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Neuer Bericht: Öko-Innovation – eine Herausforderung für Europa

28/07/2011

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Viele europäische Unternehmen sind innovativ, doch deutliche Steigerungen der Materialeffizienz sind oftmals schwer realisierbar. Auf diesem Gebiet besteht ein großes, noch unerschlossenes Potenzial für wirtschaftliche und ökologische Verbesserungen.

In ihrem ersten Jahresbericht schlägt die Europäische Beobachtungsstelle für Öko-Innovation (Eco Innovation Observatory - EIO) deutliche Töne an: die Innovationsanstrengungen europäischer Unternehmen im Bereich Ressourceneffizienz erreichen keineswegs den erforderlichen Umfang. Die Beobachtungsstelle ist eine EU-finanzierte Plattform, die Informationen über Öko-Innovation sammelt, um Unternehmen und politische Entscheidungsträger zu beraten, wie sich die europäische Wirtschaft ressourcenschonender und wettbewerbsfähiger gestalten lässt. Sie ist Teil der Plattfom für Öko-Innovation im Rahmen der Initiative Europa INNOVA zur Unterstützung von Innovationen in Unternehmen.

Europa hat zwar die Entkopplung des Materialeinsatzes vom Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht, dennoch stieg der Materialeinsatz insgesamt von 2000 bis 2007 um 8 %. Rechnet man die Importe hinzu, ergibt sich ein noch düsteres Bild: stärker als alle anderen Regionen wälzt Europa die Umweltkosten des Ressourcenverbrauchs auf andere Länder ab. Dem Bericht zufolge liegt die Herausforderung für die Zukunft in der weiteren Verbesserung der Ressourcenproduktivität sowie darin, die völlige Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Materialeinsatz sicherzustellen.

Für die Beobachtungsstelle ist Öko-Innovation nicht mehr nur eine Frage der Entwicklung von ökologischen Technologien zur Minderung der Schadstoffbelastung; es geht vielmehr um die größtmögliche Verringerung des Verbrauchs natürlicher Ressourcen während des gesamten Lebenszyklusses eines Produkts. Der erwartete Nutzen reicht von geringeren Materialkosten und neuen Märkten für Unternehmen bis zur Verringerung der Umweltbelastung, Rohstoffsicherheit, einer höheren Lebensqualität und „grünen“ Arbeitsplätzen.

Länderspezifische Analysen

Der Bericht legt erstmalig eine länderspezifische Analyse der Leistungsfähigkeit im Bereich Öko-Innovation vor. Der europäische Anzeiger für Öko-Innovation beruht auf 13 Indikatoren in fünf Kategorien: Einsatz von Öko-Innovation (z. B. der Gesamtwert der finanziellen Förderung von Öko- Innovationen), Aktivitäten (z. B. der Anteil der an Öko- Innovationsmaßnahmen beteiligten Betriebe), Ergebnisse (Anzahl der Patente), ökologischer Fortschritt (z. B. in den Bereichen Wasser, Energie und CO2-Intensität) sowie sozio-ökonomische Folgen (z. B. Beschäftigungsentwicklung in ökoinnovativen Industrien).

Den Spitzenplatz belegt Finnland, gefolgt von Dänemark, Deutschland, Österreich und Schweden. Eine zweite Gruppe bildet das dicht gedrängte Feld des EU-Durchschnitts: Belgien, Niederlande, Vereinigtes Königreich, Irland, Spanien, Italien, Frankreich und Luxemburg. Das Schlusslicht bildet die Gruppe der übrigen Länder Süd- und Osteuropas.

Eine genauere Untersuchung des Abschneidens der Länder in den fünf Teilbereichen ergibt, dass kein einziges als zukunftsweisendes Modell infrage kommt. Im Bereich „ökologischer Fortschritt“ zum Beispiel fällt der Gesamtsieger Finnland auf Platz 19 ab. Tatsächlich erzielen alle fünf Länder aus der Gruppe der Besten in dieser Kategorie verhältnismäßig schlechte Ergebnisse. Der Bericht kommt zu dem Schluß, dass „gute Leistung im Bereich Öko-Innovation nicht zwangsläufig zu einer guten ökologischen Gesamtleistung führt.“

Grund hierfür könnte sein, dass Innovationen in Ländern mit einem hohen BIP- Wachstum stattfinden, welches deren positive Wirkung aufhebt, oder dass Innovationen nur längerfristig Wirkung zeitigen. Die ausgeprägte Wechselwirkung zwischen Öko-Innovation, BIP und Wettbewerbsfähigkeit weist darauf hin, dass neue, weniger wohlhabende Mitgliedstaaten größere Schwierigkeiten haben könnten, Öko-Innovationen durchzuführen. Der Erfolg von Ländern im Bereich Öko-Innovation hängt von deren wirtschaftlicher und sozialer Struktur ab, von der Verfügbarkeit von Humankapital und Finanzmitteln sowie von historischen Entwicklungen und Naturressourcen.

Weitere Anstrengungen sind nötig

Die größte Herausforderung für politische Entscheidungsträger, so der Bericht, besteht darin, Wege zu finden, wie man in Ländern, die einen wirtschaftlichen und ökologischen Modernisierungprozess durchlaufen, Öko- Innovationen voranbringen kann. In diesen Ländern ist das Potenzial zur Ressourceneinsparung häufig sehr groß, die Kapazität zu deren Umsetzung jedoch äußerst gering. Ebenso wichtig ist es, die Position der Gruppenführer in der Wertschöpfungskette zu bestimmen – welche Bedeutung sie haben und wie ihr Einfluss vergrößert werden kann. Dem Bericht zufolge ist die Definition von Zielen für den Ressourcenverbrauch notwendig, wenn Unternehmen nennenswerte Investitionen tätigen sollen. Für eine Verringerung des Materialeinsatzes bis 2050 werden verschiedene Szenarien vorgestellt: von einer Verringerung um 50 % bis zu einer Verringerung um 80 %. Der Bericht betont, dass solche Ziele auf der Makroebene unter Berücksichtigung des regionalen und sektoralen Kontexts differenziert und mit konkreten Anreizen für Unternehmen verbunden werden müssten, um Wirkung zu zeigen.

Nach Ansicht der Deutschen Materialeffizienzagentur (demea) kann das Potenzial zur Verbesserung der Materialeffizienz bei KMU sogar höher ausfallen als bei Großunternehmen. Die Europäische Beobachtungsstelle für Öko-Innovation wird anhand von Fallstudien aus Deutschland ein Grenzkostenmodell für Materialeffizienz entwickeln. Das Modell ermöglicht einen Überblick über verschiedene Maßnahmen zur Steigerung der Materialeffizienz und über deren Kosten und Wirksamkeit. Es soll insbesondere KMU bei strategischen Entscheidungen in diesem Bereich unterstützen. Ziel ist die Schaffung eines allgemein anwendbaren Bezugsrahmens, der durch unternehmensspezifische Analysen zu ergänzen ist.

Der Bericht der Beobachtungsstelle enthält bereits Beispiele bewährter, für KMU nützliche Verfahren, von einer Internetplattform zur Förderung der Wiederverwendung von Baumaterial in Ungarn bis zu Empfehlungen für die Rückgewinnung verwertbarer Stoffe aus Siedlungsabfall (Urban Mining).

Der Eurobarometer-Umfrage 2011 zufolge hatten über 75 % der öko-innovativen Unternehmen ihre Materialeffizienz um höchstens 20 % verbessert. Nur 2 % gaben an, dass sie durch Innovation ihren Materialeinsatz je Produktionseinheit um mindestens 60 % senken konnten. Bislang bewirkt Öko- Innovation nur schrittweise Verbesserungen anstelle eines grundsätzlichen Wandels. Wenn schrittweise Öko-Innovation stetig umgesetzt wird, könnte in Bezug auf den Materialeinsatz eine deutliche Veränderung erzielt werden. Bleibt es jedoch bei Einzelmaßnahmen, wird der Umfang der Öko-Innovationen europäischer Unternehmen nicht ausreichen, eine Einsparung von 50 % zu erreichen, geschweige denn eine von 80 %, warnt der Bericht.

Mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit wird darauf hingewiesen, dass Fallstudien in Deutschland zufolge bei fast der Hälfte der beteiligten Unternehmen durchschnittlich 200 000 EUR Einsparung bei Investitionskosten von unter 10 000 EUR erzielt werden könnten.

Im Hinblick auf Ressourceneffizienz und grundsätzlich geringerem Materialeinsatz sind für die Einsparziele von 50 bis zu 80 % intensivere staatliche Maßnahmen und verstärkte private Investitionen erforderlich, so das Fazit des Berichts. Zielvorgaben sollten auf umfassenden Indikatoren fußen, die den indirekten Verbrauch im Rahmen des internationalen Handels berücksichtigen.

In Herbst 2011 wird die Europäische Kommission einen Fahrplan zur Ressourceneffizienz als Teil ihrer Leitinitiative zur Ressourceneffizienz im Rahmen der EU-Strategie „Europa 2020“ für Wachstum und Beschäftigung vorstellen. EU-Umweltkommissar Janez Poto─Źnik wird sich für die Einbindung der Vorgaben in diesen Fahrplan einsetzen.

Weitere Informationen

    • Beobachtungsstelle für Öko-Innovation:
      http://www.eco-innovation.eu English
    • Leitinitiative für Ressourceneffizienz im Rahmen der EU-Strategie „Europa 2020“:
      http://ec.europa.eu/resource-efficient-europe/ English
    • EU-Website zur Öko-Innovation:
      http://ec.europa.eu/environment/eco-innovation/ English
    • Eurobarometer-Umfrage 2011:
      http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl_315_en.pdf pdf [5 MB] English
    • Innovationserhebung der Gemeinschaft 2008:
      http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-EM-08-001/EN/KS-EM-08-001-EN.PDF pdf [6 MB] English
    • 10. Europäisches Forum für Öko-Innovation:
      http://ec.europa.eu/environment/ecoinnovation2011/1st_forum/ English
    • Öko-Innovationsplattform im Rahmen von Europa INNOVA:
      http://www.europe-innova.eu/web/guest/eco-innovation/eco-innovation-platform English

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