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Für einen praxisnahen Transfer von Technologie

03/10/2009

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Steven Hunt, Leiter der internationalen Projekte für Practical Action Consulting und das PISCES-Konsortium, ist davon überzeugt, dass Technologien an die individuellen Bedürfnisse von Entwicklungsländern angepasst werden müssen.

Practical Action Consulting, früher bekannt als Intermediate Technology Development Group, unterstützt seit 40 Jahren den Technologietransfer in Entwicklungsländer. Das Forschungskonsortium Policy Innovation Systems for Clean Energy Security (PISCES), dem Practical Action angehört, ist eine vom Ministerium für internationale Entwicklung des Vereinigten Königreichs finanzierte und auf fünf Jahre angelegte Initiative, die Innovation fördert und politikrelevantes Wissen im Energiesektor bereitstellt – wodurch Verfahren und deren Wirkung in Entwicklungsländern verbessert werden. PISCES arbeitet mit Behörden in Kenia, Indien, Sri Lanka und Tansania zusammen, um Informationen und Sachwissen über Bioenergie bereitzustellen und so armen Gemeinschaften den Zugang zu Energie zu ermöglichen.

Was tut Practical Action Consulting?

Practical Action ist im Bereich internationale Entwicklung mit besonderem Schwerpunkt auf Technologie tätig. Wir haben 600 Mitarbeiter, die über Lateinamerika, den Osten und Süden von Afrika und Südasien verteilt sind. Die Organisation kooperiert mit Projekten in den Bereichen Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung, Naturkatastrophen und Risikominderung, Marktentwicklung, Wasserver- und -entsorgung sowie Energie- und Abfallwirtschaft. Wir arbeiten mit internationalen Geldgebern, Regierungen, Nichtregierungsorganisationen (NRO) und privaten Unternehmen zusammen.

Warum sollten Technologien an die Bedürfnisse eines bestimmten Landes angepasst werden?

Man muss verstehen, wer die Interessenten sind, was sie sich leisten können, was sie gerne benutzen und was sie gerne benutzen würden. In den einzelnen Gebieten herrschen einfach nicht dieselben Bedingungen. Zum Beispiel haben in Ländern wie Mali nur 10 % der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität und 95 % der Menschen kochen mit festen Brennstoffen. Durch Faktoren wie diese wird bestimmt, welche Arten von Technologien in einem bestimmten Land geeignet sind. Anpassung ist wichtig, weil Menschen und Einsatzorte verschieden sind. Und wenn Sie bedenken, dass Technologie mehr als nur ein bisschen „Ausrüstung“ ist, wird das umso offensichtlicher.

Solarbetriebene Mobiltelefone können Menschen helfen, die ohne Strom leben. Sind Ihnen andere Technologien begegnet, die speziell auf diesen Markt abzielen?

Es gibt eine ganze Reihe verschiedener Wasserreinigungsgeräte, die erfolgreich eingesetzt werden. Die britische Gruppe Red Button Design hat Investoren davon überzeugt, ihre Umkehr-Osmose-Wasseraufbereitungsanlage zu unterstützen; das zeigt, dass die Bereitschaft da ist, in diesem Bereich zu investieren.

Auch im Bereich Kochen sind die Entwickler aktiv. Das schwedische Unternehmen Dometic arbeitet gemeinsam mit dem Projekt Gaia in Äthiopien an der Produktion eines Bioethanol-Kochers.

Solarlaternen sind eine weitere gute Entwicklung. Die Initiative Lighting Africa leistet in diesem Bereich eine Menge gute Arbeit, und es gibt interessante neue Produkte wie unabhängige Solarlaternen, mit denen man auch ein Mobiltelefon aufladen kann.

Gibt es Bereiche, die ihrer Meinung nach technologisch vernachlässigt sind?

Der Bereich Kochen ist noch immer ziemlich unterentwickelt. Etwa 80 % der Lebensmittel müssen gekocht werden, und jede einzelne Person in Afrika oder Lateinamerika kocht mindestens einmal am Tag. Es gibt Initiativen für effiziente Kocher und alternative Brennstoffe, aber ich glaube, dieser Bereich muss noch stärker berücksichtigt werden.

Netzunabhängige Stromversorgung findet verglichen mit Solarenergie noch immer nicht die Beachtung, die sie verdient. Meiner Meinung nach werden Klein- oder Mikro-Wasserkraftwerke nicht ausreichend genutzt. In diesem Bereich geschieht zwar schon einiges, es bleibt aber noch viel zu tun. Es ist eine hochwertige, saubere Energiequelle, also denke ich, dass sie mehr Beachtung verdient.

Welche Hindernisse gibt es für den Transfer von Technologie?

Ein Hindernis ist die Vorstellung, Technologie sei nur ein bisschen Ausrüstung. Technologie beinhaltet sehr viel mehr als das. Letztendlich muss das Produkt Teil eines Geschäftssystems werden. Die Einführung einer bestimmten Technologie muss von Lieferanten, Wartungsarbeitern, Kundendienst und Nachbetreuung begleitet werden.

Es spricht viel für die Einbeziehung von NRO. Ihre Erfahrungen können Technologieentwicklern helfen, einen Markt zu verstehen, und sie können als Vermittler fungieren. Wir sehen gerade die ersten Beispiele – wie das Gaia- und Dometic-Projekt in Äthiopien.

Welche Beispiele für erfolgreichen Technologietransfer sind Ihnen begegnet?

Mikro-Wasserkraftwerke, die weniger als 100 kW erzeugen, sind ein echter Erfolg. Eine 6-kW-Anlage – genug, um eine elektrische Mühle anzutreiben und eine Gemeinschaft von 500 Menschen mit Licht zu versorgen – kostet typischerweise 5.350 €. Practical Action hat in den peruanischen Anden 50 Mikro-Wasserkraftwerke installiert und damit viele Gemeinschaften erstmals mit Strom versorgt. Gemeinschaften, die früher zu Wirtschaftsmigration neigten, blühen jetzt auf. Abgesehen von den finanziellen Vorteilen gibt es in lokalen Kliniken jetzt Kühlschränke für die Lagerung von Impfstoffen und Schulen haben Internet-Zugang. Der umfassende Erfolg der Arbeit von Practical Action hat die peruanische Regierung veranlasst, die Anzahl der Mikro-Wasserkraftwerke in der Region zu verdoppeln.

Weitere Informationen

  • Practical Action Consulting: http://practicalactionconsulting.org English

    PISCES: http://www.pisces.or.ke/ English

    Red Button Design: http://www.thisisredbutton.co.uk English

    Dometic AB: http://www.dometic.com/enie/International/Site/CleanCook English

    Projekt Gaia: http://www.projectgaia.com/ English

    Lighting Africa: http://www.lightingafrica.org/ English