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Die Europäische Kommission
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Landwirtschaft und Umwelt

Wasser und Landwirtschaft: Beitrag zur Analyse einer wichtigen, aber schwierigen Wechselbeziehung

Pierre Strosser (DGXI), Maria Pau Vall, Eva Plötscher (Eurostat)

Eine Veröffentlichung über die Wechselbeziehungen zwischen Landwirtschaft und Umwelt sollte auf jeden Fall ein Kapitel über die sowohl in qualitativer wie in quantitativer Hinsicht wichtige Wechselbeziehung zwischen landwirtschaftlicher Tätigkeit und Wasser enthalten. Wasserwirtschaftliche Maßnahmen haben eine lange Tradition in vielen Regionen Europas, z. B. die künstliche Bewässerung in Südeuropa und die Trockenlegung von Feuchtgebieten in Nordeuropa. Aus der Zunahme der bewässerten bzw. entwässerten Flächen seit dem zweiten Weltkrieg ergeben sich jedoch immer größere Umweltprobleme. Eine angemessene Wasserbewirtschaftung ist zugleich ein unverzichtbarer Bestandteil jeder Strategie zur nachhaltigen Entwicklung und Erhaltung der Artenvielfalt. Gegenstand dieses Kapitels sind u. a. die Wasserverknappung und die Wasserqualität im Zusammenhang mit der Nitrat-, Phosphat- und Pestizidbelastung. Die qualitativen Probleme des Verhältnisses Landwirtschaft-Wasser werden am Beispiel des Rheineinzugsgebiets dargestellt.

Das erneuerbare Süßwasser als Bestandteil des Wasserkreislaufs ist eine lebensnotwendige Ressource. Die Entstehung und Entwicklung von Leben auf unserem Planeten sind an das Vorhandensein von Süßwasser gebunden. Es ist die Veraussetzung für Leben und Werden des Menschen schlechthin. Heute führt die wirtschaftliche Entwicklung zu einem steigenden Wasserverbrauch und zur Entstehung von Verfügbarkeits- oder Qualitätsproblemen.

Die Wechselbeziehung Wasser-Landwirtschaft reicht weit in die Geschichte zurück, denn die Nutzung des Wassers zu landwirtschaftlichen Zwecken wurde von den sich gegenseitig ablösenden Zivilisationen des Mittelmeerraumes seit Jahrtausenden praktiziert. Durch die nationalen und gemeinschaftlichen agrarpolitischen Maßnahmen der jüngsten Zeit hat sich jedoch der Wasserhaushalt verändert.

Die Intensivierung der Landwirtschaft hat zu einer beträchtlichen Erhöhung der Wasserentnahmen geführt, was die Entstehung immer größerer Umweltprobleme mit sich bringt. Erwähnt seien 1) die direkten Auswirkungen von Wasserentnahmen, die sich am Absinken des Grundwasserspiegels oder der verringerten Wasserführung von Flüssen ablesen lassen, 2) die schwerer meßbaren indirekten Auswirkungen wie die Trockenlegung von Feuchtgebieten (ebenfalls verursacht durch die Schaffung von Entwässerungssystemen), das Auftreten von Sauerstoffmangel in Flüssen, der zum Aussterben bestimmter Pflanzen- und Tierarten führen kann, oder die zunehmende Versalzung des Grundwassers in küstennahen Gebieten; 3) die Umweltprobleme im Zusammenhang mit dem Bau von Staudämmen und der Umleitung von Flußläufen zur Bewässerungszwecken; 4) die Auswirkungen im Zusammenhang mit der Verwendung des Wassers auf den landwirtschaftlichen Flächen, die zu einer stärkeren Auswaschung von Nitraten und Pestiziden und damit zu einer Belastung des Grundwassers und der Flüsse führt.

Mit der Intensivierung der Landwirtschaft ging auch eine starke geographische Ausweitung der künstlichen Bewässerung in Nordeuropa, insbesondere in Frankreich, Belgien, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden, einher. So beliefen sich die Bewässerungsflächen 1995 in den Niederlanden auf etwa 29 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Aus diesem Grunde sind heute weite Teile der landwirtschaftlichen Nutzfläche mit Umweltproblemen konfrontiert, wobei in den südeuropäischen Ländern vor allem der Wassermangel und in den nordeuropäischen Regionen die Wasserqualität und die Belastung des Wassers Probleme aufwerfen.

Natürlich ist die Landwirtschaft nicht der einzige Störfaktor für den Wasserkreislauf. Der Wohnungsbau in hochwassergefährdeten Gebieten, der Tourismus und der Bau von Straßen und Kanälen, die die natürlichen Wasserablaufwege versperren, führen ebenfalls zu gewissen Umweltproblemen. Hinzu kommen der Wasserverbrauch durch Mensch und Tier, der Bedarf der Industrie, insbesondere an Kühlwasser, die Nutzung als Verkehrsweg oder als Lösungsmittel, sowie die menschlichen, tierischen und industriellen Einleitungen. In vielen Fällen sind die miteinander im Wettbewerb stehenden Sektoren gleichzeitig Ursache und Opfer der Verschlechterung der Versorgungssicherheit und der Wasserqualität.

In diesem Kapitel werden die Hauptfaktoren der Wechselbeziehung Wasser-Landwirtschaft analysiert. Das Ziel besteht nicht in einer umfassenden Untersuchung dieser Beziehung auf europäischer Ebene, sondern vielmehr darin, einen Beitrag zu einer bereits laufenden unumgänglichen Debatte zu leisten. Die Analyse dieser Wechselbeziehung ist eine schwierige Aufgabe, besonders im Hinblick auf die umfangreiche wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema, zahlreiche vorhandene, aber meist wenig vergleichbare Fallstudien und den Mangel an statistischen Informationen zu den einzelnen Schlüsselvariablen der Bewirtschaftung der Wasserressourcen (siehe Kasten 1). 

Die quantitativen Aspekte

Einige Daten

In der Europäischen Union beläuft sich der interne jährliche Wasservorrat auf rund 1.212 km3, was 3.326 m3 pro Person im Jahr entspricht (Eurostat). Rechnet man die Zuflüsse aus den Nachbarländern hinzu, mit denen bestimmte Flußgebiete geteilt werden, erhöhen sich die verfügbaren Gesamtvorräte auf 1.303 km3 bzw. 3.740 m3 pro Person im Jahr. Zwischen den Mitgliedstaaten bestehen jedoch große Unterschiede hinsichtlich der verfügbaren Gesamtmenge und der relativen Größe der Zuflüsse aus Nachbarstaaten. Die Niederlande stellen z.B. einen Extremfall dar, denn 88 % der verfügbaren Wasserressourcen kommen hier aus den Nachbarländern. Die Zuflußmengen sind ebenfalls beträchtlich in Portugal, Luxemburg und Deutschland, wo sie mehr als 40 % der verfügbaren Wassermenge erreichen. Der Umfang der Zuflüsse von außen unterstreicht, wie wichtig eine Bewirtschaftung der Gewässer auf der Grundlage von Flußgebieten, wie in der gegenwärtig auf EU-Ebene diskutierten Wasser-Rahmenrichtlinie vorgesehen, und nicht auf der Grundlage der bestehenden regionalen oder nationalen Verwaltungsstrukturen ist. 

Insgesamt sind die erneuerbaren Ressourcen im EU-Rahmen trotz großer Unterschiede zwischen den Mitgliedsländern ausreichend, wie aus der Differenz zwischen erneuerbaren Ressourcen und entnommenen Ressourcen hervorgeht (siehe Schaubild 1). Jedoch berücksichtigen die Gesamtstatistiken nicht die großen räumlichen und zeitlichen Abweichungen der beiden betrachteten Variablen und lassen daher auch nicht die Probleme der Wasserknappheit in zahlreichen europäischen Regionen erkennen.

Die Verteilung des Wasserverbrauchs auf die einzelnen Wirtschaftssektoren kann je nach den natürlichen Bedingungen, der Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich sein (siehe Schaubild 2).

So dient in Frankreich (64 %), in Deutschland (64 %) und in den Niederlanden (55 %) der größte Teil des entnommenen Wassers der Stromerzeugung.

  • In Griechenland (88 %), Spanien (72 %) und Portugal (59 %) wird das Wasser hauptsächlich zur Bewässerung verwendet.
  • In den nordeuropäischen Ländern wie Finnland und Schweden wird nur wenig Wasser für die Landwirtschaft verwendet. Hingegen ist die einen hohen Wasserverbrauch aufweisende Zellstoff- und Papierproduktion in diesen Ländern stark entwickelt, so daß Wasser hauptsächlich von der Industrie entnommen wird (66 % bzw. 28 % der Gesamtentnahmen).

Die größten Entnahmen erfolgen durch die Elektrizitätswerke zu Kühlzwecken. An zweiter Stelle folgt die Landwirtschaft zu Bewässerungszwecken, danach die Industrie und schließlich die Trinkwasserversorgung. Doch mit dem Betriff „Wasserentnahme" werden die Auswirkungen der einzelnen Sektoren auf die Ressource nur unvollständig wiedergegeben. Die Analyse des „Wasserverbrauchs", d.h. der entnommenen, aber nicht wieder eingeleiteten Wassermenge, spiegelt eine ganz andere Realität wider. So geben Wasserkraftwerke fast die gesamte entnommene Menge wieder ab, nachdem das Wasser die Turbinen durchlaufen hat. Die anderen Elektrizitätskraftwerke verbrauchen nur einen geringen Teil, denn der größte Teil des Kühlwassers wird sofort wieder eingeleitet, ohne mit Schadstoffen belastet zu sein.

Im Falle der Bewässerung gelangt ein mehr oder weniger großer Anteil des entnommenen Wassers durch Versickerung oder Abfluß wieder in das Grundwasser oder in die Wasserläufe. Die Effizienz der Bewässerung (definiert als Verhältnis zwischen entnommener und tatsächlich von den Pflanzen aufgenommener Wassermenge) hängt ab von den Bodeneigenschaften, der Geländeneigung, den Bewässerungspraktiken und -techniken (Beregnung, Strahl- oder Tropfbewässerung) und der Förderart (Schwerkraft-, Druckförderung). So liegt diese Effizienz bei den Schwerkraftsystemen im Ebrobecken in Spanien zwischen 50 und 70 %, kann jedoch bei den modernen Tropfbewässerungs- systemen bis zu 95 % erreichen (EC/IPTS). Allerdings gehen diese „Wasserverluste" für den Bewässerer und das Bewässerungssystem nicht unbedingt auch im Rahmen des Flußgebiets verloren, denn wenn sie in das Grundwasser oder in Wasserläufe gelangen, können sie von anderen Nutzern, die flußabwärts gelegen sind oder das Grundwasser verwenden, genutzt werden. Für die Einzugsgebiete der Flüsse gibt es jedoch kaum Wasserbilanzen, die eine Einschätzung der tatsächlichen Verluste durch eine wenig effiziente Bewässerung ermöglichen (d.h. der Mengen, die über die für eine ordnungsgemäße Funktion der Ökosysteme und für die wirtschaftlichen Aktivitäten erforderlichen Mengen hinaus ins Meer zurückkehren). 

Wie in der Einführung unterstrichen, werden durch übermäßige Entnahmen die verfügbaren Wassermengen reduziert. Die Folge ist ein Absinken des Grundwasserspiegels, der Fließgewässer und der Stauseen. In einigen Gebieten ist die Landwirtschaft der Hauptverursacher dieses Absinkens. Dies gilt z.B. für das Grundwasserreservoir von Beauce (Frankreich), für die „Acuiferos 23 und 24" unter der Region Castilla-La Mancha (Spanien) und den „Campo de Dalias" in Almeria (Spanien). In einigen Regionen sind umfangreiche Maßnahmen unter Einbeziehung der Landwirte durchgeführt worden, um den Druck der Landwirtschaft auf die Umwelt zu verringern und den Grundwasserspiegel wiederherzustellen. So z.B. in der Region Castilla-La Mancha, in der Spaniens erste und größte Agrarumweltmaßnahme zum Erhalt der Wasserressourcen und zum Schutz der damit verbundenen Ökosysteme durchgeführt wird (siehe Kasten 2).

Oberflächenwasser und Grundwasser

Das Oberflächenwasser stellt in den meisten Ländern die Hauptentnahmequelle dar (siehe Schaubild 3). In Finnland, den Niederlanden, im Vereinigten Königreich, in Frankreich, Deutschland und Spanien entfallen über 80 % der Entnahmen auf Oberflächenwasser. Nur in Dänemark, Luxemburg und Österreich erfolgen die meisten Entnahmen aus dem Grundwasser. Diese Angaben sind jedoch zu relativieren. So bezieht Luxemburg seinen Strom aus den Nachbarländern und besitzt kein einziges Elektrizitätskraftwerk (die einen hohen Verbrauch an Oberflächenwasser zu Kühlzwecken haben). Die Angaben für Dänemark beziehen sich nur auf die öffentliche Wasserversorgung und sind daher nicht mit denen der anderen Länder vergleichbar. 

Das Grundwasser weist im allgemeinen eine deutlich bessere Qualität als das Oberflächenwasser auf, da der Boden für das hindurchsickernde Wasser einen natürlichen Filter darstellt. Die meisten Entnahmen für die Trinkwasserversorgung erfolgen aus dem Grundwasser, so daß dessen Schutz ein hoher Stellenwert zukommt. So sind z.B. in den einzelnen EU-Wasser-Richtlinien (Trinkwasser, Nitrate) spezielle Maßnahmen zum Schutz des Wassers und der Wassereinzugsgebiete vorgesehen. 

Während in Irland, Deutschland, Frankreich, Spanien und Griechenland die Bewässerung hauptsächlich mit Oberflächenwasser erfolgt, ist das Grundwasser in Dänemark, Schweden, den Niederlanden, Österreich und Portugal die Hauptentnahmequelle für Bewässerungszwecke (siehe Schaubild 4). 

Entwicklung der bewässerten Flächen

Die von der FAO veröffentlichten statistischen Angaben lassen eine deutliche Tendenz zur Ausweitung der bewässerten Flächen in der Europäischen Union erkennen, wenn sich diese Tendenz auch in den letzten Jahren beträchtlich verlangsamt hat. In der EU-15 betrug die Zunahme der Bewässerungsflächen zwischen 1961 und 1980 152.000 ha/Jahr, zwischen 1980 und 1990 146.000 ha/Jahr und in den 90er Jahren 123.000 ha/Jahr. Die bewässerten Flächen der EU sind somit von 6,5 Millionen ha im Jahr 1961 auf 11,6 Millionen ha im Jahr 1996 angestiegen (siehe Schaubild 5), d.h. sie haben sich verdoppelt. Die Entwicklung ist in den einzelnen Mitgliedstaaten jedoch sehr unterschiedlich. 

  • Die Zunahme der bewässerten Flächen war am stärksten in Frankreich: 25.000 ha/Jahr zwischen 1961 und 1980, 48.000 ha/Jahr zwischen 1980 und 1996, und erreicht in den 90er Jahren den Höchstwert von 59.000 ha/Jahr. Die bewässerten Flächen haben sich damit im Zeitraum 1961 bis 1996 um das 4,5fache vergrößert. Die stärksten Zuwächse entfallen auf die Region Poitou-Charentes, wo eine Verzehnfachung erreicht wurde!
  • In Griechenland nahmen die bewässerten Flächen seit 1961 jährlichen um 28.000 ha zu.
  • In Italien konnte nur für den Zeitraum 1980-96 eine statistisch signifikante Zunahme der bewässerten Flächen nachgewiesen werden (25.000 ha jährlich).
  • In Portugal blieb die jährliche Zunahme mit weniger als 1.000 ha begrenzt.
  • In Spanien war bis 1980 eine hohe jährliche Zunahme der Bewässerungsflächen zu verzeichnen (nahezu 60.000 ha/Jahr), die sich seitdem jedoch stark verlangsamt hat. Zwischen 1980 und 1996 betrug die jährliche Zuwachsrate nur noch 34.000 ha, während für die 90er Jahre keine statistisch signifikante Zunahme zu beobachten ist. Insgesamt hat die bewässerte Fläche in Spanien zwischen 1961 und 1996 um 80 % zugenommen. 
  • In den anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union waren in den Jahren 1960 bis 1970 deutliche Zuwächse zu verzeichnen (41.000 ha/Jahr), die jedoch seit 1980 auf einen Zuwachs von durchschnittlich 12.000 ha/Jahr zurückgingen. Seit 1990 sind keine Veränderungen mehr eingetreten (Tabelle1)

Aufgrund der höheren Temperaturen und der starken Verdunstung ist der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Hektar in Mittelmeerländern wie Italien, Portugal, Spanien und Griechenland höher und erreicht mit 1.282m3/ha einen Höchstwert in Italien (siehe Schaubild 6). In den Niederlanden ist er aufgrund der Bedeutung der intensiven Landwirtschaft im Vergleich zu anderen Nichtmittelmeerländern relativ hoch.

Die für die Bewässerung eingesetzte Wassermenge hängt von unterschiedlichen Faktoren, wie z.B. dem Klima ab, wie aus den Zahlen von Schaubild 7 hervorgeht, aber auch von der angebauten Kulturart (siehe Kasten 3), den Bodeneigenschaften, der Wasserqualität, dem Leitungsverlauf, dem Zustand der Anlagen und der Bewässerungsmethode. Durch die Entwicklung und Anwendung von Methoden wie der Tropfbewässerung erhöht sich die Effizienz auf bis zu 96 %. Mit diesen Methoden verringern sich die für die Bewässerung entnommenen Wassermengen, so daß auch die Investitionen für die Speicherung und Erschließung neuer Wasserressourcen geringer werden. Sie bewirken ebenfalls einen Rückgang der Probleme im Zusammenhang mit der Bodenerosion und der Versalzung des Grundwassers in küstennahen Gebieten. In Fällen, in denen der Salzgehalt des Bodens hoch ist oder salzbelastetes Bewässerungswasser unterirdischer Herkunft verwendet wird, ermöglichen die bei diesen Methoden eingesetzten begrenzten Wassermengen jedoch nicht die Wiederherstellung der Bodenqualitäten und/oder den Austrag der überschüssigen Salzmengen. 

Die Landwirtschaft als diffuse Verschmutzungsquelle

Die Auswirkungen einer Wasserverschmutzung auf die Umwelt hängen natürlich von den eingeleiteten Mengen und ihren physikalisch-chemischen Eigenschaften ab (siehe Kasten 4). Dabei lassen sich punktuelle und diffuse Verschmutzungsquellen unterscheiden. Während es sich bei ersteren um genau lokalisierte Quellen von meist starken Verschmutzungen handelt, sind diffuse Quellen durch die Einbringung von Schadstoffen aus ortsveränderlichen Quellen von großer räumlicher Ausdehnung oder aus einer Vielzahl von schwachen Quellen gekennzeichnet. So stellen große Industrieanlagen mit ihren Abwassereinleitungen punktuelle Stickstoffquellen dar, während die Landwirtschaft eine diffuse Quelle für Belastungen durch Stickstoff und Pflanzenschutzmittelrückstände ist. Die Einleitungen aus punktuellen Quellen sind meist leichter zu behandeln (z.B. durch Einbau eines Filters in das Rohr, über das die Schadstoffe in die Umwelt eingeleitet werden), während die Schadstoffemissionen aus diffusen Quellen schwer zu erfassen, zu messen und somit schwer zu kontrollieren sind. 

Die Landwirtschaft als Hauptquelle der Stickstoffbelastung des Wassers

Der im Wasser in Form von Nitraten vorhandene Stickstoff ist ein Schadstoff, da er die Eutrophierung fördert und die menschliche Gesundheit beeinträchtigten kann. Es gibt Grenzwerte für die zulässige Konzentration an Nitraten im Trinkwasser. In der Richtlinie 98/83/EG zur Qualität von Trinkwasser sind als obligatorischer Grenzwert 50 mg/l festgelegt, was der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation entspricht. 

Die Belastung des Wassers durch Nitrate ist eines der Hauptprobleme im Zusammenhang mit den landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Dies erklärt sich dadurch, daß Nitrate leicht löslich sind und leicht durch den Boden ins Grundwasser migrieren. Es ist jedoch schwierig, den Zusammenhang zwischen Stickstoffgaben und Wasserverschmutzung herzustellen. Die Auswaschung von Nitraten hängt auch von geologischen, klimatischen und biologischen Faktoren ab. Sie wird in Grundwasserleitern aus porösem Gestein und durch feuchtes Klima begünstigt. Die Nitrate können jedoch von Mikroben denitrifiziert werden. Trotz dieser Phänomene führt eine übermäßige Anwendung von Düngemitteln stets zu einer Erhöhung der Nitratbelastung des Wassers. 

Nitrate und Ammonium sind die am häufigsten in den Flüssen vorhandenen Stickstofformen, wobei die Nitrate allein über 80 % des Gesamtstickstoffs ausmachen. Im Zeitraum 1992-96 lag die durchschnittliche jährliche Nitratkonzentration in 65 % der Flüsse der Europäischen Union über 1mgN/l. Im gleichen Zeitraum wurden Nitratkonzentrationen von über 7,5mgN/l in ca. 15 % der Fälle gemessen. Die höchsten Konzentrationen sind im westlichen Nordeuropa zu finden, wo die Landwirtschaft besonders intensiv betrieben wird (Europe’s Environment: The Second Assessment).

Natürlich stammt der im Wasser vorhandene Stickstoff nicht allein aus der Landwirtschaft, auch wenn diese die Hauptquelle für Stickstoff ist (siehe Kasten 5). Die Industrieabwässer enthalten ebenfalls Stickstoff, insbesondere die Abwässer aus Düngemittel- und Sprengstoffabriken, aus Metallbehandlungsanlagen und aus der Agro-Nahrungsmittelindustrie. 

Die Haushaltsabwässer als Hauptquelle von Phosphor

Phosphor ist notwendig für das Pflanzenwachstum, ist aber auch die Hauptursache für Eutrophierung und die Verschlechterung der Wasserqualität. Schon sehr geringe Phosphorkonzentrationen (einige zehn µg/l) können bereits beträchtliche Schäden verursachen. So wird nach der UN-ECE-Güteklassifizierung von Oberflächenwasser ein Gewässer ab einem Wert von 25 m g/l als mittelstark eutrophiert eingestuft. Phosphor wird in der Form löslicher Phosphate und als Gesamtphosphor erfaßt. Er entwickelt sich rasch zu schwer löslichen Formen wie z.B. Apatiten. Ein beträchtlicher Teil des Phosphors wird von den Schwebepartikeln und -stoffen absorbiert, so daß der Boden die Rolle eines Phosphorspeichers übernimmt und die Auswirkungen von übermäßigen Eintragungen begrenzt.

Phosphor wird durch die Landwirtschaft in Form von Abwässern aus der Tierhaltung und von Mineraldüngern (Calcium- und Ammonphosphate) eingebracht. Die Verwendung von Phosphor in der Landwirtschaft (siehe Artikel über die Stickstoffbilanz) im Zusammenhang mit der Düngung trägt so zur Verschmutzung der Oberflächengewässer bei. Trotzdem ist in Europa die Hauptphosphorquelle nicht die Landwirtschaft, sondern die Siedlungs- und Industrieabwässer. So stammen z.B. in Frankreich nur 23 % des Gesamtphosphors aus der Landwirtschaft (siehe Schaubild 7). 

Die in den letzten Jahren feststellbare Verringerung der Phosphoremissionen ist im wesentlichen auf eine Ausweitung der Klärkapazitäten für Siedlungsabwässern und eine Verringerung der Einleitungen durch die Industrie zurückzuführen. Im Agrarsektor hingegen ist eine konsequente Politik der Kontrolle der Phosphoremissionen erst im Ansatz vorhanden, z.B. durch Verbesserungen bei der Güllelagerung und durch die Einführung umweltfreundlicher Ausbringungsmethoden. 

Pestizide

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln kann zu unerwünschten Nebenwirkungen für Mensch und Umwelt führen. Während die Toxizität der einzelnen Pestizide für den Menschen und die Fauna relativ gut bekannt ist, sind die negativen Umweltauswirkungen oft nur wenig untersucht worden. Pestizidrückstände (Insektizide, Herbizide, Fungizide usw.) sind im Wasser, in der Luft und in Nahrungs- und Futtermitteln vorhanden. Ihre Verbreitung in den einzelnen Umweltbereichen ist abhängig von der Art des Produkts, der Ausbringungsform und seinen physikalisch-chemischen Eigenschaften. Die hohe Löslichkeit der Pestizide begünstigt ihren Transport durch Abfluß und Drainagewasser sowie ihr Einsickern in das Grundwasser. 

Eine wirksame Kontrolle der Pestizidrückstände im Wasser wäre kompliziert und kostenaufwendig. Durch das Fehlen von geeigneten Analysen ist es gegenwärtig nicht möglich, die Rückstände von zahlreichen Pestiziden mit möglicherweise negativen gesundheitlichen Auswirkungen qualitativ und quantitativ zu erfassen. Eine in vier EU-Ländern durchgeführte Studie (Isenbeck-Scröter et al. 1997) zeigt, daß es sich bei den am häufigsten nachgewiesenen Pestiziden um Atrazin, Simazin und Bentazon handelt; alles Herbizide mit breiten Einsatzgebiet, die in der Landwirtschaft, aber auch in der Industrie und von Privathaushalten eingesetzt werden. Ein beträchtlicher Teil der Rückstände von Pflanzenschutzmitteln stammt in der Tat aus der industriellen Produktion von Pflanzenschutzmitteln und deren Anwendung durch Eisenbahngesellschaften, bei der Straßeninstandhaltung, durch Privatpersonen und durch Gebietskörperschaften. 

Bis jetzt wird eine begrenzte Zahl von Pestiziden ständig überwacht. In zahlreichen Mitgliedstaaten ist der Belastungsgrad des Grund- und Oberflächenwassers mit Pestiziden größtenteils unbekannt. In der Richtlinie 98/83/EG vom 3. November 1998 zur Trinkwasserqualität sind die maximal zulässigen Konzentrationen jeder Substanz auf 0,1 µg/l und die Gesamtkonzentration aller Pestizide auf 0,5 µg/l festgelegt worden. Des weiteren wurden Grenzwerte von 0,03 µg/l fürr hochtoxische Substanzen wie Aldrin, Dieldrin, Heptachlor und Heptachlorepoxid vorgesehen. Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlicht ebenfalls Grenzwerte für die Konzentrationen von Pestiziden im Trinkwasser, die jedoch von toxikologischen Überlegungen ausgehen und weniger streng sind als die maximal zulässigen Konzentrationen der EU. So liegt beispielsweise der von der WHO vorgeschlagene Grenzwert für Atrazin bei 2 µg/l. Atrazin gehört zu den am häufigsten verwendeten Herbiziden im Maisanbau. Aufgrund einer weitgehenden Verschmutzung des Grundwassers sowie des Trinkwassers in bestimmten Regionen zählt dieser Atrazin zu den am schärfsten überwachten Wirkstoffen. 

Eine Fallstudie: die Wasserqualität im Rheingebiet

Das Einzugsgebiet des Rheins ist eines der größten Stromgebiete Europas. Seine Nebenflüsse durchfließen die Schweiz, Österreich, Liechtenstein, Italien, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Über die Nebenflüsse, die Grundwasserzuflüsse und die Einleitung von Abwässern gelangen eine Vielzahl von Stoffen in den Rhein, so daß er die Rolle eines Speicherbeckens für Schadstoffe aller Art spielt. 

Von 1981 bis 1995 lag der Nitratgehalt des Rheins zwischen 1,3 mg/l und 4,3 mg/l, wobei die Höchstwerte in der Mitte der 80er Jahre erreicht wurden (siehe Karte 1). In dieser Zeit war auch die Phosphatbelastung mit 4 mg/l am höchsten. Wie aus Karte 2 hervorgeht, nimmt die Konzentration an Nährstoffen flußabwärts zu, was auf die Grenzen der Selbstreinigungskraft des Rheins für Stickstoff und Phosphat hinweist. Seit 1985 ist die Nitratkonzentration relativ stabil, und lediglich an der deutsch-niederländischen Grenze (Bimmen/Lobith) ist eine leichte Abnahme dieser Werte festzustellen, woraus die Grenzen der gegenwärtigen Maßnahmen zur Kontrolle der Nitratbelastung sichtbar werden.

Angesichts eines Grenzwertes von 25 mg/l für die Nitratkonzentration im Trinkwasser sind die durchschnittlichen Nitratkonzentrationen im Rhein mit 1 - 2 mg/l für die Trinkbarkeit des Wassers absolut ungefährlich. Ökologisch gesehen ist die Wasserqualität des Rheins jedoch bei weitem nicht so gut. Aufgrund der Gesamtkonzentration von 2 mg/l für Stickstoff und von 60 m g/l für Phosphor ist das Wasser als stark eutrophiert und belastet einzuordnen (UN-ECE-Güteklassifizierung für Süßwasser für die Aufrechterhaltung des Lebens im Wasser).

Hingegen hat der Phosphatgehalt im Unterlauf beträchtlich abgenommen. Er lag dort 1995 bei unter 1 mg/l. Diese Senkung ist auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurückzuführen:

  • Veränderung der Zusammensetzung der Waschmittel: Ersatz der Phosphate durch andere Verbindungen mit weichmachender Wirkung;
  • Eine Reihe von Klärwerken wurde mit Anlagen zur Beseitigung von Phosphaten ausgestattet;
  • Die Industrie und die Klärwerke wurden veranlaßt, ihre Abfälle zu behandeln und so ihre Einleitungen in die natürliche Umwelt zu verringern;
  • Rückgang der Verwendung phosphorhaltiger Düngemittel seit den 80er Jahren.

Die Pestizide sind jedoch nach wie vor ein Problem. In Karte 2  ist ersichtlich, daß die Atrazinkonzentration 1995 zwischen 0,01 m g/l und 0,34 m g/l lag. Damit wurde der Grenzwert von 0,1 m g/l bei jeder der vier Probenahmestellen überschritten. Allerdings liegen die gemessenen Werte unter den von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschlagenen Grenzwerten. Interessant ist die große zeitliche Variabilität der Atrazinwerte, die genau die Anwendungszeiten dieses Produkts in der Landwirtschaft widerspiegelt. Aufgrund der großen Sickerfähigkeit erscheinen die Höchstwerte der Atrazinkonzentration im wesentlichen von April bis Juni. Es müssen also weitere Anstrengungen unternommen werden, um den Einsatz von Pestiziden zu verringern und die Atrazinkonzentration unter den Grenzwert von 0,1 µg/l zu drücken.

Zukunftsperspektiven

Die in diesem Kapitel in quantitativer und qualitativer Hinsicht aufgezeigten Probleme stellen weiterhin eine große Herausforderung für die Landwirtschaft und den ländlichen Raum dar. Es sind bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen worden, um den Druck der Landwirtschaft auf die Wasserressourcen zu verringern. So werden zum Beispiel auf 20 % der landwirtschaftlichen Flächen freiwillige agroökologische Maßnahmen durchgeführt, doch müssen diese ausgeweitet und verstärkt werden, um zu einer vernünftigen Wasserbewirtschaftung zu kommen, die einen besseren Schutz der Wasserressourcen ermöglicht.

Es sind zahlreiche Arten von Maßnahmen möglich, von denen einige bereits eingeleitet wurden oder sich im Stadium der Diskussion bzw. Verhandlung befinden. Als Beispiele seien genannt:

  • Die auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene ergriffenen Maßnahmen zur einer besseren Anwendung der Nitratrichtlinie;
  • Die Einbeziehung der Landwirte bei Aufstellung von Wasserwirtschaftsplänen für die Einzugsgebiete der Flüsse. In Frankreich werden solche Plänen (Schéma d’Aménagement de Gestion de l’Eau) bereits für mehrere Flußgebiete vorbereitet, in denen die Ziele der Gewässerbewirtschaftung und des Umweltschutzes sowie eine Reihe von Maßnahmen festgelegt sind, um diese Ziele unter Einbeziehung der einzelnen Nutzer der Wasserressourcen zu realisieren.
  • Der Einsatz von wirtschaftlichen Instrumenten (Steuern, Subventionen) zur Beeinflussung der Entscheidungen der Wirtschaftsteilnehmer hinsichtlich der Verwendung von umweltbelastenden Produkten und des Wasserverbrauchs. Steuern auf Pflanzenschutz- und Düngemittel bestehen bereits in einigen Ländern Nordeuropas. Die Einführung von Wasserabgaben, die die realen Bewässerungskosten widerspiegeln, ist ebenfalls ein Element der in der Diskussion befindlichen Wasser-Rahmenrichtlinie der EU.

Diese Maßnahmen müssen selbstverständlich auf örtlicher Ebene angepaßt werden und sowohl die physikalischen und hydrologischen Merkmale der Umwelt als auch die sozioökonomischen Gegebenheiten der Landbevölkerung berücksichtigen.


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