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Speech

Connie Hedegaard: Deine Welt. Dein Klima. Auftakt der Kampagne, London

Connie Hedegaard giving her keynote speech

Auftakt der Kampagne „Deine Welt. Dein Klima.“

London, 8. Oktober 2012

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Guten Morgen, und herzlich willkommen zum Auftakt unserer Sensibilisierungskampagne „Deine Welt. Dein Klima.“ Ich begrüße Sie alle hier in London und natürlich auch die hoffentlich zahlreichen Zuhörer, die die Veranstaltung im Internet verfolgen.

Ich weiß sehr wohl, dass einige Leute den Klimaschutz angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise und Rekordarbeitslosigkeit hintanstellen. Sie denken, dies könne warten. Zuerst kommt die Wirtschaft, dann kümmern wir uns um die Arbeitsplätze und die soziale Krise, und dann, irgendwann, wenn wir Zeit haben, können wir uns mit Klima und Energie, Ressourcen und der Umwelt befassen.

Einige Menschen sehen den Kampf gegen den Klimawandel nur als Kostenfaktor. Klimaschutz wird nicht als eine Investition betrachtet, nicht als Chance. Sie scheinen einfach zu glauben, dass es nichts kosten wird, wenn wir einfach so weiter machen wie bisher. Ich glaube, dies ist der ganz große Irrtum unserer Zeit. Natürlich kostet es Geld, gegen den Klimawandel anzugehen, doch wir müssen begreifen, dass wir, wenn wir so weitermachen wie bisher, dafür auch einen hohen Preis zahlen werden.

Wir haben durchaus noch die Wahl.

Der Aufbau einer lebenswerten Welt, mit einem lebenswerten Klima, ist ein intelligenter Ausweg aus der aktuellen sozialen und ökonomischen Krise. Wir müssen alle Krisen kohärent angehen. Leider löst sich das Klimaproblem, während wir die Wirtschaftskrise bewältigen, nicht von allein. Ganz im Gegenteil: im letzten Jahr stiegen die Treibhausgasemissionen stärker an als jemals zuvor. Und somit auch die Kosten, die wir auf zukünftige Generationen abwälzen.

Die große Herausforderung für uns Europäer ist heute demnach die Frage, wie wir die Wirtschaft, die Situation am Arbeitsmarkt und die Krise in den Bereichen Ressourcennutzung, Umwelt und Klima kombiniert angehen können. Ich bin der Ansicht – und das ist die wichtigste Botschaft dieser Kampagne – dass dies machbar ist, und zwar nicht nur in der Theorie.

Hier im Vereinigten Königreich zum Beispiel ist der Marktwert der Industrie für erneuerbare Energien in den letzten zwei Jahren um 11 % gestiegen – und das mitten in der Wirtschaftskrise, bei einem Gesamtwachstum von nur 1,4%. Die Branche für erneuerbare Energien sichert im Vereinigten Königreich 110 000 Arbeitsplätze – und diese Zahl wird sich Schätzungen des Sektors zufolge bis Ende des Jahrzehnts vervierfachen. Dieselbe Entwicklung lässt sich auch in Deutschland beobachten, ebenso wie in vielen anderen Mitgliedstaaten – denn es handelt sich um einen allgemeinen europaweiten Trend.

Auch die Europäische Kommission zählt die grüne Wirtschaft, neben der IKT-Branche und dem Gesundheitswesen, zu den drei wichtigsten Sektoren, in denen besonders viele neue Arbeitsplätze entstehen können.

Dies sind ganz wichtige Ergebnisse zu einer Zeit, in der in Europa mehr als 25 Mio. Männer und Frauen ohne Arbeit sind.

Der Aufbau einer kohlenstoffarmen Wirtschaft ist kein Luxus; er bietet die Chance, das Wirtschaftswachstum in Europa anzukurbeln und neue Arbeitsplätze zu schaffen, und dabei gleichzeitig eine Welt zu schaffen, in der ein lebenswertes Klima herrscht.

Sehen Sie sich auch die Zahlen der UNO an: 2030 – in nur 18 Jahren – werden wir auf diesem Planeten 50 % mehr Nahrungsmittel benötigen; 45 % mehr Energie und 30 % mehr Wasser. Dies sind genau die Herausforderungen, denen wir schon in ganz kurzer Zeit begegnen müssen.

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Wir brauchen also Wachstum. Und zwar intelligentes ökonomisches Wachstum, bei dem wir aus weniger mehr machen, bei dem wir die Umweltbilanz bei Produktion und Verbrauch verbessern und unsere Energiekosten reduzieren.

Mit dieser Kampagne möchten wir genau solchen intelligenten, klimafreundlichen Lösungen Gehör verschaffen. Wir möchten zeigen, was der Einzelne tun kann, was die Unternehmen tun können, und was wir gemeinsam in Europa erreichen können, wenn wir voneinander lernen.

Dies ist eine der großen Herausforderungen in Europa. Es gibt viele gute Beispiele, aber wir sind nicht gut darin, sie in dem Maßstab anzuwenden, den wir brauchen, in dem Tempo, das wir brauchen. Wir müssen voneinander lernen. Die Verbreitung erfolgreicher Projekte ist ein Teil der Lösung.

Vieles kann mit Hilfe der Politik auf den Weg gebracht werden: Zielvorgaben aufstellen, das richtige Preisniveau festlegen, regulieren. Auch die Unternehmen spielen eine wichtige Rolle: mit innovativen Technologien, intelligenten Lösungen, durch Anwendung klimafreundlicher Konzepte im größeren Maßstab. Auch wir als Einzelpersonen sind verantwortlich für unsere täglichen Entscheidungen.

Zum Beispiel bei der Frage, wie wir uns fortbewegen.

Wussten Sie, dass Autofahrer in europäischen Großstädten durchschnittlich 8 volle Tage im Jahr in ihren Autos im Stau verbringen? Das sind mehr als anderthalb Arbeitswochen! Fahren Sie mit dem Fahrrad; das spart Zeit; und Geld; und CO2. Und es ist gut für Ihre Gesundheit.

Und das Auto, das Sie fahren – wie effizient ist es? Und die Art, wie Sie es fahren – ist sie umweltfreundlich? Wenn Sie wirklich intelligent und klimafreundlich handeln wollen, kaufen Sie ein Hybrid- oder ein Elektrofahrzeug. Senden Sie mit Ihrem nächsten Fahrzeugkauf ein deutliches Signal an die Autohersteller.

Oder betrachten Sie einmal Ihr Haus – wieviel Energie wird dort verschwendet?

Die Lösungen sind sehr wohl bekannt: Installieren Sie doppelt verglaste Fenster; verwenden Sie energiesparende Beleuchtung; waschen Sie ihre Kleidung bei niedrigen Temperaturen.

Haben Sie bei Ihrem letzten Kauf eines Fernsehers, Computers oder Kühlschranks auf das Energielabel geachtet?

Und bei Ihrem Einkauf bedenken Sie bitte, dass:

  • bei der Produktion von einem Kilo Rindfleisch mehr CO2 ausgestoßen wird als bei einer dreistündigen Autofahrt.
  • für die Erzeugung von frischen, saisonalen und regional produzierten Lebensmitteln nur ein Fünftel der Energie benötigt wird, die für die Langstreckenbeförderung von Frischwaren erforderlich ist.

Es gibt viele Dinge, die jeder Einzelne von uns tun kann – Dinge, die Geld sparen, Zeit sparen und zugleich das Klima schützen.

Viele Bürgerinnen und Bürger werden hierbei rein ökonomische Aspekte in den Vordergrund stellen. Doch klimafreundliches Handeln ist auch aus makroökonomisch gesehen sinnvoll. Im letzten Jahr betrug das Gesamthandelsdefizit der 27 EU-Mitgliedstaaten 150 Mrd. EUR; dagegen wurden für Ölimporte insgesamt 315 Mrd. EUR ausgegeben – mehr als doppelt so viel. Für Öl, Gas und Kohle zusammen zahlten wir 573 Mrd. EUR – und dieses Geld wurde außerhalb der EU ausgegeben und nicht in die eigene Wirtschaft investiert. Sinnvoller wäre es, die Energieeffizienz in Europa zu steigern, und von den Arbeitsplätzen zu profitieren, die dabei entstehen.

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„Deine Welt. Dein Klima.“ wird unser Leben keineswegs düster und grau machen. Werden wir in die Steinzeit zurückkehren? Werden wir unser bequemes Leben aufgeben? Nein. Es geht um ansprechende Produkte, die klimafreundlich sind und zugleich unsere Lebensqualität verbessern; es geht um gesündere Städte mit einer besseren Mobilität und sauberer Luft; es geht um intelligente und kreative Lösungen. Es geht ganz einfach darum, das Wissen zu nutzen, das wir bereits haben.

Viele inspirierende Lösungen sind bereits vorhanden. Auf der Website unserer Kampagne „Deine Welt. Dein Klima.“ haben wir Beispiele aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten zusammengetragen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einige nennen:

  • In einem Bahnhof in Stockholm wird die Körperwärme von Zugpendlern in Energie umgewandelt, die zur Beheizung eines nahe gelegenen Bürogebäudes verwendet wird – dies spart erhebliche Energiekosten ein.
  • Ein griechischer Unternehmer hat einen solarbetriebenen Aufzug für Apartmenthäuser entwickelt, der Tag und Nacht funktioniert.
  • In Deutschland werden Häuser gebaut, die genug überschüssige Energie erzeugen, um ein Elektroauto ein ganzes Jahr lang anzutreiben.
  • In der Gedved-Schule in Dänemark wurden Solarmodule installiert, die erhebliche Heizkosten einsparen – Geld, das nun für Bildung ausgeben werden kann.
  • Und hier in London gibt es eine Organisation, die es ermöglicht, das Auto des Nachbarn zu mieten, wenn dieses unbenutzt vor dem Haus steht.

Die Liste der Beispiele ist lang; in unserer Kampagne geht es darum, dass diese Projekte in großem Maßstab Schule machen.

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Liebe Unternehmer und kreative Köpfe hier im Saal. Wir brauchen Eure Lösungen, um eine lebenswerte Welt aufzubauen – Eure Welt. Euer Klima.

Mit dieser Kampagne möchte die Europäische Kommission eine Dialogplattform und ein Schaufenster für vorhandene, intelligente Initiativen schaffen. Wir hoffen, dass viele weitere Unternehmen und Gemeinden folgen und ihre Erfolgsgeschichten auf unserer Website vorstellen werden. Im kommenden Jahr werden die effektivsten oder innovativsten Lösungen mit einer Auszeichnung für kohlenstoffarme Projekte prämiert.

Ganz wichtig ist auch, dass Sie alle hier im Saal mit Ihren Kunden, mit Studierenden und Ihren Mitgliedern über den vielfältigen Nutzen von kohlenstoffarmen Produkten und Technologien sprechen.

In der Kampagne, die wir heute starten, geht es darum, die Öffentlichkeit für eine klimafreundliche Lebensweise zu sensibilisieren. Denn Sensibilisierung ist der erste Schritt zum Handeln.

Aus diesem Grund arbeiten wir bei der Kampagne mit Unternehmen, Umweltverbänden und Universitäten in ganz Europa zusammen. Jeder von uns spielt eine Rolle; jeder von uns trägt Verantwortung. Politiker auf allen Ebenen – ob in Europa, im Mitgliedstaat, in der Region oder in der Lokalgemeinschaft. Unternehmer, denn sie sind die Innovatoren und sie sollten nicht warten, bis alles bis ins Detail reglementiert ist. Sie sollten schon jetzt handeln und Klimaaspekte in ihre Unternehmensentscheidungen einbeziehen. Und schließlich die Bürgerinnen und Bürger, ohne deren Rückhalt wir in unseren demokratischen Gesellschaften nicht viel erreichen können.

Darum geht es in dieser Kampagne - um Verantwortung zum Handeln, zum SOFORTIGEN Handeln, damit die Welt lebenswert bleibt. Noch ist es nicht zu spät, den Klimawandel aufzuhalten.

Letzte Aktualisierung: 21/03/2014 | Seitenanfang