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Das Kulturerbe als Entwicklungsfaktor

 

Die neue Bewertung des Kulturerbes in Friesland [Niederlande]:
Dies flache Land – unser Friesland

 

Das traditionell ausschließlich und
intensiv landwirtschaftlich genutzte
Friesland setzt mittlerweile auch auf
andere Aktivitäten, um seiner Zukunft
gelassen entgegengehen zu können. Die
lokale Identität der Bevölkerung und das
reiche historische und natürliche Erbe
dieses Gebiets in der Nähe großer städtischer
Ballungsgebiete eröffnen interessante
Entwicklungsperspektiven für den Kulturtourismus.

 

Das Orchester stimmt die Schlußakkorde an. Die 71 Schauspieler und Statisten füllen die enorme, vier Stockwerke hohe Bühne, auf der ein Londoner Stadtviertel im letzten Jahrhundert dargestellt wird. 700 Zuschauer klatschen begeistert Beifall für diese Amateurschauspieler aller Altersgruppen, die professionell und brilliant eine Musical-Fassung der Geschichte von Charles Dickens "Oliver Twist" aufgeführt haben [1]. Befinden wir uns mitten in Soho? Oder vielleicht am Broadway? Mitnichten: Wir sind in Jorwerd (240 Einwohner), einer kleinen friesischen Ortschaft, in der seit 44 Jahren jedes Jahr eine anspruchsvolle Aufführung in friesischer Sprache [2] gezeigt wird. "Die 8 000 Eintrittskarten für die 11 in diesem Jahr geplanten Aufführungen waren schon nach wenigen Stunden ausverkauft", berichtet Jan Schotanus, der den Text ins Friesische übertragen hat, nicht ohne Stolz.

"Der Erfolg von Jorwerd färbt auf die ganze Region ab und mittlerweile haben 9 Dörfer ihr Sommertheater", präzisiert Pyt Vellinga, der Vorsitzende des Kulturvereins, der diese Veranstaltung betreut. "Eine so umfassende Aufführung kann sicher in einer großen Stadt, aber genausogut in einem kleinen Dorf wie unserem zustande kommen, in dem ehrenamtliche Tätigkeit und ländliche Solidarität zuhause sind. Denn ein solches Ereignis bereichert nicht nur das kulturelle und soziale Leben der Bewohner, sondern führt auch die Menschen enger zusammen".

 

Die Erfolgsstory

Jorwerd ist eines dieser begnadeten Dörfer, in denen auch die verrücktesten Ideen (keiner weiß genau, wie) zu tragfähigen Projekten werden. 1953, direkt nach dem Wiederaufbau nach dem Krieg, stürzte der Kirchturm ein! Aber anstatt sich entmutigen zu lassen, beschließen die Dorfbewohner, ein Theaterstück aufzuführen, um die notwendigen Mittel zu dessen zweitem Wiederaufbau zu erhalten. Der Besitzer eines großen Parks mitten im Dorf stellt seinen Park für die Veranstaltung zur Verfügung. Eine Bank beteiligt sich finanziell. Die ganze Bevölkerung mischt mit. Das Projekt wird ein voller Erfolg, das seitdem Jahr für Jahr wiederholt wird und sich ständig weiterentwickelt: Die 1997 fast vollständig mit Eigenmitteln finanzierte Aufführung kostete rund 100 000 ECU; rund 140 Personen, die fast alle ehrenamtlich mitwirkten, waren dafür notwendig.

Als ob dieser Erfolg nicht genügen würde, hat auch ein Amsterdamer Schriftsteller das Dorf in seinem Buch "Hoe God uit Jorwerd verdween" [3], einer Chronik des modernen ländlichen Lebens, das in den Niederlanden großen Erfolg hatte, landesweit bekannt gemacht. "Von überall her aus den Niederlanden kommen die Menschen nach Jorwerd, um den Kirchturm, die Schule, das Wohnhaus der einen oder anderen im Buch angesprochenen Persönlichkeit zu sehen...", berichten Klaas Bijleveld und Sijbe Roosma, die LEADER- Verantwortlichen der Provinz Friesland. "Im nächsten Jahr fällt die 45. Aufführungssaison mit dem hundertsten Geburtstag des Dichters Jacob Slauerhoff zusammen, der auch aus unserer Gegend stammt. Das ist sicher kein Zufall".

Aber weder die gediegene Dorfarchitektur, noch die kulturelle Dynamik von Jorwerd können die Probleme verschleiern, unter denen der ländliche Raum in Friesland im Augenblick leidet: Die friesische Landwirtschaft, die so lange als Paradebeispiel für Effizienz und Produktivität galt, hat aufgrund verseuchter Böden und aufgrund von Problemen, v.a. mit den Milchquoten sowie mit einer besonders starken Konzentration landwirtschaftlicher Betriebe große Schwierigkeiten.

Alle diese Faktoren haben zu einer verstärkten Landflucht, v.a. der Jugendlichen, und zu einer Verschlechterung des Dienstleistungsangebots geführt. "Wir müssen aus dieser Monoaktivität herauskommen und stärker auf die Entwicklung nicht landwirtschaftlicher Bereiche setzen", meint Klaas Toering, der Vorsitzende von DBF (Dorp en Bedrijf Friesland), einem Netzwerk zur Gründung und Förderung kleiner Unternehmen im ländlichen Raum. "Drei mögliche Schwerpunktbereiche haben wir bereits ermittelt: lokal- und regionaltypische Erzeugnisse, Freizeit und Tourismus. Alle drei Sektoren bauen im wesentlichen auf der Nutzung des kulturellen, architektonischen, gastronomischen und auch landschaftlichen Erbes auf".

 

Kultur und Fremdenverkehr

Seit rund zehn Jahren hat Friesland – auf der Grundlage seines architektonischen Erbes – auf die Entwicklung des Kulturtourismus gesetzt: Hinter unendlichen Pappelreihen und der scheinbaren Monotonie der riesigen, im Laufe der Jahrhunderte dem Meer abgerungenen Ebene verbergen sich wahre Schätze – auf kleinen Hügeln erbaute mittelalterliche Kirchen, Schlösschen und Schloßgüter, Dörfer, die so wohlhabend wirken, daß das einfachste Haus bereits an ein Herrenhaus erinnert...

Im Jahre 1986 begann das Projekt der friesischen Regionalverwaltung "Denkmal des Monats", das darin bestand, mehrmals jährlich einen Monat lang bestimmte Gebäude oder Baudenkmäler ins Rampenlicht zu stellen. Parallel dazu finden Kulturveranstaltungen statt, auch lokal- und regionaltypischen Erzeugnissen wird ein besonderer Platz eingeräumt und ausgezeichnet erarbeitete Informationsunterlagen über das entsprechende Gebäude oder Denkmal werden in der Region oder sogar im ganzen Land verbreitet. Seit Beginn dieses Projekts wurden auf diese Weise 78 "Denkmäler des Monats" bekannt gemacht.

Der "Aktionsplan" der Provinz "für Kultur und Tourismus" löste 1992 einen Prozeß aus, in dessen Rahmen neue Aktivitäten, Tourismus und die Förderung der friesischen Kultur miteinander verbunden werden sollten. Zur Umsetzung dieses Planes wurde eine Stiftung "Kultuer en Toerisme yn Frislân" als Schnittstelle zwischen den lokalen und regionalen Verwaltungen, den kulturellen Vereinigungen und dem Tourismus- und Freizeitsektor gegründet. Sie bietet übrigens allen Akteuren, die sich an der Entwicklung kultureller Angebote beteiligen, die entsprechende technische Hilfe an.

Mit Hilfe von LEADER I (150 000 ECU) hatte die Stiftung vor allem das Projekt "stedsloazjeminten" zur Umnutzung leerstehender historisch wertvoller Gebäude als hochwertige Touristenunterkünfte in vier der "Elf Friesischen Städte" (vgl. Kasten) gefördert. Sie konnte diese Gebäude, die Eigentum der Kommunen waren, für einen symbolischen Preis kaufen. Jetzt koordiniert sie die Renovierungspläne und betreut die Arbeiten, die im Maße des Möglichen von lokalen Handwerkern ausgeführt werden. Die renovierten Gebäude bleiben Eigentum der Stiftung, werden aber an private Betreiber vermietet. Dieses Konzept hat zur Wiedernutzung von stilvollen Gebäuden in drei Kommunen und zur Gründung von 35 Arbeitsplätzen geführt.

"Die größte Schwierigkeit besteht nicht darin, Kunden zu finden, sondern die Anziehungskraft der Unterbringungsmöglichkeiten um weitere Aktivitäten zu ergänzen", erklärt die Projektkoordinatorin Hieke Joustra. "Aus diesem Grund haben wir "Arranzjeminten", sog. 'Kulturpakete' erarbeitet, die, auch in der Vor- und Nachsaison, die Unterbringung und den Zugang zu interessanten Sehenswürdigkeiten, Museen und Veranstaltungen, mit verschiedenen Kulturangeboten verbinden".

 

Warften oder Terpen

Im Rahmen dieser Strategie hat LEADER im Zusammenhang mit den "Elf Städten", die das den Tourismus bündelnde Element in der Region bilden, dazu beigetragen, eine Reihe von Kulturstätten auf dem Land neu in Wert zu setzen. LEADER I hat z.B. das Zentrum für die Warften- oder Terpenkultur mitfinanziert, das die Geschichte der Warften, jener künstlichen Aufschüttungen, die als letzter Schutz gegen das früher kaum eingedeichte Meer dienten, zeigt. LEADER II hat 92 000 ECU in das Projekt "Unia-Stata" investiert: Anstatt ihr kleines, im XVIII. Jh. vollständig zerstörtes Schloß wiederaufzubauen, hat die kleine Gemeinde Beers beschlossen, eine Art "Metallskelett" in der ursprünglichen Form und Größe des Schlosses zu errichten. Dieses Projekt gleicht einer riesigen Skulptur und einer beeindruckenden optischen Täuschung. Die Umgebung des früheren Schlosses, auch eine Warft, wird ebenfalls renoviert, und der neue Schloßturm in Form einer Stahlkonstruktion, der im Winter 1997-1998 fertiggestellt werden soll, bietet den Besuchern einen prächtigen Blick über das "friesische platteland".

"Einer der größten Vorteile, über die das ländliche Friesland für seinen Wiederaufbau verfügt, ist das intensive soziale Leben und Vereinsleben in den Dörfern", erklärt Jan van Weperen, der Koordinator der LEADER-Gruppe Noordwest Friesland. "Die LEADER II-Investitionen für die Neuinwertsetzung unseres Kulturerbes belaufen sich auf mehr als 1 Million ECU, aber ohne die gegenseitige Hilfe, ohne die Kultur- und Sportvereine, die unsere Kommunen so besonders prägen, wären alle diese Bemühungen vergebens".


[1] "Oliver !" von Lionel Bart.

[2] 94% der Bewohner der Provinz Friesland verstehen,
73% sprechen und 54% benutzen regelmäßig diese zum
Westgermanischen gehörende Sprache, die mit dem Englischen
und dem Niederländischen verwandt ist (Ergebnisse einer
Umfrage von 1984). In der Erwartung der offiziellen
Anerkennung wird Friesisch schon in zahlreichen Schulen
unterrichtet. Die Verwaltung und die Justiz der Provinz
haben das Friesische bereits als Verkehrssprache anerkannt.
In den meisten friesischen Landgemeinden wird mehrheitlich
Friesisch gesprochen.

[3] Geert Mak, "Hoe God uit Jorwerd verdween"
(Wie Gott aus Jorwerd verschwand), 1996, Atlas van de
Litteratuur, Postbus 13, 1000 AA Amsterdam. Der Titel
bezieht sich auf den Verlust der Werte (v.a. auf den
nachlassenden Einfluß der Religion) im niederländischen
ländlichen Raum.


 

LEADER Magazine Nr.17 - Frühling, 1998


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