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Einleitung
Europa im Dienste des Friedens und der
Demokratie
Das gemeinschaftliche Europa feiert seinen fünfzigsten
Geburtstag.
Als Robert Schuman am 9. Mai 1950 der Bundesrepublik
Deutschland und den anderen interessierten europäischen Staaten vorschlug,
eine Gemeinschaft im Dienste des Friedens zu gründen, vollbrachte er eine
historische Tat. Indem er den Gegnern von gestern die Hand reichte,
löschte er nicht nur die vom Krieg herrührenden Vergeltungsgedanken
und die Last der Vergangenheit aus, sondern er setzte gleichzeitig einen im
Zusammenleben der Völker völlig neuen Prozeß in Gang, indem er
geschichtlich gewachsenen Nationen vorschlug, durch eine gemeinsame
Ausübung ihrer Souveränität den Einfluß wiederzuerlangen,
den jede einzelne für sich allein nicht mehr ausüben
konnte.
Europa, dessen Aufbau sich seit jenem Ereignis Tag für
Tag fortsetzt, war das herausragende Projekt des 20. Jahrhunderts und ist eine
Hoffnung für das anbrechende 21. Jahrhundert. Seine Dynamik schöpft
es aus dem visionären und mutigen Plan der Gründerväter, die den
Krieg erlebt hatten und von der Absicht beseelt waren, die Voraussetzungen
für einen dauerhaften Frieden zwischen den europäischen Völkern
zu schaffen. Diese Dynamik erneuert sich ständig im Angesicht der
Herausforderungen, denen sich unsere Staaten in einer Welt des raschen und
tiefgreifenden Wandels gegenübersehen.
Konnte irgend jemand dieses außerordentliche Streben
nach Demokratie und Freiheit vorausahnen, das die Mauer zu Fall brachte, das
die Völker Mittel- und Osteuropas zu Herren ihres Schicksals machte und
das heute durch die bevorstehenden Erweiterungen und die damit immer weiter
wachsende Einheit des Kontinents dem Ideal des europäischen Aufbauwerks
eine neue Dimension verleiht?

Eine historische
Erfolgsgeschichte
Überblickt man 50 Jahre europäischer
Einigungsgeschichte, so zeigt sich die Europäische Union an der Schwelle
zum dritten Jahrtausend als historische Erfolgsgeschichte. Staaten, die
miteinander im Unfrieden lagen, die die schrecklichsten Massaker unseres
Kontinents erlitten, haben heute eine gemeinsame Währung, den Euro, und
gemeinsame Institutionen, die ihre Wirtschafts- und Handelsinteressen
verwalten.
Die Europäer regeln ihre Meinungsverschiedenheiten mit
friedlichen Mitteln, auf der Grundlage des Rechts und auf dem Wege des
Ausgleichs. Vormachtgefühle und Diskriminierung wurden aus den Beziehungen
zwischen den Mitgliedstaaten gestrichen, die es den vier Organen der
Gemeinschaft, dem Rat, dem Parlament, der Kommission und dem Gerichtshof,
übertragen haben, in Konflikten zu vermitteln, das Gemeinwohl der
Europäer zu definieren und eine gemeinsame Politik zu
betreiben.
Der Lebensstandard der Bürger ist beträchtlich
gestiegen, und zwar viel stärker, als es möglich gewesen wäre,
wenn die einzelnen Volkswirtschaften nicht von den "economies of scale"
und den vom gemeinsamen Markt und vom intensiveren Handelsaustausch
hervorgerufenen Wachstumssteigerungen profitieren könnten.
Die Bürger, die Studenten bewegen sich ungehindert,
arbeiten frei in einem Raum ohne Binnengrenzen. Die Fundamente einer
gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik sind gelegt. Und schon hat man
begonnen, die gemeinsame Solidaritätspolitik im sozialen Bereich, für
die Regionen, für die Umwelt, in der Forschung und beim Verkehr zu
intensivieren.
Durch die wirtschaftliche Einigung steigt Tag für Tag
die Notwendigkeit und die Möglichkeit, auch Fortschritte hin zur
politischen Union zu machen. Der Einfluß der Europäischen Union in
der Welt wächst parallel zu ihrem wirtschaftlichen Gewicht, zum
Lebensstandard ihrer Bürger, zum Platz, den sie im diplomatischen,
kommerziellen, monetären Umfeld einnimmt.
Das gemeinschaftliche Europa gewinnt seine Kraft aus den
Werten der Demokratie und der Menschenrechte, die den Völkern Europas
gemeinsam sind; dank dem gemeinschaftlichen Europa konnten aber gleichzeitig
die kulturelle und sprachliche Vielfalt und sein Schatz an Traditionen erhalten
werden.
Das vereinigte Europa ist durch die atlantische
Solidarität und wegen der Attraktivität seines Modells des
Zusammenlebens in der Lage, totalitärem Druck zu widerstehen und den
Rechtsstaat weiterzuentwickeln.Das gemeinschaftliche Europa ist zu einem
Anziehungspunkt geworden, an dem sich alle Erwartungen benachbarter und
fernerer Länder ausrichten, die mit aufmerksamem Blick auf die Dynamik der
Europäischen Union ihre wiedererwachende Demokratie konsolidieren oder
ihre zerstörte Wirtschaft wieder aufbauen wollen.
Heute verhandelt die Gemeinschaft der Fünfzehn
über die nächsten Beitritte mit zehn mittel- und osteuropäischen
Ländern sowie mit Malta und Zypern. Bald werden weitere aus dem ehemaligen
Jugoslawien hervorgegangene oder zur europäischen Einflußsphäre
gehörende Staaten dazustoßen wollen. Im Mittelpunkt der
Erweiterungsverhandlungen steht die Übernahme des gemeinschaftlichen
Besitzstands, aber auch der großen Ziele der Europäischen Union
durch die Beitrittskandidaten. Zum ersten Mal in seiner langen Geschichte
schickt sich der europäische Kontinent an, in Frieden und Freiheit
zusammenzuwachsen.
Diese Bewegung spielt für das Gleichgewicht in der
Welt eine beträchtliche Rolle. Die Beziehungen Europas mit den Vereinigten
Staaten, mit Rußland, mit der asiatischen Welt und mit Lateinamerika
werden verändert aus diesem Prozeß hervorgehen. Europa ist schon
jetzt nicht mehr einfach eine Macht, der es gelungen ist, ihren Platz in der
Welt beizubehalten. Europa ist ein Bezugspunkt und ein Hoffnungsträger
für die Völker, denen am Frieden und an der Einhaltung der
Menschenrechte gelegen ist.
Woher kommt dieser Erfolg? Ist er auf Dauer der
geschichtlichen Logik dieses Kontinents eingeprägt, ist er im kollektiven
Gedächtnis und im kollektiven Willen der Völker so verwurzelt,
daß auch der kleinste Keim einer kriegerischen Auseinandersetzung
innerhalb Europas ausgelöscht ist?
Die leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit und die
Konflikte, die heute noch den Balkan zerrütten und die Kaukasusregion mit
blutigen Wirren überziehen, müssen für die Europäer Grund
genug sein, den Frieden nicht einfach als natürlichen, dauerhaften Zustand
hinzunehmen, sondern ihm die entsprechende sorgfältige Pflege angedeihen
zu lassen.

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Finnland
Schweden
Vereinigtes Königreich
Irland
Dänemark
Deutschland
Niederlande
Belgien
Frankreich
Luxemburg
Österreich
Italien
Spanien
Portugal
Griechenland |
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Estland
Lettland
Litauen
Polen
Tschechische Republik
Slowakische Republik
Ungarn
Slowenien
Rumänien
Bulgarien
Türkei
Malta
Zypern
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EU - Mitglied - staaten* |
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Bewerberländer, mit denen bereits Beitrittsverhandlungen aufgenommen wurden |
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Andere
Bewerberländer
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* Die nichtkontinentalen und
überseeischen Gebiete sind nicht dargestellt.

Die künftigen
Herausforderungen
Nach einem halben Jahrhundert Gemeinschaftsgeschichte
stellen sich den Europäern immer noch grundlegende Fragen: Welches sind
die Grundwerte, die ihnen wichtig sind, und mit welchen Mitteln können sie
am wirksamsten geschützt werden? Welcher Einigungsgrad ist
wünschenswert und möglich, bei welchem Einigungsgrad läßt
sich die maximale Kraft aus der Einheit erzielen, ohne die Identitäten zu
verändern und die Eigenheiten, die den Reichtum unserer Nationen, unserer
Regionen, unserer Kulturen ausmachen, zu vernichten? Kann man mit einheitlicher
Geschwindigkeit voranschreiten und sich auf die natürliche Harmonie
stützen, die den Konsens zwischen fünfzehn Staaten begünstigt,
oder sollte man anerkennen, daß es unterschiedliche Konzepte gibt und es
daher auch unterschiedliche Integrationsgeschwindigkeiten geben muß? Was
sind die Grenzen des gemeinschaftlichen Europas, wenn so viele Nationen, von
den neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas sowie des Balkans bis hin zur
Türkei, am Einigungsprozeß teilnehmen wollen? Wie kann man jeden
einzelnen am Unternehmen Gemeinschaft teilhaben lassen, in jedem ein
Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa wecken, das sein
ursprüngliches Zugehörigkeitsgefühl ergänzt und erweitert?
Wie kann man den europäischen Bürger näher an die Institutionen
der Europäischen Union heranführen, wie kann man jedem die
Gelegenheit geben, sich das Projekt des vereinigten Europas
"wiederanzueignen", das sich lange Zeit in die Beratungen auf
Ministerialebene und in das sachkundige Wirken der Beamten zurückgezogen
hatte?
Alles Grundsatzfragen, denen man sich stellen muß,
will man nicht in Sackgassen geraten. Grundlegende Fragen, deren Beantwortung
die Richtung bestimmt, wenn es um detailliertere, technischere Fragen geht, mit
denen sich diejenigen, die konkret am europäischen Aufbauwerk arbeiten,
tagtäglich auseinandersetzen müssen.
Im Grunde stellt sich den Europäern eine einfache
Frage: Entweder sie vereinen auch weiterhin ihre Kräfte, um ihre Stimme in
der Welt hörbar zu machen, das Ideal der Demokratie zu fördern und
ihre wirtschaftlichen und strategischen Interessen zu verteidigen. Dann wird
Europa auch in Zukunft mehr sein als eine kleine Halbinsel Eurasiens, von der
Paul Valéry sprach. Es wird ein ausgleichender und mäßigender
Faktor in den Beziehungen zwischen industriellen Supermächten und
krisengeschüttelten Entwicklungsländern sein. Oder aber die
Europäer fühlen ihre Zusammengehörigkeit nicht stark genug und
statten sich nicht mit den Instrumenten aus, mit denen sie ihre gemeinsamen
Interessen konkret wahrnehmen können. In diesem Fall werden sich die
Volkswirtschaften der einzelnen Länder auf Zuliefererniveau reduzieren,
und der Lebensstandard der Verbraucher wird sinken. Europa wird als rein
geographisches Gebilde dem Einflußbereich außereuropäischer
Mächte angehören und für seine Abhängigkeit und für
sein Schutzbedürfnis den entsprechenden Preis zahlen.

Die Aktualität der
Gemeinschaftsmethode
Mit dem am 11. Dezember auf der Tagung des
Europäischen Rates in Helsinki gefaßten Beschluß, eine
Regierungskonferenz mit dem Auftrag einzuberufen, die Verträge so
anzupassen, daß auch eine auf mehr als 20 Mitglieder gewachsene EU gut
funktionieren kann, wurde ein neues institutionelles Projekt in Angriff
genommen.
In diesem inzwischen fünfzig Jahre alten Europa
gärt es allenthalben. Die Hoffnungen sind ebenso groß wie die
Ambitionen und Herausforderungen, aber die Gefahr des Scheiterns ist deshalb
noch lange nicht gebannt.
Europa als schlichte Freihandelszone oder Europa als Akteur
auf der Weltbühne? Ein technokratisches oder ein demokratisches Europa?
Ein Europa mit dem Motto
"Jeder für sich" oder ein solidarisches
Europa?
Angesichts so vieler kritischer Entscheidungen, so vieler
Unsicherheiten erscheint die Gemeinschaftsmethode, beruhend auf dem Dialog
zwischen den Mitgliedstaaten und den gemeinschaftlichen Institutionen, die
gemeinsam die auf sie übertragenen Souveränitätsrechte
wahrnehmen, von offensichtlicher Aktualität. Sie hat vor 50 Jahren die
Schaffung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und dann
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und von Euratom ermöglicht,
mit den späteren Ergänzungen der Einheitlichen Europäischen Akte
und der Verträge von Maastricht und Amsterdam. In die
innereuropäischen Beziehungen wurde ein "Veränderungsferment"
eingeführt, das tagtäglich neue Auswirkungen zeitigt. Morgen kann
diese Methode den bestmöglichen Beitrag zur Lösung der großen
Probleme leisten, denen die Europäer gegenüberstehen.
Die Bedeutung der Grundprinzipien des europäischen
Aufbauwerks geht weit über das rein institutionelle Gefüge hinaus.
Der Gemeinschaftsgeist, der von Staatsmännern geprägt und
weitergegeben wurde, denen es vor allem um den Aufbau eines Europas im Dienste
des Menschen ging, verleiht dem Europagedanken die Tragweite eines
Zivilisationsprojekts. Damit stellt die Erklärung von Robert Schuman auch
aus heutiger Sicht ein neues Konzept für Europa dar.
Pascal Fontaine, geboren 1948, Doktor der
Politikwissenschaften, war der letzte Assistent von Jean Monnet, mit dem er von
1973 bis 1977 zusammenarbeitete. 1984-1987 Kabinettchef des Präsidenten
des Europäischen Parlaments. Professor am Institut d'Études
Politiques, Paris.
Für den Inhalt ist ausschließlich der Autor
verantwortlich.
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