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image Europäische Forschung - Information > Forschung und Gesellschaft > Die Europäer und die Wissenschaft
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imageimageimage Veröffentlichung: 03/04/2002
 image Die Europäer und die Wissenschaft
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  Welche Einstellung haben die Europäer zur Wissenschaft? Was erwarten sie sich von Fortschritten in der Forschung? Welche Befürchtungen und Zweifel hegen sie angesichts von Erfolgen in Bereichen, die eng mit der Entwicklung der Gesellschaft zusammenhängen? Daniel Boy hat die Antworten auf diese im Rahmen der Eurobarometer-Erhebung gestellten Fragen analysiert. Er arbeitet als Forschungsleiter am Maison des Sciences de l'Homme in Paris und beschäftigt sich derzeit mit der Wahrnehmung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts und der Demokratisierung wissenschaftlicher Entscheidungen.
   
     
   

Fast zehn Jahre sind seit der letzten Eurobarometer- Meinungsumfrage über die Attitüden der Europäer bezüglich der Wissenschaft ins Land gegangen. An der viel zitierten Kluft zwischen Wissenschaft und Gesellschaft hat sich offenbar nicht viel geändert.

Die Wissenschaft scheint sich ständig in einer Krise zu befinden, in welcher Epoche auch immer. Das Problem ist: Wie lässt sich messen, wie groß die Kluft tatsächlich ist? Manche halten sie für schier unüberwindbar. Erhebungen wie diese erlauben, ihr Ausmaß zu relativieren und ihre Entwicklung zu beurteilen. Und dabei stellt man fest, daß die Naturwissenschaft in Europa ihre Position als grundlegende Institution im Laufe der Zeit bewahrt hat, dass ihr Vertrauen entgegengebracht wird – sehr viel mehr beispielsweise als der Politik, der Industrie oder den Medien.

Im Übrigen haben Wissenschaftler ein sehr starkes Image in der Gesellschaft. Dieses Image hat allerdings zwei Seiten, da die Wissenschaftler über das Wissen verfügen, was ihnen erhebliche Macht verleiht. Wegen der Risiken, die eine solche Macht mit sich bringt, verstärkt sich in der Öffentlichkeit das Gefühl, dass eine Kontrolle der Wissenschaftler erforderlich ist.

Welche Gefühle verändern sich, abgesehen von diesem Verlangen nach Kontrolle?

Die Menschen haben begonnen, die Wissenschaft als eine Art Büchse der Pandora zu betrachten, aus der manchmal zweifelhafte Erfindungen hervorgehen. Dieses Gefühl verstärkt sich seit etwa fünfzehn Jahren. Vor dreißig Jahren erklärten zum Beispiel die Befragten in französischen Erhebungen, die Wissenschaft bringe mehr Gutes als Schlechtes, während heute die Hälfte der Meinung ist, Wohl und Übel halte sich die Waage. Allerdings muss man, wenn man solche Fragen stellt, die Wissenschaft von der Technik und der Industrie unterscheiden. Für die Anwendungen trägt die Wissenschaft keine direkte Verantwortung.

Denken Sie nur an den Rinderwahnsinn. Hier geht es um Fehler der Industrie. Dann werden die Wissenschaftler zu Hilfe gerufen, die dafür sorgen, dass die Dinge wieder ins Lot kommen. Die Grundlagenforschung entwickelt zuverlässige Tests und versucht, die Krankheit zu verstehen. Derartige Krisen können die Wissenschaft und ihr Image übrigens stärken, und auch die öffentliche Forschung, die die Durchführung solcher Arbeiten möglich macht.

Dank der Eurobarometer-Erhebung kennen wir die Einstellung der Europäer zu Wissenschaft und Technik. Wer wird diese Informationen verwerten? Und warum?

Die gewonnenen Informationen sind aufschlussreich. Nehmen Sie beispielsweise den ganz besonderen Fall der genetisch veränderten Pflanzen. Wir erleben hier erstmals eine technische Innovation, die der Grundlagenforschung auf dem Fuße folgt. Und man zögert einfach deshalb, die GVO zu vermarkten, weil man – dank Meinungsumfragen – weiß, dass die Öffentlichkeit sie in ihrer derzeitigen Form ablehnt. Die wissenschaftliche Krise entsteht noch vor jeder Sanktion des Marktes, es kommt zu einem Konflikt zwischen Umweltorganisationen, Unternehmen, Staaten ... Dies ist ein konkreter Fall, wo die Politik, die Unternehmen und die Leiter der wissenschaftlichen Forschung ihre Strategie wegen des sehr starken Widerstands der Öffentlichkeit ändern mussten.

Lässt sich dieser Widerstand gegen GVO Ihrer Meinung nach durch mangelnde Informationen erklären?

Diese Meinungsumfragen deuten eher darauf hin, dass die Informationen voraussichtlich nicht ausreichen werden und eventuell sogar genau das Gegenteil des gewünschten Effekts bewirken könnten. Unter diesem Gesichtspunkt legen die Fragen über GVO, die in der Erhebung gestellt werden, etwas differenziertere Rückschlüsse nahe. Früher neigte man bei den Modellen, mit denen man arbeitete, zu der Formel: je mehr Wissen, um so positiver die Einstellung zu wissenschaftlichen und technischen Fortschritten. Die Wirklichkeit ist viel komplexer. Im vorliegenden Fall können die befragten Personen über ein hohes Wissensniveau verfügen und der Meinung sein, die Biotechnologien erforderten mehr Kontrolle, mehr Sicherheitsstudien und so fort.

Abgesehen von diesem präzisen Fall schien die Korrelation zwischen dem Grad des Wissens und der Aufgeschlossenheit fast automatisch gegeben ...

Zu dieser Frage gibt es eine Kontroverse. Die Sprecher der Industrie und die Forschungsmanager glauben generell, dass Wissen ein Ja zur Entwicklung nach sich zieht. Die Anhänger einer kritischen Soziologie hingegen halten solche Wissensmessungen für völlig sinnlos. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Alles hängt davon ab, worum es geht. In bestimmten Fällen führt Wissen immer noch zu Zustimmung. In anderen – kommen wir wieder auf das Beispiel der GVO zurück – zeigt sich, dass in manchen Ländern, wo auf der Basis entsprechender Informationen frühzeitige Debatten organisiert wurden, nicht unbedingt Einverständnis signalisiert wird. Anders ausgedrückt, Information bleibt wichtig, aber in manchen Schlüsselbereichen reicht sie nicht aus, um die Öffentlichkeit zu überzeugen oder für eine bestimmte Sache zu gewinnen. Und das scheint mir eher vernünftig.

Welches ist also das schlagende Argument, das die Mehrheit überzeugt?

Der Nutzen. Angenommen, die Informationen über die genetisch veränderten Pflanzen stimmen: Wenn es Ihnen gelingt, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass diese Sorte der Trockenheit widersteht, in den Schwellenländern billig verkauft werden kann und tatsächlich die Hungerprobleme verringert, haben Sie die Zustimmung der Leute. Denken Sie an das Mobiltelefon: Man spricht vom Risiko, aber es ist heute fast schon unentbehrlich.

Glauben Sie, dass die Antworten auf derartige Fragen anders aussehen werden, wenn auch die Europäer der „neuen Länder“ befragt werden? Schon jetzt ist festzustellen, dass die Deutschen aus dem Osten nicht zwangsläufig genauso reagieren wie die aus dem Westen.

Eine Hypothese lautet, dass die Begeisterung vorherrschen dürfte, da es sich um Länder mit großem Verlangen nach industrieller Entwicklung und Konsum handelt. Dies war eine Zeit lang in Spanien, Portugal oder Griechenland der Fall. Die Gleichung Beschäftigung/Entwicklung kann stärker sein als das Gefühl des Risikos. In gewissem Maße gilt dies auch für Finnland, das sich spät, aber rasch entwickelt hat und vielleicht noch nicht an die unvermeidlichen Risiken – Umweltzerstörung, Verschmutzung usw. – denkt, die den Bürgern der alten Industrieländer heute deutlicher bewusst sind. Diese neuen Länder könnten folglich den Glauben und das Vertrauen in Wissenschaft und Technik verstärken. Aber dies ist wie gesagt eine Hypothese.

Ihre Erhebung geht auch auf die Haltung der Jugend gegenüber der Wissenschaft ein – noch etwas, das sich in einem erweiterten Europa ändern könnte.

Woran liegt es, dass sich in den Industrieländern so wenige zur Wissenschaft berufen fühlen? Man kann die Jugendlichen selbst danach fragen, oder die Öffentlichkeit im Allgemeinen, und die Antworten nach Altersgruppe vergleichen. In dieser Erhebung sind wir von verschiedenen Hypothesen ausgegangen. Zunächst, dass dieses Desinteresse auf das Image der Wissenschaft zurückzuführen ist, das nicht mehr so positiv ist wie früher, und dass die Studenten keine Lust haben, einen „abgewerteten“ Beruf zu ergreifen. Es ist jedoch festzustellen, dass das Bild der Wissenschaft in den Augen der Jugend nicht besser oder schlechter ist als in denen der Öffentlichkeit insgesamt.

Eine andere Hypothese betrifft die Anziehungskraft wissenschaftlicher Studien und Karrieren. Diese Studien können lang, schwierig und mühselig scheinen, selbst wenn sie anschließend einen akzeptablen beruflichen Gewinn bringen. In einer französischen Umfrage erklärten 67% der Schüler und Studenten, der naturwissenschaftliche Unterricht sei nicht interessant genug. Die Lehrer geben selbst zu, dass die Kurse seit Jahrzehnten die gleichen sind, die Lehrmethoden kaum Neues zu bieten haben, nicht genug experimentiert wird usw. Die Oberschüler, die an naturwissenschaftlichem Unterricht teilnehmen, haben folglich nur selten Lust auf mehr.

Vor allem dieser Faktor erklärt das Desinteresse. Die jungen Leute entscheiden sich also für andere Studien, die nicht so lang sind, unterhaltsamer scheinen und erlauben, sich schneller und mit weniger Mühe einen Platz in der Berufswelt zu erobern. Das ist es vielleicht, was ihnen an der Neuen Wirtschaft und am Management gefällt. Aber die heutigen Studenten, vor allem in den Naturwissenschaften, haben meiner Meinung nach ein viel besseres Niveau als unsere Generation.

Sie könnten also durchaus die schwierigen Wissenschaften studieren…

Ja, sie könnten durchaus, aber es langweilt sie. Die Jugend hat heute eine viel kritischere Einstellung zu dem ihr gebotenen Unterricht. In den Fakultäten beurteilen die Studierenden ihre Professoren, sie erwarten eine Menge von ihnen. Hier liegt meines Erachtens die größte Veränderung.

 

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Daniel Boy

Daniel Boy,
Forschungsleiter,
Maison des Sciences de l'Homme, Paris


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