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Innovative Geschäftsmodelle für mehr Rohstoffeffizienz

26/11/2012

  • Ressourceneffizienz
  • Niederlande

Die moderne konsumorientierte Wirtschaft fördert unnachhaltigen Verbrauch und hat eine fundamentale Schwäche: Je mehr Unternehmen verkaufen, desto mehr verdienen sie. Turntoo, eine holländische Firma hat ein alternatives Geschäftsmodell entwickelt, bei dem Produkte nicht vom Produzenten an den Verbraucher verkauft werden, sondern während ihres gesamten Produktlebenszyklus im Besitz des Produzenten bleiben.

Das Turntoo Geschäftsmodell greift den allgemeinen Trend hinzu mehr Produktserviceleistungen und mehr Produzentenverantwortung auf. Ein Beispiel ist die Nutzung von Fotokopierern und Druckern im Geschäftsbereich. Hersteller leihen ihre Produkte an Verbraucher oder Firmen und Leasingverträge beziehen sich auf den Gebrauch des Produktes statt nur den zeitlich begrenzten Besitz des Produktes mit dem Verbraucher zu klären.

Diese Herangehensweise verspricht viele Vorteile für die Umwelt:

  • Weil die Hersteller im Besitz des Produktes bleiben und ihren Gewinn durch die Nutzung des Produktes erwirtschaften statt durch den alleinigen Verkauf, haben Hersteller ein Interesse daran, langlebige und effiziente Produkte zu entwickeln, die so oft wie möglich genutzt werden, bevor sie ersetzt werden müssen.
  • Bleibt der Hersteller im Besitz des Produktes bedeutet es auch, dass er das Produkt am Ende seines Lebenszyklus wieder zurücknimmt und wiederverwertet. Alte Produkte sind somit kein Müll mehr, sondern können in den Produktionskreislauf eingebunden werden. Rohstoffvorkommen werden so geschont.
  • Weil die Produkte wieder auseinander genommen und verwertet werden, werden Hersteller darauf achten, Produkte möglichst so zu gestalten, dass sie einfach wieder benutzbar sind. Idealerweise wird schon bei der Produktentwicklung darauf wert gelegt, dass das Produkt einfach in wieder verwendbare Einzelteile oder ihre Rohstoffe zerlegt werden kann.

Turntoo in der Praxis

Sabine Oberhuber, eine der Gründerinnen von Turntoo, erläutert das Geschäftsprinzip am Beispiel einer Vereinbarung, die Turntoo zwischen dem deutschen Präzisionselektrogiganten Bosch und Eigen Haard, einem Amsterdamer Anbieter im sozialen Wohnungsbau im Juni 2012 vermittelt hat. Bosch stellt den Mietern von Eigen Haard Waschmaschinen für einen Grundpreis von 10 Euro pro Monat zur Verfügung (Darin sind Wasser und Energie enthalten).Danach zahlen die Mieter pro Waschgang.

Laut Oberhuber, wird das System, wenn es einmal läuft, viele Vorteile haben. Die Mieter werden qualitativ hochwertige Waschmaschinen mit niedrigem Energieverbrauch erhalten. Eigen Haard wird weniger Probleme mit Mietern haben, die aufgrund der hohen Energiepreise ihre Miete nicht mehr zahlen können. Eigen Haard erklärte in einem Statement, dass:“ sehr wenige Mieter im sozialen Wohnungsbau Geräte benutzen, die der Energieklasse A oder höher zugeordnet werden. Es wird vermutet, dass der durchschnittliche Mieter die höheren Anschaffungskosten nicht bezahlen kann. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass sie weiterhin die alten Geräte benutzen, sind sie die ersten, die die steigenden Energiepreise bemerken.“

Alle Vorteile, die dieses System für die Umwelt bietet, sind noch nicht quantifiziert. Es wird jedoch erwartet, dass durch die hohe Qualität der Geräte, Wasser und Energie eingespart und weniger Treibhausgas ausgestoßen wird im Vergleich zur Nutzung der gewöhnlichen Waschmaschinen. Das System ist zudem rohstoffschonend: die Bestandteile der Waschmaschine und die eingebauten Rohstoffe werden am Ende wiederverwertet.

Laut Oberhuber profitiert auch Bosch – das Projekt ist nicht nur ein Teil der Corporate Responsibility Strategie. Für Unternehmen sei „ein wiederkehrendes Geschäftsmodell interessanter“, so Oberhuber. Es kann die Höhen und Tiefen des Nachfragezyklus abfangen und Unternehmen können sich so stabiler aufstellen. Das Modell hilft ihnen, vorausschauender mit ihren Ressourcen umzugehen, weil sie wissen werden, wie viele Waschmaschinen verliehen sind und deshalb darüber im Bilde sind, welche wieder verwertbaren Materialien zu ihnen zurückkommen.

Oberhuber räumt ein, dass Mieter, denen die Waschmaschine inklusive Service zur Verfügung steht, möglicherweise weniger verantwortungsvoll mit dem Gerät umgehen, als wenn es ihr Eigentum wäre. Sie argumentiert jedoch, dass dies zwischen den Parteien, in diesem Fall dem Maschinenhersteller und der Wohnungsagentur vertraglich geregelt werden kann. Klauseln, die die verantwortungsvolle Nutzung voraussetzen, können eingefügt werden.

Rohstoffbanken

Die Vereinbarung zwischen Bosch und Eigen Haard illustriert das Geschäftsmodell von Turntoo sehr gut. Die Unternehmung begann im November 2010 nach einer Idee von Oberhuber und dem Architekten Thomas Rau. Demnach sollen Produkte nicht länger als verkäufliche und käufliche Ware angesehen werden. Vielmehr sollen sie als „Rohstoffbank“ verstanden werden und die beinhalteten Rohstoffe ständig wieder genutzt werden. „Die Idee, dass Konsumenten Güter besitzen, ist veraltet“, sagt Rau. „Als Konsument bin ich nur an der Leistung eines Produktes interessiert, nicht daran, es zu besitzen. Ausreichend Licht, komfortables Sitzen, gute Audio- und Sichtverhältnisse, das sind die Dinge, die zählen.“

Turntoo experimentiert mit dem “Konzept der Rohstoffbank“ in einer Reihe von kleinen Projekten in der Frühphase, die in Verbindung mit Raus Arbeit als Architekt stehen. Für sein Architekturbüro hat Turntoo Vereinbarungen zur Nutzung von Teppich, Fliesen, Möbeln, Beleuchtung und Energiemonitoring vermittelt. Eine der beteiligten Firmen ist der holländische Teppichhersteller Desso, der sich dazu verpflichtet hat, seine Produkte zurückzunehmen und wiederzuverwerten und somit schon auf gleicher Linie wie Turntoo arbeitet. In Dordrecht arbeitet Turntoo derzeit an einem Ausbildungszentrum.

Und im holländischen Brummen wird Turntoo noch weiter gehen. Turntoo entwickelt ein Gebäude für die Gemeinde mit einer Lebenszeit von 20 Jahren. „Am Ende der Lebenszeit kann das Gebäude in seine Einzelteile zerlegt und wieder genutzt werden.“ Dafür wird das Gebäude aus natürlichen Materialien und möglichst viel Holz gebaut, der Betonanteil gering gehalten.

Oberhuber sagt, dass die Nachfrage nach Turntoos Dienstleistung als Vermittler von “Rohstoffbankprojekten“ wächst. Derzeitiger Fokus liegt auf Vereinbarungen zwischen Unternehmen und auf Produkten mit mittel- bis langfristigen Lebenszeiten, wie z.B. Teppiche und Möbel. „Es ist viel komplexer als das normale Geschäft, aber es birgt riesige Potentiale“, so Oberhuber.

Weitere Informationen

  • http://turntoo.com Nederlands