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Europäische Dokumentation

Ein neues Konzept für Europa
Die Erklärung von Robert Schuman - 1950-2000
von Pascal Fontaine

Cover


Der Schuman-Plan, die richtige Antwort auf die Probleme der Nachkriegszeit


Der historische Kontext

Den Europäern war nach Einstellung der Kampfhandlungen keine Atempause vergönnt. Kaum war der Zweite Weltkrieg zu Ende, zeichnete sich schon die Gefahr eines dritten Weltkriegs zwischen Ost und West ab. Nach dem Scheitern der Moskauer Konferenz über die deutsche Frage am 24. April 1947 war der Westen davon überzeugt, daß von der Sowjetunion, mit der man Seite an Seite gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatte, nun eine unmittelbare Gefahr für die westlichen Demokratien ausging. Die Gründung des Kominform, des Zusammenschlusses der kommunistischen Parteien weltweit, im Oktober 1947, der "Prager Putsch" vom 25. Februar 1948, mit dem die Kommunisten in der Tschechoslowakei die Herrschaft übernahmen, dann die Berliner Blockade im Juni 1948, mit der sich die Teilung Deutschlands ankündigte, verstärkten die Spannung noch. Durch die Unterzeichnung des Nordatlantik-Vertrags mit den Vereinigten Staaten am 4. April 1949 legten die Westeuropäer das Fundament für ihre gemeinsame Sicherheit. Aber die Explosion der ersten sowjetischen Atombombe im September 1949 und die zunehmenden Drohungen der Machthaber im Kreml trugen dazu bei, ein Klima der Angst zu verbreiten, das schon damals "Kalter Krieg" genannt wurde.

Der Status der Bundesrepublik Deutschland, die mit dem am 23. Mai 1949 beschlossenen Grundgesetz ihre Innenpolitik selbst in die Hand nahm, wurde damit zum Zankapfel zwischen Ost und West. Die Vereinigten Staaten wollten den wirtschaftlichen Wiederaufbau dieses Landes im Herzen des geteilten Kontinents beschleunigen, und schon wurden in Washington Stimmen laut, die die Wiederbewaffnung des ehemaligen Kriegsverlierers forderten. Die französische Diplomatie befand sich in einem Dilemma: Entweder gab sie dem amerikanischen Druck nach und stimmte gegen die öffentliche Meinung im Lande der Wiederherstellung der deutschen Hoheit über Ruhrgebiet und Saarland zu, oder sie verharrte entgegen dem Wunsch ihres wichtigsten Verbündeten auf einer starren Position und führte ihre Beziehungen zu Bonn in eine Sackgasse.

Im Frühjahr 1950 war die Stunde der Wahrheit gekommen. Robert Schuman, dem französischen Außenminister, war von seinem amerikanischen und britischen Kollegen ein imperatives Mandat erteilt worden, nämlich einen Vorschlag für die Wiedereingliederung der Bundesrepublik in das Konzert der Westmächte zu unterbreiten. Ein Treffen der drei Regierungen war für den 10. Mai 1950 geplant, Frankreich konnte sich seiner Verantwortung nicht mehr entziehen.

Zu den politischen Widerständen kamen wirtschaftliche Schwierigkeiten hinzu. Wegen des Stahlerzeugungspotentials mehrerer europäischer Staaten schien eine durch Überproduktion verursachte Stahlkrise unabwendbar. Die Nachfrage verlangsamte sich, die Preise fielen, und alles schien darauf hinzudeuten, daß sich die Stahlerzeuger entsprechend der Tradition der Stahlbarone der Zwischenkriegszeit zu einem Kartell zusammenschließen würden, um die Konkurrenz zu beschränken. Mitten im Wiederaufbau konnten es sich die europäischen Volkswirtschaften nicht erlauben, ihre Grundindustrien der Spekulation oder dem organisierten Mangel auszusetzen.

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Die Vorstellungen Jean Monnets

Um diesen Wust von Schwierigkeiten aufzulösen, dem die traditionelle Diplomatie machtlos gegenüberstand, wandte sich Robert Schuman an einen genialen Mann, der der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt war, der aber im Laufe einer sehr langen und facettenreichen internationalen Karriere enorme Erfahrung gesammelt hatte. Jean Monnet, damals Leiter des Amtes für wirtschaftliche Planung, 1945 von Charles de Gaulle mit der Modernisierung der französischen Wirtschaft beauftragt, war einer der einflußreichsten Europäer der westlichen Welt. Monnet-Schuman
Jean Monnet und Robert Schuman.

Schon im ersten Weltkrieg hatte er die gemeinsamen Versorgungsstrukturen der Alliierten organisiert. Er war stellvertretender Generalsekretär des Völkerbundes, Bankier in den Vereinigten Staaten, in Osteuropa, in China, er war ein geschätzter Berater von Präsident Roosevelt und Urheber des "Victory Program", das die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten über die Achsenmächte sicherte. Ohne politisches Mandat beriet er die Regierungen, und er hatte sich den Ruf eines pragmatischen, vor allem um Effizienz bemühten Mannes erworben.

Der französische Minister hatte den Leiter des Planungsamtes in seine Sorgen eingeweiht: "Was machen wir mit Deutschland?" Das war der beherrschende Gedanke dieses Lothringers und gläubigen Christen, der von dem Willen beseelt war, alles zu tun, um zu verhindern, daß es zwischen den beiden Ländern jemals wieder zu einem Krieg kommen konnte.

Jean Monnet beteiligte sich mit seinem kleinen Team des Planungsamtes in der Rue de Martignac in Paris an den Überlegungen. Sein Hauptanliegen war die internationale Politik. Nach seiner Auffassung hatte der Kalte Krieg seine Ursache in der Schwäche und Teilung Europas, das zum Streitobjekt der Supermächte geworden war. Durch eine Einigung Europas würde man die Spannungen verringern. Er dachte über eine internationale Initiative nach, deren wesentliches Ziel die Entspannung und die Herstellung des Weltfriedens dank der von einem wiederaufgebauten und versöhnten Europa gespielten Rolle war.

Jean Monnet hatte die verschiedenen erfolglosen Einigungsbemühungen beobachtet, die unternommen worden waren, seit der von der europäischen Bewegung 1948 in Den Haag einberufene Kongreß feierlich zur Einigung des Kontinents aufgerufen hatte.

Die Europäische Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, 1948 gegründet, hatte nur Koordinierungsaufgaben und konnte nicht verhindern, daß der wirtschaftliche Wiederaufbau in den europäischen Ländern im rein nationalen Rahmen erfolgte. Wie bei der Gründung des Europarats am 5. Mai 1949 deutlich wurde, waren die Regierungen nicht bereit, sich ihre Vorrechte beschneiden zu lassen. Die Parlamentarische Versammlung erhielt eine rein beratende Funktion, und jede ihrer Entschließungen, die mit Zweidrittelmehrheit verabschiedet werden mußten, konnte durch das Veto des Ministerkomitees blockiert werden.

Jean Monnet war zu der Überzeugung gelangt, daß es illusorisch wäre, mit einem Schlag ein fertiges institutionelles Gebäude schaffen zu wollen. Dies hätte auf seiten der Staaten derartige Widerstände hervorgerufen, daß jede Initiative von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Die Köpfe waren noch nicht so weit, daß man zur massiven Abtretung von Souveränitätsrechten bereit gewesen wäre; dies hätte die - wenige Jahre nach Kriegsende noch sehr wachen - nationalen Empfindlichkeiten verletzt.

Um Erfolg zu haben, mußte man die Ziele auf begrenzte, psychologisch wichtige Bereiche beschränken und einen gemeinsamen Entscheidungsmechanismus einrichten, an den schrittweise immer neue Zuständigkeiten übertragen werden konnten.

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Die Erklärung vom 9. Mai 1950

9.5.1950

Vorstellung des Schuman-Plans am 9. Mai 1950 im Salon de l'Horloge des Quai d'Orsay. Am Mikrophon der französische Außenminister Robert Schuman; zu seiner Rechten Jean Monnet.

Jean Monnet und seine engsten Mitarbeiter verfaßten in den letzten Apriltagen des Jahres 1950 ein wenige Seiten umfassendes Papier, das gleichzeitig die Begründung und den verfügenden Teil eines Vorschlags enthielt, der alle Modelle der klassischen Diplomatie auf den Kopf stellen sollte. Nichts lag Jean Monnet ferner, als sich auf die traditionellen Konsultationen mit den zuständigen Ministerialbehörden einzulassen, er achtete im Gegenteil auf strengste Diskretion, um den unvermeidlichen Einwänden und Gegenvorschlägen aus dem Weg zu gehen, die zum einen den revolutionären Charakter des Vorschlags verwässert, zum anderen den vorteilhaften Überraschungseffekt verhindert hätten. Als er sein Papier Bernard Clappier, dem persönlichen Referenten von Robert Schuman, anvertraute, wußte Jean Monnet, daß die Entscheidung des Ministers den Lauf der Ereignisse verändern konnte. Damit war, als Robert Schuman nach einem Wochenende im heimatlichen Lothringen seinen Mitarbeitern ankündigte: "Ich habe diesen Entwurf gelesen, ich werde ihn zu meiner Angelegenheit machen", die Initiative in den politischen Verantwortungsbereich über-gegangen. Zum gleichen Zeitpunkt, als der französische Minister seinen Vorschlag am Morgen des 9. Mai vor seinen Ministerkollegen verteidigte, überreichte ein Emissär seines Kabinetts den Vorschlag dem Bundeskanzler Adenauer in Bonn. Dessen Reaktion war spontan und begeistert. Er erwiderte sofort, daß er den Vorschlag aus ganzem Herzen unterstütze.

So konnte Robert Schuman mit dieser doppelten Unterstützung von seiten der französischen und der deutschen Regierung seinen Vorschlag der Öffentlichkeit vorstellen. Er tat dies auf einer Pressekonferenz um 16 Uhr im Salon de l'Horloge am Quai d'Orsay. Seiner Mitteilung schickte er einige einleitende Sätze voraus: "Es geht nicht mehr um leere Worte, sondern um eine mutige Tat, um eine Gründungstat. Frankreich hat gehandelt, und die Folgen seines Handelns können gewaltig sein. Wir hoffen, daß sie es sein werden. Frankreich hat in erster Linie im Interesse des Friedens gehandelt. Damit der Frieden eine echte Chance erhält, muß es zunächst ein Europa geben. Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands tut Frankreich den ersten entscheidenden Schritt für den Aufbau Europas und beteiligt Deutschland daran. Die Verhältnisse in Europa müssen sich dadurch vollständig verändern. Diese Veränderung wird weitere gemeinsame Taten möglich machen, die bisher undenkbar waren. Daraus wird ein Europa entstehen, ein zuverlässig vereintes und ein sicher gebautes Europa. Ein Europa, in dem der Lebensstandard steigen wird dank der Zusammenlegung der Produktionen und der Erweiterung der Märkte, was zu einem Sinken der Preise führen wird ..."

Der Grundtenor war damit gegeben. Es ging nicht um eine weitere diplomatische Übereinkunft, zustande gekommen im erbitterten Feilschen der Unterhändler. Frankreich reichte der Bundesrepublik Deutschland die Hand und schlug eine Zusammenarbeit auf gleichberechtigter Basis im Rahmen eines neuen Gebildes vor, das zunächst den Montanbereich der beiden Länder gemeinsam verwalten, aber auch, und dies ging viel weiter, den Grundstein der europäischen Föderation legen sollte.

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fac-similéDie Erklärung enthält eine Reihe von Grundsätzen:

- Europa läßt sich nicht mit einem Schlage herstellen, es wird durch konkrete Tatsachen entstehen. Zunächst muß eine "Solidarität der Tat" geschaffen werden.

- Der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland muß ausgelöscht werden: Der Vorschlag muß vor allem diese beiden Länder erfassen, aber er ist offen für alle anderen europäischen Nationen, die seine Ziele teilen.

- Es muß in einem "begrenzten, doch entscheidenden" Punkt sofort zur Tat geschritten werden: die französisch-deutsche Kohle- und Stahlproduktion, die einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen ist.

- Die Zusammenfassung der wirtschaftlichen Interessen wird zur Hebung des Lebensstandards und zur Schaffung einer Wirtschaftsgemeinschaft beitragen.

- Die Entscheidungen der Hohen Behörde werden für die teilnehmenden Länder bindend sein. Sie wird sich aus unabhängigen Persönlichkeiten zusammensetzen, die auf paritätischer Grundlage ernannt werden. Ihre Entscheidungen sind bindend.

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Die Ausarbeitung des EGKS-Vertrags

Um der französischen Initiative, aus der eine französisch-deutsche Initiative geworden war, möglichst große Erfolgschancen zu sichern, mußte rasch gehandelt werden. Frankreich berief für den 20. Juni 1950 in Paris eine Regierungskonferenz ein, deren Vorsitz Jean Monnet übernahm. Die drei Benelux-Staaten und Italien folgten dem Aufruf und saßen mit am Verhandlungstisch. Jean Monnet stellte klar, in welchem Geist die bevorstehenden Erörterungen geführt werden sollten: "Wir sind hier, um ein gemeinsames Werk zu vollbringen, nicht um Vorteile auszuhandeln, sondern um unseren eigenen Vorteil im gemeinsamen Vorteil zu suchen. Nur wenn wir aus unseren Diskussionen jedes partikularistische Bestreben heraushalten, wird es uns möglich sein, eine Lösung zu finden. Wenn wir, die wir hier versammelt sind, in der Lage sein werden, unsere Methoden zu ändern, wird sich auch der Gefühlszustand aller Europäer allmählich verändern" (1).

Im Verlauf der Erörterungen nahm die geplante internationale Struktur immer deutlichere Konturen an. Die Unabhängigkeit und die Befugnisse der Hohen Behörde wurden nicht in Frage gestellt, da sie den Kernpunkt des Vorschlags bildeten. Auf Antrag der Niederlande wurde ein Ministerrat als Vertretung der Staaten eingerichtet, der in bestimmten Fällen seine Zustimmung geben mußte. Eine Parlamentarische Versammlung und ein Gerichtshof sollten die Struktur vervollständigen, die die Grundlage des institutionellen Systems der heutigen Gemeinschaften bildet.

Die Unterhändler verloren zu keinem Zeitpunkt die Tatsache aus den Augen, daß sie das politische Mandat hatten, eine in ihren Zielen und in ihren Methoden völlig neue Organisation zu schaffen. Es war von ausschlaggebender Bedeutung, daß der im Entstehen begriffene Organismus nicht durch alle die typischen Mängel der klassischen zwischenstaatlichen Organisationen geschwächt wurde: das Erfordernis der Einstimmigkeit, die Abhängigkeit von nationalen Beiträgen, die Unterordnung der Exekutive unter die Vertreter der Einzelstaaten.

Auf die Erklärung Robert Schumans vom 9. Mai 1950 folgt am 18. April 1951 die Unterzeichnung des Pariser Vertrags, des ersten der Gründungsverträge der Europäischen Gemeinschaft. 18.4.1951

Am 18. April 1951 wurde der Vertrag über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl mit einer Laufzeit von fünfzig Jahren unterzeichnet. Er wurde von den sechs Unterzeichnerstaaten ratifiziert, und am 10. August 1952 konnte die Hohe Behörde unter dem Vorsitz von Jean Monnet in Luxemburg ihre Arbeit aufnehmen.

1  Monnet, J., Mémoires, S. 378, éditions Fayard, Paris, 1976.

 

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