13/04/12 Industriepolitik
Chancen für Textil- und Bekleidungsindustrie in der Europa-Mittelmeer-Region

Bei einer Konferenz in Mailand diskutierten Interessenvertreter aus den europäischen Ländern und den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers mögliche Partnerschaften der Nachbarländer, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen durch eine engere Kooperation zu verbessern.
Die Bedeutung der Branche für beide Seiten des Mittelmeers ist groß. Laut Euratex, der Europäischen Organisation für Kleidung und Textil, belief sich der Gesamtumsatz der Textil- und Bekleidungsindustrie in der EU im Jahr 2010 auf 172 Milliarden Euro, und die Ausfuhren aus der EU betrugen mehr als 34 Milliarden Euro. Die fast 150.000 Unternehmen der Branche beschäftigen rund 1,9 Millionen Mitarbeiter.
Für die Mittelmeerländer ist die Bedeutung der Textil- und Bekleidungsproduktion noch größer, denn in Tunesien, Marokko und Jordanien sind Textilien das größte Exportprodukt, und in Ägypten und Syrien rangieren sie nach Ölprodukten an zweiter Stelle. In der Türkei, Marokko, Ägypten, Syrien und Jordanien entfallen zwischen 30 und 50 Prozent der gesamten Industriearbeitsplätze auf die Textil- und Bekleidungsbranche.
Vor diesem Hintergrund kamen etwa 75 Teilnehmer in der Zentrale der Handelskammer in Mailand zur jährlichen Konferenz zusammen, bei der die Akteure der Textil- und Bekleidungsindustrie Informationen und Best-Practice-Beispiele austauschen, um die Zusammenarbeit zu fördern. An der diesjährigen Konferenz „Herausforderungen und Chancen für die Textil- und Bekleidungsindustrie in der Europa-Mittelmeer-Region“ nahmen Vertreter von Unternehmen, Wirtschaftsverbänden, der Wissenschaft, nationaler Ministerien und öffentlicher Einrichtungen sowie europäischer Institutionen wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, der Europäischen Stiftung für Berufsbildung und der französischen Entwicklungsagentur teil.
Die Vorteile der EU-Mittelmeer-Partnerschaft im Textil- und Bekleidungssektor sind für die südlichen Mittelmeeranrainerstaaten eindeutig – in den letzten zwei Jahrzehnten beherrschten Textilien und Bekleidung den Handel mit der EU und machten 50 Prozent der ausgeführten produzierten Waren aus. Europäische Unternehmen wiederum können von der Wertschöpfungskette im Textil- und Bekleidungsbereich profitieren. Die geografische Lage ist für EU-Unternehmen ein positiver Faktor, denn Mittelmeerunternehmen können den Bestellungen schneller nachkommen als ihre asiatischen Wettbewerber. Darüber hinaus sollten verbesserte wirtschaftliche Bedingungen im südlichen Mittelmeerraum die Entstehung und Festigung der Demokratie in diesen Ländern fördern.
Textilkonferenz thematisiert Herausforderungen für KMUs
Trotz der offensichtlichen Vorteile einer Zusammenarbeit bestehen weiterhin Herausforderungen, vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs), auf beiden Seiten des Mittelmeers, die mit den asiatischen Produzenten im Wettbewerb stehen.
Außerdem muss die Branche den Anforderungen aufgrund von neuen Entwicklungen wie zum Beispiel Innovationen gerecht werden, um sich an die Veränderungen der globalen Verbrauchernachfrage anzupassen. Hier spielen fachliche und unternehmerische Fähigkeiten eine entscheidende Rolle. Die Umsetzung der Vision einer echten gemeinsamen Entwicklung zu einem voll integrierten Markt sollte eine Win-win-Situation für beide Seiten des Mittelmeers schaffen.
Viele Konferenzteilnehmer aus den Mittelmeerländern einschließlich Waleed El Nozahy, des Vorsitzenden der Technischen Abteilung des Agadir Abkommens, setzten sich für ein gemeinsames Vorgehen ein. Er erklärte, dass viele Unternehmensleiter in den vier Ländern des Handelsabkommens (Marokko, Tunesien, Ägypten und Jordanien) noch nicht die richtige Mentalität zur Zusammenarbeit entwickelt haben. Des Weiteren führte er aus, sei es für ihn eine der größten Herausforderungen, den KMUs zu zeigen, dass Kooperation dazu beitragen wird, gegenüber den asiatischen Wettbewerbern zu bestehen. Er fügte aber auch hinzu, dass die Agadir-Staaten in hohem Maße auf das Engagement der EU angewiesen seien, um den Kooperationsprozess zu fördern, da die Kooperation innerhalb der Region nicht ausreiche.
Francesco Marchi, der Generaldirektor von Euratex und Sprecher der europäischen Textil- und Bekleidungsindustrie, kommentierte: „Ja, die Mittelmeerländer sollten ein Produktionsgebiet bilden. Wir können helfen, aber das muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Es muss für alle Länder vorteilhaft sein.“
Nachdem den Teilnehmern die bestehenden Netzwerke zur Unterstützung von Unternehmen vorgestellt worden waren, stellte Jean-Francois Aguinaga, der Leiter des Referats Textil-, Bekleidungs-, Holz- & holzverarbeitende Industrien bei der Europäischen Kommission, fest: „Wichtig ist, dass die Türen offen stehen und ein Dialog geführt wird. Wir müssen zeigen, wie man diese Netzwerke nutzen kann, sonst wird der Mittelstand verlieren.“ Weiterhin betonte er, dass es wichtig sei, Initiativen daraufhin zu überprüfen, ob sie zur Schaffung oder zum Erhalt von Arbeitsplätzen und zu erhöhten Umsätzen führen.
Finanzierungsmöglichkeiten für die Kooperation
Während der zweitägigen Veranstaltung am 12. und 13. März 2012 beschäftigten sich die Konferenzteilnehmer in Mailand mit vielen anderen Themen. Ein Punkt war die Finanzierung der Fortentwicklung der Textil- und Bekleidungsindustrie. Dies fällt in das Aufgabengebiet u.a. der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Diese fördert Projekte, die von kommerziellen Banken oft als zu riskant angesehen werden. Die Bank hat bereits Textil- und Bekleidungsunternehmen in Osteuropa unterstützt. Zur Förderung dieser Region sei sie ursprünglich gegründet worden aber jetzt werde sie zunehmend auch im Mittelmeerraum aktiv, erklärte Charlotte Ruhe, Leiterin des Direktorats für die Unterstützung von Kleinunternehmen bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. KMUs, die die Bank genutzt haben, konnten ihren Umsatz, ihre Produktivität und ihre Beschäftigungszahlen verbessern.
Die Agence Française de Développement (AFD), die französische Agentur für internationale Entwicklung, stellte aus ihrer „Werkzeugkiste“ zwei Instrumente zur Schaffung von Mehrwert und qualitativ hochwertigen Arbeitsplätzen in den südlichen Mittelmeerländern vor. Auf der Nachfrageseite fördert das Programm zur Stärkung von Kapazitäten die Entstehung regionaler „Cluster“, während auf der Angebotsseite ARIZ, ein spezielles Instrument für den Zugang zu Bankkrediten in Afrika, garantiert, dass das Risiko für Banken, die an KMUs verleihen, reduziert wird. Die lokalen Niederlassungen der ADF gewähren leichten Zugang zu diesen Instrumenten.
Darüber hinaus stellte die Konferenz verschiedene andere Möglichkeiten zur Kooperation in Bereichen vor, die sich von Forschung und Innovation bis hin zur Entwicklung von Kapazitäten und Kompetenzen erstrecken (siehe Kasten).
Netzwerke verbinden Textilpartner
Eines der Netzwerke bei der Konferenz in Mailand war das Enterprise Europe Network, das von Serdal Temel, dem Leiter des Textil- & Mode-Bereichs der Organisation repräsentiert wurde. Das Netzwerk, das vom Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation der Europäischen Kommission finanziert wird, hat 600 Zweigstellen, die Vertretern der Industrie bei der Gründung von Partnerschaften helfen. Letztes Jahr unterstützte der Netzwerkpartner in Izmir, Türkei, die Entstehung von 31 Partnerschaften zwischen türkischen Unternehmen und der EU mit einem Wert von 7,2 Millionen Euro, und etwa 10 Prozent davon entfielen auf die Textil- und Bekleidungsindustrie.
Viele andere Projekte bringen die zwei Seiten des Mittelmeers erfolgreich zusammen. So zum Beispiel die EU-MED Gateway, eine Plattform, die strategische Partnerschaften für Technologieunternehmen in der Textil- und Bekleidungsbranche unterstützt. Unternehmen und Organisationen können sich kostenlos anmelden und erhalten Zugang zu Kontakten und Informationen, zum Beispiel über technische Textilien, Teststandards, geistige Urheberrechte und mehr. EU-MED Gateway wolle mit der Nutzung von Web-2.0-Funktionen grenzüberschreitende Partnerschaften noch mehr fördern, erklärte Anilkumar Dave, Leiter der Abteilung Innovation und Technologietransfer bei Treviso Tecnologia.
TexTechMed, ebenfalls auf der Konferenz in Mailand vertreten, hat ein erfolgreiches einjähriges Projekt abgeschlossen, das Vertreter des Bereichs technische Textilien (Textilien mit hohem Mehrwert für spezielle Anwendungen wie zum Beispiel als Schutzkleidung, in der Automobilbranche, der Raumfahrt usw.) zusammenbringt und sich dafür einsetzt, Fördermittel für ein neues zweijähriges Projekt mit dem Schwerpunkt Training zu erhalten. Die Organisation will den Markt für technische Textilien in der Mittelmeerregion durch Trainingsmaßnahmen und Networking vergrößern. Dazu gehören Treffen zum „Match-Making“ für Insider dieser Branche. Die Gründungsmitglieder des TexTechMed-Konsortiums stammen aus Tunesien, Marokko, Frankreich und Belgien.
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