RÜCKBLICK

Hubert Curien, Begründer einer europäischen Forschung

Bei der Schaffung eines Europas der Forschung spielten mehrere Faktoren zusammen: politischer Wille, wirtschaftliche Notwendigkeiten, wissenschaftsinterne Zwänge. Sie wären aber wirkungslos geblieben, wenn es nicht eine Reihe von Visionären gegeben hätte, um sie umzusetzen. An erster Stelle ist hier der ehemalige französische Forschungsminister Hubert Curien zu nennen.

Hubert Curien auf der Messe Le Bourget 2001 in Paris. © ESA/P.Sebirot
Hubert Curien auf der Messe Le Bourget 2001 in Paris. © ESA/P.Sebirot

Unter den zahlreichen Initiativen für die wissenschaftliche Zusammenarbeit auf europäischer Ebene, die im Laufe der letzten 40 Jahre ins Leben gerufen wurden, gibt es kaum eine, die nicht mit dem im Februar 2005 verstorbenen Kristallografen und Politiker Hubert Curien in Zusammenhang steht. Umgekehrt war das Europa der Forschung der rote Faden, der sich durch Hubert Curiens Karriere zog. Hubert Curien hatte den Krieg und die Résistance erlebt.

Er gehörte zu jener Generation von Idealisten, für die der Aufbau Europas eine moralische Pflicht und eine politische Notwendigkeit war.

Und dadurch war er sehr viel empfänglicher für die objektiven Gründe, eine europäische wissenschaftliche Zusammenarbeit zu entwickeln.

Menschen, Maschinen und Ideen

Hubert Curien setzte sich für den Forscheraustausch und die europäischen Kooperationsnetze in drei verschiedenen Umfeldern ein: in der Europäischen Wissenschaftsstiftung (EWS), deren Vorsitzender und Gründungsmitglied er war, im Europarat, für den er eine historische Zusammenkunft der Forschungsminister zu diesem Thema organisierte, und im ersten europäischen Programm zur Unterstützung von Forschern, das er gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Ausschusses für europäische Entwicklung von Wissenschaft und Technologie CODEST beaufsichtigte.

Die große europäische Forschungseinrichtung, mit der sein Name am engsten verbunden ist, ist die Europäische Synchrotronstrahlungsanlage (ESRF) in Grenoble: Das Projekt wurde im Rahmen der Europäischen Wissenschaftsstiftung gestartet, als Curien ihr Präsident war. Es entstand auf der Grundlage von Arbeiten einer kleinen Expertengruppe, in der er eine zentrale Rolle spielte. Die Vereinbarung, die schließlich zum Bau führte, wurde in einer Sitzung unter seinem Vorsitz unterzeichnet. Auch wenn er nicht an der Gründung des CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, beteiligt war, hat Hubert Curien dennoch eine wichtige Rolle beim LHC - Large Hadron Collider-Projekt (siehe zu veröffentlichenden Artikel in research*eu Nr. 59) - gespielt. Kurz vor der Entscheidung wurde er zum Präsidenten des CERN ernannt und so kam ihm die schwierige Aufgabe zu, die Initiative auf den Weg zu bringen.

Hubert Curien hatte zuvor den von Ilya Prigogine präsentierten Vorschlag unterstützt, eine europäische wissenschaftliche Versammlung zu gründen (die erst viele Jahre nach dem Vorschlag ins Leben gerufen und bald darauf wieder aufgelöst wurde). Er gehörte auch zu der kleinen Gruppe von Persönlichkeiten, die in Anlehnung an die britische Royal Society die Einrichtung der Academia Europaea vorbereitete, deren Vorsitzender er später wurde.

Die Begeisterung für den Weltraum

Hubert Curiens größte Leidenschaft war jedoch der Weltraum. Er wird häufig als der geistige Vater der Trägerrakete Ariane bezeichnet.

Im Laufe seiner gesamten nationalen und europäischen Karriere, als Präsident der französischen Raumfahrtagentur CNES und später als Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtorganisation (ESA) hat er sich mit Überzeugung für das Prinzip eines unabhängigen europäischen Zugangs zum Weltraum sowie für die Entwicklung von Raumfahrtanwendungen eingesetzt. Außerdem war er ein eifriger und bedingungsloser (für manche jedoch zu begeisterter) Verfechter der bemannten Raumfahrt.

Aus der Sichtweise des Forschers

Hubert Curien ist im Herzen immer ein leidenschaftlicher Forscher gewesen. So erklärt sich auch die Unterstützung, die er der Idee des Europäischen Forschungsraums (EFR) angedeihen ließ. Eine solche Idee wurde zuerst in den 1970er Jahren durch den Kommissar Ralf Dahrendorf formuliert, dann Mitte der 1990er Jahre von seinem Nachfolger Antonio Ruberti wiederentdeckt und mit Philippe Busquin zum Anfang des Jahres 2000 in ein tatsächliches politisches Projekt umgesetzt. Hubert Curien kannte die Sichtweise von Ruberti und gehörte zu den Personen, welche die Idee an Philippe Busquin „weitergereicht" haben, den dann wiederum der derzeitige Kommissar Janez Potocˇnik beerbte. Die Mehrzahl der an der Geschichte des Europäischen Forschungsraums (EFR) beteiligten Persönlichkeiten waren Akademiker und der Welt der Grundlagenforschung verbunden. Zu dieser intellektuellen Familie gehörte natürlich auch Hubert Curien, so wie übrigens auch ein weiterer wichtiger Protagonist dieser Geschichte, der portugiesische Forschungsminister José Mariano Gago.

In allem, was Hubert Curien unternommen hat - mit Ausnahme der Raumfahrt -, nehmen Technologie- und Industrieforschung im Grunde nur einen bescheidenen Platz ein. Und dann ist da natürlich noch EUREKA. Hubert Curien hat diese Initiative zwar loyal verteidigt und in deren Anfangsphase geschickt mitgewirkt, er war jedoch im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung nicht an der Gründung beteiligt.

EUREKA ist aus einer Idee heraus entstanden, die von dem Gedankengut Hubert Curiens weit enfernt liegt.

Eine Stilfrage

„Der Stil ist der Mensch", erklärte der Naturforscher Buffon einmal. Hubert Curien war ein pragmatischer und sachlicher Mensch, der sich wenig aus Rhetorik, Phrasen und großartigen Konzepten machte. Er war bescheiden und höflich, für seinen Sinn für Konsens und für seine Geschicklichkeit, den Konsens zu erreichen, bekannt, aber auch für seine Fähigkeit, in einem liebenswürdigen Ton bisweilen harte Wahrheiten auszusprechen, denen man nur wenig entgegenzusetzen hatte, weil man sie einfach nicht abstreiten konnte und weil sie mit einer entwaffnenden Liebenswürdigkeit vorgebracht wurden.

Der Handlungsstil von Hubert Curien war gleichzeitig auch sein Ausdrucksstil. Er zog es vor, sich eher mündlich als schriftlich auszudrücken, daher gibt es nur wenige von ihm verfasste Texte. Und nur in ganz seltenen Fällen machte er sich die Mühe, seine Ideen und seine Vision vom Europa der Forschung in umfassender und systematischer Weise darzustellen. Man kann sich jedoch in einigen erhaltenen Niederschriften von Gesprächen und Vorträgen leicht einen Einblick verschaffen. Darin drückt er sich mit einer spontanen Herzlichkeit aus, in einer präzisen, konkreten und bildhaften Sprache, in der seine Persönlichkeit ebenso zum Ausdruck kommt wie in seinen Handlungen.

Die Kombination aus Pragmatismus und gesundem Menschenverstand, Bescheidenheit und Offenheit, Scharfsinn und psychologischer Finesse, wohlwollender Feinsinnigkeit und Ironie, warmherziger Einfachheit und Gutmütigkeit, Klarheit in den Ideen und entschlossener Ruhe bei ihrer konkreten Darlegung, die die Basis der Persönlichkeit von Hubert Curien bildete, haben ihm sicher geholfen, die schwierigen Abkommen zu schließen, ohne die das Europa der Wissenschaft noch heute lediglich ein Schlagwort wäre.

Was kann ein Mensch ausrichten?

In einem Artikel über die ESRF schrieb der frühere Forschungsbeauftragte der Pechiney- Gruppe, Yves Farge, Folgendes: „Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass dieses Labor ohne den entschlossenen Einsatz von Hubert Curien heute nicht existieren würde." Wäre das Europa der Forschung anders, wenn Hubert Curien wie so viele seiner Kameraden in der Résistance durch feindliche Kugeln gefallen wäre? Wir kennen die Antwort, die zahlreiche Historiker auf diese Frage geben würden: „Nein, wenn Hubert Curien nicht gewesen wäre, wäre die europäische Forschung nicht anders, jemand anderes hätte das getan, was er vollbrachte." Sicherlich, es ist möglich, dass viele der Initiativen, mit denen der Name von Hubert Curien verbunden ist, auch ohne ihn früher oder später ergriffen worden wären. Aber sicherlich nicht zum gleichen Zeitpunkt und nicht in der gleichen Form, nicht mit dieser Überzeugungskraft und nicht mit diesem Erfolg. Natürlich ist Hubert Curien nicht der einzige, der sich für das

Europa der Wissenschaft eingesetzt hat, jedoch lässt sich nicht bestreiten, dass sein Beitrag auf diesem Gebiet ganz außergewöhnlich war. Mehr als jeder andere verdient er daher den Titel des Begründers der europäischen Forschung.

Michel André


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