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Das europäische Modell für den ländlichen Raum

[ Inhalt ]

 

LEADER in Livradois-Forez (Auvergne, Frankreich)
Ein "Plus" für die Naturparks

 

Die regionalen Naturparks in Frankreich funktionieren
nach Prinzipien, die in vieler Hinsicht mit jenen
von LEADER übereinstimmen: integrierte und
gebietsbezogene Entwicklungsstrategien, Partnerschaft
und Vernetzung. Die Gemeinschaftsinitiative LEADER
ermöglicht es den Parks, die von ihr in Frankreich
profitieren, noch weiterzugehen. Sie erleichtert ihre
Informations- und Beratungsarbeit vor Ort, unterstützt
die Erforschung neuer Ansätze, fördert Innovation
und hilft bei der Übernahme der damit verbundenen
Risiken. Der Park von Livradois-Forez erbringt den Beweis.

 

Fragen Sie den erstbesten Motorradfahrer, den Sie treffen, ob er Cunlhat kennt. Höchstwahrscheinlich wird er ihnen mit Ja antworten. Kein Wunder, denn seit zwölf Jahren findet in diesem großen Dorf (1.400 Einw.) alljährlich das größte Harley-Davidson-Treffen Europas statt. Im letzten August kamen 23.000 "Biker" zum "Free Wheels"[1] nach Cunlhat. "Die meisten von ihnen kommen erst im letzten Moment ins Dorf. Viele warten im Umland auf den Beginn der Veranstaltung. Das Treffen dauert fünf Tage, aber alle Übernachtungsmöglichkeiten in einem Umkreis von dreißig Kilometern sind eine gute Woche vorher und nachher ausgebucht, was für den lokalen Handel natürlich ein ausgezeichnetes Geschäft ist." Annie Chalet, die in Olliergues, ganz in der Nähe von Cunlhat, ein Gasthaus betreibt, gehört zu den Befürwortern von Free Wheels. Es gibt zwar keine offene Opposition, doch nicht alle Einwohner teilen ihre Ansicht, wenn es um diese Veranstaltung geht. Motorradtreffen erzeugen ein gewisses Gefühl der Unsicherheit. Vor allem aber liegt Cunlhat nicht in einem Pariser Vorort und auch nicht in einer Vorstadt von Nizza, wo das Free Wheels 1987 zum ersten und zum letzten Mal stattfand. Im Gegenteil, Cunlhat liegt auf dem flachen Land und vor allem im Herzen eines regionalen Naturparks. "Dies ist nicht gerade ein Paradebeispiel für "nachhaltige Entwicklung", gibt Henri Rigal, der Bürgermeister von Cunlhat, zu, "aber in den letzten zwölf Jahren hat es noch nie ein ernsthaftes Problem gegeben, und das Motorradtreffen hat eindeutig zur Belebung unserer Gegend beigetragen. Vorher war unsere Lage wirklich desolat. Die jungen Menschen wanderten ab, Investitionen wurden abgezogen, es gab kein Geld mehr in der Region. In diesem Jahr kamen 60.000 Besucher zum Free Wheels. Die wirtschaftlichen Nebenwirkungen werden auf über eine Million Euro für die Gemeinde und ungefähr sechs Millionen Euro für die Region beziffert."

Aber glauben Sie nur nicht, Henri Rigal habe eine rein buchhalterische Vorstellung von lokaler Entwicklung! Er weiß, was "nachhaltige Entwicklung" ist und setzt sich mit allen Mitteln dafür ein. Als Vorsitzender des Kommunalverbands für das "Pays" von Cunlhat war er 1982 einer der wenigen, die sich unermüdlich für die Idee einsetzten, einen Regionalpark einzurichten, der zwei Gebiete der Auvergne verbinden würde, das Livradois und die Westhänge der Forez-Berge im Osten des französischen Zentralmassivs. Der Wille, diesen beiden "Pays" neues Leben zu geben, führte 1986 zur Gründung des regionalen Naturparks Livradois-Forez. Heute haben 180 Gemeinden die dazugehörige Charta[2] unterzeichnet, deren erstes Ziel darin besteht, "die Aufwertung des natürlichen, kulturellen und ethnologischen Erbes mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Region in Einklang zu bringen."

 

Der LEADER-Ansatz


"Das Livradois-Forez ist mit einer Fläche von mehr als 3.000 km2 ein ausgedehntes Mittelgebirgsgebiet; es liegt allerdings nicht in dem besser bekannten vulkanischen Teil der Auvergne", erläutert Jacques Fournier, Direktor des Parks. "Unser Park liegt im Granitteil der Auvergne, der gegen 1880 trotz magerer Böden zu den am dichtesten besiedelten Gebieten des Zentralmassivs zählte. Die Bevölkerung war so groß, dass sie sich nicht mehr von den Parzellen ernähren konnte, die als Folge des Erbrechts immer kleiner wurden. Angesichts dieser Überlebensnot mussten die Menschen reagieren: Sobald die großen Feldarbeiten vorbei waren, suchten sich die Männer in anderen Teilen Frankreichs für eine befristete Zeit eine Arbeit, z. B. als Langholzsäger, fliegende Händler oder Lumpensammler. Heimarbeit war eine andere Lösung (Messer- und Scherenfertigung, Weberei, Herstellung von Rosenkränzen). Ein Teil der Bevölkerung entschied sich jedoch zur endgültigen Abwanderung, so dass es nach knapp drei Generationen fast keine jungen Menschen mehr in diesem ländlichen Raum gab. Dies hat kollektive Traumata verursacht, deren Folgen auch heute noch nicht richtig erkannt worden sind. In vielen ländlichen Gemeinden ging die Bevölkerung um neun Zehntel zurück! Überalterung und Fatalismus sind die direkte Folge. Die Bevölkerung glaubt nicht mehr an eine Zukunft der Region und hat größtenteils den Gedanken aufgegeben, im Interesse der kommenden Generationen etwas zu unternehmen."

Eric Cournut, stellvertretender Direktor des Parks und Verantwortlicher des LEADER-Programms, geht in der Analyse noch weiter. "Gegen Ende der siebziger Jahre kam eine Studie zu dem Schluss, dass das Gebiet im Niedergang sei. Die Zahl der Bergbauern hatte sich in zehn Jahren halbiert, und im Dore-Tal, der wirtschaftlichen Schlagader des Gebiets, litten die Industriebetriebe sichtbar unter der Wirtschaftskrise. Der Kommunalverband wurde aktiv und gründete ein Team von Entwicklungsberatern, ohne auf die offizielle Gründung des Parks zu warten. Wir verfolgten also schon Anfang der achtziger Jahre eine Art "LEADER-Logik". Wir leiteten Maßnahmen für die lokale Entwicklung ein und begleiteten sie, wir führten tatkräftige Akteure des Gebiets zusammen und schufen, lokale Netzwerke." "Parallel dazu mussten wir das Gebiet im wahrsten Sinne des Wortes zur Sprache bringen", ergänzt Jean-Pierre Fournioux, der Beauftragte für das regionale Erbe. "Vor 1986 gab es die Verbindung der beiden Namen "Livradois" und "Forez" noch gar nicht. Erst als wir uns eingehend mit den natürlichen, historischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Besitzständen befasst hatten, konnten wir zeigen, dass die beiden Gebiete schon immer sehr enge sozioökonomische und emotionale Bindungen hatten. Danach mussten wir für die Region ein Image erarbeiten und die Anerkennung der Außenwelt gewinnen." Heute lässt sich ohne weiteres sagen, dass diese Anerkennung besteht. Im März 2000 hat der angesehene französische Verlag Gallimard dem Gebiet einen eigenen Reiseführer gewidmet, der auf Recherchen beruht, die von LEADER kofinanziert wurden.

"Die Region ist eine Art Gebirgswerkstatt", erklärt Brigitte Liabeuf, Konservatorin im Klingenmuseum von Thiers. "Die Wasser der Dore trieben Öl- und Papiermühlen und Sägewerke an, vor allem aber lieferte sie die nötige Energie für die Mühlsteine der Messerschleifereien. In der Tat stellt die Messerherstellung, die hier auf eine fünfhundert Jahre alte Tradition zurückblicken kann, den Ausgangspunkt einer ausgeprägten industriellen Tradition in dieser Region dar." Diese traditionsreiche Industrie hat auch andere Sektoren befruchtet. In Thiers, das noch heute 70% der französischen Messerproduktion stellt, sind jetzt viele Messerschmiede Zulieferer für die Automobilindustrie, während die Hersteller von Messergriffen am Anfang einer florierenden Formplastikindustrie stehen. Noch weiter südlich, in Ambert, beliefern die Hersteller von Schnürsenkeln und Rosenkränzen die lokale Tauwerk- und Kabelindustrie. Einige der lokalen KMU sind mittlerweile in Frankreich oder sogar weltweit Marktführer in diesem Bereich.

"Wenn man bedenkt, dass es in den ländlichsten Gebieten eine jahrhundertealte Tradition des Nebenerwerbs gibt, dann lässt sich einfach nicht bestreiten, dass es hier eine stark ausgeprägte unternehmerische Kultur gibt", meint Eric Cournut. "Freilich handelt es sich um kleine Betriebe, die als Subunternehmer tätig sind, scharfer Konkurrenz ausgesetzt und zu ständiger Innovation gezwungen sind. Auch hier kann LEADER helfen."

Anschließend skizziert der stellvertretende Direktor des Parks den Weg, den die "Entwickler" von Livradois-Forez in den letzten fünfzehn Jahren zurückgelegt haben. "Zwischen 1986 und 1991 wurde der Park ausschließlich von den Gemeinden, den Generalräten[3] der beiden betroffenen Départements (Puy-de-Dôme und Haute-Loire), dem Regionalrat[4] der Auvergne und der Zentralregierung finanziert, die für das Label "Regionaler Naturpark" zuständig ist. Dann kam LEADER I und verlieh uns Flügel. LEADER ermöglichte uns eine beträchtliche Verstärkung unseres Expertenteams und unserer Beratungsarbeit. Wir konnten sechs Entwicklungsberater einstellen! 1996 konnte wir unsere Partnerschaft mit Hilfe von LEADER II nochmals erweitern. Die zwanzig Kommunalverbände des Gebiets und die Wirtschaftskammern wurden Mitglied und waren somit unmittelbar am Management des Programms beteiligt. Als 1998 die neue Charta des Parks vorbereitet wurde, haben wir diese Arbeit zum Anlass für eine breit angelegte Konsultation genommen, an der sich dreitausend Personen beteiligt haben. Auf diese Weise konnten wir die lokalen Partnerschaften stärken. Unser Vorschlag für LEADER+, den wir zur Zeit ausarbeiten, sieht vor, die Vereine jetzt auch am Management des Programms und nicht nur an den Maßnahmen zu beteiligen. Für uns bietet LEADER vor allem die Chance, nun auch "riskantere" innovative Aktionen finanzieren zu können, von denen wir bislang nur geträumt haben."

Insgesamt hat der Park mit Hilfe von LEADER II über 200 Maßnahmen durchgeführt. Die durchschnittlichen Kosten pro Maßnahme lagen bei 20.000 EUR (ohne Beratung), die zu einem Drittel von der Initiative getragen wurden. Jede einzelne Maßnahme gehört zu einer der fünfzehn kollektiven Aktionen, die vom Park eingeleitet wurden: Raumplanung(vgl. LEADER Magazine Nr.15), Unterstützung von Existenzgründungen, Einrichtung eines Expertenpools für Unternehmen und Gebietskörperschaften, Unterstützung kultureller und touristischer Netzwerke (z. B. die Gründung einer "Straße des Handwerks" mit rund vierzig lokalen Handwerksbetrieben, Hotelnetzen usw.). Für diese Reportage haben die Verantwortlichen des Parks zur Veranschaulichung drei dieser LEADER-Aktionen ausgewählt, die in folgenden Bereichen angesiedelt sind: Unterstützung der umweltbezogenen Wettbewerbsfähigkeit von lokalen Unternehmen, Aktionen des Parks, die sich gezielt an Schüler richten, und die "Rückeroberung" von Naturraum und Landschaften.

 

Unternehmen und Umwelt


"Die neunziger Jahre waren die Jahre der Qualität, im Jahr 2000 beginnt das Zeitalter der Umweltschutznormen", erklärt Etienne Clair, Beauftragter für Wirtschaftsförderung. Der Park und die Wirtschaftskammern von Livradois-Forez haben 1998 eine Aktion gestartet, die den Unternehmen einerseits helfen soll, sich auf die neuen Normen und Kontrollverfahren einzustellen, und die sie andererseits dazu ermutigen soll, in ihren Produktionsverfahren und Entwicklungsstrategien dringenden Umweltbelangen Rechnung zu tragen. Es geht aber nicht allein darum, die Umwelt zu berücksichtigen, sondern auch darum, sie als einen Faktor der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu verstehen. LEADER hat zu diesem Zweck drei Förderphasen vorgesehen: Die vollständige Finanzierung einer umweltbezogenen "Voranalyse" des Unternehmens, die partielle Finanzierung (50%) eines gründlichen "Öko-Audit" und schließlich die Kofinanzierung der vom Audit empfohlenen Investitionen. Zwei Beispiele:

    Die Firma Arno Industrie (20 Beschäftigte) produziert ein breites Spektrum von Werkzeugen (Gartenscheren, Universalschraubschlüssel usw.), die früher zur Härtung des Stahls in ein Säurebad getaucht wurden.

    Der LEADER-Audit sprach sich dafür aus, dieses Verfahren, das für die Mitarbeiter gefährlich und zudem höchst umweltbelastend ist, durch die moderne Methode der thermischen Hochfrequenzhärtung zu ersetzen. Daraufhin hat das Unternehmen seine Säurebestände eingelagert und darauf verzichtet, die Oberflächenbehandlung (Vernickelung, Verchromung) seiner Geräte weiterhin selbst vorzunehmen. Diesen Vorgang hat sie einem spezialisierten Subunternehmer übertragen, der über die normgerechten Anlagen verfügt.

    Eine weitere Empfehlung betraf die Entstaubung einer Werkhalle. LEADER hat die Anschaffung einer Industrie- Luftabsaugeanlage und die Verlagerung der Halle in einen anderen Teil des Fabrikgeländes mitfinanziert. Diese Maßnahme kostete 50.000 EUR, von denen LEADER 8.000 EUR übernommen hat. Arno Industrie ist eines von sechs Unternehmen, die aus einer Gruppe von 34 Unternehmen das Verfahren (Voranalyse – Audit – Investition) bis zur letzten Phase durchgeführt haben.

    "Noch fordern die Kunden keine besonderen umweltschonenden Kriterien, aber ich wollte der Entwicklung lieber vorgreifen. Das ist eine Frage von Image und Glaubwürdigkeit", erklärt Inhaber und Manager Pascal Jodas, der die Firma vor kurzem übernommen hat. Einer der Gründe für den Öko-Audit war die Notwendigkeit, den Verkäufer haftungsrechtlich zu entlasten.[5]

    Die Firma 2CA (96 Beschäftigte) stellt verschiedene Gegenstände aus Polyester her (z. B. Rauchabzugsanlagen, städtisches Mobiliar, Telefonsäulen für Autobahnen, sogar die "Nasen" der Hochgeschwindigkeitszüge). Für dieses Unternehmen war es vor allem der Markt der den Anstoß für den Öko-Audit gab, denn das Unternehmen plante Investitionen für eine Wiederaufbereitungsanlage für Lösungsmitteln und die Entwicklung einer eigenen Abfallverwertungsanlage.

    "Die Aktion von LEADER war der Zeit voraus. Heute kommt der Anstoß häufig von den Auftraggebern, den Stammhäusern und den Kunden, die den Umweltschutz selbst zu einer Priorität erklären", so der junge Betriebsleiter Gilles Duissard. "Als Zulieferer sind wir gezwungen, uns dem Trend anzuschließen. Heute erwartet der Markt von den Unternehmen, dass sie sich umweltfreundlich verhalten. So haben zum Beispiel unsere deutschen Auftraggeber den Audit sehr sorgfältig geprüft. Ich bin fest überzeugt, dass dies eine wichtige Rolle spielte, als wir den Auftrag für Shanghai erhielten." Bei diesem Auftrag geht es um die Herstellung der Sitzmöbel für die neue U-Bahn der chinesischen Metropole. Heute hat sich 2CA – wie auch andere "gelehrige Schüler" aus Livradois-Forez – ein langfristiges Ziel gesetzt – die Erfüllung der Umweltnorm ISO 14001.

 

Jugendtourismus


Zwar hat der Tourismus in Livradois-Forez noch nicht ein Niveau wie im vulkanischen Teil der Auvergne erreicht, doch die Entwicklung verläuft sehr positiv. Leider ist die Hochsaison zu kurz. Um die Saison zu verlängern, setzt der Park jetzt auf Jugendliche und Schulen als neue Zielgruppen. "Der Gedanke des Jugendtourismus ist relativ neu", betont der Tourismusbeauftragte Benoît Barres. "Noch am Ende der achtziger Jahre machte sich im ländlichen Tourismus kaum jemand Gedanken über die Wünsche dieser Altersgruppe. Die Anbieter haben sich nur sehr langsam auf die Nachfrageentwicklung eingestellt. Manche bieten zwar bereits interessante Produkte an (Züge, Museen usw.), haben diese jedoch in pädagogischer Hinsicht noch nicht gut genug ausgearbeitet. Dabei handelt es sich um eine Kundengruppe, deren "Pflege" sich lohnt, nicht zuletzt weil sie es erlaubt, die Kundschaft schon im frühen Alter für Fragen des Umweltschutzes und des natürlichen, kulturellen, industriellen, architektonischen und menschlichen Erbes zu sensibilisieren. Die jungen Menschen sind eine besondere touristische Kundschaft, die im Laufe der Jahre wirtschaftliches Gewicht erlangen wird. Auch in Bezug auf Image und Kundenbindung ist sie zukunftsträchtig. Wenn man es schafft, dass Klassenreisen in unserer Gegend durchgeführt werden, kann man hoffen, dass sich auch die Eltern für das touristische Angebot interessieren werden und dass langfristig gesehen ehemalige Schüler als Erwachsene wieder in die Region kommen. Außerdem kann man auf diese Weise die Saison, insbesondere zwischen den Schulferien, verlängern."

Deshalb bemüht sich der Park, das Gebiet von Livradois-Forez als Zielgebiet des Jugendtourismus bekannt zu machen, die Jugendlichen für Umwelt und regionales Erbe zu sensibilisieren und ganz allgemein durch die Zusammenstellung eines in sich stimmigen touristischen Angebots für diese Zielgruppe dazu beizutragen, die Identität und Attraktivität des Gebiets angemessen herauszustellen und dessen Besonderheiten, d. h. "Natur" und "Know-how", zum Tragen zu bringen. Mit Hilfe von LEADER wurde ein dreistufiges Verfahren eingesetzt:

  • Im Winter 1996/97 wurden eine allgemeine Analyse und eine jugendtouristische Marktanalyse durchgeführt.

  • Von 1997 bis März 1998 wurden die Entwicklungsstrategie und das Aktionsprogramm detailliert ausgearbeitet und abgestimmt und insbesondere zwei Aspekte berücksichtigt. Es sollten die Aufnahmekapazität für Kindergruppen und Schulklassen erhöht werden, die in der Regel für fünf Tage in die Region kommen, und die Aufnahme der Kinder in den Einrichtungen, die sie besuchen (Schlösser, Museen, Bauernhöfe, Reitställe usw.), verbessert werden.

  • 44 touristische Dienstleistungsanbieter haben sich förmlich verpflichtet, sich an einem zweijährigen Aktionsprogramm (März 1998 bis März 2000) zu beteiligen, das von der Ausbildung ihres Personals bis hin zur Erarbeitung einer Charta reicht, die von den für Bildung bzw. Jugend und Sport zuständigen Ministerien gebilligt wurde. Alle an diesem Programm beteiligten Anbieter konnten im Rahmen von LEADER Zuschüsse für folgende Kostenpunkte in Anspruch nehmen: Ankauf von didaktischen Materialien und Ausrüstungen, die speziell für Kinder bestimmt sind; Inanspruchnahme einer fachlichen Beratung, um das jeweilige Angebot (künstlerische Angebote, Museen, Betreuung) zu verbessern; Erstellung von speziellen Führern für die Kinder und von Handreichungen für Lehrer.

Die Lehrer im Rampenlicht: Auf Initiative des Parks wurde ein Netzwerk von rund zwanzig Grundschullehrern gebildet, das sich den Namen "Tête de Pont" (Brückenkopf) gab. Dieses Netzwerk ist eine Art "Avantgarde" des Parks. Es nutzt die erzieherische und pädagogische Arbeit seiner Mitglieder, um die Zukunft des Gebiets vorzubereiten. Nach Auffassung des "Tête de Pont" sind Umwelterziehung und filmische Bildung gleichermaßen wichtig für die Zukunft. "Tête de Pont" kümmert sich deshalb nicht nur um die Umwelterziehung, sondern hat auch beim "Cinémôme" (Kinderkino), einer anderen innovativen Aktion in Livradois-Forez, eine führende Rolle übernommen.

 

"Cinéparc" und "Cinémôme"


Seit 1989 gibt es in Livradois-Forez ein mobiles Kino, das von Gemeinde zu Gemeinde fährt. Im Jahre 1992 hat LEADER I die Gründung eines weiteren Netzwerks für Filmvorführungen ermöglicht. Das Netzwerk mit dem Namen "Cinéparc" ermöglicht es, in 31 Dörfern alle drei Wochen einen neuen Film zu zeigen (30 Filme im Jahr 1999).

Bisher wurden 28.000 Besucher pro Jahr gezählt. 1995 startete "Cinéparc" eine neue Aktion mit dem Namen "Cinémôme", die Filme für Grundschulkinder zeigt. Um der Aktion einen möglichst guten Start zu sichern, beantragte "Cinéparc" einen Zuschuss bei LEADER II, mit dem sowohl die laufenden Kosten der Aktion als auch die Anschaffung eines Vorführgeräts und weiterer Ausrüstungen finanziert wurden.

Ziel der Aktion war es, Kindern im Grundschulalter eine Auswahl von anspruchsvollen Filmen zu zeigen und zusätzliche Materialien zur Verfügung zu stellen, damit die Filme in der Schule unter Anleitung des Lehrers weiter bearbeitet werden können. 1995 war diese Aktion ein absolutes Novum, ein Jahr später wurde sie von einer ganz ähnlichen landesweiten Maßnahme mit dem Namen "École au Cinéma" ("Kino in der Schule") "eingeholt". "Cinéparc" beschloss, sich diesem landesweiten Programm anzuschließen, da dies sowohl die Ausleihe der Filme als auch die Verteilung didaktischer Materialien an die Lehrer erleichterte. Im ersten Jahr haben 2.000 Schülern in 40 Schulen ihre ersten Kinoerfahrungen gesammelt. Damit war das ursprüngliche Ziel weit überschritten. Im Schuljahr 1996/97 ging es weiter aufwärts. Erreicht wurden 3.200 Kinder in 78 Schulen, 1997/98 waren es dann schon 4.300 Kinder in 100 Schulen. Im darauffolgenden Schuljahr erfolgte ein leichter Rückgang: 4.000 Kinder in 91 Schulen. Im Schuljahr 1999/2000 wurde dann die neue Pilotaktion "Cinématernelle" (Kino für die Vorschule) gestartet, die sich an Kinder im Kindergartenalter richtet und nach demselben Prinzip wie "Cinémôme" aufgebaut ist. "Unser Ziel ist es ", so Robert Gidon, "dass die Kinder während ihrer gesamten Schullaufbahn Zugang zu Kinofilmen haben und sich in "Film -Klassen", in denen das Kino im Zentrum des erzieherischen Projekts steht, entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen." Robert Gidon ist einer der "LEADER-Lehrer" von "Tête de Pont" und Mitarbeiter von "Cinéparc".

 

Zugang zur Landschaft


Wir kehren wieder nach Cunlhat zurück, allerdings nicht zu den Motorrädern, sondern zu den Aktionen, die mit Hilfe von LEADER versuchen, zur Umsetzung des Hauptziels der Charta beizutragen, nämlich "eine hohe Landschafts- und Umweltqualität zu garantieren".

"Den freien Raum neu zu erschließen, das ist unser oberstes Ziel", erklärt Jean-Luc Monteix, der Leiter der Aktion "Landschaften", die probeweise in Cunlhat und Umgebung angelaufen ist. In der Tat stellen der Niedergang der Landwirtschaft und die exzessive Parzellierung der Grundstücke, deren Eigentümer dazu neigen, ihre Parzellen aufzuforsten, die Region Livradois-Forez vor große Probleme. Die Aufforstung hat zur Folge, dass die Landschaften "zuwachsen" und manche Dörfer in einem Meer von Nadelbäumen zu "ertrinken" scheinen. Darüber hinaus gibt es die visuelle Verunreinigung der Landschaft durch Hochspannungsleitungen, GSM- Masten oder hässliche Fabrikgebäude. Aus diesem Grund hat sich der Park für einen globalen Ansatz entschieden. "Meine Arbeit besteht darin," so Jean-Luc Monteix, "alle Akteure der Region zusammenzubringen, die verändernd in die Landschaft und die architektonische Umwelt eingreifen, d. h. die Bevölkerung, die sozioökonomischen Akteure, der nationale Stromerzeuger EDF (Electricité de France), die Mobiltelefongesellschaften, die Waldbesitzer und die Gebietskörperschaften." LEADER II hat zwischen 1998 und 2000 verschiedene Aktionen finanziert, die sich auf drei einander ergänzende Zielsetzungen beziehen: Erstens die Entwicklung und Umsetzung eines "Landschaftsplans" in Zusammenarbeit mit dem Kommunalverband des "Pays" von Cunlhat; zweitens die Durchführung von experimentellen Aktionen zur Landschaftsgestaltung (landschaftliche Integration von Industriegebäuden, Verbesserung der Freiluftunterstände); drittens die Sensibilisierung der lokalen Akteure für Fragen des Landschaftsschutzes und der Landschaftsplanung. Im Rahmen des Landschaftsplans wurden drei spezifische Aktionen unterstützt: die Veröffentlichung eines Informationsdokument über die Landschaften im "Pays" von Cunlhat; die Organisation von "Landschaftstagen" und die Einrichtung einer Landschaftsberatung durch einen Landschaftsarchitekten. Auf Dauer sollen die Erfahrungen mit der Landschaftsgestaltung, die im "Pays" von Cunlhat gesammelt werden, auch auf andere Teile des Parks übertragen werden. Gleichzeitig werden an anderen Orten weitere globale Aktionen durchgeführt, die sich auf "Baulandschaften" beziehen. Hierbei handelt es sich um Aktionen im architektonischen Bereich (farbige Gestaltung von Fassaden gemäß einer fast in Vergessenheit geratenen lokalen Tradition, Verwendung lokaler Hölzer für Neubauten oder bei der Renovierung von Gebäuden sowie der Neugestaltung der Dorfzentren).

 

Eine Kulturrevolution


"Trotzdem gibt es natürlich viele Parameter, die wir auf lokaler Ebene nicht beeinflussen können", klagt Jacques Fournier, als wir nach der Zukunft von Livradois-Forez fragen. "Wir bräuchten zunächst einmal eine Art "Kulturrevolution" in den staatlichen Diensten. LEADER, das heißt vor allem Beratung und Information, darüber sind sich alle Verantwortlichen einig. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass die Botschaft schon überall verstanden wurde. Wir erleben zur Zeit das Ende der bäuerlichen Welt. Wir erleben, um den Geografen André Fel zu zitieren, den Übergang von "übermäßiger Fülle zu übermäßiger Leere". Unser Gebiet ist allerdings im Vergleich zu anderen Gebieten noch wesentlich lebendiger. Andere Gebiete, denen es besser zu gehen scheint, haben zehn Monate im Jahr nichts anderes vorzuweisen als Dörfer, die schön und unbewohnt sind, da sie fast nur aus Zweitwohnungen bestehen. Wir glauben, dass wir einen echten Trumpf in der Hand haben: gute Lebensbedingungen, gesunde Produkte, neue Formen der Arbeitsorganisation (Telearbeit und die 35-Stunden-Woche). Sie alle erschließen neue Perspektiven. Auch die Bedeutung der kulturellen Netzwerke darf nicht unterschätzt werden. In unserer Region gibt es insgesamt 15 kulturell aktive Dörfer wie Cunlhat. Sie können eine wichtige Katalysatorfunktion übernehmen, denn die Herausforderung besteht darin, die neue Generation bei uns in der Region zu halten und zu vermeiden, dass das Livradois-Forez zu einer Rentnerkolonie wird. Wir dürfen auf keinen Fall der Versuchung erliegen, nur auf den Tourismus zu setzen. Unsere Stärke ist unsere Unternehmerkultur, und die ist auch in anderen Branchen sehr lebendig."

 

LEADER LIVRADOIS-FOREZ

Fläche: 3 220 km2
Bevölkerung: 109 000 Einwohner
LEADER II: 6 554 000 EUR
EU: 2 684 000 EUR
Andere öffentliche Mittel: 3 087 000 EUR
Privat: 783 000 EUR

Parc Naturel Régional Livradois-Forez

a/s Eric Cournut, responsable LEADER
Maison du Parc, B.P. 17,
F-63880 Saint-Gervais-sous-Meymont
Tél: +33 4 73 95 57 66
Fax: +33 4 73 95 57 84
E-mail: e.cournut@parc-livradois-forez.org

 


[1] "Freie Räder". Siehe die Website:
http://www.free-wheels.com/

[2] Um Anspruch auf das von der Zentralregierung
erteilte und kontrollierte Label "Regionaler Naturpark"
erheben zu können, müssen die regionalen Naturparks eine
Charta ausarbeiten, in der die Prinzipien ihrer Arbeit
festgehalten sind. Die Charta gilt zehn Jahre lang.
Am Ende dieses Zeitraums findet eine Bewertung statt.
Es wird eine völlig neue Charta ausgearbeitet oder die
ursprüngliche überarbeitet und dann der Zentralregierung
erneut vorgelegt. Die Zentralregierung behält sich
das Recht vor, das Label gegebenenfalls
auch wieder abzuerkennen.

[3] "Conseil Général": Verwaltungsinstanz in den
französischen Départements, das über ein eigenes Budget
und bestimmte administrative Kompetenzen verfügt.
(Anm. d. Übers.)

[4] "Conseil Régional": Verwaltungsinstanz in
den französischen Regionen, das über ein eigenes Budget
und bestimmte administrative Kompetenzen verfügt.
(Anm. d. Übers.)

[5] Im französischen Recht kann ein Unternehmer
sein Leben lang für die von seiner Firma verursachten
Umweltschäden haftbar gemacht werden,
selbst wenn er sie verkauft hat.


 

source: LEADER Magazine nr.25 - Winter 2000/ 2001


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