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Rural Europe

Kultur und Ländliche Entwicklung

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Aufwertung des kulturellen Erbes im Maestrazgo-Teruel:
Von der Eigenidentität zur nachhaltigen Entwicklung

Die spanische LEADER - Gruppe Maestrazgo-Teruel
strebt mit der Aufwertung des natürlichen und kulturellen Erbes
nicht nur eine Änderung der Mentalitäten,
sondern auch eine neue Form
der Regionalentwicklung an.

 

Die Nacht fällt über den kleinen Platz. Auf Bänken und Treppenstufen diskutieren die alten Leute, dabei beobachten sie die –zahlreichen– Jugendlichen, die auf den Terrassen der Lokale etwas trinken. Kinder fahren Skateboard in den abschüssigen Gassen. Die Häuser rund um den Platz –die meisten sind restauriert und geschickt beleuchtet– erzählen 1000 Jahre Geschichte. Sie bilden den idealen Rahmen für eine Darstellung, die die ganze Lebenskunst und Lebensfreude des Mittelmeers umfaßt. Aber bis zum Meer ist es weit: Wir befinden uns in Molinos in der Provinz Teruel, am Tor zum Maestrazgo, im Osten des Iberischen Randgebirges, in einer der unzugänglichsten spanischen Regionen.

“Das ist Entwicklung”! erklärt Mateo Andrés. “Um 10 Uhr abends ist dieses Dorf noch voller Leben. Vor einigen Jahren noch ging in dieser Jahreszeit abends niemand vor die Tür... Jetzt spüren wir das Leben, spüren wir, daß etwas geschieht!”

Der Direktor des Zentrums für die Entwicklung des Maestrazgo-Teruel ist unerschöpflich in seinen Berichten über die Änderungen der letzten zehn Jahre im Dorf. Für das LEADER -Gebiet erfüllt Molinos eine Pionierfunktion: Schon nach den ersten demokratischen Wahlen 1979 begann die Gemeinde mit der Aufwertung ihres Besitzstandes. “Wir haben darauf gesetzt, daß Entwicklung von der Kultur ausgehen kann”, erläutert der Bürgermeister Oresto Andrés Huesa. “Natürlich hatten wir auch in direkte Dienstleistungen für die Bevölkerung investiert, in soziale und medizinische Versorgung, Abfallbewirtschaftung usw., aber jeder war sich bewußt, daß die Aufwertung der “Kristallgrotten” in der Nähe des Dorfes uns eine Quelle für Einnahmen sichern und weitere Projekte anregen könnte. Mit Hilfe einiger ehrenamtlicher Mitarbeiter haben wir diese Grotten zugänglich gemacht, jetzt ziehen sie Jahr für Jahr 40 000 Besucher an”.


Kulturparke Die Besucher mußten gehalten werden, und vor allem mußte das Dorf in den Augen seiner Bewohner “einer zeitgemäßen Identität entsprechend aufgewertet werden”, betont Mateo. “Unsere Familien waren so lange Zeit zerrissen. Der Bürgerkrieg und die Diktatur haben tiefe Wunden hinterlassen. Unsere Vergangenheit wurde flachgewalzt, durch das Francoregime ist unser Können in Vergessenheit geraten... Es war Zeit, das Blatt zu wenden, eine positive Identität aufzubauen, dabei nicht zu vergessen, daß Identität kein festgemauertes, erstarrtes, auf eine Gruppe zentriertes Konzept ist, sondern sich ständig von äußeren Einflüssen nährt. Die Bevölkerung von Molinos war eigentlich immer antikonformistisch: Im XIX. Jahrhundert Freimaurer, zu Beginn des XX. Jahrhunderts Spiritisten, in den 30er Jahren Anarchisten. Unser Dorf war immer Vorreiter der lokalen Entwicklung”.

1986 entstand unter Einfluß der Bürger, der Gemeinde und des Aragonischen Instituts für Archäologie die “Gesellschaft der Freunde von Molinos”, die einen Kulturpark zur Förderung und integrierten, interaktiven Darstellung des Erbes der Gemeinde gründen wollte. “Der Begriff “Erbe” ist im weitesten Sinne zu verstehen”, erklärt Mateo, “natürliches, gestaltetes, kulturelles, materielles Erbe, wie z.B. Bausubstanz; aber auch geistiges Erbe wie Kunst, Wissen und Können. Er ist mit dem Gebietskonzept verbunden. Wir glauben, daß die Gleichung Gebiet, Erbe und Bevölkerung zur Entwicklung führt.

Mit Unterstützung der Regierung von Aragon entstand eine “Schulwerkstatt”. Im Rahmen des Programms für Beschäftigungsbeihilfen erhalten junge Arbeitslose eine dreijährige Ausbildung (75% Praxis, 25% Theorie) als Zimmerleute, Möbelschreiner, Schreiner und Steinmetze. Die Schulwerkstatt hat bereits verschiedene kommunale Gebäude renoviert. Im alten Waschhaus ist ein “Museum der Ökosysteme der Region” untergebracht. In seinen von lokalen Handwerkern gebauten Vitrinen werden die verschiedenen Ökosysteme der Region sowie die für menschliche Tätigkeiten in diesen verschiedenen Umfeldern benötigten Werkzeuge und Produkte ausgestellt. Ein Saal enthält nur paläontologische Exponate. Hier werden zahlreiche in der Gegend gefundene Fossilien ausgestellt und erläutert. Im Rathaus befindet sich ebenfalls ein Museum über den Maler und Bildhauer Eleuterio Blasco Ferrer, einen Freund Picassos. Über dem Dorf und dem Tal wird ein botanischer Garten angelegt. An verschiedenen Stellen wird auf Informationstafeln die Landschaft erklärt; sie sind gleichzeitig Ausgangspunkt für die verschiedenen thematischen Routen, die alle Sehenswürdigkeiten in Form eines Netzes miteinander verbinden.

Mit Hilfe von LEADER wurden die Erfahrungen aus Molinos auf andere Teile des Maestrazgo-Teruel übertragen. Bei der Gemeinde Aliaga entstand ein geologischer Park. “Sogar die Abholzung des Waldes kann als Thema benutzt werden”, erklärt Javier Blasco, Geograph und Entwicklungsverantwortlicher. “Wo Vegetation fehlt, ist es einfach, die geologische Geschichte einer Region zu beobachten. Hier ist sie außergewöhnlich. Wissenschaftler aus der ganzen Welt kommen hierher, um den Aufbau der Iberischen Halbinsel zu untersuchen”.

Weiter weg in Galve entstand ein paläontologischer Park. Hier wurden Dinosaurier in Originalgröße nachgebaut. Ein Museum stellt zahlreiche Fossilien aus; Wanderwege führen Besucher an die Stellen, an denen Saurierspuren zu sehen sind.

In Villarluengo wird ein Umweltzentrum eingerichtet. In Mirambel, einem vollständig renovierten Dorf, befindet sich ein Zentrum für das architektonische Erbe.


Von Spinnen und Margeriten Diesen öffentlichen Investitionen folgten eine Vielzahl kleiner, Privatprojekte: Eine Schule für die Holzrestaurierung, Gaststätten, Fremdenzimmer, Fahrradverleih usw. “Insgesamt 80 Projekte im Wert von 7 000 bis 100 000 ECU, ein Gesamtbetrag von rund 1 200 000 ECU”, präzisiert der LEADER - Koordinator Javier Díaz. “Für ein Gebiet mit nur 5 400 Einwohnern in 9 Dörfern ist dies eine Leistung...”

Diese ermutigenden Ergebnisse bestätigen, wie triftig das Strategiemodell der örtlichen Aktionsgruppe ist: “Regionalentwicklung durch Aufwertung des kulturellen Erbes”, erklärt Javier Díaz, “kann in Form einer Margerite dargestellt werden. Der Stempel der Blüte ist der Mensch oder das Dorf. Um diese Mitte ordnen sich wie Blütenblätter verschiedene thematische Sektoren an, die für das betroffene Gebiet entwicklungsträchtig sind: Geologie, Paläontologie, Archäologie, Handwerk usw. Diese Blütenblätter sind einzelne oder zusammengehörige Projekte, an denen Menschen und die Bevölkerung beteiligt sind. Aber über dieser Blüte liegen als Netzwerk, wie ein Spinnennetz, die Beziehungen zwischen diesen verschiedenen Projekten und den Menschen. Dieser Vergleich könnte noch weiter geführt werden: Die Besucher sind sozusagen die Fliegen, die sich im Spinnennetz verfangen –mit dem einzigen Unterschied, daß sie sich hier frei bewegen und wir sie mit Honig füttern.”


Aktionsgruppe kulturelles Erbe Um dem Gebiet ein kohärentes Image zu geben, wurden die verschiedenen Parke und Zentren vor kurzem unter der Bezeichnung “Kulturpark des Maestrazgo-Teruel” zusammengeschlossen. Aber für jedes Projekt und/oder jedes Dorf wurde eine “Aktionsgruppe kulturelles Erbe” gegründet. Diese Gruppen setzen sich aus Bürgern, Projektbeteiligten, Verantwortlichen der Kommunen und lokalen Gebietskörperschaften und außenstehenden Partnern zusammen, die die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Aktionsinhalte gewährleisten und die Projekte mit ihrem fachlichen Wissen begleiten.

In der Ortschaft Mas des las Matas (1 500 Einwohner) ist die Aktionsgruppe kulturelles Erbe z.B. eine Kulturgenossenschaft, die “Grupo de Estudios Masinas”, der Fachleute und Akademiker zur Seite stehen. Ihre rund 30 Mitglieder sind gebildete, interessierte Bürger aus allen Kreisen, die 1978 begonnen haben, die lokalen Archive wieder zusammenzutragen, die im Lauf der Jahrhunderte verstreut oder während der spanischen Republik von Anarchisten zerstört worden waren. Dieser Wiederaufbau der gemeinsamen Erinnerung ist eine langwierige Arbeit, aber schon ein an sich interessantes Kulturprojekt. Vor allem aber entstand auf diese Weise wieder eine soziale Dynamik, die dazu führte, die Landflucht in Mas de las Matas zu stoppen.

Hier fördert LEADER den Umzug eines Museums, das Mitglied des Museumsnetzwerkes Aragón ist, in ein historisches Gebäude. Die Gruppe veröffentlicht eine populärwissenschaftlich -soziokulturelle Monatszeitschrift, aber auch ausgezeichnete Schriften über die Ortsgeschichte. “Nicht alle Einwohner sind vom Nutzen unseres Vorgehens überzeugt”, erklärt Antonio Martín, Autodidakt und Museumskonservator. “Eine Umfrage hat gedoch gezeigt, daß 60% hinter uns stehen. Mittlerweile sind die Menschen stolz auf ihr Städtchen, ich glaube, wir haben dazu beigetragen, die Reglosigkeit zu überwinden”.

Erste Besucher kommen in die Dörfer des LEADER - Gebiets, aber noch handelt es sich um spezielle Besucher –Studenten, Forscher, Akademiker, Künstler, Ökologen usw.– die die Projekte kennen oder durch Mundpropaganda informiert wurden. Denn bis jetzt ist die Förderung des allgemeinen Fremdenverkehrs für die örtliche Aktionsgruppe noch nicht vorrangig. “Wir wollen keinen ‘Tourismus um jeden Preis’: Wir wollen neugierige Besucher, die etwas Neues entdecken wollen”, hebt Mateo Andrés hervor. “Natürlich ist der touristische Aspekt der Projekte wichtig, aber wir möchten unser Erbe vor allem für die lokale Bevölkerung aufwerten. Wir suchen nach der Kultur des Seins, nicht nach der Kultur des Habens, denn für uns ist das kulturelle Erbe ein Instrument zur Regionalentwicklung, aber auch und vor allem ein Instrument der demokratischen Mitbestimmung, der gemeinschaftlichen Identität und der Erweiterung unseres Bewußtseins.”

LEADER Maestrazgo-Teruel

Oberfläche: 1 020 km2
Bevölkerung: 5 481 Einwohner
LEADER Finanzmittel: 11 193 000 ECU
EU: 2 550 000 ECU
Staat: 4 402 000 ECU
Privat: 4 241 000 ECU

Centro para el Desarrollo del Maestrazgo-Teruel

Plaza Mayor 1,
E-44556 Molinos (Teruel)
Tél: +34 78 84 94 31 - Fax: +34 78 84 93 03

Quelle: LEADER Magazin Nr. 8 - Winter, 1994


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