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Diese versteckten externen
Kosten betreffen im Wesentlichen Gesundheits- und Umweltschäden.
Ein Beispiel? Bei der Verbrennung einer Tonne Kohle in einem Wärmekraftwerk
werden zahlreiche Stoffe in die Luft ausgestoßen, die in einem
mehr oder weniger großen Umkreis rund um den Emissionspunkt
verschiedene Auswirkungen haben: Zunahme von Erkrankungen der Atemwege,
Verfall von Gebäuden, Rückgang der landwirtschaftlichen
Produktivität usw.
Derartige Schäden verursachen der Gemeinschaft
Kosten, die in der Energierechnung im engen Wortsinn nicht inbegriffen
sind. Manche finden sich in den bezifferbaren Ausgaben anderer Sektoren,
wie etwa der Gesundheitsversorgung, wieder. Andere sind eher „virtueller“
Art, lassen sich aber anhand des Betrags einschätzen, den die
Bürger zu zahlen bereit wären, wenn sie sich dadurch vermeiden
ließen. Die Bedeutung einer strengen Beurteilung dieser externen
Kosten wird immer offensichtlicher. Sie macht nämlich
ein Instrument verfügbar, das sehr nützlich ist, wenn
es darum geht, die großen politischen und wirtschaftlichen
Entscheidungen auf dem Gebiet der Energiepolitik zu treffen.
Den Auswirkungen auf der Spur
Auch wenn das Prinzip ganz selbstverständlich
scheint, erweist sich seine praktische Umsetzung als ausgesprochen
komplex. Sie hat Anfang der 90er Jahre begonnen, zu einer Zeit,
als der Begriff nachhaltig in die politischen Diskurse
Einzug hielt, ohne dass irgendwer in der Lage gewesen wäre,
ihm eine auf einigermaßen seriösen Bewertungsprinzipien
basierende wissenschaftliche Substanz zu geben. Ursprünglich
wurde das Projekt ExternE (External Costs of Energy) von
einem Konsortium europäischer und amerikanischer Forscher gestartet
(1). Ziel ist, die externen
Kosten der Energie zu bestimmen, genauer gesagt der Erzeugung von
Strom mithilfe der verschiedenen verfügbaren Quellen: Windkraft,
Sonne, Kernkraft, Biomasse, Kohle, Erdöl, Erdgas, Hydroelektrizität…
„Dieses Projekt hat die Zusammenarbeit
zahlreicher Spezialisten aus sehr unterschiedlichen Fachbereichen
– Wirtschaftswissenschaftler, Physiker, Chemiker, Epidemiologen,
Ökologen – erforderlich gemacht“, erinnert sich
Ari Rabl, einer der Verantwortlichen von ExternE und Forscher am
Centre d’Energétique der Ecole des Mines von Paris.
„Es war eine sehr fesselnde geistige Übung, da jeder
sich ein bisschen auf alles spezialisieren musste, um genau zu verstehen,
was seine Kollegen von ihm erwarteten.“
Der zur Stärkung der Wirkungsorientierung
entwickelte Ansatz, der so genannte impact pathway, ist
logisch und systematisch. Es geht darum, jeder Etappe der Elektrizitätserzeugung
Rechnung zu tragen, ohne auch nur eine einzige außer Acht
zu lassen, und ihre Kosten einzuschätzen. Im Fall der Kohle
zum Beispiel sind die Auswirkungen zu berücksichtigen, die
mit dem Bau eines neuen Wärmekraftwerks, der Gewinnung des
Rohstoffs und des Kalks (wenn dieser zur Entschwefelung der Verbrennungsprodukte
benutzt wird), mit dem Transport der Kohle, den Abfällen und
andern Stoffen und natürlich mit der Elektrizitätserzeugung
selbst verbunden sind, nicht zu vergessen die Entsorgung der Abfälle
und den Transport der Elektrizität.
Summen mit variabler Geometrie
„Die seriöse Einschätzung dieser
Auswirkungen im Hinblick auf ihre Kosten setzt Kenntnisse voraus,
die oftmals im Laufe der letzten zehn Jahre erworben wurden und
ohne die ExternE nicht möglich gewesen wäre“, betont
Ari Rabl. „Wir haben beispielsweise aktuelle epidemiologische
Daten verwertet, um die Auswirkungen gewisser Schadstoffe auf die
Gesundheit – als Anzahl betroffener Personen und verlorener
Lebensjahre – einzuschätzen. Darüber hinaus haben
wir Modelle eingesetzt, um die Ausbreitung der Schadstoffe in der
Luft sowohl auf regionaler wie auf europäischer Ebene nachzuvollziehen.“
Um seine Verfahrensweise zuverlässig zu untermauern,
hat sich ExternE auf eine beeindruckende Menge von Daten gestützt
– von technischen Elementen, etwa die Emissionsraten für
jeden Schadstoff (mehrere Dutzend wurden berücksichtigt) über
demographische Daten und Untersuchungen zu persönlichen Wertsystemen,
anhand derer sich Begriffe wie Gesundheitsschädigungen beziffern
lassen, bis hin zu den meteorologischen Modellen, die unverzichtbar
sind, um die Ausbreitung der verschiedenen Schadstoffe zu beurteilen.
Nacht achtjährigen Arbeiten, an denen Dutzende
von Forschern in der gesamten Union mitgewirkt haben, war ExternE
ab dem Jahr 1998 in der Lage, pro Land für jede einzelne Energieart
eine Bilanz zu erstellen. Die Ergebnisse weisen starke Kontraste
auf (2). In Deutschland
zum Beispiel betragen die externen Kosten für eine durch Windkraft
erzeugte kWh 0,05 Euro-Cent, für die Elektrizität hingegen,
die ein mit Erdöl betriebenes Wärmekraftwerk produziert,
5 bis 8 Cent. Die externen Kosten der Kernkraft-kWh – ein
Zehntel von dem, was beim Einsatz von Kohle anfällt –
sind in ganz Europa gering, zwischen 0,2 und 0,7 Cent.
In der Regel bestehen erhebliche Abweichungen
zwischen den einzelnen Ländern, die ihre technologische Heterogenität
und die demographischen Unterschiede widerspiegeln. Die Forscher
gehen davon aus, dass die externen Kosten der Elektrizitätserzeugung
sich auf 1 bis 2 % des europäischen BIP belaufen. Im Übrigen
glauben sie, dass sich der Preis der kWh auf Erdöl- oder Kohlenbasis
verdoppeln würde, wenn diese Kosten in Anrechnung kämen.
ExternE und die Folgen
Die Veröffentlichung dieser Ergebnisse und
das interdisziplinäre, wissenschaftlich untermauerte Verfahren,
mit dessen Hilfe sie erlangt wurden, sind eine Premiere auf diesem
Gebiet und fortan die Referenz für die mittel- und langfristige
Energiepolitik. Dieses Verfahren wird jedoch immer weiter ausgefeilt;
vor allem ein Projekt namens NewExt (New Elements for the Assessment
of External Costs from Energy Technologies) hat die Nachfolge
von ExternE angetreten. Es will bestimmte Parameter verfeinern,
insbesondere im Hinblick auf die geldliche Beurteilung der durch
Luftverschmutzung verursachten Mortalität. Darüber hinaus
soll die Einschätzung der externen Kosten auf Bereiche ausgedehnt
werden, die derzeit noch nicht berücksichtigt werden, beispielsweise
die Boden- und Wasserschäden (Säuerung und Eutrophierung,
Dioxinemissionen, Einfluss jeder Energie auf die globale Erwärmung
usw.).
Die Forscher haben auch die Untersuchung der durch
das Risikoeines technischen Unfalls verursachten externen Kosten
in Angriff genommen. Diese waren bisher vor allem für die Kernenergie
berücksichtigt worden, haben sich angesichts des hohen Grads
an Sicherheit und der geringen Wahrscheinlichkeit eines Unfalls
in den europäischen Kernkraftwerken aber als relativ unbedeutend
erwiesen. Um jedoch die verschiedenen Energien auf ausgewogene Weise
zu bewerten, müssen auch die Wahrscheinlichkeit und die Kosten
von Katastrophen wie Ölpest, Staudammbrüchen usw. untersucht
werden.
Werden die – nächstes Jahr verfügbaren
– Ergebnisse von Newext das von ExternE gezeichnete Bild verändern?
„Es ist noch zu früh, um dazu etwas zu sagen“,
erklärt Alexander Gressmann von der Universität Stuttgart,
einer der Koordinatoren von Newext. „In gewisser Hinsicht
führt die Tatsache, dass wir uns bemühen, immer komplexere
externe Kosten zu beziffern, natürlich zwangsläufig dazu,
dass der Gesamtbetrag der versteckten Kosten immer höher wird.
Andererseits gelangen wir dadurch, dass wir unsere Berechnungsinstrumente
verfeinern (beispielsweise die statistischen Instrumente zur Einschätzung
der Mortalität), zu Beträgen, die niedriger sind als bisher
angenommen.“
Welche politische Umsetzung?
Tatsächlich erfordert die Untersuchung der
externen Kosten ständige Aktualisierungen, abhängig von
den Fortschritten, die in den verschiedenen daran beteiligten Bereichen
erzielt werden. Dies wird zu den Aufgaben von ExternePol gehören,
einem Forschungsprojekt, das ebenfalls auf der Linie von ExterneE
liegt und im Herbst 2002 starten soll. „Wir wollen die Zuverlässigkeit
der Ergebnisse verbessern, indem wir beispielsweise darauf achten,
dass neue, leistungsfähigere Modellierungen einbezogen werden.
Außerdem muss sichergestellt werden, dass die entwickelte
Verfahrensweise auf neue Probleme ausgedehnt wird“, erklärt
Ari Rabl, der für die Koordination zuständig ist. ExternePol
zielt (wie sein Name schon andeutet) unter anderem darauf ab, die
Weiterleitung der seit etwa einem Jahrzehnt erhaltenen Ergebnisse
an die Entscheidungsträger zu verbessern und dafür zu
sorgen, dass diese sie als Hilfsmittel im Dienste der nachhaltigen
Entwicklung nutzen können.
Eine Möglichkeit bestünde darin, die
für die Gesellschaft am schädlichsten Energiequellen in
Höhe der tatsächlich verursachten Kosten zu besteuern.
Daraus ergäbe sich jedoch ein Anstieg des Energiepreises mit
oftmals negativen Folgen, und überdies ist die Einführung
einer einheitlichen Besteuerung auf europäischer Ebene sehr
schwierig. Ein anderer Ansatz wäre, die auf sauberen Technologien
basierenden Energieformen zu subventionieren. Ein Gemeinschaftstext
(Februar 2001) zum Beispiel erlaubt „den Mitgliedstaaten,
neuen Anlagen, die erneuerbare Energien erzeugen, auf der Basis
der vermiedenen externen Kosten berechnete Betriebsbeihilfen zu
gewähren“. Diese Beihilfen sind derzeit auf maximal 5
Euro-Cent pro kWh beschränkt.
„Wir bemühen uns, die Denkweisen zu
verändern“, betont Ari Rabl. „Das dauert seine
Zeit. Aber verschiedene Länder haben Interesse an unseren Arbeiten
gezeigt, Dutzende von Studien haben unsere Methode übernommen,
und unsere Ergebnisse wurden bei der Ausarbeitung europäischer
Richtlinien berücksichtigt. Ich habe sogar persönlich
mehrere Angebote von Unternehmern erhalten, die die externen Kosten
ihrer Anlagen einschätzen lassen wollen. Lauter Anzeichen dafür,
dass unsere Arbeit sich allmählich durchsetzt…“
.
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Kästen
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| ExternE
Verkehr
ExternE hat sich zwar auf die Erzeugung
von Elektrizität konzentriert, aber ein Teil der
erhaltenen Ergebnisse lassen sich auch für andere
Evaluierungen verwerten. Eine Forschergruppe um Peter
Bickel (Universität Stuttgart) hat die impact-pathway-Methode
auf den Verkehr angewendet und eine Reihe von Fallstudien
gestartet, die sich mit dem Straßenverkehr (mit
verschiedenen Kraftstoffen), mit Fluss- und Schienenverkehr
in mehreren Ländern befassen. „Die Gesundheitsfolgen
spielen die Hauptrolle bei den quantifizierten Schäden
in unserer Untersuchung, insbesondere die Mortalitätsraten
auf Grund primärer und sekundärer Teilchen
wie Nitrate und Sulfate. Außerdem haben wir festgestellt,
dass die Bevölkerungsdichte rund um die Straßen
ein entscheidender Parameter für das Ausmaß
der Folgen ist“, meint Peter Bickel. Die durch
Fahrzeuge freigesetzten krebserregenden Stoffe haben
sich ganz im Gegensatz zu den Erwartungen der Forscher
als weit weniger schädlich herausgestellt als die
Teilchen (vorwiegend auf die Dieselmotoren zurückzuführen).
Ein Vergleich der externen Kosten des Straßen-
und des Schienengüterverkehrs hat im Übrigen
ergeben, dass diese sich auf 0,04 bis 0,3 €/Tonne/Kilometer
bzw. auf 0,001 bis 0,009 €/Tonne/Kilometer
belaufen.
http://www.feem.it/gnee/terapap/bickel.html
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| Das
Softwareprogramm EcoSense
Das Team von ExternE hat EcoSense
entwickelt, ein Softwareprogramm zur Einschätzung
der externen Kosten, das verschiedene Benutzer interessieren
dürfte. Das Prinzip ist einfach: Wenn man beispielsweise
die durch eine Tonne Schwefeldioxid verursachten Schäden
beziffert hat, kann diese Information anschließend
gleich verwertet werden, indem man sie einfach auf die
betroffene Bevölkerung bezieht. Mehrere Länder,
etwa China oder Brasilien, haben bereits angefangen,
mithilfe von EcoSense ihre eigenen externen Kosten zu
berechnen, ebenso wie beispielsweise die Elektrizitätsgesellschaft
EDF (Electricité de France). Die Forscher haben
vor, dieses Softwareprogramm zu aktualisieren und seine
Verbreitung zu vereinfachen.
http://externe.jrc.es/Method+EcoSense.htm
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| Der
Wert der verlorenen Jahre
Im Bereich Umwelt-Gesundheit ersetzen
die Forscher von Newext die traditionelle, auf dem Wert
eines statistischen Menschenlebens(1) basierende
Berechnungsmethode durch eine Einschätzung des
Werts eines verlorenen Lebensjahres. „Dieser Ansatz
scheint uns sehr sinnvoll“, erklärt Alexander
Gressmann. Tatsächlich führt die Luftverschmutzung
meist dazu, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung
auf Grund des Auftretens gewisser chronischer Krankheiten
um einige Monate verkürzt.“ Es ist natürlich
nicht möglich, dies auf die gleiche Weise zu quantifizieren
wie unfallbedingte Todesfälle – etwa Verkehrsunfälle
–, die das Leben im Durchschnitt um mehrere Jahrzehnte
verkürzen. „Diese Konzepte können Nicht-Wirtschaftswissenschaftlern
zynisch erscheinen“, schließt der Koordinator
von NewExt. „In Wirklichkeit sind sie lediglich
Hilfsmittel, die versuchen, die wirtschaftlichen Entscheidungen
der Gesellschaft so getreu wie möglich widerzuspiegeln.“
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