BRAINDRAIN

Die Parameter des Exodus


Braindrain ist in Europa nichts Neues. Ein besonders beliebtes Abwanderungsland sind die USA. Die Probleme dieses Exodus verschärfen sich immer mehr, da die Wirt schaft auf Wissen gründet und diejenigen, die auswandern, gerade die wertvollsten Rädchen im System sind. Ein Gespräch mit Ahmed Tritah, Forscher und Ökonom am französischen Zentrum für internationale Wirtschaft (Centre d'Etudes Prospectives et d'Information Internationales - CEPII) und Verfasser einer neuen Studie zu diesem Thema.(1)

Wie entwickelt sich das Phäno - men der Abwanderung von Wissenschaftlern (Braindrain) in die USA? Warum trifft es manche Mitgliedstaaten oder bestimmte Fachbereiche besonders schwer? Was bringt den Europäern dieses Exil, was sie in Europa nicht finden können? Und umgekehrt, wie sieht das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Aufnahme von Migranten für die USA aus und welche Folgen hat die durch dieses Phänomen verursachte „Verarmung des Humankapitals" für die „Exportländer"?

Um auf diese Fragen eine grundsätzliche Antwort zu geben, hat sich der Ökonom Ahmed Tritah mit amerikanischen Statistiken aus mehr als zwei Jahrzehnten (1980 bis 2006) befasst. Seiner Studie kommt das Verdienst zu, die Komplexität des Problems und die Anzahl der zu berücksichtigenden Faktoren aufzuzeigen, wenn man dies in allen Einzelheiten untersuchen möchte. Dieser seit 20 Jahren verfolgte Ansatz ermöglicht es ihm, die grundlegenden Migrationstendenzen von Europa auf die andere Seite des Atlantiks in einen neuen Rahmen zu fassen. „Die europäischen Auswanderer stellen in ihrem jeweiligen Heimatland nur einen winzig kleinen Anteil der Bevölkerung dar. Doch seit 1990 und dem Technologieboom in den USA nehmen die Migrationsflüsse zu und dieser Steigerung entspricht in den meisten Ländern auch eine Senkung der Rückkehrrate."

Jung und gebildet

Und genau hier liegt das Problem, denn was diese europäischen Migranten auszeichnet, ist ihr junges Alter und ihr Bildungsniveau. Unter ihnen befindet sich ein wachsender Anteil an Ingenieuren, Forschern und Wissenschaftlern - mit anderen Worten Personen, die in Innovations aktivitäten eingebunden sind und die die wissensbasierte Wirtschaft stärken können.

Im Jahr 2004 hat ein anderer Forscher, Gilles Saint-Paul(2) vom Center for Economic Policy Research - CEPR, bereits die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte untersucht.

Bereits damals stellte er fest, dass sich unter den Migranten aus Europa immer mehr Hochschulabsolventen befanden. Zwischen 1990 und 2000 verschob sich ihr Anteil an der Gesamtheit der Auswanderer desselben Landes von 34,6 % auf 41,9 % in Deutschland, von 42,7 % auf 56,1 % in Frankreich und von 17,1% auf 25,7 % in Italien. Darunter befand sich auch eine steigende Anzahl von Inhabern eines wissenschaftlichen Doktortitels. Dieser Exodus bedeutet natürlich auch einen großen Verlust im Hinblick auf den Bildungsaufwand der Herkunftsländer, der es ihnen ermöglicht hat, dieses Niveau zu erreichen.

Aber Ahmed Tritah hat die Analyse noch stärker erweitert, indem er vier amerikanische Statistiken aus dem Zeitraum 1980 bis 2006 genauer unter die Lupe nahm. Er befasste sich mit europäischen Emigranten im Alter zwischen 25 und 64 Jahren. Dabei ging er davon aus, dass Studenten keinen ständigen Aufenthalt haben und klammerte diese folglich aus. 2006 lebten 2,3 Millionen Europäer dieser Altersgruppe in den USA, was 1,1% der vergleichbaren Population in der Europäischen Union entspricht (der Anteil wurde ausgehend von den 15 EUStaaten des Jahres 2005 berechnet). Dieser globale Anteil hat sich seit 20 Jahren kaum verändert.

Die Auswanderungsbewegung scheint sich jedoch je nach Land - vor allem seit der Erweiterung der Europäischen Union auf 25 und dann auf 27 Mitglieder - nach Alter und nach Qualifi kationen unterschiedlich zu gestalten.

Über die Hälfte aller in den USA arbeitenden Europäer sind traditionell britischer oder deutscher Abstammung (knapp 2% ihrer Landes - bevölkerung) und ihre Auswanderungsrate nimmt auch weiterhin rasch zu. Dieser Gruppe folgen Italiener, Franzosen und Spanier.

Während sich in Frankreich immer mehr Menschen für eine Laufbahn jenseits des Atlantiks entscheiden (77% mehr in der Kohorte von 1996 bis 2006 im Vergleich zur Dekade von 1981 bis 1990), sinkt die Gesamtanzahl italienischer Staatsbürger in den USA, obwohl die Auswanderungsrate in Italien ebenfalls angestiegen ist. „Diese Senkung lässt sich teilweise dadurch erklären, dass die italienischen Auswanderer im Vergleich zu ihren europäischen Kollegen relativ alt sind.

Die meisten sind bereits 65 Jahre alt und im Rentenalter. Das zeigt, dass dieses Phänomen auch nach Kohorte analysiert werden muss und nicht nur global."

Die Selektivität des Wissens

Über die globalen Strömungen hinaus betont Ahmed Tritah auch das, was er als die Intensität der Abwanderung bezeichnet, die aus dem „Ausmaß der Emigration und des Niveaus (unter anderem Qualifikation, Produktivität) der Migranten im Verhältnis zur Population des Herkunftslandes resultiert". In diesem Sinn sollte von einer „selektiven Beschaffenheit" dieses Migrationsphänomens gesprochen werden. Volkszählungen ließen erkennen, dass der „abwandernde Bevölkerungsteil jünger ist als der Bevölkerungsdurchschnitt des Herkunftslandes und einen höheren Bildungsstand besitzt. Für zahlreiche Länder ist dieser Qualifikationszuwachs 2006 höher als 1980: Die von den Migranten ausgeübten Berufe konzentrieren sich zunehmend auf innovative, kreative und Wissen vermittelnde Aktivitäten." Und in diesen Bereichen „arbeiten im Vergleich zu den Forschern in Europa immer mehr europäische Forscher in den USA; die Herkunftsländer sind vor allem jene, in denen das mittlere Bildungsniveau der Bevölkerung niedrig ist." Außerdem wird ausgehend von einem Indikator, der die Studienjahre nach Ertrag (also nach Einkommen) in den Herkunftsländern gewichtet, geschätzt, dass das Humankapital der Europäer in den USA im Jahr 2006 rund 0,2% bis 0,6% des Humankapitals ihres eigenen Landes darstellte. Nach einem Abschwung in den 1980er Jahren steigt dieser Anteil seit 1990 wieder an und spiegelt die zunehmend selektive Beschaffenheit der Emigration im Hinblick auf die Produktivität wider. So haben zum Beispiel die Portugiesen, die in den USA leben, doppelt so lange studiert wie der Durchschnitt ihrer Landsleute, wogegen in Deutschland, wo die Studiendauer im Schnitt schon sehr lang ist, diejenigen, die auswandern, über diesem Durchschnitt liegen.

Das hohe Bildungsniveau der Auswanderer lässt sich an ihrem Gehaltszettel ablesen. „Ein Europäer erhält im Vergleich zu einem Amerikaner mit denselben Qualifikationen ein höheres Gehalt. Dieser Gehaltsbonus könnte auf besondere und stark gefragte Talente oder auf eine Überrepräsentation der Europäer in Wirtschaftssektoren mit höherem Mehrwert, wie den neuen Technologien, hinweisen, in denen die Gehälter allgemein höher sind.

Welche Interpretation man auch vorzieht, da dieser Bonus für die jüngst ausgewanderten Menschen höher ausfällt, bestätigt er, dass die Qualität des in den USA arbeitenden europäischen Humankapitals ebenfalls angestiegen ist."

Was kann Europa tun?

Was kann Europa gegen dieses Phänomen unternehmen? Interessanterweise ist in den letzten zehn Jahren zu beobachten, dass aus Ländern, die ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung erheblich angehoben haben, weniger Fachkräfte in die USA abgewandert sind.

Dänemark hat den Anteil des Bruttoinlandprodukts (BIP) für Forschung und Entwicklung zwischen 1995 und 2006 um 0,6 Punkte angehoben, und seit dem Jahr 2000 ist die Anzahl ausgewanderter Wissenschaftler um 21% gesunken. „Eine Erhöhung des Verhältnisses der Ausgaben für Forschung und Entwicklungzum BIP um einen Punkt des BIP senkt den Abwanderungsstrom im Mittel um 72%." Als der Europäische Rat im Jahr 2000 die Lissabon- Strategie auf den Weg brachte, wurden die Mitgliedstaaten aufgefordert, bis 2010 3% des BIP für Forschung zur Verfügung zu stellen. Von diesem Ziel ist man aber weit entfernt - mit Ausnahme der nordeuropäischen Länder, wo Schweden bereits 1995 über 3% erreicht hatte. Eine weitere Frage ist, wie lange die Europäer in Übersee arbeiten. Die Rückkehr scheint sich über Jahre hinzuziehen. Diejenigen, die in den 1990er Jahren in ihr Heimatland zurückgingen, waren in der Mehrheit älter als diejenigen, die in den 1980er Jahren zurückkehrten.

Diese Feststellung könnte darauf hinweisen, dass die Migranten viel für den Aufenthalt in den USA investieren unter anderem durch den Kauf eines Hauses und durch das Erlernen der Sprache.

Auch ist ein unterschiedliches Bildungsniveau zwischen jenen (weniger ausgebildeten), die in ihre Heimat zurückkehren, und den anderen zu erkennen. Zudem gibt es auch Variationen zwischen den Herkunftsländern. Im Jahr 2000 kehrten 50% der Skandinavier in ihre Heimatländer zurück, im Vergleich dazu gab es nur 20% Rückkehrer aus Südeuropa. „Auch wenn die Abwanderung nur vergleichsweise geringe Ausmaße erreicht, ist die Tatsache, dass Europa einen wachsenden und immer besser qualifizierten Anteil seines Humankapitals in die USA exportiert, ein Anlass zur Sorge."

Christine Rugemer

  1. The Brain drain between Knowledge-Based Economies, Hrsg. CEPII.

  2. Gilles Saint-Paul, The Brain Drain, Some Evidence from European Expatriates in the US, CEPR, Discussion Paper Series n°4680, 2004.


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