- und Geschlechterpolitik, Antworten auf Fragen der Immigration, den Kampf gegen soziale Ausgrenzung usw.

www.cinefogo.org

Didier Buysse



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