GESUNDHEIT

Eine öffentlich-private Partnerschaft ohnegleichen

Weniger als 6 % der Moleküle, die in der vorklinischen Phase, also an Tieren oder Zellkulturen, getestet werden, gelangen zehn und mehr Jahre später als Arzneimittel in die Apotheken.© Shutterstock
Weniger als 6 % der Moleküle, die in der vorklinischen Phase, also an Tieren oder Zellkulturen, getestet werden, gelangen zehn und mehr Jahre später als Arzneimittel in die Apotheken.
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Vor rund zehn Jahren kamen noch 70 % aller neuen Medikamente aus Europa. Heute liegt dieser Anteil nur noch bei 30 %. Um diesen besorgniserregenden Rückgang aufzuhalten, haben die Europäische Kommission und der europäische Verband der pharmazeutischen Industrie beschlossen, die notwendigen Forschungen gemeinsam zu verwalten und die Innovation in diesem Sektor voranzutreiben.

Die strukturellen Schwierigkeiten der Pharmaindustrie lassen sich an zwei Zahlen festmachen. Seit 1995 sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in diesem Sektor um 80 % gestiegen. Doch gleichzeitig ist die Zahl neuer Medikamente um 40 % gefallen. „Dieser Schwund hat mehrere Ursachen, die sowohl wissenschaftlicher als auch regulatorischer und wirtschaftlicher Art sind“, analysiert Arthur Higgins, Präsident des Europäischen Verbands der pharmazeutischen Industrie (EFPIA). „Unsere Unternehmen arbeiten an diesem Problem, doch es ist klar, dass dies nicht ausreicht.“ Deshalb hatte EFPIA 2007 die Idee der Europäischen Kommission, eine neue öffentlich-private Partnerschaft aufzubauen, mit der die sinkende Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Pharmaindustrie wieder angekurbelt werden sollte, mit Begeisterung aufgenommen.

Das Ziel der Initiative Innovative Arzneimittel (IMI) ist nicht die Entwicklung neuer Medikamente, sondern die Aktualisierung von Werkzeugen, Methoden und der Kenntnisse, mit denen in der Zukunft Innovationen erleichtert werden sollen. Der Weg vom aussichtsreichen Molekül zum Medikament ist lang und dornenreich. Weniger als 6 % der Moleküle, die in der vorklinischen Phase, also an Tieren oder Zellkulturen, getestet werden, gelangen zehn und mehr Jahre später als Arzneimittel in die Apotheken. Für diese hohe Ausfallquote gibt es drei Gründe: Bei vorklinischen Versuchen wird eine unerwartete Toxizität festgestellt, unerwünschte Nebenwirkungen treten im Lauf der klinischen Versuche der Phase I auf – in dieser Phase soll die Toleranzschwelle des Medikaments beim gesunden Menschen festgestellt werden – und schließlich kann sich im Lauf der klinischen Phasen II und III eine ungenügende Wirksamkeit am Patienten manifestieren.

Eine strategische Agenda

Für jedes dieser Hindernisse werden in der strategischen Forschungsagenda von IMI Forschungsprioritäten festgelegt. Um beispielsweise die Toxizität besser voraussagen zu können, ist die Entwicklung von Datenbanken notwendig, mit denen die Wirkung eines Moleküls in allen Einzelheiten mit seiner chemischen Struktur oder auch biologischen Markern in Zusammenhang gebracht werden kann. So ist es möglich, ein Problem sehr rasch zu erkennen, das sich auf klinischer Ebene womöglich erst Jahre später zeigen wird. Um die Wirksamkeit eines Moleküls bei einer der fünf von IMI vorrangig behandelten Krankheiten – Krebs und Erkrankungen des Gehirns, Stoffwechselerkrankungen, entzündliche und Infektionskrankheiten – besser zu verstehen, müssen die Zellmodelle der Krankheit erforscht werden, anhand derer die Wirkung des Moleküls in vitro getestet werden kann. Dadurch könnte man auch die Anzahl der Tierversuche senken, eine Forderung, der sich sowohl die Europäische Kommission als auch EFPIA verschrieben haben.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit genügt, um zu verstehen, was von den künftigen Forschungen zu erwarten ist. Noch zu Beginn der 1990er Jahre wurden 40 % der Moleküle aus der Arzneimittelentwicklung ausgeklammert, weil in der Versuchsphase festgestellt wurde, dass sie von den Schutzmechanismen des Organismus blockiert oder vom Immunsystem abgebaut wurden. Dank der heutigen Möglichkeiten in der Modellbildung bilden derartige Probleme der biologischen Verfügbarkeit nur noch bei 10 % die Ursache für Fehlschläge, weil bereits im Vorfeld festgestellt wird, ob ein Molekül das Zielorgan erreichen kann oder nicht.

Grundstrukturen

So wurden alle Akteure in der Arzneimittelentwicklung dazu aufgerufen, sich an IMI zu beteiligen: rund 2 100 EFPIA-Mitglieder, akademische Forschungseinrichtungen, innovative KMU, Patientenverbände, Krankenhäuser und die Arzneimittelbehörden. Damit so viele unterschiedliche Organisationen zusammenarbeiten können, war eine neue rechtliche Struktur notwendig: die gemeinsame Technologieinitiative.

Sie wird gemeinsam durch die Europäische Kommission und EFPIA gelenkt, die für den Zeitraum 2008 bis 2013 jeweils 1 Mrd. EUR in das gemeinsame Unternehmen Initiative Innovative Arzneimittel investieren. „Die Kommission ist für die Einrichtung und den Start von IMI solange zuständig, bis diese die erforderliche Betriebsfähigkeit besitzt, um das Budget selbst zu verwalten. Das ist für das dritte Trimester 2009 vorgesehen“, erklärt Alain Van Vossel, Interims-Exekutivdirektor von IMI. Beide Institutionen sind paritätisch im Verwaltungsrat vertreten, welcher IMI leitet und für die Veröffentlichung der Aufrufe zu Vorschlagseinreichung zuständig ist. Diese erstrecken sich über vier strategische Pfeiler: Prognose der Toxizität von Molekülen, Prognose ihrer Wirksamkeit, die Verbesserung des Wissensmanagements – vor allem mithilfe von Datenbanken – und schließlich die Weiterentwicklung der Ausbildung qualifizierter Arbeitskräfte, die dieser Industriezweig, der in Europa 500 000 Menschen beschäftigt, dringend braucht.

Ein völlig neuartiges Verfahren

Um die Originalität des gemeinsamen Unternehmens IMI zu verstehen, muss man das Verfahren der Aufrufe zur Vorschlagseinreichung näher betrachten. Auf dieses können sich nämlich nur Konsortien aus öffentlichen Forschungseinrichtungen und innovativen KMU bewerben und nicht die Industrie, die sich vor allem Anregung durch die Kreativität ihrer Partner verspricht. Die Vorschläge werden von durch den Verwaltungsrat nominierten Experten begutachtet, und die besten werden an eine Gruppe von Unternehmen der EFPIA weitergeleitet, die sich für das jeweilige Thema interessieren. Dann wird ein zweites Konsortium eingerichtet, das ein eng mit den Forschungsbetreibern und den potenziellen Nutzern der Forschung zusammenhängendes endgültiges Projekt erstellt. Nach einem weiteren Gutachten wird dieses Konsortium durch IMI finanziert. Um den Wettbewerb nicht durch direkte Finanzhilfen an die Unternehmen zu verzerren, herrscht eine strenge Trennung zwischen den öffentlichen Mitteln von der Europäischen Kommission, die ausschließlich an die Forschungseinrichtungen und innovativen KMU fließen, und den privaten Mitteln, die von den EFPIA-Mitgliedern in Form von Ausrüstung, Personal und Infrastrukturen zur Verfügung gestellt werden.

Für die Errichtung der von IMI unterstützten Projekte war auch juristische Findigkeit erforderlich, um die Frage nach dem geistigen Eigentum (IPR) der Forschungsergebnisse zu lösen. Damit sollten die normalerweise konkurrierenden Unternehmen davon überzeugt werden, gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen. So musste etwa die juristische Bedeutung des Begriffs „Background“ von Forschungsprojekten des 7. Rahmenprogramms (RP7), mit dem bestehende Kenntnisse oder Schutzrechte bezeichnet werden, genauer bestimmt werden, um der Nutzung von Betriebsgeheimnissen, die die Industrien ihren Partnern zur Verfügung stellen, einen rechtlichen Rahmen zu geben. Man entschloss sich außerdem dazu, jedem Konsortium im Hinblick auf die Regelung der Aufteilung der IPR von Forschungsergebnissen einen großen Handlungsspielraum einzuräumen.

Doch besteht bei einer derart komplexen Funktionsweise nicht die Gefahr, die wissenschaftliche Kreativität zu gefährden? Um dies zu sagen, ist es noch zu früh. Bei IMI sind bereits ein gutes Dutzend Vorschläge auf den ersten Aufruf zur Vorschlagseinreichung im Mai 2008 eingegangen und die Konsortien, die sich die ersten 300 Mio. EUR teilen werden, müssten im Laufe des Sommers 2009 gegründet werden. Doch bereits jetzt haben sich die beiden Gutachter, die die Transparenz des Bewertungsverfahrens überwachen und sicherstellen sollen, dass die aufgrund ihrer Beteiligung an der Leitung von IMI an diesen teilnehmenden Unternehmen nicht von ihrer Position profitieren, zufriedenstellend über die Organisation des ersten Aufrufs geäußert und diesen als „gut konzipiert und reif“ bezeichnet. Das ist außerordentlich ermutigend für diese ungewöhnliche und kühne öffentlich- private Partnerschaft.

Mikhaïl Stein



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Die Grundlagen der Initiative Innovative Arzneimittel

Dass sich die europäische Pharmaindustrie überhaupt auf die gemeinschaftliche Nutzung ihrer vorwettbewerblichen Forschungen eingelassen hat, liegt daran, dass sie bereits zwischen 2005 und 2008 mit dem Projekt Innovative Medicine for Europe (InnoMed) Gelegenheit hatte, den Nutzen dieses Ansatzes einzusehen. Dieses Konsortium aus 14 Universitäten, 16 Industrieunternehmen und 8 KMU, das sich 18 Mio. EUR an Forschungsgeldern teilte, arbeitete gemeinschaftlich an zwei Themen: an der Beschreibung von Biomarkern, mit denen der Verlauf der Alzheimerkrankheit sowohl beim Menschen als auch an Tiermodellen beobachtet werden konnte, und an der Errichtung von Datenbanken, in denen die riesigen dank der Techniken für die Genomsequenzierung produzierten Informationsmengen zur Toxizität von Molekülen zusammengefasst wurden. Der Erfolg dieser Initiative hatte die Europäische Kommission und die Industrie vom nächsten Schritt überzeugt.

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