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Magazin Unternehmen & Industrie

Das Wort an den KMU-Beauftragten

Alle Rechte vorbehalten © Europäische Union

Daniel Calleja Crespo ist KMU-Beauftragter der Europäischen Kommission und bildet in dieser Funktion die aktive Schnittstelle zwischen Kommission und kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).

KMU sind ein zentraler Wachstumsmotor für die europäische Wirtschaft; sie beschäftigen Millionen von Arbeitnehmern und stoßen Innovationsprozesse an. Die Zahlen sprechen für sich: 98 % aller Unternehmen in den 27 Mitgliedstaaten beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter.

Somit liegt es nahe, dass es für die Europäische Kommission von höchster Bedeutung ist, auf die Erfordernisse der KMU einzugehen und Hindernisse für Start-ups zu beseitigen. Die Regelung für kleine Unternehmen in Europa („Small Business Act“) umfasst ein breitgefächertes Maßnahmenpaket, das darauf abzielt, kleine Unternehmen zu unterstützen.

Das Online-Magazin Unternehmen und Industrie hat sich mit Daniel Calleja getroffen, um mehr über die Aufgaben des KMU-Beauftragten der EU sowie die Aufgaben der nationalen Beauftragten zu erfahren, die von den Mitgliedstaaten ernannt werden.

Magazin Unternehmen & Industrie: Welche Aufgaben hat der europäische KMU-Beauftragte?

Daniel Calleja: KMU sind das Rückgrat der europäischen Wirtschaft. Deshalb hat die Kommission entschieden, kleinen Unternehmen eine Vorrangstellung einzuräumen. Als KMU-Beauftragter der Europäischen Kommission ist es meine Aufgabe, die Interessen kleiner Unternehmen innerhalb der EU zu fördern. Nach außen hin bedeutet das, dass ich in engem Kontakt zu KMU-Akteuren stehe und ein offenes Ohr für ihre Bedürfnisse und Nöte habe. Nach innen hin muss ich dafür sorgen, dass kleine Unternehmen ganz oben auf der Prioritätenliste der Dienste der Kommission stehen.

Weshalb wurde das Netz der nationalen KMU-Beauftragten ins Leben gerufen?

Die Europäische Kommission allein kann die Interessen kleiner und mittlerer Unternehmen nicht fördern. Der Vertrag räumt der EU eine unterstützende Rolle bei der KMU-Politik ein; die Kompetenzen liegen größtenteils bei den Mitgliedstaaten. Aus diesem Grund hat Vizepräsident Tajani alle 27 Mitgliedstaaten aufgerufen, einen nationalen KMU-Beauftragten zu ernennen. Nur durch enge Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Kommission und den nationalen Behörden können konkrete Fortschritte bei der Umsetzung des „Small Business Act“ für Europa erzielt werden. Für mich als KMU-Beauftragter der EU ist es wichtig, in jedem Mitgliedstaat über eine Schnittstelle zu verfügen. Natürlich ist es auch von zentraler Bedeutung, die Kleinunternehmen mit einzubinden. Zu diesem Zweck nehmen an Treffen der KMU-Beauftragten auch immer KMU-Organisationen aus allen EU-Mitgliedstaaten teil.

Was wurde bisher vom Netz der KMU-Beauftragten erreicht?

Das Netz der KMU-Beauftragten ist ein großer Schritt vorwärts bei der Umsetzung des „Small Business Act“ für Europa. Wir rechnen mit konkreten Ergebnissen zum Jahresende 2012. Zuerst muss es in jedem Mitgliedstaat möglich sein, in weniger als drei Tagen und für weniger als 100 Euro ein Unternehmen zu gründen. Zweitens muss der Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten EU-weit verbessert werden. Drittens müssen KMU einen größeren Anteil öffentlicher Aufträge bekommen. Viertens müssen alle regulativen Initiativen einem KMU-Test unterworfen werden, um zu gewährleisten, dass bei der Gestaltung der Gesetzgebung die Auswirkungen auf KMU in Betracht gezogen werden. Der Erwartungsdruck innerhalb des Netzes trägt einiges dazu bei, und die Mitgliedstaaten haben schon Fortschritte bei der Umsetzung dieser Ziele gemacht.

Was ist der erste Anlaufpunkt für ein KMU, das nach Finanzierungsmöglichkeiten sucht oder Unterstützung bei der Vermarktung von Gütern oder Dienstleistungen in einem anderen EU-Land benötigt?

Es gibt rund 23 Millionen KMU in der EU. Informationen für KMU müssen auf lokaler Ebene und in der jeweiligen Sprache zur Verfügung gestellt werden. Aus diesem Grund haben wir das Enterprise Europe Network ins Leben gerufen, als erste lokale Anlaufstelle für KMU, die Unterstützung benötigen. Das Enterprise Europe Network informiert über EU-Finanzierungsmöglichkeiten oder Marktchancen in der Sprache des anfragenden KMU. Es unterstützt KMU bei der Suche von Geschäftspartnern in anderen Ländern und berät bei der Bewältigung regulatorischer Hindernisse. Um diese Dienstleistungen in der Nähe der anfragenden KMU anbieten zu können, verfügen wir über ein Netzwerk von 600 Mitgliedsorganisationen innerhalb der Grenzen der EU und sogar darüber hinaus.

Welche sind die drei wichtigsten Maßnahmen der EU bei der Förderung von KMU?

Angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftslage liegt der Fokus auf der Unterstützung beim Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten. KMU haben Schwierigkeiten bei der Finanzierung. Hier greift die EU KMU mit spezifischen Finanzierungsinstrumenten im Rahmen des Europäischen Investitionsfonds unter die Arme. Zudem wird der regulatorische Rahmen derzeit einer Reform unterzogen, um die Verfügbarkeit von Beteiligungskapital in der EU zu verbessern. Das zweite Hauptaugenmerk liegt auf dem Abbau von Bürokratie. Dadurch werden wertvolle Ressourcen verfügbar, und Unternehmer können sich ganz auf Wachstumsmaßnahmen konzentrieren. Ein Beispiel: Jedes Mal, wenn die Kommission eine Gesetzesinitiative vorbereitet, ist die erste Frage, die wir uns stellen: Wie können wir die regulatorischen Hindernisse für kleine Unternehmen so niedrig wie möglich halten? Der dritte Fokus liegt auf der Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen bei der Expansion in Wachstumsmärkte außerhalb der EU. Nur ein Achtel aller KMU in der EU ist außerhalb der europäischen Grenzen aktiv. Wir arbeiten an einem Toolkit für KMU, das ihnen vollen Zugang zu Informationen oder Förderangeboten ermöglicht.

Können Sie eine Initiative näher beschreiben, mit der die Kommission versucht, KMU den Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten zu vereinfachen?

Um KMU bei der Finanzierung ihres Wachstums zu unterstützen, macht die Kommission Gebrauch von Finanzierungsinstrumenten innerhalb des Rahmenprogramms für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation. Diese Finanzierungsinstrumente umfassen sowohl Kreditbürgschaften als auch Maßnahmen zur Beteiligungsfinanzierung. Sie werden vom Europäischen Investitionsfonds über Finanzintermediäre in den Mitgliedstaaten ausgeführt. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die beeindruckende Hebelkraft dieser Finanzierungsinstrumente hinweisen: Mit 1 Milliarde Euro EU-Mittel können wir weitere Mittel in Höhe von 30 Milliarden Euro für KMU mobilisieren.

Denken Sie, dass KMU die EU aus der Wirtschaftskrise führen können, und wenn ja, wie?

In den vergangenen Jahren wurden 85 % aller neuen Arbeitsplätze von KMU geschaffen. Es ist eindeutig, dass KMU der Motor hinter der Schaffung von Arbeitsplätzen in Europa sind. KMU spielen eine zentrale Rolle bei der Wiederherstellung von Wachstum in der EU. Allerdings bedauere ich, dass zu wenige Europäer die Möglichkeit in Betracht ziehen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Um die Krise zu überwinden, müssen wir optimale Wachstumsbedingungen schaffen, nicht nur für KMU, sondern auch für Unternehmensneugründungen.

Daniel Calleja Crespo

Seit dem 1. Februar 2012 ist Daniel Calleja Generaldirektor der Generaldirektion Unternehmen und Industrie der Europäischen Kommission. Er ist der Sonderbeauftragte für kleine und mittlere Unternehmen (KMU).

Von Februar 2011 bis Januar 2012 war Daniel Calleja stellvertretender Generaldirektor der GD Unternehmen und Industrie, verantwortlich für Binnengütermärkte, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation, KMU und unternehmerische Initiative, internationale Verhandlungen sowie Tourismus. Daniel Calleja war von November 2004 bis Februar 2011 Direktor für Luftverkehr der Europäischen Kommission und in dieser Funktion verantwortlich für den Luftverkehrsbinnenmarkt und dessen externe Dimension. Im Auftrag der EU führte er die Verhandlungen über das Open-Skies-Abkommen zwischen der EU und den USA und konnte diese erfolgreich abschließen. Er war Vorsitzender des Flugsicherheitsausschusses sowie des Ausschusses für den einheitlichen Luftraum und Vorsitzender des Verwaltungsrats des Gemeinsamen Unternehmens SESAR. Von 1999 bis 2004 war er Leiter des Kabinetts der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission Loyola de Palacio und in dieser Funktion verantwortlich für Verkehr, Energie sowie für die Beziehungen zum Europäischen Parlament.

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