DIE HAUT

Erscheinung und Transparenz

Epidermisblatt, das in Kultur rekonstruiert wurde. Es liegt hier in Form einer transluziden Membran vor. © CNRS Photothèque/Hubert Raguet Epidermisblatt, das in Kultur rekonstruiert wurde. Es liegt hier in Form einer transluziden Membran vor. © CNRS Photothèque/Hubert Raguet
Keratinozyten (hauptsächlich vorkommender Zelltyp in der Epidermis). © CNRS Photothèque-IBPC Lyon Keratinozyten (hauptsächlich vorkommender Zelltyp in der Epidermis). © CNRS Photothèque-IBPC Lyon
Basis eines menschlichen Haars. Histologischer Schnitt (600-fach). Epidermisformation, die aus einem Haarfollikel in einer Umhüllung zu wachsen beginnt. Seine Lebensdauer von durchschnittlich eintausend Tagen umfasst eine Wachstumsphase von etwa zwei Jahren, in der sich etwa 85 % der Haare eines Menschen bilden. © Inserm/J.Nguyen Legros
Basis eines menschlichen Haars. Histologischer Schnitt (600-fach). Epidermisformation, die aus einem Haarfollikel in einer Umhüllung zu wachsen beginnt. Seine Lebensdauer von durchschnittlich eintausend Tagen umfasst eine Wachstumsphase von etwa zwei Jahren, in der sich etwa 85 % der Haare eines Menschen bilden. © Inserm/J.Nguyen Legros
Dendritische menschliche Langerhanszellen (durch einen spezifischen Antikörper grün markiert) in einer Hautbiopsie. Neue Bildgebungsverfahren ermöglichen ein besseres Verständnis der Dynamik der subzellulären Strukturen in normalen und Krebszellen © CNRS Photothèque/Jean Salmero, J.Mac Dermott Dendritische menschliche Langerhanszellen (durch einen spezifischen Antikörper grün markiert) in einer Hautbiopsie. Neue Bildgebungsverfahren ermöglichen ein besseres Verständnis der Dynamik der subzellulären Strukturen in normalen und Krebszellen © CNRS Photothèque/Jean Salmero, J.Mac Dermott

Wir sind von unserer Haut umgeben. Dieser Schutzmantel trägt mit zu unserem Aussehen bei, verrät aber auch viel über unser Inneres. Aufregung lässt uns erröten, Angst verursacht Gänsehaut, Stress äußert sich in Hautveränderungen und Schweiß ist ein Hinweis auf Hitze oder Entsetzen. Es hat schon seinen Grund, dass wir uns „wohl oder unwohl in unserer Haut fühlen".

Die Haut eines Erwachsenen hat eine Fläche von 1,5 bis 2 m2 und macht 10 % der Körpermasse aus.

Sie ist etwa 4 mm stark. Die äußere Schicht, die Epidermis (ein Zehntel Millimeter dick), sorgt für Undurchlässigkeit, Widerstandskraft und erneuert sich etwa alle vier Wochen durch Abstoßen der abgestorbenen Zellen an der Oberfläche. Darunter liegt die Dermis, eine Art „Futter" mit 0,5 bis 0,9 mm Stärke. Sie besteht aus verschiedenen Komponenten, von denen Kosmetikkennern einige vertraut sein dürften: das von den Fibroblasten erzeugte Collagen und die Elastinfasern, die Elastizität und Widerstandskraft verleihen.

Die Dermis enthält zudem Blutgefäße, Haarfollikel - das heißt die nährenden Wurzeln der Haare (durchschnittlich 100 000) -, Körperhaare (1 Mio. bei Frauen und fünf Millionen bei Männern) sowie Schweiß- und Talgdrüsen. Die Hypodermis, also das Unterhautgewebe, besteht aus Adipozyten (Fettzellen), die eine Art Schutzpolster bilden, für die thermische Isolierung sorgen und zudem ein Energiereservoir darstellen (Lipide, Fettsäuren).

Biologische Barriere

Als Ganzes spielt die Haut eine unerhört effiziente Rolle als Wächter, indem sie eine biologische Barriere gegen drohende Mikroorganismen, UV-Strahlen, Bakterien, Viren und Pilze bildet und uns - wenn alles gut geht - undurchdringbar macht. Dieser „Panzer" besteht aus riesigen Bataillonen von Zellen, von denen die Hautkeratinozyten die größte Gruppe bilden (mit einer Stärke von höchstens einem Fünfzigtausendstel Millimeter). Sie sind in Schichten angeordnet, deren Anzahl zwischen zehn und hundert variieren kann, je nachdem, ob sie sich an „empfindlichen" (Hals, Innenseiten der Arme) oder stärker ausgesetzten Stellen (Handflächen, Fußsohle) befinden.

Dieses unglaubliche Gewebe wird unablässig erneuert. In der Tat verlieren wir jeden Tag ein Einundzwanzigstel unserer Keratinozyten.

Gleich zeitig werden tief im Unterhautgewebe neue Zellen als Ersatz für die alten gebildet.

Wenn eine Zelle an die Oberfläche der Haut wandert, sich dort ansiedelt und nach getaner Arbeit abgestoßen wird, steht bereits eine neue bereit, um sie zu ersetzen.

Im Fall eines Angriffs von Mikroorganismen hat die Haut ihren eigenen Abwehrmechanismus.

So erkennen die Langerhanszellen aus dem Knochenmark und der Mukosa (200 bis 700 je Quadratmillimeter) den Eindringling, übermitteln seine chemische Spur bis zu den Lymphknoten und geben dort die Information an die Lymphozyten, die auf die Immunabwehr spezialisierten Zellen, weiter.

Klimaanlage und Neurotransmitter

Als regelrechtes Thermostat sind der Haut Temperaturen - in einem gewissen Rahmen - egal. Sie widersteht Hitze: Schweißdrüsen produzieren Schweiß, der innere Wärme ableitet und verdunstet. Und selbst größte Kälte kann ihr, jedenfalls für eine begrenzte Zeit, nichts anhaben: Dann wird die Blutzirkulation in der Haut reduziert, was auch den Wärmeverlust verringert.

Noch erstaunlicher ist, dass die Haut ein leistungsfähiges Netzwerk für den Empfang und die Übertragung von sensorischen Informatio- nen ist und dank Kapillargefäßen und Nervenendigungen, die überall vorhanden sind, in konstantem Austausch mit dem Gehirn steht.

Das Gehirn kann jederzeit genau feststellen, an welcher Stelle unserer Hülle eine Empfindung stattfindet und wodurch sie hervorgerufen wird (Zusammenstoß, Stich, Kontakt, Wärmeeinwirkung, Flüssigkeit). Aber die Kommunikation erfolgt ebenso in umgekehrter Richtung, das heißt vom Zentralnervensystem zur Haut. Wenn man weiß vor Angst oder rot vor Scham wird, geschieht dies ganz einfach durch eine Kontraktion oder Dilatation der Hautgefäße.

Trotz all dieser Stärken ist unsere Haut verletzlich, und die Zahl der Krankheiten, die die Haut erleiden kann, geht in die Tausende. Sie altert, dehydriert, bekommt Falten, erschlafft und zeigt im Lauf der Zeit, was man so romantisch „Altersflecken" nennt. Collagen- und Elastinfasern (zuständig für die Festigkeit bzw. Elastizität der Haut), die bis zum Alter von 15 oder 20 Jahren produziert werden, bilden ein Kapital, von dem man über die Jahre hinweg zehrt.

Wertvolles Gewebe für die Forschung

Diese seltsame Mechanik interessiert die Forscher. Die Haut war das erste Gewebe, das im Labor gezüchtet werden konnte, und zwar in den 1970er Jahren von Howard Green. Der Wissenschaftler hatte Hautzellen in einer Kulturschale mit Nährstoffmilieu abgelegt und beobachtet, dass sich die Zellen vermehrten.

Die Forschungsarbeiten führten dann zur Züchtung von Haut, die man zur Versorgung von Verbrennungsopfern verwendete - zwei Quadrat z entimeter Haut ergeben innerhalb von zwei Wochen ein Hautareal von einem Quadrat meter.

Seit ein paar Jahren interessieren sich die Wissenschaftler für einen weiteren Aspekt: Die Haut ist eines der „Grundlagenorgane" des Menschen. Sie ist in der Lage, Stammzellen zu erzeugen, die ein großer Hoffnungsträger für Regenerationstherapien sind. Die Beherrschung eines derartigen biologischen Prozesses eröffnet eine Alternative zur Verwendung von embryonalen Stammzellen, derzeit die einzigen, die zur Verfügung stehen.

In der Pharmakologie gibt es weitere neue Ansätze, die sich mit der Haut als therapeutischem Mittel beschäftigen. So bieten etwa Patches und Gele, deren Einsatzgebiete derzeit noch begrenzt sind, im Gegensatz zu Tabletten den Vorteil, dass sie die Funktionsfähigkeit von Leber und Magen nicht beeinträchtigen.

Der Bezug zwischen bestimmten Hautkrankheiten (Psoriasis, Akne) und Stress ist ebenfalls Gegenstand von Arbeiten zum Zusammenspiel von Haut und Nervensystem. Zudem entwickeln Forscher Möglichkeiten der Informationsaufnahme über die Haut, die eine frühzeitige Erkennung von Infektionen bei Dialysepatienten oder von Dekubitus bei liegenden Patienten ermöglichen. Die Haut ist zudem der ideale Ort für die Befestigung von Mikrosensoren, die in der Lage sind, selbst aus der Ferne Fehlfunktionen von Lunge oder Herz festzustellen.

Ein aufschlussreiches Terrain

Abgesehen von den physischen Besonderheiten sagt diese feine Barriere auch viel über unsere Psyche, unsere soziale Umgänglichkeit und unsere Gefühle aus. Ist das Fühlen nicht eine beeindruckende Fähigkeit? Die Nervenfaserenden an der Hautoberfläche der Haut sind lauter einzelne Sensoren, die auf Druck, Temperatur, Schmerz und auch auf sanfte Berührung reagieren.

Unsere Haut ist Ausdruck unserer Reaktionen, ruft aber auch die anderer Menschen hervor.

Sie hat eine bestimmte Farbe, die bis in die Gegenwart hinein Anlass für Entgleisungen und Übergriffe ist. Rassismus gibt es auch heute noch, obwohl längst bekannt ist, dass es bei der Hautfarbe nur um Melanosomen, Melanozyten und Melanin geht. Melanin ist ein natürliches Pigment, das entsprechend seiner Konzentration die Haut mehr oder weniger dunkel färbt. Ein Mensch wird mit 3,5 Gramm Melanin pigmenten geboren, die in zwei Gruppen eingeteilt werden: die Phäomelanine (rot-orange, sorgen für rotblondes Haar und helle Haut) und Eumelanine (braun-schwarz, mit unterschiedlicher Intensität von sehr hell bis extrem dunkel). Man wird mit einer bestimmten Hautfarbe geboren. Diese hat sich im Verlauf der Evolution entsprechend der Lebensumgebung entwickelt, sodass die Populationen, die intensiver Sonnenstrahlung ausgesetzt sind, eine natürliche „Bräunung" als Schutz gegen UV-Strahlen entwickelten. Tatsächlich haben alle Angehörigen der Gattung Homo sapiens denselben Ursprung, und nach derzeitigem Forschungsstand lebte ihr ältester Vorfahre, Tumai, vor sieben Millionen Jahren in Afrika. Die Annahme liegt nahe, dass er schwarze Haut hatte.

Egal welche Farbe sie hat, Haut lässt sich „bearbeiten". Die Gründe für das Verändern der Haut ändern sich im Lauf der Zeit mit den Kulturen und der Mode. In den frühen Gesellschaften zeigen Bemalungen, Tätowierungen, Skarifizierungen (geometrische Narben) die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, einer - möglicherweise geheimen - Gesellschaft an oder sie kennzeichnen ein Ereignis, wie den Aufbruch in den Krieg oder zur Jagd. Die Beschneidung wird neben der Betonung einer Religionszugehörigkeit auch aus Gründen der Hygiene gepriesen. Die „Markierung" kann die Bedeutung einer Versachlichung annehmen (der Mensch als Vieh), wie es in der NS-Zeit oder im Sklavenhandel der Fall war. Diese gesamte Symbolik war (und ist nach wie vor in einigen Fällen) auferlegt. Heute beruhen die Signale, die man durch die Veränderung der Haut gibt, meist auf einer individuellen Entscheidung, selbst wenn diese manchmal von Gruppen (wie z. B. Punks oder Fußballfans) als Identitätsmerkmal gesehen wird. Tätowierung und Piercing gehören heute in den Bereich der Verführung oder der Provokation. Die Haut ist ein Trumpf, ob man sie verbirgt oder zeigt. Erotik ist, „wo die Kleidung auseinanderklafft", schrieb Roland Barthes.

Christine Rugemer



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