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Horizonterweiterung: Tourismus außerhalb der Saison

Photo: All rights reserved © Harvey Hudson - Fotolia.com

Das Konzept des "sozialen Tourismus" ist vielleicht noch nicht allen Europäern geläufig. Aber sozialer Tourismus erfreut sich bereits zunehmender Beliebtheit, und die Europäische Kommission unterstützt ihn aufgrund seines sozialen und wirtschaftlichen Nutzens. Die EU investiert jetzt in neue Projekte zur Förderung des grenzüberschreitenden Tourismus in der Nebensaison. Die Initiative "Calypso" soll jungen wie älteren Reisenden, Menschen mit Behinderungen und Familien mit geringem Einkommen neue Horizonte eröffnen und zugleich neue Jobs und Geschäftsmöglichkeiten außerhalb der Hauptsaison schaffen.

Tourismus ist eine wichtige Ressource für eine wachsende Anzahl von Interessengruppen in ganz Europa. Die Tourismusindustrie erwirtschaftet inzwischen über 5 % des BIP der EU und beschäftigt Schätzungen zufolge 12 bis 14 Millionen Menschen. Ein Grund dafür, dass die Prognosen für die Branche trotz der Wirtschaftskrise weiterhin positiv ausfallen. Dennoch gehen die meisten Europäer immer noch in den stark ausgelasteten Zeiten der Sommer-, Weihnachts- und Osterschulferien in Urlaub, sodass die Hotel- und Transportkapazitäten für den Rest des Jahres brachliegen. Die gesteigerte Nachfrage während der Spitzenzeiten führt zu höheren Preisen, die wiederum einkommensschwachen oder benachteiligten Familien und Einzelpersonen einen Urlaub unmöglich machen. Urlaubsreisen fördern das Wohlbefinden und erweitern den Horizont - sie sollten nicht allein den körperlich fitten oder wohlhabenderen Menschen zur Verfügung stehen.

Die Nebensaison nutzen

Im Juni 2010 hat die Europäische Kommission ihre ehrgeizige neue Strategie zur Stärkung der Position Europas als beliebtestes Reiseziel der Welt vorgestellt, um damit die allgemeinen Vorteile einer Ausweitung der Tourismussaison hervorzuheben. Für die Industrie bedeutet eine solche Ausweitung bessere Auslastung der Ressourcen und höhere Produktivität. Bei den Angestellten der Branche führt sie zu mehr Beschäftigung, größerer sozialer Sicherheit und höherer Motivation. Sozialer Tourismus bietet auch die Möglichkeit, neue Reiseziele zu erschließen und so Arbeitsplätze zu schaffen und Impulse zum konjunkturellen Aufschwung zu geben.

Die Europäische Kommission hat dieses Potenzial erkannt und nach Billigung durch die Haushaltsbehörde die Initiative Calypso für den Zeitraum 2009-2011 ins Leben gerufen. Benannt nach der Nymphe, die im Mythos den umherziehenden Odysseus auf ihrer Insel beherbergte, wurde das Programm mit einem Jahresbudget von 1 Mio. EUR mit der Aufgabe gestartet, bewährte Praktiken zu untersuchen und geeignete Mechanismen für den Austausch von sozialem Tourismus auf europäischer Ebene aufzuzeigen. Im Rahmen des Programms, das von einer Expertengruppe begleitet wird, wurde auch die Beteiligung einer breiteren Öffentlichkeit angeregt.

In der Mitteilung vom Juni 2010 wurden zwei Maßnahmen besonders hervorgehoben: die freiwillige Einführung eines Mechanismus für den Austausch von Touristenströmen zwischen den Mitgliedstaaten, um den vier Zielgruppen das Reisen vor allem in der Nebensaison zu erleichtern, und die freiwillige Entwicklung eines netzbasierten Informationsaustauschs, der die Koordinierung der Schulferien in den verschiedenen Ländern unter Berücksichtigung der jeweiligen kulturellen Traditionen unterstützen soll. Die Erfahrungen, die beispielsweise auf der iberischen Halbinsel gemacht wurden, machen deutlich, dass bei der Verwendung von öffentlichen Geldern für solche Mechanismen ein einträglicher Rückfluss von 50 % der Ausgaben erzielt werden kann, wenn der gesamte Nutzen - die Schaffung von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen eingerechnet - berücksichtigt wird.

Ermutigende Ergebnisse

Die erste Phase von Calypso hat bereits zu Ergebnissen geführt: 21 EU-Mitgliedstaaten und Kandidatenländer haben ihre Teilnahme beschlossen, und in ganz Europa wurden zahlreiche Workshops veranstaltet. In der Vorbereitungsphase wurden bestehende Maßnahmen, Probleme und Lösungen untersucht sowie eine Bestandsaufnahme bewährter Praktiken in den Mitgliedstaaten durchgeführt. Das Arbeitsprogramm sah auch die Konsultation von Interessenvertretern und die Verbreitung von Informationsmaterial vor.

Mit der im Juli 2010 veröffentlichten Calypso-Studie wurden eine Reihe von ausführlichen Empfehlungen vorgestellt. Die Studie ergab, dass nur wenige Mitgliedstaaten den grenzüberschreitenden Tourismus für diese Zielgruppen aktiv fördern, obgleich einige Länder den Urlaub von älteren Menschen und Familien im eigenen Land unterstützen. Spanien und Portugal sind auf dem Gebiet der Förderung des bilateralen Tourismus führend, und die Ergebnisse im Hinblick auf Einnahmen und Beschäftigung sind vielversprechend.

In der Studie wurden des Weiteren die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Zielgruppen untersucht. Das größte Marktpotenzial weist die Gruppe der Senioren auf - sie stand bereits im Mittelpunkt früherer Initiativen. Durch ihre Abhängigkeit von den Schulferien haben Familien deutlich geringere Möglichkeiten, die Nebensaison für Reisen zu nutzen. Auch junge Menschen bevorzugen eher einen Urlaub in der Hauptsaison. Dennoch wurde die Verbesserung der Möglichkeiten von Ferienreisen für Menschen mit Behinderungen oder eingeschränkter Mobilität als allgemeine Priorität anerkannt - diese Menschen haben das gleiche Recht, Reisen zu genießen wie jeder andere Bürger auch.

Aufbau einzelstaatlicher Strukturen

Im Rahmen der Studie konnten keine spezifischen Hemmnisse für den sozialen Tourismus in nationalem Recht oder im EU-Recht ausgemacht werden. Die Tourismusindustrie bleibt jedoch skeptisch, ob die Initiative ausreichende Rentabilität bewirken kann. Bislang bringen vor allem Verbände und NRO die Entwicklung voran, während zahlreiche der an der Studie beteiligten Länder einen Mangel an staatlichen oder regionalen Strukturen zu deren Unterstützung aufweisen. Deshalb ist eine wichtige Empfehlung an die EU gerichtet, aufbauend auf den bisherigen Erfahrungen die Entwicklung von Verwaltungsstrukturen für den Austausch von Touristenströmen zu unterstützen, um die Möglichkeiten auf diesem Gebiet zu erweitern.

Zusätzlich könnte ein Internetforum für Calypso die Vermarktung von sozialem Tourismus fördern. Ein solches Forum müsste jedoch für jede Zielgruppe individuell gestaltet werden. Bei den bisher nicht beteiligten Ländern stellt der Bericht eine grundsätzlich positive Haltung zu Calypso fest. Zurückhaltung ergab sich entweder aus strukturellen Hemmnissen, etwa in föderalen Staaten wie Deutschland, oder aus Vorbehalten an sich gegen die Bezeichnung "sozialer Tourismus" (in den nordischen Ländern).

In Übereinstimmung mit den in der Studie formulierten Empfehlungen müssen in einem nächsten Schritt die tourismusrelevanten Behörden dabei unterstützt werden, den grenzüberschreitenden Austausch von Reiseströmen in der Nebensaison für die Zielgruppen von Calypso zu organisieren. Kofinanzierte Projekte unterstützen die Behörden beim Aufbau von Calypso-Büros, bei der Entwicklung von Netzwerken und der Zusammenarbeit zur Förderung von Reisen in der Nebensaison sowie bei der Durchführung von Studien zur Erleichterung des sozialen Tourismus durch Verbesserung der Wissensgrundlage.

Daran könnte sich der Start eines Calypso-Internetforums anschließen, das zur Vermarktung attraktiver Angebote für die Nebensaison beitragen könnte.

Nutzen statt Gewinn

Ein privates Reiseunternehmen in Lettland entwickelte Angebote für Kurzreisen in die Tschechische Republik, die Slowakei und nach Ungarn für Familien mit geringem Einkommen. 2008 nutzten 800 Menschen aus 350 Familien diese Möglichkeit, in den Schulferien zu attraktiven Preisen ins Ausland zu reisen. Das Unternehmen machte mit den Kurzreisen selbst keinen Gewinn und erhielt auch keine öffentlichen Fördermittel, erzielte jedoch einen Marktvorteil durch seine Bekanntheit als sozial engagiertes Reiseunternehmen mit erschwinglichen Preisen. Dieses Beispiel aus dem Handbuch bewährter Praktikenpdf [812 KB] English zeigt, dass privatwirtschaftliche Initiativen eine wichtige Rolle bei der Förderung des sozialen Tourismus einnehmen können.

Unabhängig werden

In Frankreich reist die Gruppe der 18- bis 25-Jährigen aus sozial schwachen Schichten am wenigsten, nach den Senioren. In diesem Alter verbringen sie ihre Ferien nicht mehr zusammen mit ihrer Familie und verfügen noch nicht über die Mittel, unabhängig zu reisen. Das Programmpaket "Sac Ados" (Rucksack) hilft jungen Menschen bei Planung und Durchführung eigener Reisen innerhalb Frankreichs oder ins Ausland. Angeboten werden Ferien- und Dienstleistungsgutscheine, Versicherung, Telefonkarten, Reiseapotheke und Landkarten. Im Jahr 2009 haben mehr als 4 200 junge Menschen "Sac Ados" genutzt. An dem Programm beteiligen sich 26 lokale Akteure und 450 soziale Einrichtungen.

Reisen für Senioren

Als eines der gefragtesten Sommerferienziele verfügt Spanien außerhalb der Hauptsaison über große Überschusskapazitäten. Um einen Teil dieser Kapazitäten zu nutzen und eine wichtige soziale Funktion wahrzunehmen, wird älteren Bürgern Spaniens seit 1985 im Rahmen des Ferienprogramms IMSERSO die Möglichkeit geboten, einen Urlaub im Land zu verbringen.

Darüber hinaus wurde eine Zusammenarbeit mit der portugiesischen Organisation INATEL begonnen, in deren Rahmen rund 4 000 ältere Menschen pro Jahr an grenzüberschreitenden Reisen teilnehmen.

Nach Schätzung eines Gutachtens erhält der Staat für jeden in IMSERSO investierten Euro 1,53 EUR zurück.

Kontakt

Referat Tourismus,
Generaldirektion Unternehmen und Industrie - Europäische Kommission

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