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Ungarn startet mit einer ersten Strategie für Öko-Innovation

28/01/2013

  • Ungarn
 

Die ungarische Regierung hat seine Umwelttechnologie- und Innovationsstrategie (NETIS) Ende 2011 als Rahmenprogramm für Öko-Innovation im nationalen Reformprogramm verankert. Das nationale Reformprogramm ist Ungarns Beitrag zu Europa 2020 – das gemeinschaftliche Programm für intelligentes, nachhaltiges und inklusives Wirtschaftswachstum.

NETIS ist Teil der 18. Maßnahme im ungarischen nationalen Reformprogramm. Das Reformprogramm sieht eine Erneuerung der landeseigenen Forschungs- und Entwicklungsstrategie vor. Vision der Regierung ist es, Umweltindustrien und –technologien zu stützen, Umweltinnovation zu fördern, Rohstoffausbeutung zu verringern und Anreize für Recycling zu setzen. Ungarn setzt sich damit für ein Umdenken ein: Weg vom nachträglichen Lösen von Umweltproblemen hin zum Vermeiden von Problemen.

Ungarn wählt eine zielorientierte Herangehensweise und hat nicht weniger als 17 Ziele definiert, die bis 2020 erreicht werden sollen. Die Ziele sind in Prozentangaben zur bestehenden Situation angegeben. Zum Beispiel: Rohstoff-, Energie- und Wasserintensität soll pro Einheit des Bruttosozialproduktes um 80 Prozent reduziert werden, der Anteil erneuerbarer Energien um 275 Prozent steigen, Siedlungsabfälle um 30 Prozent verringert werden und sich die Anzahl der  Arbeitsplätze in den Umweltindustrien verdoppeln.

Um diese Maßnahmen zu finanzieren, schaut sich die ungarische Regierung verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten an: EU Fonds für Wissenschaft, Strukturfonds für landwirtschaftliche Entwicklung und Kohäsion und den norwegischen Finanzierungsmechanismus. Dieser ist durch die Mitgliedschaft Norwegens in der Europäischen Wirtschaftszone (EEA) erreichbar und zielt besonders auf die Bedürfnisse umweltfreundlicher Technologien ab.

Ungarns Minister für Ländliche Entwicklung ist verantwortlich für die Implementierung von NETIS und gibt Auskunft über das Vorhaben.

In der Zusammenfassung von NETIS heißt es, dass Ungarn von Energie- und Rohstoffimporten abhängt. Hat Ungarn es sich zum Ziel gesetzt diese Importe zu reduzieren, bzw. seine Ressourceneffizienz zu steigern? Welche Rolle kann Öko-Innovation dabei spielen?

Ja, Ungarn hat spezielle Ziele, die sich auf die Verringerung der Importabhängigkeit beziehen. Wie in NETIS beschrieben wollen wir die Rohstoff- und Energieintensität um 20 Prozent bis ins Jahr 2020 verringern (Gemessen an 2007). NETIS soll  mit übergreifender politischer Unterstützung zum Katalysator für intelligente Lösungen werden, mit dem wir unsere ehrgeizigen Ziele erreichen.

Bezieht sich Öko-Innovation in Ungarn nur auf Umwelttechnologien oder beinhaltet der NETIS auch Veränderungen im System und Verhalten, um Umweltschäden zu verringern?

Natürlich geht es im NETIS-Programm nicht nur um Technik. Aus unserer Perspektive sind Umwelttechnologien nicht einfach singuläre Technologien. Vielmehr sind es Systeme, die Know-How, Prozesse, Produkte, Dienstleistungen und Ausstattung genauso beinhalten wie Organisationsentwicklung und Geschäftsführung. Umwelttechnologien schützen nicht nur die Umwelt, sie verschmutzen weniger, sie nutzen alle Materialien nachhaltiger, verwenden Müll und Material wieder und gehen mit dem Restmüll verantwortungsbewusster um, als herkömmliche Herangehensweisen. Wie die untenstehende Grafik zeigt, gibt es ein weites Feld für Innovation und Intervention auf diesem Gebiet.

Innovationstypen von Umwelttechnologien:

Types of environmental technology innovations: product innovation, Process innovation, organizational innovation, cleaner production technologies, end-of-pipe technologies 

Was sind die ungarischen Prioritäten im Bereich Öko-Innovation? Und warum diese Priorisierung?

NETIS fasst die Ziele und Entwicklungsgebiete unter acht Themen zusammen: 1) Abfall, 2) Wasser, 3) Luft, 4) Lärm, 5) Landwirtschaft und Bodenschutz, 6) Sanierung, 7) Erneuerbare Energien, 8) Bauindustrie. Der Grund für die Auswahl dieser Prioritäten ist, dass in all diesen Gebieten viele Möglichkeiten gibt, den derzeitigen Stand (bzgl. Umwelteinflüsse) zu verbessern. In den acht Bereichen können beachtliche positive Entwicklungen in Gang gesetzt werden.

Im Rahmen von NETIS wurde eine Analyse des Status quo zur Umweltindustrie und politischer Praktiken gemacht. Ist diese Studie bereits abgeschlossen und was waren die wesentlichen Ergebnisse?

Ja, im Rahmen von NETIS haben wir die Position der Umweltindustrie auf nationalem und europäischem Niveau genau untersucht. Zusätzlich wurden bemerkenswerte internationale Politiken einbezogen, um einen Überblick zu

Auf der nationalen Ebene haben mehr als 40 Unternehmen an der Untersuchung teilgenommen. Neben dem privaten Sektor wurden auch Wissenschaft, Verbände und Verwaltung einbezogen. Die Untersuchung hat es uns erlaubt, die dringendsten Herausforderungen zu identifizieren, wie zum Beispiel lange Amortisierungsphasen bei Investitionen, ein sich schnell veränderndes, wachsendes und komplexes System an legalen Anforderungen (national und auf Ebene der EU) und Wettbewerbsnachteile kleinerer und mittlerer Unternehmen im Zeitalter der Unternehmensfusionen.

Der Grundgedanke von NETIS hat bereits Eingang in viele strategische Planungen erhalten (z.B. in den nationalen Entwicklungsplan, in ein mehrjähriges europäische Finanzplanungsinstrument und das Weißbuch für Wissenschaft, Entwicklung und Innovation). Wir sehen diese Anwendung als großen Erfolg. Der innovative Aspekt der Strategie spiegelt sich im Titel wieder – bedenkt man, dass dies die erste nationale Strategie mit einem klaren Fokus auf Umwelttechnologien ist. Bisher gab es kein Regierungsinstrument für diesen Bereich.

Gibt es schon ein paar frühe Ergebnisse von NETIS?

Ja, dank der intensiven Beteiligung aller Stakeholder während der Beratungen zu NETIS ist das Konzept einer grünen Wirtschaft nun sehr bekannt bei den Entscheidungsträgern. Zudem gibt es auf nationaler Ebene viel mehr Verständnis für die Loslösung des Bruttosozialproduktes und Umweltschäden. Wir haben Keime für eine grüne Wirtschaft gesät. Wir wissen um die kreative Kraft, die Gedanken frei setzen kann und glauben, dass es zu einem wirklichen Paradigmenwechsel kommen wird.

Gibt es schon erfolgreiche Beispiele für Öko-Innovation in Ungarn?

Im Jahr 2011 hat die zentrale Abwasserkläranlage in Budapest (BCWTP) den 20. Ungarischen Grand Prize erhalten. Der Preis wird von der Innovationsstiftung Ungarn mit dem Verein für Innovation, dem Wirtschaftsministerium, dem Ministerium für ländliche Entwicklung und der öffentlichen Stiftung für Entwicklung und Industrie vergeben.

BCWTP hat es geschafft seine Energieeffizienz durch Entwicklung und Innovation zu steigern und konnte auf diese Weise 604 Millionen HUF (€2.05 Millionen) einsparen. Möglich wurde das durch neue Methoden, den Energieverbrauch zu optimieren und der Erzeugung von Biogas aus dem Klärschlamm.

Wie kann die Teilnahme Ungarns am europäischen Aktionsplan für Öko-Innovation die Entwicklung in Ungarn unterstützen?

Das Beratungsforum, welches EcoAP bietet, ist eine gute Möglichkeit für uns, international Kooperationen auszubauen. Wir erfahren so von erfolgreichen Projekten und Fallstudien anderer Mitgliedsstaaten. EcoAP  ist für uns eine professionelle Netzwerkplattform.