This site has been archived on (2014/11/03)
03/11/2014

Navigationsleiste

Weitere Extras

Wir müssen die soziale Dimension der EU stärken

27/08/2012

(Veröffentlicht in DPA, 31.7.2012)

EU-Kommissar Andor beschreibt im Gespräch mit dpa Insight EU Ende Juli2012 die sozialen Herausforderungen Europas - und wie die Kommission Arbeit fürJugendliche, aktives Altern und das Rentensystem der Zukunft absichern will. Dabeispielen Eurobonds eine wichtige Rolle – Andor hält die gemeinsamen Anleihen derEuro-Staaten für unverzichtbar. Früher oder später würden sie aber ohnehin kommen,sagt der 46 Jahre alte Kommissar für Soziales und Arbeit.

EU-BESCHÄFTIGUNGSKONFERENZ

dpa: Auf der europäischen Beschäftigungskonferenz im September 2012 will die Europäische Kommission Maßnahmen zur Verbesserung der europäischen

Beschäftigungspolitik vorstellen. Was werden Ihre Schwerpunkte sein?

Laszlo Andor: «Wir werden die Elemente unseres Beschäftigungspakets vor allem den Stakeholdern aus 27 Mitgliedsstaaten vorstellen. Dieses Paket haben wir im April 2012 verabschiedet. Es bringt unsere «Europa 2020»-Leitinitiative «Neue Kompetenzen und Beschäftigungsmöglichkeiten» auf den aktuellen Stand. Wir haben viele Verpflichtungen und müssen rechtzeitig Fortschritte machen. Aber wir müssen auch erkennen, dass die Welt anders und schwieriger geworden ist als in 2010. Viele Fragen haben sich nicht in die richtige Richtung bewegt. Und wenn, dann war es nicht in der gewünschten Geschwindigkeit. Im Jahr 2010 haben wir die Leitinitiative auf der Annahme aufgebaut, dass wir die Krise schnell beenden. Doch sie scheint sich fortzusetzen. Wir sehen, dass die Krise die Eurozone zunehmend spaltet, nicht nur bei der Finanzstabilität, sondern auch in Fragen der Beschäftigung und der sozialen Lage. Daher müssen wir unsere Politik aufstocken. Das große Paket, das wir dazu im April entwickelt haben, wurde gerade vor zwei Wochen auf einem informellen EU-Ministerrat für Beschäftigung, Sozialpolitik, Gesundheit und Verbraucherschutz in Zypern diskutiert. Die Aufnahme des Pakets durch die Minister der EU-Staaten ist ziemlich gut.

Im September werden wir die Maßnahmen mit denen diskutieren, die direkt an der Basis mit der Sozialpolitik und Schaffung von Arbeitsplätzen auf dem Boden umzugehen. Wir diskutieren sie auch mit den nationalen parlamentarischen Ausschüssen, die dazu ebenfalls Reformen verabschieden müssen, und mit den Sozialpartnern. Wir werden dabei die Details des Pakets ausarbeiten und konkrete Beispiele besprechen, sei es zur Lohnentwicklung oder zu der Frag  "grüner" Arbeitsplätze, die ein wichtiges Element in diesem neuen Paket sind.

Alle drei EU-Präsidenten kommen - Barroso, Van Rompuy und Schulz, gemeinsam mit Italiens Ministerpräsident Monti, OECD-Generalsekretär Gurría und ILOGeneralsekretär Ryder.»

EU-FINANZMITTEL FÜR SOZIALES

dpa: Trotz dieser starken Unterstützung europäischer Spitzenpolitiker ist der Mangel an finanzieller Unterstützung zur Bewältigung der Krise nicht zu übersehen. Einige Länder stecken in einem Teufelskreis. Sie müssen Geld sparen, anstatt es in Arbeitsmärkte zu investieren. In Bundesstaaten der USA hat die Zentralregierung eine soziales Budget als Puffer für soziale Härtefälle, wenn eine Region in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät. Auf EU-Ebene gibt es indes kein soziales Budget.

Andor: «Zunächst einmal: Es gibt bereits einige Elemente. Zweitens: Wir müssen noch mehr entwickeln. Der Europäische Sozialfonds (ESF) kommt dem nahe. Er hilft mit knapp 10 Milliarden Euro pro Jahr zwischen 9 und 10 Millionen Menschen direkt. Darüber hinaus haben wir kleinere Instrumente wie den Europäischen Globalisierungsfonds (EGF), der in Notfällen helfen kann, wenn etwa ein multinationaler Investor sich plötzlich aus einer Region zurückzieht.

Bis vor kurzem hatten wir innerhalb des EGF eine Ausnahmeregelung für die Krise, die der EU-Rat Ende letzten Jahres leider gestoppt hat. Eine neues Instrument ist indessen die EUMikrofinanzierung.

All dies sind Elemente eines sozialen Budgets, wie Sie es nannten, oder der «soziale Dimension», wie wir es im Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) bezeichnen. Diese Elemente werden wir erhalten oder sogar stärken.

Aber es ist wahr, dass es Raum - und ich würde auch sagen: die Notwendigkeit - für eine weitere Entwicklung gibt. Vor allem, nachdem mehr und mehr Menschen erkennen, dass auf lange Sicht die Nachhaltigkeit der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion neue Elemente erfordert: eine Bankenunion, eine Fiskalunion oder sogar eine politische Union. Wenn man darüber nachdenkt, ist es logisch, auch automatische soziale Stabilisatoren einzubeziehen.»

dpa: Was meinen Sie mit automatischen sozialen Stabilisatoren?

Andor: «Es ist genau das, was Sie im Zusammenhang mit den USA beschrieben haben. Da in einem integrierten Markt und einem einheitlichen Währungsraum Teilstaaten keine autonome Geldpolitik mehr machen, aber sehr strengen fiskalischen Regeln unterliegen, die ihren Handlungsspielraum einschränken, gibt es die Notwendigkeit und Berechtigung für ein Sozialbudget auf Ebene der Bundesregierung, um mit den Folgen einer Wirtschaftskrise zurecht zu kommen.»

EUROPÄISCHER SOZIALFONDS

dpa: Was wollen Sie ändern am ESF? Die Europäische Kommission will ja generell ihre Mittel gezielter strukturieren und konkreten Zwecken widmen.

Andor: «Ja. Konkret die Ziele der "Europa 2020" Leitlinien, die von den Mitgliedstaaten vereinbart wurden. Wir gehen über zu einer engeren Verknüpfung mit Auflagen. Die jüngsten länderspezifischen geben Mitgliedstaaten auch Hinweise zur Umsetzung des ESF und des Europäischen Fonds für Regionalentwicklung (EFRE).

Der Punkt ist jedoch: Die Krise verursacht Überraschungen. Während wir das Profil des EU-Haushalts und der Strukturfonds zur Unterstützung der mittel- und langfristigen Ziele beibehalten müssen, ist es auch sehr wichtig, dass wir auf kurzfristige Herausforderungen reagieren können. Aus diesem Grund haben wir vorgeschlagen, die Kofinanzierungs-Gewichte zu ändern: Die "Programm-Länder", die betroffen waren von der Krise, können günstigere Kofinanzierungssätze bekommen, wenn sie Strukturfonds nutzen.

Wir haben auch Umschichtungen von finanziellen Programmen erlaubt, wenn Mitgliedsstaaten mit neuen Prioritäten auf neue Herausforderungen reagieren müssen. Ich habe gerade vor wenigen Minuten einige Anträge unterzeichnet. Normalerweise geschieht dies auf Antrag der Mitgliedstaaten. Aber seit Februar 2012 besuchte die Kommission acht Mitgliedstaaten, in denen die Jugend-Arbeitslosigkeit die höchste ist. Wir erörtern dort eine Umschichtung von Programmen, um arbeitslosen Jugendlichen schneller und effektiver zu helfen. Dabei haben wir mehr als sieben Milliarden Euro identifiziert, mit denen in der nächsten Periode rund einer halben Million junger Menschen geholfen werden kann.»

dpa: Aber das sind 70 Prozent des ESF pro Jahr...

Andor: «Es ist eine große Zahl. Als wir Ende letzten Jahres Bilanz zogen, nannten wir die Zahl von 30 Milliarden Euro. Das war der potenzielle Finanzpool für Umschichtungen aus Strukturfonds und anderen Fonds zur Kofinanzierung. Diese Zahlen zeigen auch, dass das Problem oft nicht in mangelnden Finanzen liegt, sondern in fehlenden Kapazitäten, Programme zu verwalten, oder im Mangel an Ideen.»

SOZIALE DIMENSION DER EU

dpa: Tatsächlich sind die Aufnahmekapazitäten in Krisenländern manchmal unzureichend. Dennoch macht das Geld für soziale Zwecke nur einen Bruchteil des Geldes für die Bankenrettung aus. Mit Geld allein ist nicht alles zu machen. Ich vermisse eine soziale Idee, damit die Menschen in der EU den Garant ihrer sozialen Sicherung sehen.

Andor: «Lassen Sie uns unterscheiden: Wenn wir über Geld sprechen, gibt es verschiedenen Formen der Krisenreaktion, der Ausgaben und Investitionen und der Verwendung von Geld zur Konsolidierung. Die Art und Weise, wie Geld in der EU ausgegeben wird und die Finanzarchitektur der EU wirkt sich sicher auf die Beschäftigung und die soziale Lage in den Mitgliedstaaten aus, durch unterschiedliche Umfelder für Wirtschaftswachstum.

Am wichtigsten wäre es natürlich sicherzustellen, dass das Geld für die Konsolidierung der Wirtschaft, einschließlich des Bankensektors, seinen Weg direkt in die Realwirtschaft findet und dort hilft, statt alleine die Bilanzen der Banken zu verbessern. So kann Geld eine starke soziale Wirkung haben, auch wenn es nicht über sozialen Konten des Budgets läuft - wenn es in der richtigen Weise und mit den richtigen Auflagen investiert wird. So kann auch die Bankenkonsolidierung sozialen Nutzen stiften.

Aber es ist auch sehr wichtig, dass wir die «soziale Dimension» nicht nur im EU-Haushalt stärken, sondern in der Politik der Europäischen Union. Wenn wir sprechen von einem nächsten Schritt der Integration sprechen und einer engeren Koordinierung der Politik, dann müssen auch Beschäftigung und soziale Aspekte ihren Raum bekommen.

Dies bedeutet eine neue Struktur der Wirtschaftsregierung. Wir haben das zusammen mit EU Finanzkommissar Olli Rehn bereits begonnen - in der jüngsten Europäischen Wachstumserhebung und in den Länderspezifischen Empfehlungen. Darüber hinaus können wir einen Blick werfen auf die EU-Rechtsvorschriften und einige soziale Standards entwickeln, etwa zur Arbeitswelt, Kinderarmut oder Rentenreform.

Unser Weißbuch zu den Rentensystemen, das im Februar angenommen wurde, bietet einen Rahmen dafür. Ohne die Schaffung eines EU-Rentensystems verbessert es die Koordination der sozialen Sicherungssysteme und schlägt eine bessere Regulierung der Renten vor. Es leitet Mitgliedstaaten zu einer Rentenreform und einem nachhaltigen Rentensystem an. Wir haben den Rahmen in Politik, Finanz und der Gesetzgebung gestärkt. Wenn wir die Krise hinter uns haben, wird es zu einem viel größeren Zusammenhalt der sozialen Systeme in Europa kommen. Aber die entscheidende Frage ist die Finanzkrise.»

ARBEITSLOSIGKEIT UND ABWANDERUNG

dpa: Eine weitere zentrale Frage ist, ob die EU schnell genug sein wird. Im Moment sehen wir eine Abwanderungswelle von Fachkräften aus Krisenländern - nicht nur in anderen EU-Länder, sondern nach Übersee.

Wie in Spanien, wo das Problem der Jugendarbeitslosigkeit wirklich ernst ist. Was konkret kann der ESF dagegen tun?

Andor: «Lassen Sie uns nicht Spanien als ein typisches Beispiel verwenden. Spanien ist ein Extremfall mit vielen Faktoren, die zu hoher Jugendarbeitslosigkeit geführt haben. Einige dieser Faktoren sind spezifisch für Spanien, andere typisch für Südeuropa, etwa die Segmentierung des Arbeitsmarkts.

Spanien hat ein großes Problem mit der Mobilität. In den letzten zehn Jahren gab es eine große Zuwanderung, aber nur eine geringe Auswanderung, unter anderem wegen der mangelnden Sprachkenntnisse.

Wir können helfen, die Berufsausbildung und die Sprachkenntnisse der spanischen Jugend zu fördern und die Bereitschaft, auch im Ausland nach Arbeit zu suchen.

Mit «spezifisch für Spanien» meinte ich, dass die Krise durch das Platzen der Immobilienblase verursacht wurde. Das war spanische Politik, nicht die der EU. Als Finanzmittel noch billig waren, hätte Spanien sich für eine stärker diversifizierte, nachhaltige und belastbare Wirtschaftsstruktur entscheiden können. Aber die

aufeinanderfolgenden Regierungen wollten das nicht. Spanien fehlt eine Industriepolitik. Nun kann es womöglich die neue Industriepolitik-Initiative der Kommission nutzen, einen Ansatz zu entwickeln.»

dpa: Meinen Sie damit, dass Spanien von «grünem Wachstum» profitieren könnte?

Andor: «Das könnte ein Teil davon sein. Vizepräsident Tajani (Anmerkung der Redaktion: der EU-Kommissar für Industrie und Unternehmertum) erarbeitet gerade einem Aktionsplan zur Industriepolitik. Dieser ist weniger auf Bayern, die Niederlanden oder Schweden ausgerichtet, sondern auf die Wettbewerbsfähigkeit der Fertigungsbranche und anderen Branchen sowie auf die Nachhaltigkeit der wichtigsten Sektoren.»

WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS

dpa: Sie erwähnten die wachsende Kluft in Europa. Deutschland war vormals in Ost und West geteilt. Doch auch nach mehr als 20 Jahren der Wiedereinigung sieht man noch die regionalen Unterschiede. Vergleichen wir das mit dem, was jetzt in Europa passiert und die Kohäsionspolitik der EU zu Nichte macht: Verursacht das nicht schlimmere Schäden und Ungleichgewichte, die für eine sehr lange Zeit bestehen werden?

Andor: «Wenn Sie das Beispiel von Deutschland nehmen: Natürlich gibt es sehr wichtige Lehren aus der Geldpolitik. Wenn es eine Währungsunion gibt und Länder ihre Wechselkurspolitik aufgeben, wird dies zu erheblichen Finanztransfers führen. Und selbst wenn das geschieht, dauert es sehr lange, bis der schwächere Teil der Union seine Depression überwinden kann. Es wäre gut, von früheren Beispielen lernen, aber es ist zurzeit nicht offensichtlich, dass man das tut und Fehler korrigiert.»

dpa: Glauben Sie, dass die deutsche Regierung ihre Lektion gelernt hat? Experten in Brüssel und Kolumnisten scheinen die Ansicht vertreten, dass die Bundesregierung sieht die größeren europäischen Interessen nicht sieht, dass sie sich egoistisch und egozentrisch verhält und auf kurzfristige Ziele bedacht ist.

Andor: «Aus meiner Sicht ist Deutschland hervorragend in der Mikroökonomie, aber ich würde nicht dasselbe sagen in Fragen der Makroökonomie.»

dpa: Das ist eine interessante Ansicht...

Andor: «Man kann nicht überall ausgezeichnet sein. Es gibt andere Länder, da ist es umgekehrt: Frankreich zum Beispiel.

Wenn man sich den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft ansieht, scheint es ein Problem in der Mikroökonomie zu geben. Aber ich denke, dass es in Frankreich ein besseres Verständnis dafür gibt, was Europa auf der Makro-Ebene braucht, um die Wirtschafts- und Währungsunion zu konsolidieren. Dies führt zu einem intellektuellen Bruch zwischen diesen beiden wichtigsten Partnern.»

EUROBONDS

dpa: Das bringt mich auf eine andere Frage: Im Moment stehen wir vor einer Verschlechterung der Länder-Ratings. Es gibt keine sichere Vermögenswerte mehr. Aber sichere Vermögenswerte sind von entscheidender Bedeutung als Anlageziele für die sozialen Sicherungssysteme ...

Andor: «Ja, ich kann dem nur zustimmen. Ich denke, es gibt nur einen wirklich sicheren Anlagewert, in den man investieren kann. Die Kommission hat diesen Wert bereits vorgeschlagen: Stabilitätsanleihen.»

dpa: Meinen Sie Eurobonds?

Andor: «Das Grünbuch spricht von «Stabilitätsanleihen». Es kann verschiedenen Namen geben oder funktionelle Äquivalente. Der Hauptpunkt ist Umlage der Staatsverschuldung, auf die eine oder andere Weise. Nur dies ist die ultimative Lösung, um die Eurozone zu stabilisieren.

Die EU-Mitgliedstaaten versuchen, sich durchzuwurschteln, wie in den letzten zwei Jahren, Monat für Monat, durch verschiedene Lösungen. Die Europäische Zentralbank ist - ich denke: zum Glück - sehr innovativ. Einige der Maßnahmen gaben uns mehr Zeit über richtige nachhaltige Lösungen nachzudenken. Aber was ich immer sage: Entweder diese Krise oder die nächste wird uns Eurobonds bringen.»

RENTEN

dpa: Vielleicht schon diese Krise, denn inzwischen sind auch die Ratings von Triple-A-Länder wie Deutschland auf dem Prüfstand. Dies könnte ein Umdenken auslösen. Müsste aber die Krise nicht auch unseren sozialen Vorsorge verändern? Im Moment stehen diese auf drei Säulen: einer staatlichen, einer betrieblichen und privaten Ersparnissen. Doch sind nicht alle drei Säulen bedroht durch diese Krise? Müssen wir uns nicht zurückbewegen auf ein anderes System?

Andor: «Ich glaube nicht, dass die Krise selbst die verschiedenen Modelle der Länder vorverurteilt. Im Jahr 2010 haben wir ein umfangreiche Stakeholder-Anhörung Renten-Grünbuch der Kommission gemacht und daraus ein Renten-Weißbuch verfasst. Was dabei klar wurde: In welchem Modell auch immer müssen wir uns auf aktives Altern und einen späteren Renteneintritt vorbereiten. Andernfalls können wir die Balance zwischen Sozialbeitragszahlern und Rentenempfängern nicht mehr halten.

Wir müssen uns auch bewusstwerden über die langfristigen Bedürfnisse nach der Pensionierung. Es gibt Länder, wie Schweden, die das im staatlichen Bereich angesiedelt haben. Aber es gibt auch private Lösungen, die dies liefern, solange die Regulierung angemessen ist. Ein weiteres Problem ist es, den Menschen zu garantieren, dass sie ihre betrieblichen Pensionsansprüche nicht verlieren, wenn sie den Arbeitgeber wechseln. Und dies führt uns zur Frage nach der Übertragbarkeit von Betriebsrenten und die Frage einer erhöhten Mobilität in Europa.»

dpa: Wird die Kommission dafür eine Lösung vorschlagen? Im Moment scheint dies großes Hindernis für die Mobilität der Arbeitskräfte in Europa zu sein.

Andor: «Genau. Die gegenwärtige zyprische EU-Ratspräsidentschaft arbeitet an der Wiederbelebung eines Vorschlags, der bereits einmal auf dem Tisch des EU-Rats lag, aber seit geraumer Zeit inaktiv war.»

dpa: Warum seit längerer Zeit inaktiv?

Andor: «Da gab es keinen Konsens. Ich hoffe, diesmal wird es anders sein.»

dpa: Wo verlief die Trennlinie im Rat?

Andor: «Es gab einige größere und einige kleinere Mitgliedstaaten. Die betriebliche Altersversorgung ist kein Problem für eine Mehrheit der Mitgliedstaaten, sondern für eine Minderheit von fünf oder sechs Mitgliedstaaten, in denen es ein wichtiger Teil des Systems ist. Da gibt es Probleme mit Sperrfristen und der Diskriminierung von jungen Menschen, die eine übermäßig lange Zeit bei einem Arbeitgeber bleiben müssten, bevor sie betriebliche Rentenansprüche erwerben.»

VERHÄLTNIS JUNG UND ALT

dpa: Fassen wir die Perspektive von jungen Menschen in der EU einmal zusammen: Zuerst kriegen sie keinen Job; sie müssen vielleicht auswandern, um einen Job zu finden; sie werden länger arbeiten müssen, bekommen aber weniger Geld aus dem Rentensystem. Und das alles, während die älteren Generationen in einigen Ländern ein gutes Leben führen. Wird das nicht zu einer Debatte über die Ungerechtigkeit zwischen den Generationen führen?

Andor: «Ganz im Gegenteil, es geht um die Solidarität zwischen den Generationen. Zurzeit haben wir das Europäische Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen. Regierungen und Nicht-Regierungs-Organisationen entwickeln eine Menge von Ideen und Lösungen für die Solidarität und zur Verlängerung des Arbeitslebens.»

dpa: Aber wenn Leute bisher in Rente gehen, so wollen sie sich entspannen nach einem langen, anstrengenden Berufsleben. Brauchen wir nicht für den späteren Renteneintritt ein neues Verständnis von Ruhestand im Lebenszyklus?

Andor: «Ein Paradigmenwechsel ist wahrscheinlich nötig. Zunächst einmal müssen wir akzeptieren, dass die Rente auf der Makro-Ebene an die Lebenserwartung gekoppelt werden muss. Zweitens müssen wir umdenken, so dass Menschen nicht einen längeren Ruhestand suchen, sondern bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Arbeitszeit. Das ist das eigentliche Gegengeschäft: Die Leute werden bereit sein, länger zu arbeiten, wenn sie dafür menschenwürdige Arbeit finden und verbesserte Arbeitsbedingungen Bedingungen. Dann wird Arbeit nicht als etwas Negatives angesehen, sondern hilft dabei, Talente und soziale Bestrebungen zu erfüllen.»

dpa: Was ist mit folgendem Argument: Je mehr Menschen länger arbeiten und später in Rente gehen, desto schwieriger wird es für junge Menschen, ins Berufsleben einzusteigen.

Andor: «Das weisen wir vollumfänglich zurück. Eine empirische OECD-Studie hat gezeigt, dass in Ländern, in denen die Menschen länger arbeiten, wie in Dänemark, auch die Jugendarbeitslosigkeit geringer ist. Das bedeutet: Entweder funktioniert ein Arbeitsmarkt gut und bietet Möglichkeiten für Alt und Jung; oder er funktioniert nicht und die meistgefährdeten Teile werden als erste von Arbeitslosigkeit getroffen sind: Junge und Alte gleichermaßen.

Problem kann es nur in kleinen Unternehmen geben. Wenn ein solches Unternehmen 20 Mitarbeiter beschäftigt und eine Nachwuchskraft einstellen will, muss es warten, bis ein älterer Mitarbeiter in den Ruhestand geht oder entlassen wird.»

dpa: Genau das trifft auf das Krisenland Italien zu, wo kleine und mittlere Unternehmen das Rückgrat der Wirtschaft bilden.

Andor: «Deshalb müssen wir in unserer Kampagne für aktives Altern auch mit Arbeitgebern reden. Es ist sehr wichtig, dass sie flexiblere Beschäftigungsmodelle schaffen, die nicht abrupt enden, sondern schrittweise auslaufen. Mit einer zweiten Karriere, ein Zeitraum der Selbstständigkeit, einer Teilzeitstelle. Die Verbindung von "Teilzeit-Rente - Teilzeit-Arbeit" ist eine sehr gute Lösung, die in einigen Ländern gut funktioniert.»

ITALIEN

dpa: Wie Sie wissen, hat die italienische Regierung im Juni ein umstrittenes Arbeitsrecht verabschiedet ...

Andor: «... ein ehrgeiziges, meinen Sie (lächelt) ...»

dpa: Kontrovers in dem Sinne, dass es allen Seiten missfällt. Was muss in Italien noch getan werden, damit der italienische Arbeitsmarkt flexibler und nicht nur die Beschäftigung von Jugendlichen, sondern auch von Frauen angekurbelt wird?

Andor: «Ich teile voll und ganz Ihre Ansicht. Die Beschäftigung von Frauen ist von entscheidender Bedeutung. Italien ist eines der Länder mit der niedrigsten Beschäftigungsquote von Frauen in der Europäischen Union. Vor allem im Süden. Italiens Arbeitsmarkt ist nicht homogen.

Soweit ich das verstanden haben, zielt die italienische Reform nicht auf Flexibilität allein, sondern auf die Abschaffung der Segmentierung des Arbeitsmarktes. Für manche bedeutet das weniger Schutz und mehr Flexibilität, für Jugendliche ist das eine Verbesserung, etwa in der Qualität ihres Berufseinstiegs. Zunächst ist es wichtig, umzusetzen, was beschlossen wurde.

Italien könnten auch die Nutzung von EU-Mitteln verbessern, vor allem im Süden. Im Süden gibt es große, aber ungenutzte Potenziale für die EU-Strukturfonds, um Menschen direkt in guten Projekten zu helfen.»

dpa: Warum hat der Süden Italiens seine EU-Mittel nicht ausgeschöpft? Geht es um eine schlechte Verwaltung der Projekte?

Andor: «Ich bin noch nie im Süden gewesen. Es scheint ein komplexes Thema zu sein, mit politischen und sozialen Gründen, warum die Evolution so langsam gewesen ist.»

Copyright: dpa (dpa jow wdw)