Porträt

Die Rache des Ikarus

Im Solarflugzeug um die Welt. Für eine solche technologische Herausforderung sind Tausende von Parametern zu beachten. Aber vor allem trägt sie die Botschaft von Bertrand Piccard: einen Aufruf zu mehr Menschlichkeit.

Bertrand Piccard „Das größte Abenteuer ist das Leben selbst.“ ©BKW/FMB Energie SA Bertrand Piccard „Das größte Abenteuer ist das Leben selbst.“
©BKW/FMB Energie SA
„Wenn dieses Flugzeug ohne Treibstoff und Emissionen die Welt umfliegt, überlegen vielleicht auch andere, was sie in dieser Hinsicht tun könnten.“ ©Solar Impulse/EPFL Claudio Leonardi „Wenn dieses Flugzeug ohne Treibstoff und Emissionen die Welt umfliegt, überlegen vielleicht auch andere, was sie in dieser Hinsicht tun könnten.“
©Solar Impulse/EPFL Claudio Leonardi

Lausanne. Vor den Fenstern der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule erstrecken sich der Genfer See und die Gipfel des Jura. Hier schweift der Blick von Bertrand Piccard in die Ferne. Ein Träumer? Er spricht lieber von „Visionen“, die sein Leben begleiten. War die Erforschung des Machbaren sein Schicksal?

Der Erbe einer Abenteurer-Dynastie

Diese Frage ist durchaus berechtigt für diesen Enkel von Professor ‚Bienlein’. In der Tat nahm der belgische Zeichner Hergé Auguste Piccard zum Vorbild für den „zerstreuten Professor“ in den Abenteuern von „Tim und Struppi“. Der Erfinder des Prinzips der Druckkabine war auch der erste Mensch, der sie ausprobierte, 1931 die Stratosphäre (16 000 m) erreichte und die Erdkrümmung betrachten konnte. SeinSohn, der Tiefseeforscher Jacques Piccard, tauchte bis auf den Grund des Mariannen - grabens im Pazifischen Ozean in 10 916 m Tiefe. Indem er die Existenz von Strömungen zwischen den Tiefen und der Oberfläche und die Existenz von in den Tiefen lebenden Organismen nachwies, setzte er den Diskussionen zur Versenkung giftiger Abfälle ein Ende.

Als Kind bewegt sich Bertrand Piccard in faszinierenden Welten: Vom Kosmos und den Astronauten des amerikanischen Weltraumfahrt - programms in die Welt der Tiefsee und der Taucher. Schon mit 16 Jahren begeistert er sich für das Deltafliegen und das Fliegen von Ultraleichtflugzeugen. Er wird Europameister im Kunstflug, erfindet neue Figuren, stellt einen Rekord im Höhenflug auf und schlägt das motorisierte Ultraleichtflugzeug als ökologische Alternative für Leichtflugzeuge vor.

Aber schon immer interessiert er sich für den Sinn des Lebens und das menschliche Verhalten. 1996 studiert er nach seinem Doktorabschluss in der Medizin noch Psychiatrie, „um dort den Schlüssel zur Verwirklichung und zur Entwicklung des Menschen zu finden – viel mehr als zum Verständnis der Krankheiten“. Es ist ihm ein Anliegen, Interpretationen in Relation zueinander zu setzen und seine Auffassung vom Menschen und vom Leben zu erweitern. So erkundet Bertrand Piccard neue Ansätze, wie beispielsweise die taoistische Medizin. Er erlernt Hypnosetechniken und spezialisiert sich in Psychiatrie und Psychotherapie für Erwachsene und Kinder.

Die Weltumrundung – eine Wende im Leben

Daneben hegt Bertrand Piccard einen Traum: die ultimative Fahrt um die Welt in einem Fesselballon, nur vom Wind getragen. Am 21. März 1999 steigt er in Ägypten an der Seite von Brian Jones nach der Überquerung aller Längengrade aus dem Breitling Orbiter 3. Die Erfahrung zeigt den beiden Männern, dass sich Beherrschung und Wille nur auf Parameter beschränken, die sich kontrollieren lassen. Unsere Freiheit zeigt sich in der Fähigkeit, an Höhe zu gewinnen – indem man sich von seinen Gewissheiten trennt, um die Richtung unserer Existenz zu bestimmen. Diese Expedition bringt seine Auffassung von der Psychologie des Lebens und von der Kommunikation in seiner Tätigkeit als Referent in Unternehmen, die er noch heute ausübt, zum Ausdruck.

Das letzte Abenteuer des 20. Jahrhunderts mit Rekorden in Dauer und Flugdistanz fesselt die Öffentlichkeit und die Medien. Dieser Schwung und die Dynamik bringen einen neuen Wind, den Bertrand Piccard kanalisieren und in den Bereichen einsetzen möchte, die ihm wichtig sind: Für ihn ist das Abenteuer des 21. Jahrhunderts die nachhaltige Entwicklung. Also sammelt er seine Kräfte für die neue Herausforderung: eine Weltumrundung in einem emissionsfreien Flugzeug, das ausschließlich mit Sonnenenergie betrieben wird.

Die Herausforderung heißt „Solar Impulse“

Die Idee ist nicht neu. Auf die Modelle, die er in den 70er Jahren baute, folgen die Überquerung des Ärmelkanals 1981 und Flüge von mehreren hundert Kilometern – solange die Sonnenstrahlen auf die Flügel treffen. Da das Gewicht eine immense Rolle spielt, muss der Pilot Platz für die Akkus machen, damit ein Testflugzeug auch während der Nacht fliegen kann. Vergangenen September schaffte der Zephir, der Prototyp der britischen Firma Qinetic, einen 54-stündigen Flug und blieb somit zwei Nächte nacheinander in der Luft.

Mit dem Solar Impulse (1) wird erstmals ein Pilot eine Nacht an Bord eines Solarflugzeugs verbringen. Je niedriger der Sonnenstand, umso ineffizienter sind die Strahlen für die Stromgewinnung, sodass nur acht Stunden Sonneneinstrahlung zur Verfügung stehen, die dem „Vogel“ die Energie liefern, um sich fortzubewegen und gleichzeitig mit Hilfe von 256 m² Solarhaut seine Akkus aufzuladen. Die Tragflächen bestehen aus einem Verbund - material, in dem Photovoltaikzellen eingeschlossen sind, um das Gewicht auf ein Minimum zu reduzieren. Trotzdem müssen sie extremen Feuchtigkeits- und Temperatur - bedingungen und hohen Widerstandskräften standhalten. Nicht gerade eine Lustpartie, auf die sich Bertrand Piccard, einer der beiden vorgesehenen Piloten, unbedingt freut…

Hintergrund des Abenteuers

Ihm würde auch ein Comic-Heft vor einem gemütlichen Kaminfeuer genügen. Es ist nicht unbedingt die Aktion, sondern die Botschaft, die dem Abenteurer wichtig ist: „Wenn dieses Flugzeug ohne Treibstoff und Emissionen die Welt umfliegt, überlegen vielleicht auch andere, was sie in dieser Hinsicht tun könnten. Schon heute gibt es Techniken, die den Energie - verbrauch jedes einzelnen um 20 % reduzieren könnten.“ Und wichtiger ist vielleicht noch die Symbolkraft: „Wie der Pilot des Solar Impulse, der seine Energiereserven einteilen muss, wenn er den neuen Sonnenaufgang erleben will, läuft der Mensch des 21. Jahrhunderts ins Verderben, wenn er weiterhin die Ressourcen der Erde verschwendet. Um den Sonnen - aufgang mitzuerleben, müssen wir mit der Energie anders umgehen und entsprechende neue Technologien entwickeln“, unterstreicht er.

Die Wissenschaft befindet sich also im Mittelpunkt des Abenteuers. „Ihre Rolle für das Überleben der Menschheit ist offensichtlich: Es geht darum, Möglichkeiten des Energiesparens zu finden, Energie aus erneuerbaren Quellen zu schöpfen und den Einfluss der Menschen auf die Umwelt zu reduzieren.“ Das Abenteuer ist andererseits aber auch ein Kernstück der Wissenschaft. „Ich möchte zeigen, dass ein Paradigmenwechsel möglich ist. Denn es gibt vielfältigere Funktionsweisen, als man annimmt.“

Die Akteure des Wandels

Um diesen neuen frischen Blick zu erlangen, „fällt den Regierungen eine wichtige Rolle zu. Das deutsche Gesetz erlaubt es beispielsweise, Solarenergie in das Netz einzuspeisen, was das Land weltweit auf den zweiten Rang als Hersteller von Solarzellen brachte. Dazu brauchte es eine Regierung mit Blick in die Zukunft“. Aber auch die Industrie verhält sich wesentlich konservativer als die Wissenschaft. „Zahlreiche Entdeckungen werden einfach nicht industriell umgesetzt. Daher muss die nachhaltige Entwicklung die finanzielle und wirtschaftliche Sprache ebenso gut sprechen wie die ökologische. Wir müssen versuchen, die menschliche Funktionsweise mit einzubeziehen: Umweltschutz muss rentabel sein und Erträge erzielen, Arbeitsplätze schaffen, innovative Produkte für den Markt liefern, Absatzmöglich - keiten bieten, neue Märkte erschließen… Gehen wir also auf diese Logik ein.“

In diesem Sinn eröffnet Solar Impulse einen neuen Weg: „Unter diesem Gesichtspunkt erhält unsere Partnerschaft mit den Finanz - dienstleistern ihre ganze Bedeutung“, erklärt Bertrand Piccard. „Aber die gewinnbringende Nutzung der Entwicklungen des Projekts ist keineswegs ein Endziel. Übrigens werden fast alle Innovationen frei zugänglich sein. Das macht das Projekt vor allem für Ingenieure so interessant. Sonst wäre es ein industrielles Projekt wie jedes andere.“

Anders leben

Die physikalischen Grenzen mögen feststehen, aber diejenigen, die man sich selbst auferlegt, um zu rechtfertigen, dass „es besser nicht geht“, möchte Bertrand Piccard einreißen. „Sie sind unheilvoll in unserer heutigen Gesellschaft, die in ihren Denk- und Handelsweisen gefangen ist, vor allem in der Art, wie sie Energie konsumiert. Ich bin überzeugt, dass man viel mehr erreichen kann, als man denkt, indem man seine ganze Kreativität einsetzt und alle möglichen Lösungsansätze erkundet“.

Dann wäre nach der Auffassung von Bertrand Piccard die Gesellschaft konstruktiver und erfolgreicher. Sie würde nicht wie heute mit voller Geschwindigkeit und kopflos in eine katastrophale Richtung stürmen, mit abgrundtiefen Hypotheken, die den künftigen Generationen überlassen werden: Klimawandel, Erschöpfung der Rohstoffe, Verschmutzung der Erde. „Das Leben ist dazu da, dass die Menschen kreativ sind, interagieren und aktivwerden. Ich möchte, dass mein Leben interessant und sinnvoll ist. Die Augenblicke des Bewusstwerdens und der Höchstleistung sind etwas ganz besonderes, aber das größte Abenteuer ist das Leben selbst. Jeden Tag versuchen, sich zu übertreffen, anders zu denken, angemessener, mit einem größeren Bewusstsein für unsere Handlungen.“

Humanist bis in die Fingerspitzen. Eine Rückkehr zu den Werten dieser Denkweise, die aus der Renaissance stammt und den Menschen verantwortungsbewusst und fähig macht.

Delphine d’Hoop

  1. Name des Projekts und des Flugzeugs.
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Mehr Einzelheiten

Solar Impulse

Das Projekt wurde mit dem positiven Abschluss der Machbarkeitsstudie Ende 2003 auf den Weg gebracht. Unter Leitung von Andre Borschberg bauen derzeit 50 Spezialisten an einem Flugzeug. Zuvor wurden die Entwicklungsmoglichkeiten einerseits fur Materialien, die sowohl extrem leicht als auch widerstandsfahig sind, und andererseits fur Simulatoren der verschiedenen Energie- und Wetterszenarien erkundet. Die Kosten sind mit 70 Millionen Euro angesetzt, von denen beteiligte Partner und Investoren bereits 60 % ubernehmen.

Um die Weltumrundung in funf Etappen von jeweils drei bis sechs Tagen zu bewaltigen – eine Etappe fur jeden Kontinent –, werden zwei Flugzeuge gebaut. Das erste, der Prototyp, ist derzeit im Bau. Er wird nicht uber eine Druckkabine verfugen und vor allem der Uberprufung der Simulationen dienen. Sein „Roll-out“ ist fur Ende des Sommers 2008 vorgesehen, die ersten Flugversuche sollen 2009 stattfinden.

Der Vogel, der um die Erde fliegen soll, ist fur 2010 geplant. Er wird trotz der Spannweite eines Airbus A380 (80 m) nur zwei Tonnen wiegen. Dieses besondere Profil hat den Vorteil, dass Stromungswiderstand und Fluggeschwindigkeit geringer ausfallen und in der Nacht eine hohe potenzielle Energie beim Abstieg von 12 000 auf 3 000 m genutzt werden kann. Auserdem bietet es eine Nutzflache von 256 m2 zur Aufnahme der Energie. Unter den Flugeln sollen Farbzellen das diffuse Licht absorbieren.

Um die Sonnenstrahlen so gut wie moglich einzufangen, muss das Flugzeug uber den Wolken bleiben und ungunstigen Stromungen aus dem Weg gehen. Die Zusammenarbeit mit Meteorologen ist also von grundlegender Bedeutung, denn die Elektromotoren – mindestens zwei – bringen nur eine minimale Leistung, nicht groser als zu Zeiten der Bruder Wright 1903. Die Geschwindigkeit des Flugzeugs betragt am Boden ganze 40 km/h und in 10 000 m Hohe 75 km/h.

Die Piloten Bertrand Piccard und Andre Borschberg wechseln sich am Steuer des Einsitzers ab, um es mehrere Tage ununterbrochen in der Luft zu halten. In der Hohe kommt zur dunneren Luft auch noch die Kalte. Und die Gewichtsbeschrankung reduziert den Komfort des Piloten auf ein absolutes Minimum. Um ihr Ziel zu erreichen, probieren die beiden eine ganz neue, symbiotische Mensch- Maschine-Schnittstelle aus, die neben Sehen und Horen noch andere Sinne einsetzt. Daruber hinaus erfordert eine solche Dauer im Alleinflug ein besonderes Training auf der Grundlage der Schlafphasen.


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Soziale Nachhaltigkeit

Bertrand Piccard druckt es so aus: „Das Leben lasst sich nicht auf die von der Wissenschaft abgedeckten Themen reduzieren.“ Der andere Aspekt der Entwicklung ist der soziale Bereich. Neben den auf uns zukommenden Problemen im Bereich der Umwelt „kann man nicht auf eine positive Zukunft vertrauen, wenn die Mehrheit der Weltbevolkerung nichts mehr zu verlieren hat. Man muss den armen Landern ein groseres Potenzial einraumen, mehr Entwicklungsmoglichkeiten, die ihnen derzeit durch internationale Regelungen, Zollschranken und eine aktive Ausbeutung verwehrt werden.“

Nach der Weltumrundung im Ballon grundeten die beiden Piloten, Brian Jones und Bertrand Piccard, die Stiftung Winds of Hope, die gegen den Wangenbrand, auch als Noma bekannt, kampft: eine vergessene Krankheit, von der Tausende Kinder betroffen sind und die das Gesicht der Armut zeigt.

Diese Nekrose betrifft 500 000 Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren, vor allem in den afrikanischen Landern der Sahel-Zone. Sie zerstort Weichteile und Knochengewebe des Gesichts infolge der Lebensbedingungen in Armut und extremer Unterernahrung. Zur Vorbeugung des Wangenbrands reichen Desinfektionsbader, Vitamine und Antibiotika aus. Aber jedes Jahr werden von 100 000 neuen Fallen nur 20 000 behandelt. Diese Kinder sind durch die Gesichtsnarben fur ihr Leben gezeichnet und es besteht die Gefahr, dass sie von ihren Angehorigen verstosen werden, die einen Fluch in der Erkrankung vermuten.



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