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Magazin Unternehmen & Industrie

Eine neue europäische Raumfahrtpolitik nimmt Gestalt an

Photo: All rights reserved © Anton Balazh  - Shutterstock.com

Nichts ist weiter von der Realität entfernt als die Ansicht, dass Raumfahrt ein Luxus sei, den man sich angesichts strikter Sparmaßnahmen nicht erlauben könne. Mehr Sicherheit für die Bürger Europas und Lösungen zur Verbesserung ihres Alltags durch Funknavigation, Traktorenlenksysteme zur Steigerung von Ernteerträgen, schnellere Reaktionen auf humanitäre Krisen – dies ist keine Zukunftsmusik, sondern stellt eine kleine Auswahl von Beispielen für Innovationen dar, die im Rahmen moderner Raumfahrttechnologien entwickelt wurden. Viele Tausend hoch qualifizierte Arbeitsplätze hängen von einer Branche ab, die Anstrengungen unternimmt, das Leben der Menschen einfacher und sicherer zu machen und der europäischen Industrie insgesamt zu stärkerer Wettbewerbsfähigkeit zu verhelfen. Um dies zu gewährleisten, entwickelt die Europäische Kommission eine integrierte Raumfahrtpolitik zur Stärkung der europäischen Weltrauminfrastruktur.

Die Raumfahrt ist ein strategisch wichtiger Sektor für Europa. Über ein Angebot qualifizierter Arbeitsplätze für Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker hinaus sorgt die Raumfahrtindustrie dafür, dass Europa in einer zunehmend wettbewerbsorientierten Welt eine technologische Spitzenposition einnimmt. Zudem fördert sie Innovationen und eröffnet Marktchancen für weitere Wirtschaftszweige und im Hochtechnologiebereich tätige KMU (siehe Kästen).

Mit dem Vertrag von Lissabon, der diese wichtige Rolle anerkannt hat, erhielt die EU eine rechtliche Grundlage, um Strategien zur Erforschung und Nutzung des Weltraums zu entwickeln. Raumfahrt ist Schwerpunktbereich der „Europa 2020“-Strategie für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum und stellt eine der zehn Kernpunkte im Rahmen ihrer Leitinitiative „Eine integrierte Industriepolitik für das Zeitalter der Globalisierung“ dar.

Zentrale Zielsetzungen

Der Initiative zufolge wird die Europäische Kommission 2011 Maßnahmen vorschlagen, die auf der Grundlage von Artikel 189 des Lissabon-Vertrags der Umsetzung der raumfahrtpolitischen Prioritäten dienen sollen. In enger Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und den Mitgliedstaaten ist die Kommission außerdem für die Entwicklung einer Industriepolitik für den Raumfahrtsektor mit folgenden Hauptzielen zuständig: stetige und ausgewogene Entwicklung der gesamten industriellen Basis, einschließlich KMU, höhere internationale Wettbewerbsfähigkeit, Unabhängigkeit strategischer Teilbereiche, die besondere Aufmerksamkeit erfordern, wie der Start von Trägerraketen, sowie Aufbau eines Marktes für Raumfahrtprodukte und -dienstleistungen.

Im April 2011 legte die Europäische Kommission die Mitteilung „Auf dem Weg zu einer Weltraumstrategie der Europäischen Union im Dienst der Bürgerinnen und Bürgerpdf Übersetzung für diesen Link wählen “ vor. Sie setzt Prioritäten für die künftige EU-Raumfahrtpolitik, um ihr die Bewältigung großer wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und strategischer Herausforderungen zu ermöglichen:

  • Fortsetzung der europäischen Satellitennavigationsprogramme Galileo und EGNOS;
  • Umsetzung – gemeinsam mit den Mitgliedstaaten – des Europäischen Erdbeobachtungsprogramms (GMES),das für die Überwachung von Land, See, Atmosphäre, Luftqualität und Klimawandel sowie für Notfalleinsätze und die Sicherheit bestimmt ist und ab 2014 voll einsatzbereit sein soll. Im Rahmen der europäischen Raumfahrtpolitik haben Galileo, EGNOS und GMES absoluten Vorrang.
  • Schutz der europäischen Weltrauminfrastruktur vor Weltraumtrümmern, Sonnenstrahlung und Asteroiden durch den Aufbau eines Europäischen Systems zur Weltraumlageerfassung (SSA). Nach Schätzungen entstehen der europäischen Raumfahrtindustrie durch Zusammenstöße mit Trümmern jährlich Kosten von etwa 330 Mio. EUR.
  • Ermittlung und Unterstützung von Maßnahmen auf EU-Ebene im Bereich der Weltraumforschung. Die Union könnte insbesondere Optionen für gemeinsame Aktivitäten mit der Internationalen Raumstation ISS ausloten und eine Beteiligung aller Mitgliedstaaten sicherstellen;
  • Verfolgung einer Industriepolitik für den Raumfahrtsektor, die in enger Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation und den Mitgliedstaaten entwickelt wird;
  • Unterstützung von Forschung und Entwicklung, um die technologische Unabhängigkeit Europas zu stärken und sicherzustellen, dass Innovationen in diesem Sektor auch den nicht mit dem Raumfahrtsektor in Zusammenhang stehenden Bereichen und den Bürgern zugute kommen. Kommunikationssatelliten spielen dabei eine wichtige Rolle;
  • Stärkung der Partnerschaften mit den EU-Mitgliedstaaten und der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) sowie Einführung verbesserter Verwaltungsstrukturen.

Zur Stärkung der Zusammenarbeit in der Raumfahrt beabsichtigt die Europäische Kommission, den Meinungsaustausch mit ihren Partnern in Russland und den Vereinigten Staaten zu vertiefen und Gespräche mit anderen Raumfahrtakteuren wie China aufzunehmen.

Artikel 189 des Vertrags von Lissabon ermöglicht der Union die Konzeption eines europäischen Raumfahrtprogramms. Die Kommission untersucht die Möglichkeit, 2011 einen Vorschlag für ein solches Programm zu unterbreiten. Unter Berücksichtigung der Resonanz, die diese Mitteilung hervorruft, wird sie sich im Juni im Rahmen ihres Vorschlages zum nächsten mehrjährigen Finanzrahmen über das weitere Vorgehen entscheiden.

Ein florierender Sektor mit guten Geschäftsmöglichkeiten

Die europäische Raumfahrtindustrie mit einem Jahresumsatz von 5,4 Mrd. EUR beschäftigt 31 000 überwiegend hochqualifizierte Mitarbeiter.

In Europa sind außerdem elf wichtige Satellitenhersteller angesiedelt, von denen insgesamt mehr als 150 Kommunikationssatelliten im Einsatz sind. Sie beschäftigen 6 000 Arbeitnehmer und erzielen einen Jahresumsatz von insgesamt rund 6 Mrd. EUR. Weitere 30 000 Arbeitsplätze sind unmittelbar vom Satellitengeschäft abhängig. Dabei handelt es sich um nachgelagerte Unternehmen, etwa für Satellitennavigation, die satellitengestützte Technologien nutzen.

Der Markt für Anwendungen und Geräte, die von globalen Satellitennavigationssystemen (GNSS) unterstützt werden, hat in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt und soll bis Ende des Jahrzehnts weltweit einen Jahresumsatz von 240 Mrd. EUR erzielen. Obwohl der Erdbeobachtungsmarkt weniger ausgereift ist, könnten die wirtschaftlichen Erträge des Erdbeobachtungsprogramms bis 2030 137 Mrd. EUR erreichen.

Hilfe für die gesamte Wirtschaft

Eine Vielzahl von Industriezweigen profitiert von der Raumfahrt im Hinblick auf Technologietransfer und Innovation. Ingenieure und Designer verwenden Materialien wie Legierungen und Gewebe, die ursprünglich für den Weltraum entwickelt wurden, Landwirte nutzen Satellitensysteme zur Steigerung von Ernteerträgen und Elektronikhersteller bieten Autofahrern neuerdings Navigationsgeräte an, die ins Fahrzeug eingebaut werden können.

Alles andere als praxisfern und exotisch, beeinflusst die Raumfahrtindustrie das Leben eines jeden Europäers. Wo zum Beispiel stünden heute Rundfunk- und Medienbranche ohne Satellitentechnik? Unternehmen dieses Sektors sind zunehmend auf Raumfahrttechnologien angewiesen, um ihren Kunden etwa Fernsehprogramme oder Telefon- und Datenverbindungen anbieten zu können.

Außerdem ist eine stete Zunahme von Satellitennavigationsanwendungen festzustellen, nicht nur für den persönlichen Gebrauch in Kraftfahrzeugen und Mobiltelefonen. So verlassen sich immer mehr Versorgungsunternehmen im Telekommunikations- und Energiebereich auf eine exakte Zeitsynchronisation mithilfe von Satellitennavigationssystemen. Für viele unserer Tätigkeiten ist eine verlässliche und präzise Positions-, Geschwindigkeits- und Zeitbestimmung von zentraler Bedeutung, und zwar in einem solchen Umfang, dass schätzungsweise 6 bis 7 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der westlichen Länder durch Satellitennavigation generiert werden.

Kontakt

Referat Raumfahrtpolitik,
Generaldirektion Unternehmen und Industrie

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