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Das richtige Rezept für die europäische Chemieindustrie

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Im Mittelalter versuchten die Alchimisten, Kupfer in Gold zu verwandeln. Auch wenn sich das Forschungsinteresse heutiger Chemiker auf andere Ziele richtet, so sind die in ihren Labors hergestellten Verbindungen und Stoffe doch beeindruckend und stellen das Fundament eines der wichtigsten, innovativsten und wettbewerbsfähigsten Wirtschaftszweige Europas dar. Da sich der Sektor nun mit der Wirklichkeit eines neuen Jahrzehnts konfrontiert sieht, hat die Europäische Kommission Initiativen zur Ermutigung aller beteiligten Akteure ins Leben gerufen, durch gemeinsame Anstrengungen die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Chemieindustrie zu steigern und ihr Potenzial zur Lösung der in der „Europa 2020“-Strategie aufgezeigten gesellschaftlichen Herausforderungen voll auszuschöpfen.

Die Alchimisten des Mittelalters wollten unedles Kupfer in edles Gold verwandeln. Diese uralte Suche übt auf die Chemiker unserer Tage natürlich keine Anziehungskraft mehr aus. Stattdessen befasst sich die moderne Chemie mit der Entwicklung einer anscheinend unbegrenzten Anzahl von Substanzen, Verbindungen, Stoffen und Verfahren, ohne die unser Leben kaum noch vorstellbar ist. Zur Würdigung dieser Errungenschaften ist 2011 zum Internationalen Jahr der Chemie erklärt worden.

Die Chemieindustrie ist heute ein wichtiger Zweig der europäischen Wirtschaft und zählt zu den größten verarbeitenden Industrien in der EU. Dem Europäischen Rat der Verbände der Chemischen Industrie (CEFIC) zufolge verzeichnete der Sektor 2009 einen Umsatz von 450 Mrd. EUR, und nach Angaben der Europäischen Kommission sind bei der chemischen und chemienahen Industrie Europas rund 1,2 Mio. Menschen in 29 000 Unternehmen beschäftigt. Im Hinblick auf Produktivität und geschaffenen Mehrwert je Mitarbeiter steht der Sektor an zweiter Stelle aller verarbeitenden Gewerbe. Zudem handelt es sich bei der Chemieindustrie um einen Grundlagensektor, dessen innovative Materialien und technische Lösungen in Form von biochemischen Produkten und Nanomaterialien anderen Industriezweigen zur Verfügung stehen.

Dennoch hat die Finanz- und Wirtschaftskrise die Branche hart getroffen. Allein 2009 hat die chemische Industrie 59 000 Arbeitsplätzepdf(251 kB) Übersetzung für diesen Link wählen  abgebaut. Mittlerweile gibt es aber wieder positive Zeichen. In den ersten elf Monaten des Jahres 2010 stieg der Umsatz der europäischen Chemieindustrie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 17 %. Im etwa gleichen Zeitraum stieg der Handelsüberschuss um fast 43 Mrd. EUR.

Trotz ihrer offensichtlichen Wettbewerbsfähigkeit steht die europäische Chemieindustrie vor großen Herausforderungen, die sich durch scharfen globalen Wettbewerb und Unwägbarkeiten in Bezug auf den sicheren und fairen Zugang zu Energie und Rohstoffen sowie durch neue Rechtsvorschriften äußern. Durch Strukturveränderungen und Innovation kann die Branche diesen Herausforderungen jedoch gerecht werden.

Der Weg in die Zukunft

Ziel der EU-Politik ist es, die chemische Industrie als wichtigen Baustein ihrer „integrierten Industriepolitik für das Zeitalter der Globalisierung“ – eine der Leitinitiativen im Rahmen der „Europa 2020“-Strategie – „zukunftsfest“ zu machen. Als Hersteller von Zwischenprodukten und Lösungsanbieter für nahezu alle industriellen Wertschöpfungsketten verfüge der Sektor durch Innovationen bei Stoffen und Materialien über ein enormes Potenzial zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und der Umweltleistung nachgelagerter Industrien, so das Dokument bei der Skizzierung der neuen Strategie.

Eine von der Europäischen Kommission eingesetzte unabhängige Hochrangige Gruppe für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen chemischen Industrie wies auf eine Reihe möglicher Beiträge des Sektors zur Lösung dringender gesellschaftlicher Herausforderungen in der EU hin, etwa zur Steigerung des innovativen Potenzials, damit die europäische Industrie im globalen Wettbewerb bestehen kann, sich stärker an ökologischer Nachhaltigkeit orientiert, ihre Ressourceneffizienz verbessert sowie zu gesundem Altern durch Entwicklung entsprechender Stoffe für Arzneimittel, Medizinprodukte oder andere Instrumente beiträgt.

Auf allgemeiner Ebene stellte die hochrangige Gruppe im Jahr 2009 39 Empfehlungen vor, die dazu dienen sollten, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Chemieindustrie zu steigern, und die sich an alle entsprechenden Akteure – einschließlich der Industrie selbst –, an die EU, die nationalen Regierungen sowie regionale Behörden richteten. Im gleichen Jahr rief der Rat für Wettbewerbsfähigkeit der EU die Europäische Kommission, die Mitgliedstaaten sowie die Industrie dazu auf, diese Empfehlungen umzusetzen.

Empfehlungen in Maßnahmen verwandeln

Die Europäische Kommission hat einen Bericht über die Fortschritte bei der Umsetzung der Empfehlungen der hochrangigen Gruppepdf(251 kB) Übersetzung für diesen Link wählen  veröffentlicht, dessen Ergebnisse am 10. Februar 2011 auf einer Konferenz in Brüssel vorgestellt wurden. „Ich glaube, wir bewegen uns gemeinsam in die richtige Richtung“, erklärte Antonio Tajani, Vizepräsident der Europäischen Kommission und zuständig für Industrie und Unternehmertum, auf der Konferenz.

Da die meisten Maßnahmen und Initiativen mittel- bis langfristig sind, ist es noch zu früh, irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Bericht umfasst jedoch ein breites Spektrum an Aktivitäten, die von Behörden und privaten Akteuren zur Umsetzung der Empfehlungen bereits durchgeführt werden.

In Deutschland haben Behörden, Industrie und Hochschulen Initiativen ins Leben gerufen, um das Interesse von Kindern und Schülern an den Naturwissenschaften und speziell der Chemie zu steigern. Im Vereinigten Königreich sind mehrere Netzwerke und Einrichtungen zur Förderung von Innovation gegründet worden. Italien unterstützt experimentelle Projekte zur Entwicklung innovativer Produkte und Verfahren, um im Sinne der REACH-Verordnung „besonders besorgniserregende Stoffe“ ersetzen zu können.

Sieben europäische Regionen in Deutschland, Polen, der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarn und Italien haben ein gemeinsames Projekt gestartet, das der Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Supply Chain Management in Mittel- und Osteuropa dienen soll.

Belgien und die Niederlande führen ein Projekt zum Bau einer Pilotanlage für die großtechnische Umsetzung biobasierter Verfahren durch, das Wirtschaftsunternehmen und Forschungseinrichtungen, die neue biobasierte Produkte und Verfahren entwickeln wollen, als Zentrum für offene Innovationen dienen soll.

Die Industrie ihrerseits ist ebenfalls nicht untätig gewesen. So nutzte etwa CEFIC die Empfehlungen der hochrangigen Gruppe zur Erarbeitung eines Fahrplans für seine Mitglieder. „Wir haben haben zahlreiche Maßnahmen zu den Empfehlungen durchgeführt, die unseren Zuständigkeitsbereich betreffen“, erklärte CEFIC-Präsident Giorgio Squinzipdf(24 kB) Übersetzung für diesen Link wählen  und fügte hinzu: „Wir müssen unsere Anstrengungen jedoch weiter verstärken.“

Die Europäische Kommission bekundete ihre Absicht, in den kommenden Monaten mit der Umsetzung der von der hochrangigen Gruppe vorgelegten Empfehlungen fortzufahren und sich dabei zuerst auf die Bereiche Innovation und Arbeitskräftepotenzial zu konzentrieren.

Die Verbindung zwischen Forschung und Innovation stärken

Forschung und Innovation sind der Lebensnerv der chemischen Industrie. Dies erklärt, warum dieser privatwirtschaftliche Sektor zu den größten Investoren in Forschung und Entwicklung zählt.

Die EU fördert chemiebezogene Verbundforschung im Rahmen des Siebten Forschungsrahmenprogramms (RP7), vor allem den Themenbereich Nanowissenschaften, Nanotechnologien, Werkstoffe und neue Produktionstechnologien (NMP). Mit dieser Programmkomponente soll die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie durch höhere Wissensintensität gestärkt werden, insbesondere durch Verbreitung von Forschungsergebnissen unter kleinen und mittleren Unternehmen.

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