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Konkrete Lösungen aus Beton

11/03/2013

Der Bausektor in der europäischen Union sieht sich versuchsweise einem neuen Ziel gegenüber. Nach der EU-Abfallrichtlinie (2008/98/EC) müssen innerhalb des Bausektors 70 % des ungefährlichen Abfalls und des Abrissschutts bis zum Jahr 2020 wiederverwertet oder recycelt werden.

„In einigen Ländern, wie Belgien, Deutschland und den Niederlanden wird dieses Ziel sogar schon überschritten. Für den gesamten europäischen Bausektor ist eine 70 prozentige Recyclingquote machbar, aber sicherlich nicht einfach zu realisieren“, sagt Dr. Kris Broos vom belgischen Forschungszentrum für nachhaltige Entwicklung VITO.

Glücklicherweise wird bereits an der Wiederverwendung von Bauschutt geforscht. 380 Millionen Tonnen werden davon jährlich innerhalb der EU produziert. Das ist mehr als 30% des gesamten Abfalls der EU. ICROW (Innovative Strategies for High-Grade Material Recovery from Construction and Demolition Waste) zum Beispiel ist ein Projekt, welches die EU im Rahmen des siebten Rahmenprogramms fördert; es analysiert anhand von fünf Fallstudien, wie mit Bau- und Abrissschutt vorbildhaft umgegangen werden kann. VITO ist ein Partner von ICROW.

Die Studien des ICROW-Projektes laufen seit Januar 2011 bis zum Ende 2013. Die Fallstudien decken eine Vielzahl von Problemen ab, denen die Bauindustrie immer wieder ausgesetzt ist. Sie behandeln:

  • Den teilweisen Abriss eines sanierungsbedürftigen Industriegebäudes in Bilbao, Spanien
  • Den partiellen Abriss einer hauptsächlich aus Holz gebauten ehemaligen Schule in Schweden
  • Die Behandlung gefährlicher Abfälle (insbesondere Asbest) von einer Abrissstelle in Polen
  • Den Bau eines Bürogebäudes in Madrid aus wieder genutzten oder recycelten Materialien
  • Die Nutzung von Beton aus verwerteten Siedlungsabfällen für ein Industriegebäude im Hafen von Antwerpen, Belgien

Die vorliegenden Ergebnisse sind viel versprechend. Die Fallstudien aus Bilbao und Polen sind bereits abgeschlossen. In Bilbao wurde ein Gebäude aus den 70iger Jahren mit einem Betonkern und einer Ziegelfassade geräumt und abgerissen. Während der Räumung wurden die unterschiedlichen Materialen, wie zum Beispiel Holz, Metallrahmen, Plastik und Giftmüll getrennt. Die einzelnen Abfallarten wurden unterschiedlich behandelt, der giftige Müll, wie Asbest, wurde zu einer speziellen Aufbereitungsanlage transportiert.

Danach wurde das Gebäude abgerissen. Stahlträger wurden von Beton und Ziegeln getrennt, diese wiederum zermahlen und so haufenweise recyceltes Aggregat hergestellt. Das Aggregat wiederum diente als Grundstoff für neuen Beton. Vier Arten von Beton aus jeweils unterschiedlicher Zusammensetzung der Aggregate wurden getestet. Ergebnis: der recycelte Beton ist ein sicherer Baustoff für Fundamente und Betondecken.

In der polnischen Fallstudie ging es um die Vorort-Behandlung von Giftmüll beim Abriss und insbesondere um den Umgang mit Asbest. Der Giftmüll wurde mit Mikrowellen wärmebehandelt. Das Verfahren entwickelte die polnische Firma ATON-HAT. Durch die Behandlung wurde der Asbest aus dem übrigen Material herausgebrannt, so dass nur ungiftige Baustoffe zurückblieben. „ Das zurückgebliebene Material war umweltneutral und konnte erneut als Baustoff verwendet werden“, sagt Izabela Ratman-Kłosińska vom Institut für industrielle Ökologie, einem der Projektpartner.

Die schwedische Fallstudie zeigt ebenfalls Resultate. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde entschieden, die Schule nicht vollständig abzureißen. „Nichtsdestotrotz wurde ein komplettes Inventar durchgeführt, dass gezeigt hat, welche Teile des Gebäudes wiederverwendet oder recycelt werden konnten“, sagt David Palm vom schwedischen Umweltforschungsinstitut IVL, der Partnerorganisation.

„Gerade für die direkt wiederverwertbaren Stoffe können wir große Umweltvorteile feststellen“, so Palm. Dies ist gerade für Stahlelemente der Fall.

Die anderen Fallstudien laufen derzeit (wie das Hafenprojekt in Antwerpen) oder beginnen jetzt (Madrid). In Antwerpen wird Beton aus recycelten Aggregaten für eine neue Abfallentsorgungsstelle genutzt. So kann die Qualität des Betons unter wahrhaftigen Bedingungen getestet und untersucht werden.

Die recycelten Aggregate stammen von abgerissenen Gebäuden in der Nähe der Baustelle. Das Projekt hat insbesondere gezeigt, dass auch Porenbeton recycelt werden kann. Dies wurde bisher aufgrund des leichten Gewichts und der Zerbrechlichkeit des Materials nicht gemacht. ICROW war es aber möglich dieses Material von anderen Betonresten zu lösen und in Dämmstoffe und Material für Bodenbeläge zu verwandeln. „Wir haben einen Teil des Abfallflusses genommen und es in ein Produkt verwandelt“, sagt Kris Broos von VITO.

Auch wenn das ICROW-Projekt noch nicht abgeschlossen ist, zeigt sich jetzt schon, dass es im Bausektor entweder weitreichende Wiederverwertungsmöglichkeiten für z.B. Fenster und Türen gibt oder Bauschutt in Aggregate für Fundamente und Straßen verwandelt werden kann. Für die Umwelt hat das zwei Vorteile: auf der einen Seite werden weniger Rohstoffe verbraucht und gleichzeitig landet weniger Schutt auf den Deponien. Im belgischen Flandern, zum Beispiel werden jährlich 10 Tonnen Aggregate recycelt. „ Das ist eine ganze Menge Rohmaterial, dass nicht extra ausgegraben werden muss“, so Broos. ICROW muss nun noch eine komplette Umweltanalyse durchführen, die auch den Energieverbrauch und den Schadstoffausstoß mit berücksichtigt.

Wiederverwertung und Recycling von Baustoffen kann zudem sehr kosteneffizient sein, gerade wenn es eine Infrastruktur dafür gibt. Ein weiterer Partner des ICROW-Projektes, die Maschinenbauberatungsfirma D’Appolonia zeigt dies am Beispiel Flanderns. Dort wird Bau- und Abrissschutt auf dem Abrissmarkt gesammelt und zu Abfallsammlungen oder Abfallverwertungsanlagen transportiert. Diese sind im gesamten Gebiet verteilt. Baufirmen können die bearbeiteten Materialen dann erhalten. In Ländern denen diese Infrastruktur fehlt, ist es jedoch in den meisten Fällen immer noch günstiger frische Rohstoffe zu verwenden.

„Es sei denn, es werden Steuern oder andere Abgaben auf den Verbrauch von Rohstoffen erhoben, schließlich sind sie nicht unendlich vorhanden.“

Das größte Hindernis für eine weitreichende Nutzung von gebrauchten oder recycelten Bauresten ist jedoch laut ICROW die fehlende Akzeptanz und nicht genug Vertrauen in Produkte aus recyceltem Material.

Amaia Lisbona, Projektkoordinatorin bei der spanischen Firma Tecnalia erklärt, dass ICROW auch eine Holz-Kunstoffkombination für hochwertigere Anwendungen wie zum Beispiel Decken und Fußböden oder Fenster und Türen untersucht hat. „Es zeigte sich, dass das Holz-Kunstoffgemisch Wasser in den Holzpartikeln absorbieren kann. Diesem Problem konnte allerdings durch die Beimischung von Gips, einem anderen Baustoff entgegengewirkt werden“ so Lisbona. ICROW hat auch gezeigt, dass höherwertige Betonarten aus recycelten Rohstoffen entwickelt werden können.

Um Vertrauen in die Produkte aus recyceltem Material zu schaffen, könnten Zertifizierungssysteme notwendig sein. Oder die Materialien, wie Betonaggregate, müssen in die bestehenden Standardisierungssysteme eingebunden werden. Kris Broos von Vito sagt, dass die Verbreitung von recyceltem Material ein Prozess ist und nicht mit einem Mal eingeführt werden kann. „Wir glauben an eine schrittweise Herangehensweise. Der Markt könnte bei einer zu radikalen Einführung nicht folgen“, so Broos.

Weitere Informationen

    • Mehr Information unter: http://www.ircow.eu English
    • Videos des IRCOW-Projekts können Sie hier sehen: http://www.youtube.com/user/IRCOWproject English