WICHTIGER RECHTLICHER HINWEIS: Die Angaben auf diesen Webseiten unterliegen einerErklärung über den Haftungsausschlussund einem Vermerk über das Urheberrecht
 
Kontakt  |  EUROPA-Suche   
Europäische Forschung - Info - Homepage
Graphic
'Weekly Headlines'  auf englisch FTE info Kalender Pressemitteilungen Kontakt
Graphic
image Europäische Forschung - Information > Umwelt > Die versteckten Kosten der Energie
imageimage
image image image Veröffentlichung: 27/11/02
  image Die versteckten Kosten der Energie
FTE info 35
image  
   
  Europa hat sich eindeutig für eine Politik der nachhaltigen Entwicklung entschieden. Ernst genommen, setzt diese Option unter anderem eine Revision der wirtschaftlichen Berechnungen voraus, bei der bisher außer Acht gelassene Kosten einbezogen werden. Wenn diese „externen Kosten“ im Energiebereich berücksichtigt würden, wäre der Preis einer kWh auf Erdölbasis doppelt so hoch wie heute… Die Projekte ExternE, NewExt und ExternePol haben ein bemerkenswertes Verfahren entwickelt, das als Referenz für diese neue Art von Rechnungen gilt.
   
     
   

Diese versteckten externen Kosten betreffen im Wesentlichen Gesundheits- und Umweltschäden. Ein Beispiel? Bei der Verbrennung einer Tonne Kohle in einem Wärmekraftwerk werden zahlreiche Stoffe in die Luft ausgestoßen, die in einem mehr oder weniger großen Umkreis rund um den Emissionspunkt verschiedene Auswirkungen haben: Zunahme von Erkrankungen der Atemwege, Verfall von Gebäuden, Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität usw.

Derartige Schäden verursachen der Gemeinschaft Kosten, die in der Energierechnung im engen Wortsinn nicht inbegriffen sind. Manche finden sich in den bezifferbaren Ausgaben anderer Sektoren, wie etwa der Gesundheitsversorgung, wieder. Andere sind eher „virtueller“ Art, lassen sich aber anhand des Betrags einschätzen, den die Bürger zu zahlen bereit wären, wenn sie sich dadurch vermeiden ließen. Die Bedeutung einer strengen Beurteilung dieser externen Kosten wird immer offensichtlicher. Sie macht nämlich ein Instrument verfügbar, das sehr nützlich ist, wenn es darum geht, die großen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen auf dem Gebiet der Energiepolitik zu treffen.

Den Auswirkungen auf der Spur

Auch wenn das Prinzip ganz selbstverständlich scheint, erweist sich seine praktische Umsetzung als ausgesprochen komplex. Sie hat Anfang der 90er Jahre begonnen, zu einer Zeit, als der Begriff nachhaltig in die politischen Diskurse Einzug hielt, ohne dass irgendwer in der Lage gewesen wäre, ihm eine auf einigermaßen seriösen Bewertungsprinzipien basierende wissenschaftliche Substanz zu geben. Ursprünglich wurde das Projekt ExternE (External Costs of Energy) von einem Konsortium europäischer und amerikanischer Forscher gestartet (1). Ziel ist, die externen Kosten der Energie zu bestimmen, genauer gesagt der Erzeugung von Strom mithilfe der verschiedenen verfügbaren Quellen: Windkraft, Sonne, Kernkraft, Biomasse, Kohle, Erdöl, Erdgas, Hydroelektrizität…

„Dieses Projekt hat die Zusammenarbeit zahlreicher Spezialisten aus sehr unterschiedlichen Fachbereichen – Wirtschaftswissenschaftler, Physiker, Chemiker, Epidemiologen, Ökologen – erforderlich gemacht“, erinnert sich Ari Rabl, einer der Verantwortlichen von ExternE und Forscher am Centre d’Energétique der Ecole des Mines von Paris. „Es war eine sehr fesselnde geistige Übung, da jeder sich ein bisschen auf alles spezialisieren musste, um genau zu verstehen, was seine Kollegen von ihm erwarteten.“

Der zur Stärkung der Wirkungsorientierung entwickelte Ansatz, der so genannte impact pathway, ist logisch und systematisch. Es geht darum, jeder Etappe der Elektrizitätserzeugung Rechnung zu tragen, ohne auch nur eine einzige außer Acht zu lassen, und ihre Kosten einzuschätzen. Im Fall der Kohle zum Beispiel sind die Auswirkungen zu berücksichtigen, die mit dem Bau eines neuen Wärmekraftwerks, der Gewinnung des Rohstoffs und des Kalks (wenn dieser zur Entschwefelung der Verbrennungsprodukte benutzt wird), mit dem Transport der Kohle, den Abfällen und andern Stoffen und natürlich mit der Elektrizitätserzeugung selbst verbunden sind, nicht zu vergessen die Entsorgung der Abfälle und den Transport der Elektrizität.

Summen mit variabler Geometrie

„Die seriöse Einschätzung dieser Auswirkungen im Hinblick auf ihre Kosten setzt Kenntnisse voraus, die oftmals im Laufe der letzten zehn Jahre erworben wurden und ohne die ExternE nicht möglich gewesen wäre“, betont Ari Rabl. „Wir haben beispielsweise aktuelle epidemiologische Daten verwertet, um die Auswirkungen gewisser Schadstoffe auf die Gesundheit – als Anzahl betroffener Personen und verlorener Lebensjahre – einzuschätzen. Darüber hinaus haben wir Modelle eingesetzt, um die Ausbreitung der Schadstoffe in der Luft sowohl auf regionaler wie auf europäischer Ebene nachzuvollziehen.“

Um seine Verfahrensweise zuverlässig zu untermauern, hat sich ExternE auf eine beeindruckende Menge von Daten gestützt – von technischen Elementen, etwa die Emissionsraten für jeden Schadstoff (mehrere Dutzend wurden berücksichtigt) über demographische Daten und Untersuchungen zu persönlichen Wertsystemen, anhand derer sich Begriffe wie Gesundheitsschädigungen beziffern lassen, bis hin zu den meteorologischen Modellen, die unverzichtbar sind, um die Ausbreitung der verschiedenen Schadstoffe zu beurteilen.

Nacht achtjährigen Arbeiten, an denen Dutzende von Forschern in der gesamten Union mitgewirkt haben, war ExternE ab dem Jahr 1998 in der Lage, pro Land für jede einzelne Energieart eine Bilanz zu erstellen. Die Ergebnisse weisen starke Kontraste auf (2). In Deutschland zum Beispiel betragen die externen Kosten für eine durch Windkraft erzeugte kWh 0,05 Euro-Cent, für die Elektrizität hingegen, die ein mit Erdöl betriebenes Wärmekraftwerk produziert, 5 bis 8 Cent. Die externen Kosten der Kernkraft-kWh – ein Zehntel von dem, was beim Einsatz von Kohle anfällt – sind in ganz Europa gering, zwischen 0,2 und 0,7 Cent.

In der Regel bestehen erhebliche Abweichungen zwischen den einzelnen Ländern, die ihre technologische Heterogenität und die demographischen Unterschiede widerspiegeln. Die Forscher gehen davon aus, dass die externen Kosten der Elektrizitätserzeugung sich auf 1 bis 2 % des europäischen BIP belaufen. Im Übrigen glauben sie, dass sich der Preis der kWh auf Erdöl- oder Kohlenbasis verdoppeln würde, wenn diese Kosten in Anrechnung kämen.

ExternE und die Folgen

Die Veröffentlichung dieser Ergebnisse und das interdisziplinäre, wissenschaftlich untermauerte Verfahren, mit dessen Hilfe sie erlangt wurden, sind eine Premiere auf diesem Gebiet und fortan die Referenz für die mittel- und langfristige Energiepolitik. Dieses Verfahren wird jedoch immer weiter ausgefeilt; vor allem ein Projekt namens NewExt (New Elements for the Assessment of External Costs from Energy Technologies) hat die Nachfolge von ExternE angetreten. Es will bestimmte Parameter verfeinern, insbesondere im Hinblick auf die geldliche Beurteilung der durch Luftverschmutzung verursachten Mortalität. Darüber hinaus soll die Einschätzung der externen Kosten auf Bereiche ausgedehnt werden, die derzeit noch nicht berücksichtigt werden, beispielsweise die Boden- und Wasserschäden (Säuerung und Eutrophierung, Dioxinemissionen, Einfluss jeder Energie auf die globale Erwärmung usw.).

Die Forscher haben auch die Untersuchung der durch das Risikoeines technischen Unfalls verursachten externen Kosten in Angriff genommen. Diese waren bisher vor allem für die Kernenergie berücksichtigt worden, haben sich angesichts des hohen Grads an Sicherheit und der geringen Wahrscheinlichkeit eines Unfalls in den europäischen Kernkraftwerken aber als relativ unbedeutend erwiesen. Um jedoch die verschiedenen Energien auf ausgewogene Weise zu bewerten, müssen auch die Wahrscheinlichkeit und die Kosten von Katastrophen wie Ölpest, Staudammbrüchen usw. untersucht werden.

Werden die – nächstes Jahr verfügbaren – Ergebnisse von Newext das von ExternE gezeichnete Bild verändern? „Es ist noch zu früh, um dazu etwas zu sagen“, erklärt Alexander Gressmann von der Universität Stuttgart, einer der Koordinatoren von Newext. „In gewisser Hinsicht führt die Tatsache, dass wir uns bemühen, immer komplexere externe Kosten zu beziffern, natürlich zwangsläufig dazu, dass der Gesamtbetrag der versteckten Kosten immer höher wird. Andererseits gelangen wir dadurch, dass wir unsere Berechnungsinstrumente verfeinern (beispielsweise die statistischen Instrumente zur Einschätzung der Mortalität), zu Beträgen, die niedriger sind als bisher angenommen.“

Welche politische Umsetzung?

Tatsächlich erfordert die Untersuchung der externen Kosten ständige Aktualisierungen, abhängig von den Fortschritten, die in den verschiedenen daran beteiligten Bereichen erzielt werden. Dies wird zu den Aufgaben von ExternePol gehören, einem Forschungsprojekt, das ebenfalls auf der Linie von ExterneE liegt und im Herbst 2002 starten soll. „Wir wollen die Zuverlässigkeit der Ergebnisse verbessern, indem wir beispielsweise darauf achten, dass neue, leistungsfähigere Modellierungen einbezogen werden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass die entwickelte Verfahrensweise auf neue Probleme ausgedehnt wird“, erklärt Ari Rabl, der für die Koordination zuständig ist. ExternePol zielt (wie sein Name schon andeutet) unter anderem darauf ab, die Weiterleitung der seit etwa einem Jahrzehnt erhaltenen Ergebnisse an die Entscheidungsträger zu verbessern und dafür zu sorgen, dass diese sie als Hilfsmittel im Dienste der nachhaltigen Entwicklung nutzen können.

Eine Möglichkeit bestünde darin, die für die Gesellschaft am schädlichsten Energiequellen in Höhe der tatsächlich verursachten Kosten zu besteuern. Daraus ergäbe sich jedoch ein Anstieg des Energiepreises mit oftmals negativen Folgen, und überdies ist die Einführung einer einheitlichen Besteuerung auf europäischer Ebene sehr schwierig. Ein anderer Ansatz wäre, die auf sauberen Technologien basierenden Energieformen zu subventionieren. Ein Gemeinschaftstext (Februar 2001) zum Beispiel erlaubt „den Mitgliedstaaten, neuen Anlagen, die erneuerbare Energien erzeugen, auf der Basis der vermiedenen externen Kosten berechnete Betriebsbeihilfen zu gewähren“. Diese Beihilfen sind derzeit auf maximal 5 Euro-Cent pro kWh beschränkt.

„Wir bemühen uns, die Denkweisen zu verändern“, betont Ari Rabl. „Das dauert seine Zeit. Aber verschiedene Länder haben Interesse an unseren Arbeiten gezeigt, Dutzende von Studien haben unsere Methode übernommen, und unsere Ergebnisse wurden bei der Ausarbeitung europäischer Richtlinien berücksichtigt. Ich habe sogar persönlich mehrere Angebote von Unternehmern erhalten, die die externen Kosten ihrer Anlagen einschätzen lassen wollen. Lauter Anzeichen dafür, dass unsere Arbeit sich allmählich durchsetzt…“

(1) Die Amerikaner haben sich 1995 aus dem Projekt zurückgezogen.
(Zurück zum text)

(2) Die Ergebnisse sind verfügbar unter http://externe.jrc.es/
(Zurück zum text)


Kästen
image    
 

ExternE Verkehr

ExternE hat sich zwar auf die Erzeugung von Elektrizität konzentriert, aber ein Teil der erhaltenen Ergebnisse lassen sich auch für andere Evaluierungen verwerten. Eine Forschergruppe um Peter Bickel (Universität Stuttgart) hat die impact-pathway-Methode auf den Verkehr angewendet und eine Reihe von Fallstudien gestartet, die sich mit dem Straßenverkehr (mit verschiedenen Kraftstoffen), mit Fluss- und Schienenverkehr in mehreren Ländern befassen. „Die Gesundheitsfolgen spielen die Hauptrolle bei den quantifizierten Schäden in unserer Untersuchung, insbesondere die Mortalitätsraten auf Grund primärer und sekundärer Teilchen wie Nitrate und Sulfate. Außerdem haben wir festgestellt, dass die Bevölkerungsdichte rund um die Straßen ein entscheidender Parameter für das Ausmaß der Folgen ist“, meint Peter Bickel. Die durch Fahrzeuge freigesetzten krebserregenden Stoffe haben sich ganz im Gegensatz zu den Erwartungen der Forscher als weit weniger schädlich herausgestellt als die Teilchen (vorwiegend auf die Dieselmotoren zurückzuführen). Ein Vergleich der externen Kosten des Straßen- und des Schienengüterverkehrs hat im Übrigen ergeben, dass diese sich auf 0,04 bis 0,3 €/Tonne/Kilometer bzw. auf 0,001 bis 0,009 €/Tonne/Kilometer belaufen.

http://www.feem.it/gnee/terapap/bickel.html

Blank image
    Seitenanfang
image    
 

Das Softwareprogramm EcoSense

Das Team von ExternE hat EcoSense entwickelt, ein Softwareprogramm zur Einschätzung der externen Kosten, das verschiedene Benutzer interessieren dürfte. Das Prinzip ist einfach: Wenn man beispielsweise die durch eine Tonne Schwefeldioxid verursachten Schäden beziffert hat, kann diese Information anschließend gleich verwertet werden, indem man sie einfach auf die betroffene Bevölkerung bezieht. Mehrere Länder, etwa China oder Brasilien, haben bereits angefangen, mithilfe von EcoSense ihre eigenen externen Kosten zu berechnen, ebenso wie beispielsweise die Elektrizitätsgesellschaft EDF (Electricité de France). Die Forscher haben vor, dieses Softwareprogramm zu aktualisieren und seine Verbreitung zu vereinfachen.

http://externe.jrc.es/Method+EcoSense.htm

Blank image
    Seitenanfang
image    
 

Der Wert der verlorenen Jahre

Im Bereich Umwelt-Gesundheit ersetzen die Forscher von Newext die traditionelle, auf dem Wert eines statistischen Menschenlebens(1) basierende Berechnungsmethode durch eine Einschätzung des Werts eines verlorenen Lebensjahres. „Dieser Ansatz scheint uns sehr sinnvoll“, erklärt Alexander Gressmann. Tatsächlich führt die Luftverschmutzung meist dazu, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung auf Grund des Auftretens gewisser chronischer Krankheiten um einige Monate verkürzt.“ Es ist natürlich nicht möglich, dies auf die gleiche Weise zu quantifizieren wie unfallbedingte Todesfälle – etwa Verkehrsunfälle –, die das Leben im Durchschnitt um mehrere Jahrzehnte verkürzen. „Diese Konzepte können Nicht-Wirtschaftswissenschaftlern zynisch erscheinen“, schließt der Koordinator von NewExt. „In Wirklichkeit sind sie lediglich Hilfsmittel, die versuchen, die wirtschaftlichen Entscheidungen der Gesellschaft so getreu wie möglich widerzuspiegeln.“

(1) In Englisch VSL (Value of Statistical Life) bzw. VLYL (Value of Life Year Lost).

Blank image
     
imageSeitenanfang

Kästen

image


Sie möchten mehr wissen?

·
Offizielle Site von ExternE mit den Ergebnissen von 1998
·
Eine zweite Site mit einer Fülle von Informationen

Die externen Kosten der Elektrizitätserzeugung variieren von einem Land zum anderen je nach den technologischen und demographischen Unterschieden. In Deutschland zum Beispiel betragen die externen Kosten der von einem Windrad produzierten kWh 0,05 Cent, verglichen mit 5 bis 8 Cent für die Elektrizität, die von einem mit Erdöl betriebenen Kraftwerk erzeugt wird.

Die externen Kosten der Elektrizitätserzeugung variieren von einem Land zum anderen je nach den technologischen und demographischen Unterschieden. In Deutschland zum Beispiel betragen die externen Kosten der von einem Windrad produzierten kWh 0,05 Cent, verglichen mit 5 bis 8 Cent für die Elektrizität, die von einem mit Erdöl betriebenen Kraftwerk erzeugt wird.


Das Risiko eines technischen Unfalls - Ölpest, Staudammbruch usw. - wird ebenfalls in diese Berechnungen einbezogen. Wie sich gezeigt hat, sind diese vor allem im Fall der Kernkraft berücksichtigten Kosten dank der vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen eher gering.

Das Risiko eines technischen Unfalls – Ölpest, Staudammbruch usw. – wird ebenfalls in diese Berechnungen einbezogen. Wie sich gezeigt hat, sind diese vor allem im Fall der Kernkraft berücksichtigten Kosten dank der vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen eher gering.

 


Europäische Forschung - Info - Homepage
Graphic
Weekly Headlines FTE info Kalender Pressemitteilungen Kontakt
Graphic