• Druckfassung

Desso: Teppichherstellung nach dem Cradle to Cradle® Prinzip

01/10/2012

  • Interviews mit Experten

Rudi Daelmans ist seit 2007 Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit bei der holländischen Firma DESSO. DESSO stellt Teppiche für Geschäftskunden im Bereich der Gastronomie, der Marine und für den Flugverkehr her. 2008 verschrieb sich Desso dem Cradle to Cradle® Prinzip, auf deutsch von der Wiege zur Wiege. Ein Design Konzept, welches vom Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart erstmals formuliert wurde. Demnach werden Produkte nur aus Stoffen hergestellt werden, die sich leicht wieder zerlegen lassen und in anderen Produkten wiederverwertet werden können.

Warum haben Sie sich den Prinzipien von Nachhaltigkeit und Eco-Innovation verschrieben?

Rudi Daelmans: Im Jahr 2007 hat die jetzige Unternehmensführung die Geschäfte übernommen. Sie haben die Möglichkeiten nachhaltigen Handelns gesehen und mich dafür verantwortlich gemacht. Meine erste Aufgabe war es, die bestehenden Nachhaltigkeitsmaßnahmen bei DESSO zu analysieren und darauf aufbauend eine neue Strategie zu entwickeln.

Ich kam zu dem Schluss, dass Nachhaltigkeit zu Kostenersparnis führt. DESSO war damals schon sehr fortschrittlich in Bezug auf effizienten Umgang mit Energie, aber ich dachte mir, dass Nachhaltigkeit weiter gehen muss, als einfach nur Energie einzusparen und CO2 zu reduzieren. Ich besuchte daraufhin viele Konferenzen und lernte Pioniere der Nachhaltigkeitsforschung kennen. Unter anderen traf ich Michael Braungart, den Vordenker des Cradle to Cradle Prinzips. Ich wusste sofort, das ist es! Das gute an diesem Prinzip ist sein weites Anwendungsfeld. Es bezieht soziale Aspekte ein und schaut sich den Energie- und Wasserverbrauch bei der Produktherstellung an. Es geht nicht nur darum, den ökologischen Fußabdruck zu verringern, also quasi die falschen Dinge weiterzumachen, nur eben nicht mehr ganz so schlimm. Das Cradle to Cradle Prinzip heißt die richtigen Dinge, richtig zu machen. Es arbeitet auch mit einem Zertifizierungssystem,  es geht aber nicht darum, eine bestimmte Hürde zu überspringen, um ein Zertifikat zu bekommen. Stattdessen wird Zertifizierung als Reise gedacht, die in die Meilensteine, basic, Silber, Gold und Platin unterteilt ist.

Wie hat die Geschäftsführung reagiert?

Der Zufall wollte es, dass Stef Kranendijk, CEO von DESSO, gerade ein Buch zum Cradle to Cradle Prinzip empfohlen wurde und er ein Seminar von Michael Braungart besucht hat. Er war sofort überzeugt. Als ich mich daraufhin mit Kranendijk traf, war es ein sehr kurzes Meeting. Wir beauftragten einige von Braungarts Leuten als Consultants und organisierten Workshops. Michael Braungart hielt in all unseren Geschäftseinheiten Vorträge. Während dieser Vorträge machte Stef Kranendijk deutlich, dass er davon überzeugt sei: Das ist die Zukunft.

Was musste daraufhin verändert werden bei Desso?

RD: Wir mussten bereits in der Entwicklungsphase anfangen darüber nachzudenken, was mit den Komponenten eines Produktes nach seinem Gebrauch passiert. Wie es zersetzt werden kann, um es wiederzuverwerten.

Was heißt das für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung?

RD: Das bedeutet, wir müssen überprüfen, ob unsere Bauweise die richtige ist, und ob wir eine Technik finden, mit der wir das Geschaffene wieder abbauen können. Wir müssen uns also auch die Materialien und ihre Ökotoxität genau anschauen.  Das  bedeutete und ist immer noch eine Menge Arbeit mit unserem Einkauf und mit den Lieferanten.

Wie haben die Lieferanten reagiert?

RD: Anfangs waren sie nicht sehr enthusiastisch. Ich ging mit Kranendijk persönlich zu den Lieferanten und wir erklärten, was wir wollten und was wir dafür brauchten. Im Allgemeinen geben Lieferanten nicht so gern Auskunft darüber, welche Ausgangsstoffe sie für ihre Produkte benutzen. Als wir Ihnen dann das Cradle to Cradle Prinzip erklärt haben, reagierten sie ein wenig positiver. Wenn sie uns dennoch  nicht erzählen wollen, welche Materialien sie benutzen, können sie die Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA) in Hamburg einschalten. Die EPEA ist ein von Micheal Braungart gegründetes Institut. Dort werden die benutzen Materialien analysiert und die EPEA gibt uns Bescheid, ob wir die Produkte benutzen können oder nicht.

  

Welche praktischen Konsequenzen zieht diese Herangehensweise nach sich?

RD: Ein Erfolg ist zum Beispiel, dass wir nun Fliesen ohne Bitumen herstellen können. Bitumen ist ein Ölabfallprodukt, welches nicht mit den Cradle to Cradle Prinzipien übereinstimmt. Um es zu ersetzen haben wir DESSO EcoBase® entwickelt. Die polyolefinbasierte Schicht unserer EcoBase Rückenbeschichtung ist zu 100 Prozent in unserem eigenen Produktionszyklus wieder verwertbar. Leider ist das Endprodukt 10-15 Prozent teurer, weshalb wir es nicht für die gesamte Produktion einsetzen können. Wir versuchen aber das DESSO EcoBase weiterzuentwickeln und es rentabler zu machen. 

Können Sie noch weitere Beispiele nennen?

RD: Ein Anliegen des Cradle to Cradle Prinzips ist es, die Lebensqualität zu verbessern und wir haben darüber nachgedacht, wie wir das realisieren können. Dies führte zur Entwicklung des DESSO AirMaster®. Wir haben verschiedene Garne, die man normalerweise gar nicht in einem Teppich sieht,  mit dem Ergebnis zusammengeführt,  dass wir nun mit dem DESSO AirMaster ein Produkt haben, welches acht mal mehr Staub absorbiert als harter Fußbodenbelag und vier mal mehr als herkömmliche textile Teppichlösungen. Auf die Idee sind wir gekommen, nachdem wir in einer Studie des Deutschen Allergie- und Asthmabundes gelesen haben, dass Teppich besser geeignet ist, um die Staubbelastung in Gebäuden zu verringern.

Konnten Sie diese Eco-Innovationen mit Ihren eigenen Mitarbeitern umsetzen?

RD: Im Grunde arbeiten wir immer noch mit den gleichen Mitarbeitern zusammen. Wir haben allerdings eine zusätzliche Stelle geschaffen. Der Mitarbeiter kümmert sich um die etwas komplizierteren Dinge. Dinge, an die man normalerweise nicht denken würde. Seine Aufgabe ist es, neuartige Materialien und Methoden aufzuspüren, sich Patente anzuschauen und Kontakte in die Universitäten zu halten.

Wie funktioniert Ihr Take Back Programm?

RD: Wir übernehmen die ganze Verantwortung für alle Produkte, die wir auf den Markt bringen. Cradle to Cradle heißt nach endlosen Zyklen zu suchen und verantwortungsbewusstes Materialmanagement umzusetzen. Deswegen haben wir angefangen, alte Teppichfliesen wiederzuverwerten. Abfallentsorgungsunternehmen boten uns an, die gebrauchten Materialien einzusammeln und Energie damit zu erzeugen. Aber wir wollten mehr. Warum sollen wir Dinge verbrennen, die man wiederverwerten kann? Wir haben also entschieden, selbst zu agieren und 2008 das Take Back Programm aufgebaut.

Und wie lief das?

RD: Teppichfliesen einfach zurückzunehmen ist nicht so kompliziert, aber sie wieder einzusammeln ist schwieriger. Das war so teuer, dass es uns in den Ruin getrieben hätte. Es gibt noch viele Teppichproduzenten, die PVC in der Rückenbeschichtung verwenden. Weiches PVC enthält meistens einen hohen Anteil an Phthalat-Weichmachern. Viele dieser Substanzen sind als fortpflanzungsgefährdende Stoffe eingestuft. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, nur Teppiche ohne PVC zurückzunehmen. Da die Kunden denken, dass es sehr schwierig und teuer ist, alte Teppichböden wieder zu entfernen haben wir kleine, einfach zu bedienende Rollhefter entwickelt. So wird es einfacher für unsere Kunden.

Um das Take Back Programm auf die Beine zu stellen, haben wir eine Förderung in Höhe von 1,6 Millionen Euro (50% des Budgets) aus dem Wettbewerbs- und Innovationsprogramm der Europäischen Kommission erhalten. Damit haben wir  teilweise die Investitionen für die Rollhefter finanziert und die Umsetzung in Belgien, Frankreich, Deutschland und Großbritannien gestartet. Idee ist es, das Pilotprogramm auf die gesamte Produktion auszudehnen und daran arbeiten wir noch.

[Anmerkung der Redaktion: Die Förderung wurde an das  Projekt  EUROC2C CARPETCHAINS vergeben, um in sechs europäischen Ländern ein Sammel- und Verwertungssystem aufzubauen.  Cradle to Cradle ist eine eingetragene Marke des Instituts MBDC.  EcoBase und AirMaster sind registrierte Marken der DESSO Holding NV.]