INTERVIEW

„Das Internet entwickelt sich zu einem weltweiten Meta-Computer“

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Joël de Rosnay „Je globalisierter die Welt ist, um so ausgeprägter ist der Tribalismus.“
Joël de Rosnay „Je globalisierter die Welt ist, um so ausgeprägter ist der Tribalismus.“

Aufbauend auf seinen Kenntnissen der Biologie und modernen Technologie beschäftigt sich Joël de Rosnay seit 30 Jahren damit, wie die Zukunft wohl aussehen wird, die uns die digitale Zivilisation bringt. Wir haben ihn in Crans Montana in der Schweiz getroffen, wo er am World Knowledge Dialogue Symposium 2008, einem interdisziplinären und zukunftsorientierten Treffen, teilnahm, bei dem die großen Denker der Welt zusammenkommen.

Welche Tendenzen entwickeln sich Ihrer Meinung nach aus der weltweiten Vernetzung von Computern und Menschen?

Stellen wir erst einmal klar, dass sich die digitale Zivilisation, zu der wir langsam übergehen, nicht auf das Internet beschränkt, sondern auch die Telekommunikation (Telefon, Fernsehen), die Satelliten, intelligente Umgebungen usw. umfasst. Immerhin wird das Internet von morgen mit seinen Blogs, E-Mails, Videos, mit Messaging und mobilen Systemen eine noch stärkere Interaktion zwischen den Nutzern fördern. Das Internet hat sich wie ein Darwin'sches System entwickelt, genauso verzweigt wie das Leben selbst, nach dem Vorbild eines Baumes in der Evolution des Lebens. Es gibt nur wenig Gesamtplanung bei der Entwicklung des weltweiten Netzes, aber unzählige individuelle Initiativen oder kleine Gruppen. Wir erleben die echte Selbst - organisation einer „kollaborativen" bzw. „konnektiven" Intelligenz - ich ziehe diese beiden Begriffe der Bezeichnung „kollektiv" vor.

Sie beschreiben manchmal das Ergebnis dieser Entwicklung als einen „planetarischen Superorganismus".

Ich habe mehrere Metaphern verwendet, um die Menschen dafür zu sensibilisieren, was gerade passiert und dass sich dies schwer erklären lässt, weil es sich um ein völlig neues Paradigma handelt. In „Homo symbioticus" aus dem Jahr 1995 verwende ich den Begriff „Kybiont", eine Wortschöpfung aus „Kyb" wie in Kybernetik und der Wurzel „Bios", was die belebte Welt bezeichnet. Dieser Begriff beschreibt also einen lebenden Organismus, bei dem es sich um einen planetarischen Metaorganismus handelt. Bis jetzt waren die großen planetaren Organismen, die wir kennen, Städte, Staaten, große internationale Organisationen. Aber mit dem Kybiont gelangen wir auf eine neue Stufe der Komplexität, denn es handelt sich um einen globalen Superorganismus, dessen Neuronen in gewisser Weise wir sind. Diese Metapher wird auch von anderen Wissenschaftlern verwendet, wie zum Beispiel von E. O. Wilson in seinem letzten Buch. Er greift die von James Lovelook entwickelte Theorie von Gaia auf, nach der die Erde ein Lebewesen ist. Wie ich in „Homo symbioticus" erkläre, gibt es für mich zwei Entitäten, die miteinander verschmelzen: einerseits Gaia, der Stoffwechsel des Planeten mit seinen Energieund Materieströmen (Kohlenstoff-, Stickstoff-, Wasserkreislauf usw.), und andererseits Kybiont, das Nervensystem, das sich gerade herausbildet und organisiert.

Wer programmiert diesen planetarischen Supercomputer?

Das sind die Internetbenutzer selbst! Ich nenne sie „Pronetarier", was bedeutet, dass sie für das Internet und auch im Internet sind.

Natürlich ist das auch eine Anspielung auf Marx und seinen Aufruf zur Einheit der Proletarier aller Länder. Abgesehen davon, dass die Pronetarier bereits vereint sind, unterscheiden sie sich auch in der Hinsicht von den Proletariern, dass sie ihre eigenen Produktions - mittel besitzen. Mit einem einfachen individuellen Computer programmiert jeder von uns den weltweiten Megacomputer von innen her neu, indem er Fotos, Artikel, Links, „Tags", Kommentare usw. ins Internet stellt. Noch verblüffender an dieser riesigen Maschine ist, dass sie nun seit fast 20 Jahren ohne Unterbrechung funktioniert. In 20, 30 Jahren wird dieses System zweifellos sein eigenes, mit dem der Lebewesen vergleichbares Immunsystem besitzen, das im Interesse aller gegen Viren und Spam ankämpfen kann.

Ist die Herausbildung dieser kollaborativen Intelligenz eine gute Sache für die menschlichen Gesellschaften?

Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass ich keinerlei Urteil abgebe, sondern einfach versuche, die Potenziale und Gefahren zu analysieren.

Es gibt ungemeine Potenziale: Durch ein Überdenken der Beziehungen zwischen Politikern und Cyberbürgern - was ohnehin geschehen muss - könnte man eine wirkliche Cyberdemokratie schaffen, die viel partizipatorischer ist und die herkömmliche repräsentative Demokratie ergänzen könnte. Das setzt natürlich voraus, dass dafür gesorgt werden muss, dass diese aufstrebende Intelligenz zu dem führt, was James Surowiecki „The Wisdom of Crowds" (Die Weisheit der Vielen) nennt. Es ist jedoch nicht gesagt, dass diese Weisheit immer in die richtige Richtung geht. Die „Vielen" können auch verrückt werden, eigentlich unerhebliche Auswirkungen verstärken, oberflächlich reagieren oder sich gegen diejenigen wenden, die Fragen stellen.

Sehen Sie weitere Gefahren in der Entwicklung der digitalen Gesellschaft, wie zum Beispiel die erhöhte Kontrolle der Staaten?

Die Einschränkung der individuellen Frei - heiten ist eine Gefahr, die bereits seit langer Zeit besteht. Die Regierungen haben schon immer Telefongespräche abgehört, Menschen beschattet und Karteien angelegt - kurz: den Nachrichtendienst eingesetzt, nur dass sich heutzutage durch Satelliten, Mobiltelefone, Kreditkarten, RFID, Informationsspeicherung usw. der Maßstab der technischen Möglich - keiten verändert hat.

Für mich besteht die größte Gefahr in einer dualen Gesellschaft, in der sich fanatischer Individualismus (wie man ihn häufig bei jungen Leuten findet) und wachsender Tribalismus vereinigen, also ein immer stärker werdender Kommunitarismus entsteht. Daher befürchte ich, dass sich Gruppenbewegungen herausbilden, die die Menschen in Richtungen mitreißen, über die sie nicht ausreichend nachgedacht haben. Ich habe bereits geschrieben, dass sich die Welt, je mehr sie sich globalisiert, auch immer stärker tribalisiert. Das ist sowohl positiv als auch negativ: Die Menschen hängen an ihren Ländern, ihrer Kultur, ihrer Sprache, ihren Wurzeln, ihrem Lebensraum - das alles ist von Vorteil. Wird das jedoch bis zum Äußersten getrieben, entwickelt sich ein übersteigerter Nationalismus, der gefährlich wird.

Erleben wir nicht gerade die Entwicklung eines wissenschaftlichen Tribalismus, indem die Forscher in ihr Fachgebiet eingeschlossen werden?

Das habe ich vor 20 Jahren auch gedacht: Die Fachgebiete wurden immer enger gefasst und die Kommunikation mit anderen Wissen - schaftlern wurde immer schwieriger. Heute ist das nicht mehr ganz der Fall, denn es herrscht eine Konvergenz der Komplexitäts - wissenschaften, des systemischen Ansatzes, und zwar insbesondere über die Chaostheorie.

Wir stellen jetzt fest, dass es in ganz unterschiedlichen Bereichen analoge Gesetze gibt: Kybernetik, Ökologie, Wirtschaft, Physiologie... Daher ist es heute möglich, in ein neues Zeitalter der Spezialisten zurückzukehren, die zwar ihr Fachgebiet bis ins Detail beherrschen, aber durch diesen systemischen Ansatz danach streben, andere Fachgebiete zu verstehen und sich davon inspirieren zu lassen, und die auf diese Weise auch Generalisten sind.

Außerdem gibt es jetzt junge Forscher mit einer viel allgemeineren Ausrichtung, die in den Medien auftreten - was dann gelegentlich zu Auseinandersetzungen mit älteren, spezialisierteren Wissenschaftlern führt, die sie beschuldigen, über Themen zu sprechen, in denen sie nicht firm sind.

Nehmen Sie am WKDS teil, um dieses disziplinübergreifende Bestreben zu unterstützen?

Ich nehme daran teil, weil es ein Forum darstellt, einen Ort und eine Organisation, wie es sie auf der Welt kein zweites Mal gibt, um die Ideen, die Wissenschaftler, Philosophen, Soziologen, Industrievertreter oder Politiker zu den Entwick - lungen in der Welt und den großen Heraus - forderungen der Zukunft haben, einander gegenüberzustellen. Es wird heftig, aber tolerant diskutiert, wobei die gegenseitigen Standpunkte respektiert werden. Dadurch wird eine friedliche und gelassene Atmosphäre geschaffen, was das kollektive Schaffen fördert.

Das Interview führte Yves Sciama



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Joël de Rosnay

Der studierte Biologe Joel de Rosnayist Geschaftsfuhrer von Biotics International und wissenschaftlicher Berater des Prasidenten der Cité des Sciences et de l'Industrie, dem grosten franzosischen Wissenschaftsmuseum. Zuvor war er als Forscher und Lehrer am MIT - Massachusetts Institute of Technology (USA) - sowie als Leiter der Abteilung fur angewandte Forschung am Institut Pasteur tatig.

Als bekannter Autor schrieb er bereits etwa 15 Bucher, u. a. „Das Makroskop" (1975), „Homo symbioticus" (1995) oder auch das bisher nur in franzosischer Sprache erhaltliche „La revolte du pronetariat" (2006) und „2020: Les scenarios du futur" (2007). .


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Das Wissen im Dialog

Der World Knowledge Dialogue wurde vor zwei Jahren ins Leben gerufen und soll gegen die Abschottung der Fach gebiete ankampfen, indem ein Dialog gefordert wird, der „dem Wissen seine menschliche, ja sogar humanistische Dimension" wiedergeben soll.

Im September 2008 fand das Forum in Crans Montana in der Schweiz statt. An ihm nahmen zahlreiche bedeutende Personlichkeiten, wie zum Beispiel der Astrophysiker Hubert Reeves, der Biologe Edward Wilson, der Primatologe Frans de Waal oder auch die Nobelpreistrager John Sulston und Christiane Nusslein-Volhard sowie Vertreter der Sozial- und Geisteswissenschaften teil.


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