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Rio+20-Konferenz: Kick-off für globalen Wandel
Connie Hedegaard, EU-Klimaschutzkommissarin

19/06/2012

Connie Hedegaard

Warum es nicht mehr reicht, das Wachstum am BIP zu messen, und das alte Mantra "Erst wachsen, dann aufräumen" nicht mehr haltbar ist

Wachstum an sich ist weder unser Feind noch unser Problem. Zu hinterfragen ist aber, welche Art von wirtschaftlichem Wachstum wir brauchen. Ebenso, ob wir um jeden Preis wachsen wollen.

Ein heute geborenes Kind ist einer von sieben Milliarden Erdbewohnern, und im Laufe seines Lebens wird die Weltbevölkerung um weitere drei Milliarden anwachsen. Gleichzeitig wächst die Mittelschicht weltweit an. Das sind gute Neuigkeiten. Aber es wird sich nicht vermeiden lassen, dass die anwachsende Weltbevölkerung und eine größere Mittelklasse die Ressourcen unseres Planeten weiter strapazieren werden.

Wenn ein heute geborenes Kind im Jahr 2030 18 Jahre alt sein wird, wird der Nahrungsbedarf weltweit um 50 Prozent höher sein. Der Bedarf an Energie wird 45 Prozent höher sein und der an Wasser 30 Prozent (UN-Zahlen). Wie werden wir damit umgehen?

Das sind die Fragen, denen sich der Abschlussbericht des hochrangigen Panels für globale Nachhaltigkeit der UNO (UN Global Sustainability Panel) stellt, dessen Mitglied ich sein durfte und der versuchte, die Konferenz Rio+20 vorzubereiten.

Die Zahlen, die ich eben nannte, zeigen klar, dass wir nicht wie bisher weitermachen können; wir müssen unsere Lebensweise ändern. Es wäre falsch zu glauben, dass es billiger für uns wäre, bei unserer alten Vorgehensweise zu bleiben. Im Gegenteil, ein Festhalten an unserer Lebensweise würde uns sehr teuer zu stehen kommen und die Wirtschaft, die Umwelt und uns alle betreffen.

Ein Beispiel: Die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) hat vergangene Woche berichtet, dass die durch den Klimawandel verursachten Schäden bis 2050 Lateinamerika und die Karibischen Inseln 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr kosten könnten. Das ist keine kleine Summe. Und es ist nur ein Beispiel dafür, warum wir ein nachhaltigeres Wirtschaftsmodell brauchen, das auch den Wert des natürlichen Reichtums, der sauberen Umwelt und des sozialen Zusammenhalts eines Landes wiedergibt.

Traditionell wird Wirtschaftswachstum weitgehend nur am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen, aber das reicht nicht mehr. Das BIP misst schließlich lediglich die Produktivität, beachtet aber weder menschliches Wohlbefinden noch natürlichen Reichtum: Das BIP wird einen Wald erst dann einberechnen, wenn er abgeholzt und verarbeitet ist.

Eine Naturkatastrophe, bei der Menschen ums Leben kommen, kann im BIP positiv bewertet werden, denn die Zerstörung von Infrastruktur und Kulturerbe führt zu Wiederaufbau, und der kommt wiederum der wirtschaftlichen Aktivität zugute.

Wenn wir ein nachhaltiges Modell internationalen Wachstums schaffen wollen, müssen wir auch die Kosten der Umweltverschmutzung einberechnen. Es kann nicht sein, dass der Preis eines Produkts nur anhand der Produktionskosten berechnet wird. Die tatsächlichen Kosten der Umweltauswirkungen müssen ebenso Teil des Produktpreises sein. Die Kunden wiederum erhielten dadurch sinnvolle Anreize, die umweltfreundlichsten Produkte zu kaufen.

Darum hat das Panel für globale Nachhaltigkeit der UNO auch empfohlen, dass bis 2020 alle Regierungen Preiskennzeichnungen einführen, die Nachhaltigkeit bewerten und anzeigen. Damit könnten Konsumverhalten und Investitionsentscheidungen von Haushalten, Geschäften und dem öffentlichen Bereich in eine umweltfreundlichere, nachhaltigere Bahn gelenkt werden.

Das alte Mantra "Erst wachsen, dann aufräumen" ist nicht mehr haltbar. Verschmutzer müssen jetzt zahlen und zur Verantwortung gezogen werden, statt offene Rechnungen für spätere Generationen liegen zu lassen. Wir sollten dabei nur etwas geschickter vorgehen, indem wir etwa einen Preis für Emissionen festlegen, um zusätzliches Geld für Investitionen in nachhaltige Entwicklung zu finden, und das besonders in Entwicklungsländern.

Die EU bewegt sich schon in diese Richtung. Wir haben einen Preis für Emissionen, wir haben verbindliche Ziele für die Reduktion unserer Treibhausgasemissionen. Der Anteil erneuerbarer Energie nimmt zu, ebenso eine ganze Reihe von Energieeffizienzmaßnahmen. Und wir überlegen uns, wie wir das Steuersystem sinnvoller gestalten können, damit wir in Zukunft weniger die Einkünfte der Menschen besteuern und stattdessen den fossilen Kraftstoff, den sie verbrauchen.

Jedoch können die Industriestaaten alleine die Umwelt nicht retten. Fakt ist, dass heutzutage Schwellenländer die Wachstumsriesen sind, auch hinsichtlich Energieverbrauch und Emissionen. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem alle Länder aktiv werden müssen, entsprechend ihren Möglichkeiten und ihrer Verantwortung.

Ganz sicher keinen Platz mehr in der heutigen Welt haben etwa staatliche Förderungen für fossile Brennstoffe. Diese müssen eingestellt werden, wie es auch von den G20 gefordert wurde. Die Internationale Energieagentur hat errechnet, dass 2011 sechsmal mehr Förderungen in fossile Brennstoffe als in den Bereich der erneuerbaren Energie flossen. Es macht doch in der derzeitigen Wirtschafts- und Klimakrise keinen Sinn, dass Regierungen weltweit jährlich 400 Milliarden US-Dollar an Steuergeldern in schmutzige Kraftstoffe investieren, die den Klimawandel und die Luftverschmutzung vorantreiben. Wir sollten dieses Geld lieber für mehr Energieeffizienz und für saubere, billige Energie für alle ausgeben.

Im vergangenen Jahr haben die weltweiten Treibhausgasemissionen den höchsten Stand aller Zeiten erreicht. Das zeigt nur einmal mehr, wie dringend wir weltweit aktiv werden müssen. Wir müssen das Rio+20-Gipfeltreffen als Auftakt zu einem globalen Wandel hin zu einem nachhaltigen Wachstumsmodell des 21. Jahrhunderts nutzen.

Ein nachhaltiges, grüneres Wachstum muss Grundbestandteil der globalen wirtschaftlichen Agenda werden, damit die steigende Zahl der Weltbevölkerung eine Chance auf Wohlstand hat - ohne die Ressourcen der Welt endgültig zu verbrauchen. Rio kann es sich nicht leisten, keine konkreten Resultate zu erzielen. Rio muss Lösungen bringen.

Weitere Informationen:

Letzte Aktualisierung: 19/06/2012 | Seitenanfang