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Streben nach Nachhaltigkeit fördert Innovationen im Chemiesektor

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Europäische Chemieunternehmen entwickeln Innovationen zur Sicherstellung der Nachhaltigkeit. Innovationen der Branche fördern zudem eine nachhaltige Gesellschaft.

Der Chemiesektor spielt eine herausragende Rolle in der europäischen Wirtschaft, da hier etwa 1,2 Millionen Menschen beschäftigt sind und rund 30 % der weltweiten Chemieproduktion erwirtschaftet werden. Im Jahr 2007 belief sich der Branchenumsatz auf 537 Mrd. EUR.

Die EG-Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH) ist Kernstück der Bemühungen um einen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit. Gemäß der Verordnung, deren Ziel der Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt ist, sind Unternehmen verpflichtet, Informationen zu den Eigenschaften ihrer chemischen Stoffe zusammenzustellen und an die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) zur Registrierung weiterzuleiten.

Mit Inkrafttreten der Verordnung im Juni 2007 hat auch die Innovationskapazität und Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie neuen Schwung erhalten. Des Weiteren ist durch diese Verordnung das Substitutionsprinzip als Eckpfeiler der gesamten Gesetzgebung zu Chemikalien weiter gestärkt worden, wodurch sichergestellt werden soll, dass die gefährlichsten Stoffe allmählich durch nachhaltige Alternativen ersetzt werden.

Dank der Umsetzung von Maßnahmen zur Steigerung der Ressourcen- und Energieeffizienz sowie der Entwicklung von verbesserten Produktionsverfahren nimmt die Umweltbelastung durch die europäische Chemieindustrie insgesamt ab. Neben der Förderung der Nachhaltigkeit in der chemischen Industrie tragen Chemieunternehmen ferner mit neuen Innovationen und Technologien auch zur Entwicklung nachhaltiger Lösungen für die gesamte Gesellschaft bei.

Wie auch andere Sektoren ist die chemische Industrie gezwungen gewesen, die durch sie verursachte Umweltbelastung zu analysieren und Maßnahmen zu deren Reduzierung zu ergreifen, insbesondere da sich ihr Energieverbrauch auf etwa 12 % des gesamten europäischen Energiebedarfs beläuft.

Die Notwendigkeit von Investitionen in Ökoinnovationen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und Sicherstellung der Nachhaltigkeit in der chemischen Industrie wurde unlängst durch einen Bericht der Hochrangigen Gruppe für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen chemischen Industrie vom Juli 2009 deutlich. In dem Bericht wurde zudem ein verantwortungsbewusster Umgang mit natürlichen Ressourcen und die umfassende Optimierung der Energieeffizienz gefordert.

Die Hochrangige Gruppe, zu deren Mitgliedern Vertreter der Europäischen Kommission und der Mitgliedstaaten sowie Repräsentanten aus Industrie und Wissenschaft zählen, legte nach 18 Monate dauernden Gesprächen 40 Empfehlungen vor, welche die Entwicklung einer internationalen Wettbewerbsfähigkeit unterstützen und das einzigartige Innovationspotenzial des Sektors fördern sollen. In den Empfehlungen wird die immense Bedeutung von Innovationen für eine nachhaltige und gesunde chemische Industrie in Europa hervorgehoben.

Technologieplattform für mehr Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist seit langem ein wichtiges Thema in der chemischen Industrie. SusChem – die Technologieplattform für nachhaltige Chemie – ist im Jahr 2004 mit Unterstützung der Europäischen Kommission von dem Verband der Europäischen chemischen Industrie (Cefic) und der Europäischen Bioindustrie-Vereinigung (EuropaBio) ins Leben gerufen worden, um Umweltinnovationen in der Chemieindustrie zu beschleunigen.

Diese Aktionen können hinsichtlich der zur Steigerung der Nachhaltigkeit ergriffenen Maßnahmen in zwei separate Gruppen eingeordnet werden: Maßnahmen zur Steigerung der Nachhaltigkeit in der Industrie und Maßnahmen zum Nutzen der restlichen Gesellschaft.

Im Hinblick auf die Umsetzung innovativer Maßnahmen zur Steigerung der Nachhaltigkeit in der Branche können europäische Chemieunternehmen bereits Änderungen bei den Produktionsverfahren vorweisen, etwa eine Anpassung der Rohstoffauswahl und die Einführung eines ökologischen Lebenszyklus-Ansatzes. Darüber hinaus sind im Rahmen von Initiativen wie SusChem und der Cefic Long Range Research Initiative (LRI) innovative Ideen erarbeitet worden.

Ein Beispiel hierfür ist etwa das F3 Factory Konzept von SusChem. F3 Factory ist ein Konzept für die Chemiefabrik der Zukunft, die nicht nur die Umwelt weniger belasten und eine höhere Energieeffizienz aufweisen soll, sondern auch eine rohstoffsparende Produktion ermöglichen soll. Durch die Umsetzung eines solchen Konzepts könnte möglicherweise die Umweltbelastung neuer Fabriken gänzlich eliminiert werden.

SusChem hat ferner auch die Entwicklung integrierter ‚Bioraffinerien‘ gefördert, in denen Bioabfälle zur Herstellung von Chemikalien genutzt werden, die traditionell von der petrochemischen Industrie geliefert werden.

Außerhalb des Sektors steigern die Entwicklungen, die durch Innovationen in der chemischen Industrie erreicht werden konnten, die Nachhaltigkeit in der gesamten Gesellschaft. Der Sektor bietet auf der Anwendung von Nanotechnologien basierende Lösungen für Probleme in den Bereichen Umweltsanierung, Umweltüberwachung und Ressourceneffizienz.

SusChem hat ferner zur Entwicklung eines Wohnhauses, das sich durch eine Nettoenergieproduktion auszeichnet, das Projekt ‚Smart Energy Home‘ auf den Weg gebracht. Zu diesem Projekt gehören auch chemische, häufig auf Nanotechnologie basierende Innovationen.

Ruf nach einer verbesserten Umweltverträglichkeit

Trotz der in der chemischen Industrie zu verzeichnenden Fortschritte im Bereich der Nachhaltigkeit, die nicht nur der Branche selbst, sondern auch der Gesellschaft insgesamt zugute kommen, sind die weltweit führenden Chemieunternehmen für ihre zu geringen Fortschritte kritisiert worden.

Ein Bericht der Rating-Agentur für nachhaltige Anlagen Oekom mit Sitz in Deutschland vom Oktober 2009 zeigt auf, dass die weltgrößten Chemieunternehmen in den vergangenen drei Jahren ‚beinahe keine Fortschritte‘ bei der Verbesserung der Umweltverträglichkeit verzeichnen konnten.

Wenn auch Faktoren wie Energie- und Wasserverbrauch, Ressourcennutzung und Umweltberichterstattung in der Bewertung Berücksichtigung finden, dann wird schnell deutlich, dass sogar nur drei der 24 bedeutendsten börsennotierten Chemieunternehmen den Status ‚Prime‘ für führende Unternehmen ihrer Branche erreichen. Die Bewertung erfolgt auf einer Skala von A+ bis D-, wobei die Unternehmen der Branche im Durchschnitt die Bewertung C erhielten.

„Noch immer gehen die Chemiekonzerne die sozialen und ökologischen Herausforderungen zögerlich an“, erläutert Oliver Rüdel, Research Director bei Oekom. „Beim Klimaschutz scheinen die Unternehmen jedoch langsam umzudenken. Die meisten Unternehmen führen zwar Risikoanalysen durch, problematische Stoffe werden aber noch zu selten und zu langsam durch umweltfreundlichere substituiert.“

In dem Bericht von Oekom wird weiter ausgeführt, dass dasselbe auch auf neue Technologien zutreffe. Insbesondere die Nanotechnologie habe ein großes Nachhaltigkeitspotenzial durch umweltfreundlichere Produkte und Produktionsprozesse.

Trotz der Feststellung, dass die chemische Industrie mehr zur Verbesserung ihrer Umweltverträglichkeit beitragen könnte, wurde in der Branchenanalyse grundsätzlich anerkannt, dass die chemische Industrie auf bestimmte Herausforderungen, etwa bei der Reduktion des Energieverbrauchs, bereits reagiert hat.

So stieg zwar die Produktion im Chemiesektor zwischen 1990 und 2004 um 56 % an, gleichzeitig konnte jedoch aufgrund eines effizienteren Energieverbrauchs die Treibhausgasemission pro Produktionseinheit eines Chemieprodukts halbiert werden.

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