Biologische vielfalt

Der Wert des Lebenden

Sollte man es wagen, die Kosten zu ermitteln, die der Menschheit durch die Verluste bei der biologischen Vielfalt in Zukunft entstehen werden? Die Europäische Union bejaht diese Frage…, aber die Wissen - schaftler zögern, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Mobilisierung und dem Streben nach Genauigkeit.

Wasser, eines der für die Menschheit lebenswichtigen Ökosysteme. Hier ist  der Lac d’Amance, im Naturpark „Parc naturel régional de la Forêt d’Orient“ (Aube, FR) zu sehen. © Jean-Marie Bossennec/Inra Wasser, eines der für die Menschheit lebenswichtigen Ökosysteme. Hier ist der Lac d’Amance, im Naturpark „Parc naturel régional de la Forêt d’Orient“ (Aube, FR) zu sehen. © Jean-Marie Bossennec/Inra

Die Szene spielt sich in einem amerikanischen parlamentarischen Ausschuss ab, der zum Thema ‚globale Erderwärmung’ zusammengekommen ist. Ein Vertreter des Department of Trade bestreitet gerade alleernsthaften Gefahren für die Wirtschaft: Machen Land- und Forstwirtschaft nicht weniger als 3% des amerikanischen Bruttoinlands - produkts aus? Plötzlich übertönt ein ernüchternder Kommentar die Stimme des Redners: „Was glaubt dieser kluge Kopf denn, was wir dann essen werden?“ Diese Anekdote, die von dem bekannten amerikanischen Entomologen Paul R. Ehrlich von der Stanford University stammt, macht die Konflikte zwischen Wirtschaftsexperten und Umweltwissen - schaftlern deutlich. Die Wirtschaftsexperten werfen den Umweltwissenschaftlern vor, völlig realitätsfremd zu sein, und umgekehrt kommt der Vorwurf von den Umweltwissen - schaftlern, dass die Wirtschaftsexperten, wie ein Sprichwort besagt, „von allem den Preis kennen, aber von nichts den Wert“. Diese Debatte wurde jetzt erst wieder durch eine kürzlich von der Europäischen Union getroffene Entscheidung angefacht: Dabei geht es darum, einen „Stern-Bericht zur Biodiversität“ zu starten, d. h. eine wirtschaftliche Bewertung der Kosten und Vorteile in Verbindung mit der Vielfalt des Lebens.

33 000 Milliarden Dollar?

Dazu muss man wissen, dass der erste umfassende Versuch, die Welt der Wirtschaft mit der des Umweltschutzes zusammenzubringen, erst kürzlich erfolgte. Im Mai 1997 erschien in der Zeitschrift Nature ein Artikel, der sich paradoxerweise als ebenso umstritten wie grundlegend herausstellte. Der Text mit dem Titel The value of the world’s ecosystem services and natural capital (Der Wert von ökosystemaren Leistungen und Naturkapital)wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlern unter der Leitung von Robert Costanza der University of Maryland verfasst. Die Autoren bemühen sich darin, den Wert der Dienst - leistungen zu ermitteln, die von den Öko - systemen erbracht werden. Diese Leistungen reichen von der Regulierung des Klimas über kulturelle Funktionen bis hin zur direkten Bereitstellung von Nahrung. Zu welchem Ergebnis sind sie gekommen? Die Biosphäre bringt uns demnach jährlich etwa 33 000 Mrd. US-Dollar ein, was etwa das Doppelte des Welt-BIP ist! Den Autoren zufolge darf diese Zahl nicht nur als ein allgemeiner Anhaltspunkt angesehen werden, sondern sollte angesichts ihrer Größe wie eine Bombe einschlagen. Der Artikel hat eine erbitterte Debatte ausgelöst. Die Schätzung von 33 000 Mrd. USDollar wurde von den Wirtschaftsexperten als ungenau und deutlich übertrieben gebrandmarkt, während viele Umweltschützer der Meinung sind, dass sie im Gegenteil den Wert der Natur unterbewertet. In der Zeitschrift Ecological Economics bezeichnet ein Autordiese Zahl als „ernsthafte Unterschätzung des Unendlichen“! Die Umweltschützer sind aber selbst auch geteilter Meinung. Einerseits gibt es diejenigen, die glauben, dass man mit der Gesellschaft eine Sprache sprechen muss, die sie versteht, selbst wenn es die Sprache der Gewinne und Kosten ist, die nicht unbedingt zu Umweltschützern passt. Die anderen gehören zu einem rigoroseren Lager und sind überzeugt, dass man sich nicht auf das Terrain der Wirtschaftsexperten ziehen lassen sollte, da es unmöglich ist, den Wert einer Art oder eines Ökosystems in monetären Größen auszudrücken, das gilt erst recht für den Wert der unendlichen Biosphäre.

Die Wiederbeschaffungskosten

Kennzeichnend für diese Situation ist die Tatsache, dass die peinlich genaue Arbeit der Autoren nicht mit einer monetären Schätzung einherging, als im Jahre 2000 das Projekt Millennium Ecosystem Assessment startete, beidem weltweit in riesigem Ausmaß die Dienstleistungen, die durch die Ökosysteme erbracht werden, und ihr Zustand hinsichtlich der Zerstörung durch den Menschen erfasst wurden. Sie begnügten sich damit, eine bemerkenswerte und umfassende Analyse dessen zu liefern, was die Ökosysteme für uns tun – ohne sich darauf einzulassen, auch nur eine einzige Zahl zu nennen. Dennoch bleibt das Bedürfnis nach Messinstrumenten für den Nutzen der natürlichen Umwelt und Biodiversität bestehen. Die deutsche Forscherin Sheila Wertz-Kannounikoff, die in Bangkok für das französische Institut du Développement Durable et des Relations Internationales (IDDRI) arbeitet, sagt dazu:„Costanza hat aufgezeigt, dass viele Dienst - leistungen, die der Mensch von den Ökosystemen erhält, nicht im Preis inbegriffen sind – und daher abgestritten werden. Es gibt jedoch viele methodische Probleme in diesen Bezifferungen, daher sind wir jetzt sehr vorsichtig. Wir versuchen immer noch, die von der Natur erbrachten Dienstleistungen zu bewerten, aber jetzt verwenden wir hierfür geeignetere Instrumente, wie z. B. die Logik der replacement costs, d. h. der Wiederbe schaf -fungs kosten. Wir stellen uns also die Frage: Wie viel würde es kosten, eine vom Ökosystem kostenlos erbrachte Funktion zu ersetzen?“ Ein klassisches Beispiel für dieses Konzept sind die Catskill Mountains, ein Gebirge in der Nähe von New York, das die Stadt mit Trinkwasser versorgte. Als sich dort die Wasserqualität verschlechterte, schätzte die Stadt die Kosten für den Bau einer Trinkwasser - aufbereitungsanlage auf 8 Mrd. US-Dollar. Daher beschloss sie letztendlich, die natürliche Umwelt wieder herzustellen, und zwar für ein Zehntel der Summe, und die Wasser - qualität war wieder gewährleistet. Das Beispiel veranschaulicht hervorragend die Bezifferung einer ökosystemaren Dienstleistung. Sheila Wertz-Kannounikoff stellt jedoch klar: „Vorsicht, wir sagen nicht, dass diese Zahlen den Wert des Ökosystems darstellen, sondernes handelt sich um Anhaltspunkte für die Entscheidungsträger.“ Auf europäischer Ebene wurde im Rahmen der Bemühungen um eine Rationalisierung des Naturschutzes das Projekt Rubicode (Ratio - nalizing biodiversity conservation in dynamic ecosystems) aus der Taufe gehoben, das sichunter anderem auch um verlässliche Indikatoren und Werkzeuge zur Ent scheidungsfindung kümmern wird. Dieses Konzept wird hauptsächlich auf lokaler Ebene angewendet und erstreckt sich auf bestimmte Ökosysteme und nicht auf die gesamte Biosphäre.

Reden wir übers Geld

Im vergangenen Jahr wurde die globale Erderwärmung in diese Debatte miteinbezogen. Denn die Erderwärmung wurde 2007 zu einem weltweiten Thema, während es die Biodiversität schwer hat, über den Status eines Randproblems hinauszukommen. Zwei Dinge scheinen zur Erfolgsgeschichte des Klimas beigetragen zu haben. Erstens die Veröffentlichung des Berichts von Lord Stern, dem ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, im Oktober 2006, in dem die potenziellen Schäden durch den Klimawandel auf 20 % des Welt-BIP geschätzt werden, was in finanzieller Hinsicht denen der beiden Weltkriege und der Wirtschaftskrise von 1929 zusammengenommen entspricht. Und zweitens der jüngste Bericht des IPCC, der jetzt auch von allen Regierungen der Welt akzeptiert wurde. Dieser Bericht strotzt nur so von Zahlen, Szenarien und wirtschaftlichen Schätzungen aller Art, die die Entscheidungsträger darauf hinweisen sollen, dass es notwendig ist zu handeln. Aus diesem Grund ist der Druck auf die Schützer von Ökosystemen und Biodiversität groß, jetzt auch „die Sprache der Wirtschaft“ zu verwenden. Daher die Idee eines „Stern- Berichts zu Biodiversität“, die vom G7/8 im Jahre 2007 bei einer Zusammenkunft in Potsdam befürwortet wurde. Es fehlt jetzt nur noch die unabhängige und renommierte Persönlichkeit, die ihn repräsentiert. Aber einige Wirtschaftsexperten äußern Zweifel. Clive Spash von der australischen Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) richtet sich beieinem Biologenforum kraftvoll an seine Kollegen: „Warum wollen Sie das machen? (…) Brauchen die Umweltschützer einfach nur gigantische Zahlen, um ihre Freunde zu beeindrucken? Das scheint das pragmatische Ziel dieser Sache zu sein, was allerdings ebenso wenig mit Wissenschaft wie mit Wirtschaft zu tun hat.“ Spash setzt sich für Ansätze ein, die auf mehreren Kriterien basieren, zu denen etwa eine lokale Beteiligung und Vorschriften gehören und bei denen monetäre Überlegungen nicht den Vorrang haben. Er ist überzeugt, dass „wir bereits eine Menge sinnloser Zahlen zum Wert der Ökosysteme haben, was nur dazu geführt hat, dass jeglicher Fortschritt bei der Suche nach Hilfsmitteln für die Entscheidungsfindung auf politischer Ebene um zehn Jahre verzögert wurde.“ Eine einzige Sache ist hierbei jedoch sicher: Unabhängig von der aufwallenden Polemik setzt sich die unwiderrufliche Verarmung der Biodiversität fort.

Yves Sciama


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Die ökosystemaren Dienstleistungen

Die Studie Millennium Ecosystem Assessment (MA) hat im Jahre 2000 versucht,die Dienstleistungen aufzulisten, die die Ökosysteme für die Menschen erbringen. Sie werden in drei Kategorien eingeteilt. Die Dienstleistungen der Versorgung/Bereit - stellung lassen sich relativ einfach in Geldwerten ausdrücken. Hierzu gehören Jagd, Fischfang, Landwirtschaft und Tierzucht, Trink - wasserbereitstellung, genetische Ressourcen und verschiedene chemische Produkte. Komplexer gestaltet sich bereits die Bewertung der Leistungen für die Regulierung des Klimas, der Wasser- und Luftqualität, der Erosion, der parasitären Erkrankungen usw. Die dritte Kategorie sind die sogenannten kulturellen Leistungen: spirituelle und religiöse Erfahrung, ästhetischer Wert, Erholungswert einschließlich Freizeitaktivitäten. Will man also auf diese Weise zum Beispiel den Wert eines Waldes bewerten, muss dabei der Preis für das Holz berücksichtigt werden, das er produzieren kann, aber auch der Wert des Kohlenstoffs, den er speichert, des sauberen Wassers, das er durch Filtern erzeugt, des Bodens, den er zurückhält, der seltenen oder wertvollen Tiere (zur Bestäubung der Kulturen), die er beherbergt… – ja selbst die Behandlungs - kosten von Depressionen, die er den gestressten Städtern erspart! Ein schwieriges Problem.



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